Triple Coverage: Brennende Fragen vor dem Rivalry Weekend

Der College Football steht ganz kurz vor dem großen Rivalry-Weekend. Eine Rundschau in gewohnter Form als Fragerunde.

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Diesmal beantwortet College Football-Experte Jan Weckwerth (@giannivanzetti) die Fragen von Thomas Psaier (sidelinereporter.wordpress.com).

1) Alabamas Bryce Young oder Ohio States C.J. Stroud: Welcher QB hatte das eindrucksvollere Spiel am Samstag?

Jan Weckwerth: Kann ich den Preis an beide vergeben? Das waren jeweils so fantastische Leistungen, dass ich ungern eine abwerten würde.

Für Stroud spricht, dass er seine Leistung eigentlich in einer Halbzeit erbracht hat. Michigan State wurde von dieser Pass Offense so überrollt, wie ich es selten erlebt habe.

Young hatte eine weitaus bessere Defense als Gegner. Arkansas spielt eine engmaschige Zone, gegen die kaum ein Quarterback diese Saison erfolgreich passen konnte. Vor dem Spiel gaben die Razorbacks keine 200 Pass Yards pro Spiel ab. Dass er diese Defense auch over the top mit tiefen Pässen auf Speedster Jameson Williams schlagen konnte, hat mich beeindruckt.

Wenn ich mich unbedingt entscheiden müsste, würde ich wohl Young wählen: Der deutlich bessere Gegner und der etwas schlechtere eigene Supporting Cast geben hier den Ausschlag.

2) Ohio State hat mit dem 56-7 Kantersieg über Michigan State ein ganz fettes Ausrufezeichen gesetzt, falls es das bezüglich seiner Playoffambitionen überhaupt noch eins gebraucht hätte. Wie sollen die Michigan Wolverines den Buckeyes bei all ihrer eigenen starken Entwicklung am Wochenende in „The Game“ beikommen?

Jan Weckwerth: Es wird extrem schwer, gegen diese Passing Offense etwas auszurichten. Michigan States Secondary ist deutlich besser als die von Michigan State, aber die drei Buckeyes Receiver Garrett Wilson, Chris Olave und Jaxon Smith-Njigba könnten sofort problemlos für die Hälfte der NFL-Teams starten.

Die größte Chance besteht im Passrush um die beiden Top-EDGEs Aidan Hutchinson und David Ojabo. Durch das Aufkommen von Speedrusher Ojabo kann man die Plays nicht mehr einfach von Hutchinson weg-designen. Allerdings gehören die beiden Buckeyes-OTs Nick Petit-Frere und Dawand Jones ebenfalls zu den besten im College Football. Doch irgendwie müssen die Wolverines schnellen Druck generieren.

Die Woverines Offense ist nicht unbedingt für Shootouts gemacht, obwohl sich das Passspiel in den letzten Wochen verbessert hat. Jim Harbaugh und sein OC Josh Gattis werden sicherlich erstmal bei ihrem lauflastigen Ansatz bleiben (und benötigen dafür dringend ihren Speedback Blake Corum zurück). Gerade deswegen sollten aber von Beginn an viel Risiko gehen und kürzere 4th Downs konsequent ausspielen. Gegen diese mörderische Buckeyes-Offense nützen weder Field Goals noch Field Position.

3) Oregon wurde von Utah 38-7 abgeschossen, und es hätte deutlicher sein können. Was ist schiefgelaufen für die an #3 gerankten Ducks?

Jan Weckwerth: Die Ducks hatten sich die letzten Wochen eh nur durchgewurschtelt und sind nun auf einen Gegner getroffen, der ihnen kompromisslos die Tür vor der Nase zugeschlagen hat. Ich habe selten einen so guten Gameplan verbunden mit so guter Execution gesehen wie bei den Utes in diesem Spiel. Sie haben es geschafft, ihre Stärken zu betonen (physisches Laufspiel aus Big Formations, Playaction insbesondere auf die TEs) und dem Gegner zugleich seine Stärken zu nehmen (konsequent Plays weg von Star-DE Kayvon Thibodeaux).

Auf der anderen Seite haben die Defense und der Game Flow die Ducks Offense zu einseitig zu einer Pass Offense gemacht, was sie in diesem Jahr mit QB Anthony Brown einfach nicht sind. Dass Utes HC Kyle Whittingham dann auch noch Sekunden vor der Halbzeit per Timeout einen Ducks Punt forciert, der dann von seinem Returner Britain Covey zum Touchdown returniert wird, war dann die Kirsche auf der Torte.

4) Cincinnati ist noch immer ungeschlagen, und der „marquee win“ Notre Dame sieht auch noch ganz vernünftig aus. Welchen Weg wird das Playoff-Komitee finden, die Bearcats nächsten Sonntag aus den Playoffs zu wählen?

Jan Weckwerth: Ich glaube wie du, dass das Komitee jede erdenkliche Chance wahrnehmen würde, die Bearcats aus den Playoffs zu entfernen, nur ist das mittlerweile gar nicht mehr so einfach. Daher nehme ich mittlerweile an, dass ein ungeschlagenes Cincinnati dabei sein wird. Andere Kandidaten eliminieren sich gegenseitig (Ohio State/Michigan), und Notre Dame kann man einfach nicht vor den Bearcats ranken, sonst brennt die College Football-Welt.

Ich habe bei mir auf dem Blog alle möglichen Szenarien zu den Playoffs (wie auch zu den Championship Games und den Bowlteilnahmen) zusammengetragen. Hiernach ist es kaum noch möglich, Cincinnati außen vor zu lassen, sollten sie nicht noch stolpern.

5) Clemson hat mit dem deutlichen Sieg über Wake Forest seine Chance auf das ACC-Finale gewahrt, aber auch jede kleine Restchance der ACC auf einen Playoffplatz zerstört. Kann Dabo Swinney diese Saison jetzt doch noch als Erfolg verbuchen? Ist die Saison vielleicht sogar umso mehr Zeugnis dafür, welche große Coaching-Leistung Swinney an diesem historisch nur mittelgroßen Programm in den letzten Jahren abgeliefert hat.

Jan Weckwerth: Das würde ich nicht unbedingt so sehen, denn Swinney hat auch diese Saison mit überragendem Talent arbeiten können. In den vergangenen Jahren hatte sich Clemson ja in punkto Recruiting an die ganz großen Programme herangetastet. Dafür war gerade der offensive Output, der ja gerade unter Swinneys Verantwortung fällt, trotz aller Verletzungsprobleme einfach erbärmlich.

Ich würde hier eine Lanze für DC Brent Venables brechen wollen, der unter schwierigsten Umständen und teils ohne jede offensive Unterstützung eine Defense zusammengestellt hat, die fast jedes Spiel auf absolutem Topniveau performt hat – und auch performen musste, weil die Spiele sonst schlicht verlorengegangen wären. Zeitweilig kamen mir die Tigers vor wie die umgedrehte Version der Kansas City Chiefs: Die Defense durfte wirklich gar nix zulassen, weil die Offense eh nix gebacken kriegt.

#6 Ein anderer Coach ist schon wieder Geschichte: Dan Mullen bei Florida, in drei von vier Jahren in Gainesville in den Final Top-15 gerankt, zweimal davon in den Top-10. Nun ist Mullen unterwegs zu einer „losing season“ schon vor dem letzten Spieltag rausgeworfen worden. Was geht da ab?

Jan Weckwerth: Die Entlassung Mullens hatte sich in den vergangenen Wochen abgezeichnet und ist natürlich auch Zeugnis von den sehr hohen Ansprüchen in Gainesville. Zu der sportlichen Misere gesellten sich weniger eindrucksvolles Recruiting und unglückliche Statements übers Recruiting. Die Gators haben ein großes Talent mit Freshman-QB Anthony Richardson, doch ich weiß nicht, ob es mit dem nächsten Coach sofort wieder bergauf geht.

Persönlich bin ich kein großer Freund von Mullen, halte ihn aber für einen der besten und kreativsten Offense-Minds, Game-Planner und Play-Designer im College Football. Er wird sicher schnell wieder irgendwo unterkommen.

7) Zum Rivalry-Wochenende. Iron Bowl ist sportlich nur mäßig interessant, weil das SEC-Finale mit Georgia – Alabama schon steht. Neben oben besprochenem The Game könnte vor allem das Bedlam-Derby zwischen Oklahoma und Oklahoma State spannend werden. Was macht die Cowboys in dieser Saison eigentlich aus? Haben sie Playoff-Außenseiterchancen?

Jan Weckwerth: Oklahoma State hat sich heimlich, still und leise ins erweiterte Playoffrennen geschlichen. Während die Cowboys traditionell für eine explosive Air Raid-Passattacke stehen, hat sich das in den letzten Saisons erstaunlicherweise ein wenig umgekehrt. Die Offense ist etwas inkonstant und wesentlich gemächlicher unterwegs, dafür hat DC Jim Knowles eine absolute Top-Defense geschaffen, die auf den ersten Blick so gar nicht in die Big 12 passt: viel Press Man Coverage, aggressives Blitzing, harte Hits in der Secondary. Also nichts mit der üblichen soften Zone und bend but don’t break. Obwohl man nicht die ganz großen Stars im Team hat, ist diese Truppe hervorragend eingestellt und hat die letzten Wochen wirklich nichts mehr zugelassen.

Die Cowboys könnten bei günstigem Verlauf durchaus noch in die Playoffs rutschen. Obligatorisch sind natürlich zwei Siege in Bedlam sowie im Big 12 Championship Game (entweder nochmal gegen Oklahoma oder gegen Baylor). Falls Alabama im SEC Championship Game deutlich verliert und sich Cincinnati noch eine Niederlage abholt, wäre das nicht einmal unwahrscheinlich. Allerdings ist zu bedenken, dass die Cowboys in den letzten zwei Jahrzehnten bekannt dafür sind, in den entscheidenden Spielen nicht ihre beste Leistung abzurufen.

8) Wie groß stehen die Chancen, dass Stanford Notre Dame ein Bein stellen kann?

Jan Weckwerth: Ich bin normalerweise ja vorsichtig mit absoluten Aussagen, aber nahe 0 Prozent. Stanford ist in den letzten Wochen in erbärmlicher Verfassung und hat auch gegen mittelmäßige Teams herbe Klatschen kassiert.

9) Wenn du jetzt tippen müsstest: Welche vier Mannschaften werden in zehn Tagen ins Playoff-Halbfinale gewählt? Und welche sollten gewählt werden?

Jan Weckwerth: Puh, ich soll also sowohl tippen als auch die Reaktionen des Playoff Committees voraussagen? Das ist schwierig.

Okay, mein Tipp, wie das Komitee entscheidet. Mit sehr viel Wohlwollen: 1) Georgia, 2) Ohio State, 3) Cincinnati, 4) Notre Dame (sprich: Alabama verliert zu deutlich, und OK State lässt eines der beiden Spiele liegen)

Rein vom Eye Test würde ich Notre Dame rausnehmen und stattdessen den Big 12 Champion oder notfalls sogar Alabama reinnehmen. Falls Alabama reinrutscht, würde das Komitee sie wahrscheinlich auf #3 setzen, damit es kein direktes Rematch mit den Bulldogs gibt. Das erschiene mir wiederum zu hoch.

Leider lassen der Spielplan und die direkten Duelle relativ wenig Auswahl. Aber vielleicht führt das ausnahmsweise mal nicht zu größeren Kontroversen, wäre ja auch mal was.

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