Lions Preview 2022: Zweites Jahr des Umbruchs

Die Detroit Lions befinden sich noch im Umbruch, sollten 2022 aber einen Schritt weiter sein als in der letzten Saison.

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Die letzte Saison

2021 beendeten die Lions die Saison mit einer Siegbilanz von 3-13-1 Siegen. Das war die zweitschwächste Bilanz der NFL, aber gemessen an den Preseason-Erwartungen war es keine Saison zum Vergessen.

Detroit verlore die ersten acht Spiele der Saison, aber war dabei durchaus wettbewerbsfähiger als gedacht. Die Ravens brauchten das längste Fieldgoal aller Zeiten in allerletzter Sekunde um Detroit in Woche 3 zu schlagen. Gegen Minnesota ging Detroit in letzter Sekunde dank einer 2pts-Conversion in Führung, aber wieder führte ein Last-Second-Fieldgoal (diesmal aus 54 Yards) zu einer unglücklichen Niederlage.

Gegen den späteren Superbowl-Champion Rams führten die Lions eingangs des Schlussviertels mit 19-17, ehe sie zwei Wochen darauf den Steelers ein Remis abtrotzen und damit erstmals auf der Tafel anschrieben. In der zweiten Saisonhälfte schlug man in Arizona immerhin ein Playoff-Team.

Detroit hatte immerhin einen Pythagorean von 4.9 Siegen, was dafür spricht, dass man mit 3.5 effektiven Siegen „underperformt“ hat – nicht völlig unterirdisch für ein Team, in dem 21% der Snaps von Rookies kamen und das das drittmeiste Verletzungspech der NFL hatte. Jetzt geht der Rebuild ins zweite Jahr.

Coaching

Beginnen wir mit dem Mann, der aktuell als “Gesicht der Franchise” durchgeht: Headcoach Dan Campbell. Vor einem Jahr trat Campbell an als Lautsprecher, den inhaltlich niemand so richtig ernst nahm. Aber Campbell konnte sich nach Ende der Saison wie ein Gewinner fühlen, denn:

  • Seine auf dem Papier hoffnungslos unterlegenen Mannschaften spielten knallhart bis zum Ende durch und hatten wie oben angedeutet gleich in mehreren Spielen richtig Pech. Drei Spiele verlor man durch Fieldgoals mit auslaufender Uhr. Selbstaufgabe gab es nie.
  • Die Mannschaft zeigte über die Saison eine richtig gute Entwicklung und war im November und Dezember besser als zu Saisonbeginn.
  • Campbells Playcalling war erstaunlich mutig, gerade in 4th Downs, aber auch mit Onside Kicks, 2pts Conversions und Fake Punts gegen große Gegner

Zerfetzende Kneecaps und tough guy Gehabe mal ausgeklammert, ist Campbell ein Typ, mit dem der Durchschnittsbürger sich easy identifizieren kann, denn wenige Leute in der NFL machen aus ihrem Herzen seltener eine Mördergrube als Campbell. Seine Motivationskünste werden aber mit jedem Perzentil, das Detroit näher an echte Wettbewerbsfähigkeit herankommt, auf eine härtere Probe gestellt. In Kürze kann der, der Zugriff zu HBOs Hard Knocks hat, Campbell einmal pro Woche in Aktion sehen.

Zur neuen Saison ist die größte Änderung im Trainerstab der Austausch des Offensive Coordinators: Der zu konservative Anthony Lynn wurde gefeuert. Als Nachfolger übernimmt mit Ben Johnson ein unbeschriebenes Blatt. Offensive Coordinator ist bei weitem die prominenteste Rolle, die Johnson in seiner Vita innehatte. In den letzten Jahren war er Quality Control Coach und Tight-Ends-Coach in Detroit.

Als Defensive Coordinator der Lions fungiert weiter Aaron Glenn, der durchaus positive Kritiken bekommt. Glenn waren letztes Jahr in Ermangelung von Spielertalent meistens schematisch die Hände gebunden. Dieses Jahr sollten wir mehr von seinen Scheming-Künsten sehen.

Glenn ist wie Campbell ein Ex-NFL-Profi – und er ist bei weitem nicht der Einzige in diesem Trainerstab. Assistant Headcoach ist Duce Staley, QB-Coach ist Mark Brunell, WR-Coach Antwan Randle El, O-Line Coach Hank Fraley, LB-Coach ist Kelvin Sheppard. Sie alle sind Leute, die der Schreiber dieser Zeilen noch als NFL-Spieler am Feld gesehen hat.

Offensive Line

Passend zum Gehabe der harten Jungs stellen die Lions eine der stärkeren Offensive Lines auf das Feld. Es ist eine Line, die Brandon Thorn in seinem O-Line-Ranking als 4t-beste Line der NFL anpries und schrieb – sie habe den richtigen Mix aus jungem Elite-Talent und erprobten Veterans. Vor allem handelt es sich um eine Latte an kürzlich hoch gedrafteten Blockern:

LT Taylor Decker (1st Rounder 2016)

LG Jonah Jackson (3rd Round 2020)

C Frank Ragnow (1st Rounder 2018)

RG Halapoulivaati Vaitai

RT Penei Sewell (#7 overall Pick 2021)

Letztes Jahr stand diese Unit in keinem einzigen Spiel zusammen auf dem Feld: Decker verpasste die erste Saisonhälfte, Ragnow war nach Woche 4 “out for season”. Der mit Pauken und Trompeten teuer gedraftete Sewell wurde zwischen Left und Right Tackle hin- und hergeschoben, fand sich aber mit zunehmendem Spielverlauf immer besser zurecht und gilt schon heute als einer der vielversprechendsten Prospects in der ganzen NFL.

Die Tiefe hinter dieser Starting-Unit ist suspekt, to say the least, doch die Starter sind stark (und langfristig ans Team gebunden). Wenn ein Mann wie Vaitai als “Schwachpunkt” der O-Line durchgeht, gibt es wesentlich wichtigere Baustellen.

Skill-Player

Einer der “Focal Points” der jüngsten Lions-Offseason war die Verstärkung des in den letzten Jahren extrem ausgebluteten Skill-Player-Corps. Detroit hatte über die Jahre Zillionen Runningbacks gedraftet, aber jeden vernünftigen Receiver zum Teufel gejagt. Über die letzten beiden Offseasons hat man nun eine vernünftige Gruppe an Pass-Catchern zusammengestellt.

D.J. Chark – ein bulliger WR1 Typ für Jump-Balls, der aus Jacksonville kommt und für ein Jahr und 10 Mio unterschrieben hat.

Jameson Williams – der zweite 1st Round Pick des Drafts 2022, für den man einen (relativ billigen) Trade-Up einfädelte. Williams ist ein pfeilschneller Mann, der problemlos auch im Vollsprint erstaunliche Haken schlagen kann und als wichtigster Trigger der phänomenalen Alabama-Offense agierte – sich aber im Landesmeisterschaftsfinale gegen Georgia im Jänner das Kreuzband riss. Ohne Williams kollabierte Alabamas Offense in jenem Endspiel und verlor den sicher geglaubten Titel. Das war bitter, unterstrich aber auf skurrile Weise Williams’ Wert für jene Offense.

Kreuzbandriss im Jänner heißt allerdings auch: Richtig einsatzbereit wird Williams – wenn überhaupt – erst ab Mitte der NFL-Saison sein.

Amon-Ra St. Brown – der deutschstämmige St. Brown ist ein junger possession receiver, der 2021 als Rookie mangels ernsthafter Receiver-Konkurrenz mehr Einsatzzeit bekam als ein gewöhlicher 4th Round Pick. St. Brown aber nutzte seine Chancen und gilt heute als passable Option für einen WR3.

T.J. Hockenson – Der einst in den Top-10 gedraftete Tight End hat sich nie zum erhofften Weltklassemann entwickelt, aber in einer NFL, in der hochklassige Tight Ends eine Rarität darstellen, ist Hockenson noch einer der besten seiner Zunft.

Dahinter kämpfen Zweite-Reihe-Leute wie Josh Reynold, Quintez Cephus oder Kalif Raymond um einen Roster-Spot. Auf Runningback sollte der fangstarke D’Andre Swift die prominenteste Rolle behalten. Er sollte wie Backup Jamaal Williams von der starken Line profitieren.

Quarterback

So brauchbar der Support-Cast mittlerweile ausschaut: Den Quarterback haben die Lions noch nicht gefunden. Sie haben ihn auch noch gar nicht richtig gesucht.

So bleibt erstmal Jared Goff am Ruder. Goff ist ein halbwegs brauchbarer System-QB, der nicht allzu viele kapitale Böcke schießt, aber tiefes Passspiel zu häufig scheut und damit wenig Potenzial für ganz oben anbietet.

Goff wirft einen gut fangbaren Ball, ist präziser als der durchschnittliche QB, aber hat im Schnitt die drittkürzesten Pässe aller 34 Starting-QBs mit über 200 Versuchen geworfen. Wirklich langfristig lässt sich mit ihm nicht mehr planen.

Aber hey: Ein Gros der Lions-Fanbase betrachtete in Ermangelung eines eigenen Quarterbacks bis zuletzt eh noch Matthew Stafford als den “ihrigen” Mann under center – und kann sich damit auch schamlos als aktueller Superbowl-Champion fühlen.

Defensive Front

Star der Defensive Front ist ein Rookie: EDGE Aidan Hutchinson, der local boy von der University of Michigan, der den Lions auf dem zweiten Draftspot in den Schoß fiel, weil die Jacksonville Jaguars lieber den Ausnahmeathleten Travon Walker drafteten.

Hutchinson hatte für die meisten Draft-Beobachter als der logische Top-Pick des Draft-Jahrgangs gegolten: Ein “high motor” Guy mit super Technik, athletisch exzellent, charakterlich integer – ein echter Ankermann. Die größten Zweifel an Hutchinson hängten sich an seinen auffällig kurzen Armen auf. Sie könnten gerade zu Karrierebeginn gegen raffinierte Offensive Tackles zu einem Problem werden.

Hutchison sollte auch als Rookie bereits die Kondition haben, die meisten Snaps zu spielen. In der Rotation sind mit den Okwaras Julian und Romeo (Letzterer wurde bereits für 12 Mio/Jahr verlängert) und Charles Harris (der einstige 1st Rounder der Dolphins hatte lange als Bust gegolten, ehe er letztes Jahr erstaunlich gut aufzeigte und 52 Pressures und 8 Sacks produzierte) sowie Rookie Zach Paschal (2nd Rounder) gleich mehrere brauchbare Kandidaten.

Fragezeichen gibt es auf der Interior D-Line: Michael Brockers kommt mit bald 32 Lenzen langsam in die Jahre, und die beiden letztes Jahr hoch gedrafteten Alim McNeill und Levi Onwuzurike haben in ihrem Debütjahr eher maue Leistungen gezeigt. Die Entwicklung der beiden Jungspunde könnte richtungsweisend dafür sein, was DefCoord Glenn mit dem Rest der Unit anstellen kann.

Linebacker ist ein klarer Schwachpunkt. PFF rankt die Unit als fünftschwächste der NFL. Leute wie Alex Anzalone oder Chris Board, die in kaum einer anderen Mannschaft mehr als Rotations-Snaps bekämen, könnten starten.

Defensive Backfield

Auch das Defensive Backfield ist nominell fragwürdig. Die Safetys sind mit Tracy Walker, Will Harris, Rookie Kerby Joseph und vor allem Neuzugang DeShon Elliott zwar durchaus passabel, aber Cornerback könnte zum berüchtigten offenen Scheunentor werden.

Die Gefahr besteht insbesondere, wenn Jeff Okudah keinen gewaltigen Leistungssprung macht. Okudah, der #3 Overall Pick des Drafts 2020, ist ein lebender Beweis dafür, dass es in der NFL keinen “can’t miss prospect” gibt.

Wenige Defensive Backs hatten in den letzten Jahren solchen Pre-Draft-Hype erzeugt wie Okudah, aber einer horrenden Rookiesaison in der Matt-Patricia-Defense folgte ein Achillessehnenriss. Autsch. Jetzt ist die Frage, ob Okudah noch die Spritzigkeit besitzt, um seinem einstigen Ruf gerecht zu werden.

Mit Okudah als CB1 zu planen, ist höchst riskant – aber vielleicht notwendig, denn Neuzugang Mike Hughes (kommt von den Vikings) ist auch eher ein CB2.

Viel Tiefe dahinter gibt es auch nicht. Vielleicht hat Amari Oruwariye einen positiven Ausreißer. Oruwariye ist ein Cornerback, der recht häufig verbrannt wird, aber auf der Habenseite auch erstaunlich viele Turnovers kreiert.

Ausblick

Bei den Buchmachern liegt das Over/Under der Lions im Schnitt bei etwa 6.5 Siegen. Dank des relativ einfachen Schedules und der abseits Quarterback und Back Seven grundsoliden Mannschaftsqualität ist die Verlockung, auf das Over zu tippen, recht groß.

Auf der anderen Seite muss das erklärte Ziel dieser Franchise sein, heute in einem Jahr mit einer Langzeitlösung auf der Quarterback-Position in die Saison 2023 zu gehen – und dafür könnte ein zu guter Win/Loss Record schädlich sein, weil er teure Trades im Draft 2023 erfordert. Letztlich sollte die Lions-Saison irgendwo zwischen 5-12 und 7-10 enden. Die Spiele selbst sollten durchaus unterhaltsam werden, weil das Team zwar das Talent, aber noch nicht den Quarterback sowie die Tiefe und Konstanz für höhere Ambitionen hat.

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Thomas Psaier
Football-Blogger seit 2010. Allesfresser in NFL und College Football.

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