Triple Coverage: Ein letzter Rückblick auf den NFL Draft 2022

Der NFL Draft 2022 ist seit zwei Wochen geschlagen.

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Lesezeit: 12 Minuten

Zeit um noch einmal mit etwas Abstand darauf zurückzublicken. Die Fragen stellt Thomas Psaier (Sideline Reporter), die Antworten geben wie immer die NFL Draft Experten Jan Weckwerth (Triple Option) und Christian Schimmel (Der Draft).

1) Was war für dich das Leitmotiv, unter dem du den NFL Draft 2022 in Erinnerung behalten wirst?

Jan Weckwerth: Zweierlei: Zum einen die fallenden Quarterbacks. Hätte trotz allen Diskussionen um die eher mäßige Klasse niemals damit gerechnet, dass nur ein Quarterback in den ersten beiden Runden geht.

Zum anderen die vergleichsweise hohe Übereinstimmung mit dem Konsensboard. Wir haben – von den Patriots einmal abgesehen – relativ wenig überraschende Picks erlebt, die deutlich von der vermuteten Position abwichen. Dabei hatten viele gemutmaßt, dass wir aufgrund der relativ kleinen Spitze an klaren 1st round Prospects und dem großen Feld dahinter einige Überraschungen erleben werden. Doch die blieben größtenteils aus.

Christian Schimmel: Zwei Dinge: Die wilden Receiver-Trades Mitte der ersten Runde und die heftigen Slides der Quarterbacks. Ersteres war so nicht so nicht zu erwarten. Mittendrin war es nur noch verrückt. Zweitens: Die NFL hat uns allen zudem sehr deutlich gemacht, was sie von der Quarterback-Klasse hält. Nichts.

2) Der Run auf die Wide Receiver zwischen den #8 und #18 Pick war einer der verrückteren Draft-Abschnitte der letzten Jahre. Welcher der WR/Team Fits gefällt dir am besten?

Jan Weckwerth: Ich finde ehrlich gesagt, dass die Top-Receiver alle in ganz guten Situationen gelandet sind. Der klarste Fit zu seinem direkten Vorgänger ist wohl Treylon Burks zu den Titans mit genau dem Pick, den sie für den Trade von A.J. Brown verdienten.

Dennoch fällt meine Wahl knapp auf Jameson Williams zu den Lions, obwohl ich ihn etwas niedriger hatte als der Konsens. Mit ihm bekommt das Receiving-Corps der Lions ein sehr gefährliches Gesicht: D.J. Chark als outside Receiver mit top Speed, Williams als outside/inside-Option mit absolutem Weltklasse-Speed. Die beiden werden gegnerische Defenses auseinanderziehen und so underneath einige Räume für Amon-Ra St. Brown und T.J. Hockenson schaffen. Ideale Voraussetzungen für QB Jared Goff, bei dem die Armsträrke ja eines der kleineren Probleme war.

Christian Schimmel: Stimme Jan zu. Jameson Williams nach Detroit ist schon sehr sinnig. Mit ihm und D.J. Chark ist ordentlich Geschwindigkeit im Kader, das sollte viele Räume für TE Hockenson und WR St. Brown schaffen. Bonus: Den Eagles Trade für A.J. Brown finde ich fantastisch. Tolle Offensive Line, explosive Receiver: Philadelphia weiß nach 2022 zu 100%, ob Jalen Hurts der Quarterback der Zukunft ist.

3) Welcher der drei Offensive-Tackle-Picks in den Top-10 ist der beste Spieler/Team Fit?

Jan Weckwerth: Schwer zu sagen. Ich mag alle drei Tackles sehr, und jeder hat einen dringenden Need bedient. Wenn ich mich entscheiden müsste, dann wohl Ickey Ekwonu zu Carolina. Die Panthers hatten den wohl größten Bedarf überhaupt auf O-Line und hatten das Glück, dass alle drei Tackles bis an #6 fielen. Freie Auswahl! Ekwonu ist ein physisches Monster und zugleich ein sehr intelligenter Leader – und beileibe nicht so durchschnittlich im Passblock wie teilweise kolportiert. Egal, wer Quarterback spielen wird: Die Panthers haben hier eine Säule für dieses und die kommenden Jahre gepickt.

Christian Schimmel: Charles Cross zu den Seahawks, zumal sie mit Abraham Lucas mit einem ganz ähnlichen Spielertyp in Runde 3 nachgelegt haben. Es entbehrt nicht einer gewissen Zynik, dass die Hawks ausgerechnet in Jahr eins nach Russell Wilson zwei der besseren Pass-Blocker im Draft ziehen. Vielleicht ein Indiz (trotz des üblichen Running Back Picks am zweiten Tag), dass Seattle etwas mehr Werfen wird als angenommen.

4) CB Derek Stingley ging vor CB Ahmad Gardner vom Board: Überrascht?

Jan Weckwerth: Ein wenig, allerdings nicht wegen Stingleys Talent oder meiner Evaluation, sondern wegen der medialen Berichte über einen vermeintlichen Drop von Stingley aus den Top 10. Ich finde beide frühen Cornerback-Picks auch in punkto Scheme goldrichtig.

Stingley in die Defense von Lovie Smith, da er der etwas bessere Zone-Corner als Sauce Gardner ist und mehr Erfahrung in verschiedenen Off-Konzepten hat. Mit seiner Technik, seinen Instinkten und seinen überragenden Ballskills sollte er hier exzellent passen.

Gardner wiederum ist die Ideallösung für Robert Salehs Defense mit vielen Press-Zone-Elementen dank seiner Länge sowie seinen Skills in Press- und Bump&Run-Technik. Beide Cornerbacks sind durchaus vielseitig und wären daher auch in anderen Systemen problemlos einsetzbar, aber diese Aufteilung sollte ihnen eine besonders kurze Lernkurve ermöglichen.

Christian Schimmel: Rein sportlich bin ich nicht überrascht, aber du musst mit dem Kram außerhalb des Feldes und den Verletzungen komfortabel sein. Ich habe es in der Fragerunde vor dem Draft gesagt: Ich habe in den letzten Jahren keinen talentierteren Corner gesehen. Auf meinem All-Time-Board steht er in der Positionsgruppe geteilt auf #1 neben den Herren Lattimore und Ramsey. Kommt Stingley an seine Freshman-Saison ran, ist er vom Tag eins ein Shutdown-Cornerback.

5) Welcher Pick in der 1ten Runde war deiner Meinung nach der beste „Value“?

Jan Weckwerth: Da muss ich natürlich nach meinem Board gehen und Kyle Hamilton nennen, mein #1 Prospect, der bis an #14 fiel und dort von den – natürlich! – Baltimore Ravens eingesackt wurde.

Christian Schimmel: Drei Kandidaten:

  • Hamilton zu den Ravens an #13
  • Devin Lloyd an #27 zu den Jaguars
  • Sieger für mich jedoch George Karlaftis an #30 zu den Chiefs.

Karlaftis war auf meinem Board die #8. Ich verstehe die Sorgen der Teams, ob er die Power auch in der NFL so auf den Platz bringt, aber er kann ein richtig guter Edge Rusher werden.

6) Die Quarterbacks sind tiefer gefallen als gedacht. Der einzige 1st Rounder Kenny Pickett wird einen legitimen Shot haben, sich gegen Mitchell Trubisky im Trainingslager durchzusetzen. Aber welcher der anderen QBs – Desmond Ridder, Malik Willis, Matt Corral, Sam Howell – wird die meisten Snaps in 2022 spielen?

Jan Weckwerth: Für mich Stand jetzt ein close call zwischen Ridder und Corral. Willis wird hinter Tannehill voraussichtlich warten, könnte aber (hoffentlich) ein paar Snaps in eigens kreierten Packages sehen. Howell hat als 5th rounder noch einmal einen längeren weg vor sich, wenngleich Carson Wentz 2021 so gar nicht überzeugte und ja auch immer wieder Verletzungsprobleme hat. Allerdings müsste er sich erstmal den Backup-Posten von Taylor Heinicke ergattern.

Ridder hat mit Marcus Mariota einen klaren Übergangs-Quarterback vor sich, außerdem ist er vom Spielverständnis und Lesen des Feldes relativ weit. Aus meiner Sicht sowieso eine hervorragende Passung für das Offense-System von Arthur Smith. Corral hat zwar noch den weiteren Weg vor sich, aber Sam Darnold wird definitiv nicht die Lösung in Carolina sein. Problem allerdings: Ridder und Corral müssten voraussichtlich hinter eher wackligen Lines spielen.

Christian Schimmel: Wenn ich mir die Verletzungshistorie der 49ers ansehe, dann vermutlich Mr. Irrelevant Brock Purdy.

Im Ernst, meine Chips liegen auf Corral, auch wenn er vermutlich mit die meiste Zeit benötigt. Die Panthers Offense war letzte Saison brutal anzusehen, nachdem Christian McCaffrey ausgefallen ist und ich würde weiterhin nicht auf 17 Spiele von CMC setzen. Irgendwann ist die Geduld mit Sam Darnold vorbei.

7) Nakobe Dean fiel bis tief in die dritte Runde, darf als Entschädigung aber auch in Zukunft wieder hinter DT Jordan Davis seine Kreise ziehen: Wie viel besser hätte er es treffen können?

Jan Weckwerth: Ich hatte es bei Down, Set, Talk bereits ausgeführt: Nicht viel besser (wenn man vom beträchtlichen finanziellen Verlust einmal absieht).

Abseits der vermeintlichen Verletzungen, die im Verlauf des zweiten Tages gefühlt stündlich gravierender wurden, hat Dean ja vor allem ein größeres Fragezeichen gehabt: Seine fehlende Länge und Armlänge, weswegen er in der Box und im Lösen von Blocks Probleme bekommen könnte. Seine sensationelle Spielintelligenz und seine Playmaker-Fähigkeiten kann er daher am besten hinter einer mächtigen D-Line ausspielen, die ihm die O-Liner vom Hals hält. Und wer wäre da geeigneter als eben sein alter College-Kumpane Jordan Davis? Idealer Fit.

Christian Schimmel: Kaum besser. Die Eagles-Defense sollte zu den unterhaltsameren 2022 gehören, und Dean wird von Seitenlinie zu Seitenlinie flitzen und Plays machen. Ich hoffe, dass er komplett fit ist, dann wird er eine deutliche Verstärkung sein.

8) Man könnte viele Worte zu den Ravens verlieren, aber fokussieren wir uns einen Moment auf ihre neue Secondary: Wie passt Safety Kyle Hamilton dort rein?

Jan Weckwerth: Ich glaube mittlerweile, dass die Ravens nicht danach vorgehen, wer in ihr System besonders gut passt, sondern dass sie enormes Talent akquirieren und danach ihr System modifizieren. Letztlich passt Hamilton wegen seiner enormen Vielseitigkeit in jede Defense. Er kann ebenso gut Centerfielder und split Safety tief spielen, glänzt in der Box und hat selbst keine größeren Schwächen als Slot-DB. Seine überragende Antizipation von Spielzügen lässt sich überall gewinnbringend einsetzen, ebenso wie sein Gefühl für Lanes und Angles sowie sein gleichermaßen sicheres wie hartes Tackling. Ich bin wirklich sehr gespannt, ob die NFL diese Position künftig mit etwas mehr Liebe bedenken wird. Schließlich war das auch bei den Cornerbacks ein längerer Prozess (der immer noch nicht abgeschlossen ist).

Christian Schimmel: Es ist eine Defense, mit der Mike MacDonald unglaublich viel machen kann. Das ist der eigentliche Gewinn. Du kannst sehr viel Man to Man (gerne auch in Verbindung mit Cover 1) spielen und dann Hamilton entweder auf einen Tight End stellen, oder ihn in der Box aufräumen lassen. Gerade im Verbund mit Marcus Williams sind die Ravens kaum ausrechenbar. Wenn sie es ins Extreme treiben wollen, ändern sie ihren Gameplan jede Woche radikal, weil das Personal so vielseitig eingesetzt werden kann.

9) Was hat sich Bill Belichick mit seiner Draftklasse voller unbekannter Hinterbänkler gedacht?

Jan Weckwerth: Ich befürchte, dass dir das keiner außer Belichick beantworten kann. Nach einer überraschend Value-lastigen Draft (laut Konsensboard) 2021 ist er nun wieder back to the roots gegangen und verfolgte sein eigenwilliges Board sehr strikt. Immerhin fädelte er in der ersten Runde noch einen guten Downtrade ein, bevor er Cole Strange pickte, der der gesamten Draftklasse den passenden Titel gab.

Ich gehöre wohl noch zu denjenigen, die seine erste Picks höher hatten als der Durchschnitt – aber so hoch nun auch wieder nicht. Insbesondere der Uptrade für Speedster-WR Tyquan Thornton wird sein Geheimnis bleiben, zumal mit George Pickens, Alec Pierce und Skyy Moore noch einige höher eingeschätzte Receiver auf dem Board waren. Hätte er nicht zumindest warten können?

Christian Schimmel: Keine Ahnung. Wenn ich das wüsste, wäre ich vermutlich deutlich besser bezahlt und würde nicht mehr öffentlich über Football schreiben. Der Strange Pick (Wortspiele erlaubt) wirkte auf mich wie ein Panik-Pick in einer dünnen Guard Klasse, bedingt durch die Abgänge in der Free Agency. Ich mochte Strange, aber nicht in Runde 1. Cornerback / Returner Marcus Jones könnte überraschen: sehr klein, aber ein toller Footballspieler.

10) Jaguars und Bears verzichteten darauf, ihren jungen Quarterbacks hoch gedraftete Waffen zur Seite zu stellen. Welches Team wird das stärker bereuen?

Jan Weckwerth: Für mich die Bears, wobei ich weniger die fehlenden Waffen und vielmehr die fehlende Protection für Justin Fields einigermaßen verheerend finde. Fields ist ein enorm talentierter Quarterback mit einer größeren Schwäche: der Pocket Presence bzw. des Verhaltens bei Pressure.

Ich hätte ihm die bestmögliche Line hingestellt, damit diese Mängel so gut wie möglich kaschiert werden und er sich sinnvoll entwickeln kann. Obwohl ich sonst ein klarer BPA-Verfechter bin, sind die Bears die eine große Ausnahme dieses Jahr, bei denen ich mit ganz klaren Positionspräferenzen in die Draft gegangen wäre. Ich mag das Talent ihrer Picks größtenteils (insbesondere Kyler Gordon), die Strategie dahinter ist mir dennoch einigermaßen unverständlich.

Christian Schimmel: Auch für mich die Bears, aber ich habe beide Drafts nicht wirklich verstanden. Bei den Jaguars den kompletten Draft nicht, beginnend an #1, gleichwohl ich Lloyd und auch Muma in den jeweiligen Spots mag. Aber zwei Linebacker? Bei den Bears habe ich vor allem den einen frühen Pick in der Offense überhaupt nicht gesehen. Ist WR Velus Jones mehr als Gimmick-Spieler bzw. ein Returner?

Jacksonville hat zumindest noch Marvin Jones, den recht gut bezahlten Christian Kirk und Laviska Shenault, von dem ich mir noch mehr erwarte. Wer ist der beste Pass-Catcher der Bears? Ich kann es dir nicht beantworten.

11) Was war dein favorisierter Day-2-Pick?

Jan Weckwerth: Viele zur Auswahl, aber ich muss mich da wiederholen: WR Skyy Moore zu den Chiefs. Das hätte nicht passieren dürfen.

Moore ist kein Tyreek Hill-Ersatz (wer wäre das auch?), aber eine variabel einsetzbare, enorm gefährliche Waffe für Andy Reids Offense. Moore verfügt über guten Speed, um tief eine Gefahr zu sein, vor allem ist er enorm gefährlich mit dem Ball in der Hand. Undersized, allerdings dank seines RB-Körpers ein tougher Runner und schwer zu Boden zu bringen. Zwar hat er in der lauflastigen RPO-Offense von Western Michigan nicht den kompletten Route Tree verinnerlichen können, doch die Routes, die er gelaufen ist, haben mir richtig gut gefallen. Moore besticht nicht nur mit flinken Füßen, sondern vor allem mit einem enormen Burst aus den Cuts, was schnelle Separation garantiert. Diese Skills könnten wichtig sein, wenn gegnerische Defenses konsequent zwei Safeties tief parken und die Chiefs zu Kurzpassspiel zwingen. Außerdem hat Moore riesige Pranken für seine Größe und lässt einfach keine Bälle fallen. Das konnte man beileibe nicht über alle Receiver der Chiefs Offense des vergangenen Jahres behaupten.

Match made in heaven.

Christian Schimmel: Alle Picks zwischen #82 und #88. Da  ist sehr viel Value vom Board geflogen. Ich entscheide mich jedoch gemäß der Frage für Pick #77 Bernhard Raimann zu den Colts. Indianapolis hatte einen massiven Need und Raimann war für mich ein Borderline First Rounder. Er ist vermutlich wegen seinem Alter und recht kurzer Arme gefallen, hat aber noch massig Potential. Wäre keine Überraschung, wenn er früh das Feld sieht.

12) Und dein favorisierter Day-3-Pick?

Jan Weckwerth: Den *einen* favorisierten Day 3-Pick gibt es nicht, dazu gefallen mir dann doch viel zu viele Team-Spieler-Fits.

QB Sam Howell zu den Commanders wirkt wie eine offensichtliche Wahl (wenngleich ich bei ihm nicht so hoch wie andere war).

Persönlich bin ich sehr gespannt auf speedy und shifty WR Calvin Austin bei den Steelers. Sehe die Entscheidung für QB Kenny Pickett weiterhin skeptisch, doch immerhin hat man ihm dann gleich zwei veritable Receiving-Waffen an die Seite gespielt. Aber wie gesagt, nur einer von vielen spannenden Picks. In den letzten beiden Runden gefallen mir etwa LB Darrian Beavers zu den Giants, EDGE Amaré Barno zu den Panthers (der ideale Brian Burns-Backup), OG Jamaree Salyer zu den Chargers, DT Matt Henningsen zu den Broncos, WR Bo Melton zu den Seahawks und ganz am Ende mein deeper Sleeper S Nazeeh Johnson zu den Chiefs.

Christian Schimmel: Vermutlich größter Value war Kingsley Enagbare zu den Packers an #179 zu den Packers. Ich vermute, dass die Teams wirklich nicht gut einschätzen konnten, was seine Rolle in der NFL sein wird. Ein Spieler mit viel Power, er könnte überraschen.

Lachen musste ich bei Tariq Woolen zu den Seahawks. Er mag ein Project sein, aber mit 6’4” und seiner überragenden Geschwindigkeit ist er perfekt für die Art von Defense, die Seattle über Jahre geprägt hat.

13) Ist Justyn Ross, der von den Chiefs als UDFA verpflichtet und direkt danach medizinisch „gecleart“ wurde, der Steal des Jahres?

Jan Weckwerth: Ich weiß nicht, ob ich ihn als Steal bezeichnen würde. Mir hat es schon ein wenig Sorgen bereitet, dass es mehrere Tage gedauert hat, bis Ross einen UDFA-Vertrag unterschrieben hat. Offenbar waren einige Teams skeptisch, was seinen medizinischen Status betrifft. Bei Problemen an der Wirbelsäule werde ich da schnell ängstlich. Ich hoffe sehr, dass es zu keinen Komplikationen kommt und wünsche Ross alles erdenklich Gute. Wäre natürlich sehr schade, wenn ein derart talentierter Receiver, der vor nach seiner Freshman-Saison als kommender 1st round-Pick galt, keine NFL-Karriere bestreiten würde. Doch die Gesundheit geht halt immer vor.

Ross war übrigens nicht mein höchster Spieler, der undrafted gegangen ist: QB Carson Strong und LB Mike Rose hatte ich noch vor ihm gerankt, Strong sogar deutlich. Aber da waren die heftigen medizinischen Fragezeichen natürlich ebenfalls bekannt.

Christian Schimmel: Wenn Justyn Ross drei Tage braucht, um irgendwo zu unterschreiben, wäre ich mit medizinischen Prognosen sehr vorsichtig. Dazu kommt, dass er athletisch brutal schlecht getestet hat. Das wird auch den ein oder anderen abgeschreckt haben.

14) Ein Blick voraus aufs nächste Jahr – dem Vernehmen nach ein Quarterback-lastiges Jahr. Ist Bryce Young mehr als Tua 2.0? Wird C.J. Strout sich mit seiner NFL-Statur an Young vorbei ins Rampenlicht spielen? Wer sind die zu beobachtenden QBs hinter diesem Top-Duo?

Jan Weckwerth: Wir dürfen grundsätzlich nicht den Fehler machen, die spätere NFL-Karriere als Maßstab zu nehmen, sondern müssen Prospects miteinander vergleichen. Wenn Bryce Young ein Tua 2.0 werden würde, hieße das, er wäre ein Top-Prospect. Young ist aber nicht derselbe Typ wie Tua und bringt vor allem ein sehr spannendes Trait mit: seine beinahe magische Pocket Presence. Er scheint einen 360°-Blickwinkel zu haben und fühlt Pressure aus allen Richtungen, als ob er Augen im Hinterkopf hätte. Ein echter Pocket Wizard mit unglaublicher Poise in jeder Spielsituation. Sollte sich – trotz und gerade wegen seiner kleineren Statur – sehr gut auf die NFL transferieren lassen.

Stroud ist eher der klassische Pocket Passer, wenngleich er nicht über den absoluten Rocket Arm verfügt und eher mit Genauigkeit auf allen Feldebenen punktet. Gutes Decision Making, geht durch Progressions, profitierte natürlich vom perversen Talent um ihn herum (noch einmal mehr als Young). Hat definitiv einen Shot auf den QB1.

Dahinter gibt es so einige spannende Kandidaten: Miamis Tyler Van Dyke hat eine hervorragende erste Saison gespielt: großer kräftiger QB mit starkem Arm und netten tiefen Bällen. Will Levis (Kentucky) bringt ebenfalls prototypische Size und einen netten Arm, schnellen Release plus unterschätzte Mobilität mit.

Ein kleiner Favorit von mir ist BYUs Jaren Hall, der Nachfolger von Zach Wilson. Mit dual-threat Playmaker Hendon Hooker (Tennessee), Improvisationskünstler Phil Jurkovec (Boston College), Gunslinger Sam Hartman (Wake Forest), Option-Wizard Grayson McCall (Coastal Carolina) und dem hochveranlagten Anthony Richardson (Florida) ist weiteres vielversprechendes Talent vorhanden. Aber wahrscheinlich wird dann doch wieder noch jemand ganz anderes oben reinrutschen (Devin Leary, Jake Haener – oder gar Spencer Rattler?). Könnte eine sehr spannende Klasse werden.

Christian Schimmel: Zu den ersten Fragen: Keine Ahnung. Noch haben wir nichts von der Saison 2022 gesehen, und im Sommer steht für mich wieder primär der deutsche Football im Fokus.

Der Spieler der mich hinter den Top 2 am meisten interessiert, ist Will Levis von Kentucky. Dadurch, dass die Wildcats etliche Offense-Spieler hatten, die draftable waren, konnte ich einen kurzen Eindruck gewinnen. Ich mochte seine Pocket-Präsenz und bin sehr gespannt, wie er sich 2022, mit vermutlich weniger Talent um sich herum, schlagen wird.

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Thomas Psaier
Football-Blogger seit 2010. Allesfresser in NFL und College Football.
Jan Weckwerth
College Football- und Draft-Veteran. Podcaster. Sportromantiker. Running game still matters.
Christian Schimmel
365 Tage Football im Jahr sind möglich , GFL Kommentator, Tape-Nerd und Podcaster zu Draft, College und NFL.

2 KOMMENTARE

  1. Schöner Artikel.

    Zu Kyle Hamilton:
    Ich würde vor allem die Flexibilität betonen wollen. Ein solcher Spieler gibt dir sehr viele Möglichkeiten die Coverage Post snap auf verschiedene Arten zu rollen.

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