NFL International: Vom American Bowl bis München

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Am Sonntag findet erstmals ein Regular Season Spiel der NFL in Deutschland statt. Die Tampa Bay Buccaneers empfangen (theoretisch, ihr Heimspiel) die Seattle Seahawks. Deutschland wird damit das vierte Land, in dem ein NFL-Regular Season Spiel außerhalb der USA stattfindet. Neben diesen Pflichtspielen reiste die NFL für Preseason Spiele rund um die Welt. Der “American Bowl” führte die NFL auf drei andere Kontinente, unter anderem schon früher mal nach Deutschland.

Auftakt in Mexiko

Das erste normale Saisonspiel auf internationalem Territorium fand 2005 statt. Am 2. Oktober trafen im Aztekenstadion zu Mexico City die Arizona Cardinals auf die San Francisco 49ers. Vor 103.467 Zuschauer gewannen die Cardinals deutlich mit 31-14, damals in Woche 4 der erste Saisonsieg. Mit Larry Fitzgerald fing damals bereits jemand einen Touchdown für die Cardinals, dessen Karriereende noch nicht sehr lange her ist. Ebenso wie die seines damaligen Quarterbacks – Josh McCown.

Logo von "Futbol Americano"
Logo von “Futbol Americano”. Public domain

Das Spiel wurde von der NFL als „NFL Fútbol Americano“ beworben, was letztlich eine sehr unkreative Übersetzung von „NFL American Football“ darstellt, aber durch die Namensgleichheit zwischen Football und Fußball nötig schien.

Erst wenige Monate zuvor, in einer Pressekonferenz im Vorfeld des Super Bowl XXXIX, hatte der damalige NFL Commissioner Paul Tagliabue bekannt gegeben, dass es internationale NFL-Spiele geben soll. Neben Mexico City wurde damals auch Toronto genannt.

Das Spiel in Mexiko galt als als voller Erfolg. Dennoch dauerte es 11 Jahre, ehe es dort im Rahmen der NFL International Series zum nächsten Regular Season Spiel kam. Die NFL wollte eher in Richtung Norden streben und Kanada ins Visier nehmen. Die Beziehungen zwischen Kanada und dem American Football waren nicht immer einfach. Zum Einen spielt das Land Canadian Football, was eine Abwandlung mit 12 Spielern pro Seite ist. Zum Anderen hat man mit der Canadian Football League eine eigene professionelle Liga, welche finanziell nicht immer sattelfest war und in Sachen medialer Reichweite natürlich in Konkurrenz stand.

Oh Canada

1974, als die gescheiterte NFL-Konkurrenzliga World Football League ein Team in Kanada installieren wollte, wurde gar der „Canadian Football Act“ verabschiedet. Ein Gesetz, laut dem keine in den USA ansässige Profi-Liga mit der CFL in Konkurrenz treten darf. Zu den Hintergründen habe ich im Artikel über die WFL etwas geschrieben.

2006 gab es dann doch eine Einigung. Ein Spiel pro Jahr sollte fortan in Toronto stattfinden und auf Grund der geographischen Lage entschied man sich für ein festes Team: Die Buffalo Bills. Mit rund 100 Meilen Entfernung sowieso das „local“ NFL Team. Zudem gab es in der Vergangenheit diverse sportliche „Austauschprogramme“ zwischen beiden Städten. Die Toronto Argonauts, das CFL Team, trug Preseason Spiele in Buffalo durch, das ehemalige NBA-Team der Buffalo Braves spielte in den 70ern mehrfach in Toronto.

Logo der "Bills Toronto Series"
Logo der “Bills Toronto Series”. Fair Use

In Buffalo selbst kam die „Bills Toronto Series“ ziemlich schlecht an. Fans verweigerten die Reise nach Kanada, da die Bills-Fan eh von ständigen Relocation-Gerüchten geplagt waren und diese Einigung wie ein erster Schritt in eine neue Heimat wirkte. Zudem fürchtete man um seinen Heimvorteil – die Spiele im eisigen Ralph Wilson Stadium.

Wie wurden die Spiele angenommen? Die ersten vier Partien zwischen 2008 und 2011 kamen auf 50000 bis 52000 Zuschauer, knapp unter dem Fassungsvermögen des Rogers Centre von 53506. 2012 rutschte diese aber gewaltig nach unten und nur etwas über 40000 wollten die Bills gegen Seattle sehen. 2013 verfehlte man sogar die 40000. Wieso dieser drastische Absturz von 2011 auf 2012? Angeblich wurden die Zahlen in den ersten vier Jahren durch Gratistickets oder stark vergünstigte Karten geschönt.

Obwohl man erst vor der 2013er Saison einen neuen Vertrag um fünf weitere Jahre abgeschlossen hatte, endete das Kapitel in diesem Jahr. Nach dem Tod von Bills-Owner Ralph Wilson 2014 gab es nochmal den Versuch einer Investorengruppe, unter anderem mit Jon Bon Jovi, die Bills dauerhaft nach Toronto zu bringen. Die tatsächlichen neuen Besitzer wollten aber in Buffalo bleiben und hatten kein Interesse an einer Fortführung der Toronto-Spiele. Mittlerweile wurde das Rogers Centre in Toronto zu einem dauerhaften Baseballstadion umgebaut, weitere Spiele dürften ausgeschlossen sein.

Back to the UK

Logo der International Series zum ersten London Game 2007 zwischen den New York Giants und den Miami Dolphins.
Logo der International Series zum ersten London Game 2007. Fair use

2007 gab es dann das erste London Game. Die Giants gewannen damals 13-10 gegen die Dolphins. Durch die Zeitverschiebung erhielten die beteiligten Teams ihre Bye Week in der Woche nach dem Europa-Ausflug. Erst 2016 verzichteten die Colts auf diese Praxis um eine spätere Bye zu bekommen.

2012 sollten die St. Louis Rams zum „Europa Team“ werden und jährlich eines ihrer Heimspiele in der britischen Hauptstadt austragen. Damit wollte man die Stadt mit einer Mannschaft verwurzeln und die Rams waren zudem auch ein klassischer Relocation-Kandidat. Noch vor dem ersten Spiel verkündeten die Rams aber, außer dem bereits angesetzten 2012er Spiel kein weiteres austragen zu wollen.

Die Jaguars traten dann an ihren Platz und haben seit 2013 ihr jährliches London Game. Mit Ausnahme des Covid19-bedingten Ausfalls 2020. Damit dies nicht zu eintönig (und sportlich schwach…) für den europäischen Markt wird, gab es ab 2013 ein zweites und 2014 ein drittes London Game. 2017 und 2019 waren es gar vier Partien im Vereinigten Königreich. Die Packers waren in diesem Jahr die letzte Franchise, welche ihr Europadebüt gaben.

Die Spiele fanden in drei verschiedenen Londoner Arenen statt. Eigentlich hatte sich die NFL für eine Nutzung des 2012er Olympiastadions beworben, welches abgesehen von dem Event keine klare Weiternutzung hatte. Am Ende blieb man bis 2015 dauerhaft im Wembley Stadium. Danach folgten zwei Jahre im Twickenham Stadium, dem Zentrum des englischen Rugby. Ab 2019 kam dann das Tottenham Hotspur Stadium dazu. Das erste europäische Stadion, welches auch spezifisch für eine NFL-Nutzung geplant wurde.

Logo des Mexico Game, fair use

Verpasstes legendäres Spiel

Wie erwähnt kam 2016 Mexiko zurück. Auf Grund von Umbauarbeiten waren sechsstellige Zuschauerzahlen nicht mehr möglich, aber es waren noch über 75000 bei den drei Spielen vor Ort. Warum nur drei? 2018 sollte eigentlich ein Duell zwischen den Rams und Chiefs stattfinden. Eine alte Rivalität als Monday Night Game. Kurzfristig, sechs Tage vor der Partie wurde das Spiel aber an die Heimstätte der Rams nach LA verlegt. Heftige Regenfälle und allerhand andere Veranstaltung hatten dem Naturrasen im Stadion stark zugesetzt. Spieler drohten der Liga offenbar damit nicht zu spielen, da ihnen das Verletzungsrisiko zu hoch war.

Die Partie in LA war dann ein absolutes Spektakel. Auf dem Youtube-Kanal der NFL kann man sich das Spiel komplett ansehen: https://www.youtube.com/watch?v=nTyk2Hngugw&ab_channel=NFL. Jared Goff und Patrick Mahomes warfen zusammen für 891 Yards und 10 Touchdowns.

Nach zwei Jahren Pause gibt Mexiko am 21. November sein Comeback. Dann treffen die 49ers im Aztekenstadion auf die Cardinals.

American Bowl

In Deutschland fanden vor 2022 schon mehrere Preseason Spiele statt. Von 1990 bis 1994 fanden fünf Partien im Berliner Olympiastadion statt, gelabelt unter dem Begriff „American Bowl“. So bezeichnete die NFL ihre Reihe von internationalen Preseason Spielen um den Sport in anderen Ländern zu bewerben. Das erste Spiel dieser Art, damals als „Mainichi Star Bowl“ betitelt fand 1976 statt. Im Korakuen Stadium zu Tokio trafen die Chargers auf die St. Louis Cardinals. Damals ein einmaliger Ausflug nach Asien. Ab 1989 gab es dann 12 Auftritte in Japan. Abgesehen von UK gab es in keinem anderen Land mehr Spiele zwischen zwei NFL-Teams.

Ab 1986 fanden die American Bowl Spiele auf diversen Kontinenten statt. Schweden, Spanien, Irland und Australien waren neben den bereits erwähnten Ländern Gastgeber. 2005 endete diese Reihe mit einem 27-21 Sieg der Falcons gegen die Colts im Tokyo Dome. Zwei Monate vor dem oben erwähten ersten Regular Season Game in Mexico City.

2007 sollte es nochmal eine Ausnahme geben, den „China Bowl“. Ein Vorbereitungsspiel zwischen den Patriots und Seahawks. Die NFL verschob diesen allerdings auf 2009 um sich auf die anstehende erste International Series zu fokussieren. Im Zuge der Wirtschaftskrise 2008 wurden die Planungen mit China dann gänzlich verworfen. Zuletzt gab es Überlegungen dies nachzuholen, aber verschiedene Faktoren sprachen dagegen. Der Zeitunterschied ist zu groß, der Sport dort zu wenig verbreitet.

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