Triple Coverage – Status quo in der zweiten Reihe

Der dritte Spieltag im College Football brachte nur wenige überraschende Ergebnisse – und trotzdem gibt es einigen Gesprächsstoff.

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Thomas Psaier (Sideline Reporter) befragt Jan Weckwerth (Triple Option) nach einigen spannenden Teams wie Washington, Auburn oder Oregon. Außerdem: Der ewige Krisenherd Nebraska, der womöglich aufstrebende Florida State – und der Blick auf das anstehende Wochenende.

#1 Du hattest Washington als potenziellen Upset-Kandidaten angekündigt, und schwupps: Huskies überrollen das favorisierte Michigan State. Was war ausschlaggebend für den Kantersieg?

Jan Weckwerth: In kurz: Mein alter Crush QB Michael Penix, der nach seinem Transfer von Indiana zu Washington wieder wie der Quarterback aussieht, der mich vor einigen Jahren so begeistert hat. Penix bestach das gesamte Spiel über mit – wie du sagen würdest – rattenscharfen Pässen, die nicht nur hart und akkurat waren, sondern auch ästhetisch höchsten Ansprüchen genügten.

Zudem muss ich erneut den jungen HC Kalen DeBoer loben: Was er im ersten Jahr aus einer Offense rausholt, die letzte Saison komplett am Boden lag, verdient höchsten Respekt. So viel Variabilität in Personnel, Formationen, Aufstellungen, Motions, und das Ganze meist in no-huddle: Michigan States Defense hatte keine Antworten und wurde geradezu schwindlig gespielt. Die Secondary der Spartans knüpfte damit an die fürchterlichen Vorstellungen von 2021 an, als man die meisten Pass Yards aller FBS-Teams zuließ. HC Mel Tucker und sein DC Scottie Hazelton müssen sich schnell etwas einfallen lassen, denn in wenigen Wochen wartet mit Ohio State nochmal ein ganz anderer Passangriff.

Washington ist mit solchen Vorstellungen ein Geheimfavorit auf die Pac-12. Aber ob gleich im ersten Jahr unter DeBoer die nötige Konstanz vorhanden ist?

#2 Ich muss die Frage nach dem Debakel gegen Oklahoma einfach stellen: War Scott Frost vielleicht der Mann, der Nebraska in den letzten Jahren vor dem völligen Zusammenbruch bewahrt hat?

Jan Weckwerth: Nein, definitiv nicht. Man merkte den Huskers zu Beginn an, dass sie hochmotiviert waren, aber grundlegende Probleme wie das desaströse Tackling lassen sich nicht über Nacht oder durch die Entlassung des Head Coaches abstellen. Nach dem Spiel musste auch DC Erik Chinander seinen Hut nehmen. Ich verstehe nicht einmal ansatzweise, wie aus der wirklich starken Defense von 2021 so ein Trainwreck werden konnte. Nur an den Abgängen in der Secondary kann es nicht liegen. Momentan kann wirklich jedes Team gegen die Huskers laufen. Das wird gerade in der Big Ten eine lange, lange Saison – egal wer den Chefposten besetzt.

Obwohl eine Bowlteilnahme immer noch drin ist: Wichtig wird vor allem sein, dass AD Trev Alberts die richtige Entscheidung trifft, ob am Ende der Saison oder wann auch immer. Es braucht einen kompletten Reset.

#3 Auburn: Wie lange kann sich Bryan Harsin noch auf dem Cheftrainer-Sessel halten?

Jan Weckwerth: Nicht mehr sehr lang. Spätestens zum Ende der Saison ist Harsin Geschichte, womöglich auch schon vorher. Ich halte Harsin für einen guten Coach, doch diese Ehe hat gefühlt von Beginn an nicht gepasst. Dass er zuvor wenig Erfahrung mit dem Süden der USA hatte, war sicherlich ein nicht zu unterschätzender Faktor.

Allerdings sollte sich Auburn samt seines ganzen Umfelds und den Boostern mal die ehrliche Frage stellen, wie man das Potenzial der Tigers aktuell einschätzt und wo man sie mittelfristig erwartet. Selbst ein erfolgreicher Coach wie Gus Malzahn ist letztlich ja an den illusorisch hohen Vorstellungen vor Ort gescheitert. Auburn liegt zwar in Alabama, sollte sich aber deswegen nicht automatisch auf einer Ebene mit der Crimson Tide verorten.

#4 Oregon bläst BYU mit ungeahnter Wucht aus dem Stadion. Haben wir Bo Nix und Kollegen nach dem Debakel gegen das unangreifbar ausschauende Georgia zu früh abgeschrieben?

Jan Weckwerth: Ich bekenne mich schuldig, damit hätte ich in der Form niemals gerechnet. Das war ein stark gecalltes Spiel insbesondere von OC Kenny Dillingham. Die Ducks besannen sich auf die Art Offense, die man mit Bo Nix am besten laufen kann. Viel Zone Read, Laufspiel und schnelle kurze Pässe in die Hände der Receiver, was dem Quarterback sowie dem nicht gerade berühmten Receiving-Corps Sicherheit gegeben hat. Später hat man dann auch mal tiefere Shots genommen und einige schöne Plays mit überladenen Zonen eingebaut.

Vor allem war das aber ein Sieg der O-Line, die die Front von BYU auseinandergenommen hat. Komplette Dominanz, konstant riesige Löcher für inside Runs und jede Menge Zeit für Nix. Der machte übrigens selbst aus der Pocket dann eine gute Partie mit einigen netten Entscheidungen gegen die Zone Coverage der Cougars.

Wer weiß, vielleicht war der Saisonauftakt doch eher ein Zeichen für die übermenschliche Stärke der Bulldogs als für ein schwächelndes Oregon?

#5 Anthony-Richardson-Watch: Was ist los mit der in Woche 1 so famosen Florida-Offense? Wird Richardson gegen das nicht zu unterschätzende Tennessee komplett exposed?

Jan Weckwerth: Man muss es leider so deutlich sagen: Momentan hemmen Richardsons Limitationen im Passspiel eine eigentlich schön designte Offense. Ich halte HC Billy Napier für einen der besten Run Play-Designer im College Football, und das hat er auch schon in den ersten Wochen bei den Gators unter Beweis gestellt: Mit Trevor Etienne (Travis‘ kleinem Bruder) und meinem Favoriten Montrell Johnson (den Napier aus Louisiana mitgenommen hat) sowie Richardson als Runner ist man wirklich gut aufgestellt, nur liegt das Passspiel gerade leider ziemlich brach. Richardson wirkt verunsichert und trifft vermehrt schlechte Entscheidungen.

Das muss sich schnell ändern, denn nur mit dem Lauf wird man gegen Tennessee nicht bestehen können. Die Vols haben eine sehr schnelle und explosive Offense um den Playmaker QB Hendon Hooker, der mir weiterhin zu stark unter dem Radar fliegt. Falls der aktuell verletzte Top-WR Cedric Tillman auflaufen kann, können wir uns auf spektakuläre Passspielzüge einstellen.

Ein Duell zweier hochveranlagter Quarterbacks mit jeder Menge Potenzial – nur muss Richardson eben auch mit dem Pass glänzen, sonst wird es ganz schwer.

#6 FSU grindet sich in die Saison rein – und gewinnt nun sogar trotz wesentlicher Ausfälle wie QB Jordan Travis. Wird das heuer was mit der ersten Bowl für Headcoach Mike Norvell?

Jan Weckwerth: Wird es. Das war eine beeindruckende Leistung der Seminoles auswärts in Louisville. Schließlich ist ihnen nicht nur Travis weggebrochen, sondern auch der beste Passrusher (Jared Verse), der Left Tackle und weitere Spieler.

Der Rest des Teams kämpfte sich nach Halbzeitrückstand ins Spiel rein: Die Defense kontrollierte den explosiven QB Malik Cunningham zumindest für eineinhalb Viertel, und die Offense machte mit dem Backup-Quarterback dann die entscheidenden Plays. Dabei stach vor allem Arizona State Transfer WR Johnny Wilson hervor. Der hat die ungewöhnlichen Receiver-Maße von 6‘7, 235 und war damit nicht nur bei hohen Bällen und an der Goal Line nicht zu bezwingen, sondern bewies überraschende Beweglichkeit und adäquaten Speed. Nette Matchup-Waffe, ist auf meinem Notizzettel gelandet. Hinzu kommt: Norvell schafft es so langsam, das Laufspiel in Schwung zu kriegen, das bei seinen erfolgreichen Memphis-Teams eine entscheidende Stütze der Offenses war.

FSU ist zum ersten Mal seit 2015 (!) mit drei Siegen in die Saison gestartet. Das Team wirkt deutlich gefestigter, so dass ich eine Bowlteilnahme schon fest buchen würde. Und vielleicht kann man ja noch ein bisschen weiter oben mitspielen…

#7 Ausblick auf den vierten Spieltag: Wem traust du eher zu, den Favoriten zu ärgern: Wake Forest gegen Clemson, oder Wisconsin gegen Ohio State?

Jan Weckwerth: Wake Forest. Damit will ich nichts gegen Wisconsin sagen, aber ich kann mir gerade nicht einmal ansatzweise vorstellen, wie die Badgers die mörderische Pass Offense der Buckeyes stoppen sollen. QB C.J. Stroud ist on fire, und die Receiver sind so dermaßen talentiert, dass es nicht einmal einen großen Unterschied macht, ob Jaxon Smith-Njigba ausfällt oder nur eingeschränkt verfügbar ist. Marvin Harrison Jr. wirkt wie der nächste Superstar, und Speedster Emeka Egbuka sowie Julian Fleming stehen ihm nicht so weit nach. Diese Truppe ist meiner Ansicht sogar mit einigem Abstand die beste des Landes. Wisconsin wird mit seiner patentierten (Off) Zone Defense versuchen, die Buckeyes in längere Drives zu zwingen und ihre Execution zu testen, doch mir erscheint die Firepower dann doch zu groß.

Wake Forest räume ich mehr Chancen ein. Die Deacs sind zwar Liberty nur knapp von der Schippe gesprungen, weil ihre Defense an die unguten Leistungen insbesondere der zweiten Saisonhälfte 2021 anzuknüpfen scheint. Aber mit einem Gunslinger wie Sam Hartman und einem unterschätzten Receiving Corps mit der hünenhaften Big Play-Maschine A.T. Perry, dem physischen Donavon Greene und mehreren schnellen inside/Slot Guys ist man nie ganz aus dem Spiel. Einer der Schlüssel wird wohl sein, ob Wake Forests O-Line Hartman halbwegs frei vom Druck der Clemson Front halten kann.

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