Gescheiterte NFL-Konkurrenz 2: WFL (1974) Teil 2

Nachdem wir im ersten Teil auf die Gründung und die teils schrägen Franchises schauten, geht es nun um die beiden Saisons der WFL. Wie schnell ging alles den Bach runter?

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Die WFL war für keinen Beteiligten ein Erfolg, das muss man so sagen. Manche Teams hatten wir im ersten Teil angesprochen die erste Saison nicht überlebt oder wurden im laufenden Spielbetrieb in eine andere Stadt verfrachtet. Zuschauerzahlen brachen vielerorts ein und viele Spieler mussten um jeden Gehaltsscheck kämpfen. Dennoch fand die 1974er Saison bis zum Finale statt und es ging bei allem Chaos sogar in eine zweite Saison.

Masse statt Klasse

Die Zahl an wenigen Vereinen wollte die Liga über die Zahl der Spieltage wett machen. In der 19-wöchigen Saison standen gleich 20 Spiele an. Keine Bye-Weeks, also teilweise 3 Spiele in 10 Tagen. Mit dem Standardspieltag Mittwoch und der Tatsache, dass The Hawaiians Sonntags daheim spielten, mussten manche Teams 4 Tage nach einem Spiel die weite Reise nach Hawaii antreten. Aus heutiger Sicht ein absolutes Unding. Zum Vergleich: Die NFL hatte damals nur 14 Regular Season Spiele pro Team.

Die Liga hielt einen College Draft ab, konnte aber nicht die erste Garde an Spielern gewinnen. Der First Overall Pick war David Jaynes, ein Quarterback der University of Kansas. In der NFL wurde er in Runde 3 von den Chiefs gewählt und dort spielte er am Ende auch. Aber seine Karriere war kurz. Er spielte nur 1974, hatte 2 Passversuche von denen einer zur Interception wurde. 28 Jahre später, 2002 trat er noch mal medial in Erscheinung. Er heiratete die Witwe von Hollywood-Legende Cary Grant.

Die Liga hatte einen landesweiten Fernsehpartner, TVS Television. Ein reiner Sportkanal, der mittlerweile nicht mehr existiert.

Neue Regeln

Um sich von der NFL zu unterscheiden wollte die WFL mehrere eigene Ideen und Regeln etablieren:

WFL Spielball
Spielball der WFL. © markthompson.us
  • Der Spielball war Gelb-Orange gehalten und sollte optisch mehr dem Lifestyle der 1970er entsprechen.
  • Touchdowns waren sieben Punkte wert, der Extrapunkt entfiel.
  • Als Ersatz zum Extrapunkt gab es den „Action Point“, quasi eine Two-Point-Conversion, die einen zusätzlichen achten Punkt bringen konnte
  • Der Kickoff wurde von der 30-Yard Linie ausgeführt, in der NFL von der 40-Yard Linie
  • Bei Receivern reichte es, wie im College, nur einen Fuß bei einer Reception in bounds zu haben
  • Bump and Run, also ein kurzer Stoß des Conerbacks auf den ersten Yards wurde innerhalb von 3 Yards erlaubt. Die NFL zog 1978 mit 5 Yards nach.
  • Ein in Motion befindlicher Spieler durfte vor dem Snap auf Höhe der Line of Scrimmage gehen, er musste nur beim Snap hinter selbiger sein. Eine Regel, die bis dahin nur im Canadian Football angewendet wurde. Später gab es sie noch im Regelwerk der XFL und des Arena Football
  • Bestimmte Strafen wurden reduziert, bspw. gab ein Offensive Holding nur 10 statt 15 Yards. Die NFL änderte dies 1977 ebenso.
  • Punt Returner durften keinen Fair Catch machen. Allerdings durfte bis zur Reception kein Gegenspieler näher als 5 Yards entfernt vom Returner sein. Die XFL adoptiere diese Regel später unter dem Namen „Halo Rule
  • Es gab keine Chain-Gang. Die Liga verzichtete auf die 10 Yards-Kette und verwendete einen sogenannten „Dicker-rod“. Eine entsprechend lange Stange, die von einer einzelnen Person aufs Feld gerollt werden konnte. Benannt wurde es nach seinem Erfinder George Dicker.
WFL Dicker-rod
Dicker-rod, © charlottehornetswfl com

Der schnelle Fall

Die ersten Wochen verliefen positiv. Die Zuschauerzahlen in den Stadion teilweise nahe NFL-Niveau und auch das Fernsehpublikum fand sich ein. Doch dann taten sich erste Risse auf. Zum Einen hatten viele Teams, wie im letzten Artikel beschrieben, schnell Probleme verschiedenster Art. In Philadelphia wurden wie schon berichtet Ticketverkäufe geschönt, in New York spielte das Team in einem untauglichen Stadion und mancher Besitzer war nicht so spendabel wie nötig gewesen wäre. Nach sechs Wochen kriselte es an mehreren Standorten und die ersten Teams befanden sich bereits in Relocation-Gesprächen. Detroit wollte nach Charlotte und die Blazers wollten nach ihrer extremen Relocation-Orgie vor der Saison noch eins draufsetzen. Atlanta war nun das Wunschziel. Doch beide Umzüge erfolgten nicht und es ging weiter bergab.

Wilder September

Im September krachte es an allen Ecken und Enden. Houston wurde nach Shreveport verlegt und umbenannt, die New York Stars wurden zu den Charlotte Hornets. In Detroit und Jacksonville machte man den Laden noch während der Saison dicht. Die Fernsehquoten waren in freiem Fall und die Zuschauerzahlen an vielen Orten stark rückläufig. Zu dem Zeitpunkt kam auch raus, dass viele Teams schon mit minimalem Budget an den Start gegangen waren. Eine eigentlich vorgesehene „Einschreibungsgebühr“ von 120.000 $ pro Franchise wurde in vielen Fällen nicht gezahlt um wegen des drohenden NFL- und CFL-Streiks frühzeitig starten zu können.

Zum Nachteil der WFL wurde der Streik allerdings abgewendet und die NFL startete im September in ihre Saison. Natürlich stürzte auch dadurch das Interesse massiv ab. Wer wollte schon die Philadelphia Bell sehen, wenn auch ein Besuch bei den Eagles möglich war? Fast niemand. Die Zuschauerzahlen waren in Philly längst im vierstelligen Bereich angekommen, nachdem man so pompös mit über 60.000 Zuschauern gestartet war.

Wie ich schon im ersten Teil geschrieben hatte, waren viele Teams permanent in akuterer Geldnot. In Portland mussten Spieler wortwörtlich von Fans mit Essensspenden durchgefüttert werden, in Charlotte konnte die Wäscherei-Rechnung nicht beglichen werden. Viele Spieler mussten Monate auf ihre Geld warten oder bekamen es nie zu sehen.

Auf dem Spielfeld abgeführter First Overall Pick

Eine der bizarrsten Geschichten der 1974er Saison ereignete sich am 21.8.74 im Spiel der New York Stars bei den Houston Texans. Texans Defense End John Matuszak, NFL First Overall Pick von 1973, wurde kurz nach einem Sack während des Spiels abgeführt. Matuszak spielte damals eigentlich bei den Houston Oilers, bestritt aber auch für das örtliche WFL-Team 7 Spiele. Den Oilers und der NFL war dies ein Dorn im Auge und sie erwirkten eine Restraining Order, eine Art Kontaktverbot. Bis zum Ende des laufenden NFL-Vertrags 1977 verbot man es Matuszak in der WFL aufzulaufen. Der Defense End war von der Aktion wenig begeistert und bestritt auch für die Oilers kein weiteres Spiel. Er wurde nach Kansas City getradet. Später gewann er mit den Oakland Raiders zwei Mal den Super Bowl (XI und XV) ehe er seine Karriere 1982 beenden musste.

Anschließend versuchte er sich im Schauspiel und hatte allerhand Nebenrollen. Eine seiner bekanntesten ist vermutlich die des „Sloth“ im Film „Die Goonies“. Leider dauerte Matuszaks Leben da nicht mehr lang, am 17.6.1989 verstarb er mit nur 38 Jahren an einem Herzinfarkt.

Playoffs nach Art von Pippi Langstrumpf

Trotz aller Unkenrufe blickte die Liga auf das große Finale. Intern wurde umstrukturiert, Gründer Davidson musste seinen Commissioner-Posten abgeben und wurde von Christopher Hemmeter ersetzt. Dieser war Besitzer der Hawaiians und einer der wenigen finanziell stabilen Geldgeber.

Der Weg zum Finale, die Gestaltung der Playoffs, war aber noch lange unklar. Allerhand Varianten wurden durchgesprochen und ein Owner sprach sich dafür aus ganz auf Playoffs zu verzichten. Letztlich wurden 6 Playoff-Teilnehmer festgelegt. Die beiden Teams mit dem besten Record, Memphis und Birmingham, erhielten eine First Round Bye Week, die restlichen Teams spielten einen Divisionssieger aus. Im Westen traf Southern California auf die Hawaiians, im Osten die Blazers auf die Bell. Eigentlich hätte statt Philadelphia Charlotte diesen Platz sicher gehabt, doch miserable Ticketverkaufszahlen der Hornets und eine äußerst unsichere finanzielle Situation sorgten dafür, dass die Liga den Platz an Philadelphia gab, wo vermeintlich eine größere Stabilität herrschte.

Der World Bowl

Das Finale der Liga hätte kaum größer klingen können. Eine richtige Weltmeisterschaft. Allerdings war das Interesse zu diesem Zeitpunkt bereits kaum noch vorhanden. Die Zuschauerzahlen des übertragenden Senders TVS waren so schlecht, dass man kaum in der Lage war Werbung zu verkaufen.

Die Birmingham Americans empfingen daheim die Florida Blazers und immerhin 32.376 Zuschauer versammelten sich am 5. Dezember 1974 im Stadion. Die Liga präsentierte vor dem Spiel große Geldhaufen, massenhaft gestapelte Geldscheine auf einem großen Tisch um die Zuschauer anzuheizen. Ein dank an die schlechte Bildqualität dieser Zeit, denn es waren nur große Mengen 1 Dollar-Scheine. Aber irgendwas musste man ja präsentieren. Den in den USA obligatorischen Riesen-Scheck konnte man nicht anbieten, da man Angst davor hatte, dass ein solcher platzen könnte.

World Bowl 1 ging schließlich an die Birmingham Americans. Das Team feierte und kurz danach wurde der Locker Room von der Finanzbehörde gestürmt. Allerhand Equipment, Ausrüstung,… wurde beschlagnahmt und Birmingham versuchte sich anschließend unter einem neuen Namen. Für die Florida Blazers markiert der World Bowl das letzte Spiel der Franchise.

WFL Saison 1974
Saison 1974 der WFL

1975 – Die Liga lebt…noch

Joe Namath, public domain

Die Saison 1974 endete also ziemlich bescheiden und mehrere Teams hatten die Segel gestrichen. In Birmingham (Vulcans) und Portland (Thunder) wurden die Teams umbenannt, Jacksonville (Express) und Chicago (Winds) bekamen ein neues Team. Mit San Antonio (Wings) kam ein neuer Standorte hinzu. Ja, Winds und Wings. Sonderlich kreativ war die WFL nicht unterwegs. Abgesehen von Philadelphia und Memphis hatten selbst die bestehenden Teams mindestens einen Owner-Wechsel hinter sich.

Mit elf Teams, verteilt auf eine Eastern und eine Western Division, wollte man einen neuen Anlauf starten. Der bisherige Fernsehpartner TVS war nach dem Reinfall der vorherigen Saison äußerst distanziert und drohte damit keine weiteren Spiele auszustrahlen. Nur der Versuch der Liga einen alternden NFL-Star, Quarterback-Legende Joe Namath, von den New York Jets zu den Chicago Winds zu lotsen, ließ die Verhandlungen mit dem Sender am Leben. Dieser machte aber deutlich, vor einer Unterschrift des Stars kein Spiel auszutragen. Die Verhandlungen scheiterten und TVS verabschiedete sich von der WFL. Die Liga hatte mit dem landesweiten Fernsehvertrag ihr wichtigstes Pfund verloren.

Abgesehen von einzelnen lokalen Übertragungen war die WFL von der Fernsehwelt abgeschnitten. Dennoch stand das Ziel: Die Saison mit 18-Spieltagen innerhalb von 20 Wochen sollte durchgeführt werden und ein zweiter World Bowl war für den 4. Januar 1976 terminiert. Mit den neuen Teams würden die TV-Sender wieder Interesse finden. Hoffte man jedenfalls.

Wenige Menschen in riesigen Stadien

Nach fünf Spielen gab das erste Team auf. Chicago Winds, die in der Offseason noch um den ultimativen Blockbuster-Neuzugang kämpften, wollte einfach niemand sehen. Das Preseason Spiel gegen Jacksonville besuchten keine 3000 Menschen, beim einzigen Heimspiel gegen Portland waren rund 3500 Zuschauer im riesigen Soldier Field. Auch im TV und Radio gab es keine Live-Berichterstattung. Weiterhin waren Chicago zwei wichtige Geldgeber abgesprungen. Die Liga stimmte 10-1 für einen Ausschluss, auch weil so mancher Owner wegen der gescheiterten Namath-Aktion verstimmt war.

Während manche WFL-Teams wie Southern California immerhin noch bis zu 30.000 Zuschauer ins Stadion locken konnten, brannte nicht nur in Chicago der Baum. Philadelphia Bell, die mit ihren getricksten Zahlen noch so gut ins erste Jahr gestartet waren, wurden von der eigenen Stadt ignoriert. Obwohl die Bell das Glück hatten, einzelne Spiele im Lokalfernsehen zu haben, wie das Spiel bei der Southern California Sun in Anaheim. Im Vorfeld lief noch ein Lacrosse Spiel, welches allerdings länger dauerte als geplant. Der Beginn des Bell-Spiels wurde daher nicht gezeigt und da sich die Football-Partie ebenfalls zog, kappte der Sender Mitte des vierten Viertels das Signal. Das um 22:30 Uhr gestartete Spiel hatte sich bis 1:30 Uhr Nachts gezogen. Geärgert hat sich vermutlich kaum jemand, Fans gab es wie erwähnt kaum. Zu den fünf Heimspielen kamen etwa 16.000 Zuschauer. In der Summe.

Das letzte Spiel der Bell am letzten Spieltag der WFL sahen 1293 Personen. Dabei hatte das Team im letzten Jahr sogar Geschichte gesschrieben. Head Coach war Willie Wood. Der legendäre Safety der Green Bay Packers wurde damit zum ersten schwarzen Head Coach eines Profitreams in der modernen Ära.

Untergang

Tablle der WFL zum Zeitpunkt des Liga-Endes nach Woche 12

Am 22. Oktober 1975 war es dann vorbei. 12 Wochen waren gespielt, die Liga gab auf. Die Teams waren finanziell am Boden und es gab keinerlei Hoffnung auf irgendeine Geldspritze in Form eines Fernsehvertrages. Alles wurde eingestampft. Ein paar Franchises tauchten später in semi-professionellen Ligen auf, hatten aber keine Verbindung, da die Markenrechte frei verfügbar waren. In der kleinen American Football Association, die zwischen 1977 und 1983 existierte, spielten die Vulcans, Chicago Fire und die Shreveport Steamers mit.

Nach dem Scheitern der COFL in den 1960ern lief es in den 1970ern mit der WFL noch viel schlechter. Ob die 1980er das richtige Jahrzehnt waren? Da versuchte sich mit der USFL die nächste Liga am ganz großen Wurf…

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