Triple Coverage: Wie viele Tränen hast du verdrückt?

Der 1. Spieltag im College Football 2021 brachte einige spektakuläre Ergebnisse und emotionale Momente. Ein schaler Blick zurück – und ein Blick voraus auf den 2. Spieltag.

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College Football hat geliefert. Jetzt liefern unsere Experten – Jan Weckwerth und Christian Schimmel, und zwar Antworten auf meine Fragen.

#1: Hand aufs Herz: Wie viele Tränen hast du verdrückt, als McKenzie Milton auf das Spielfeld zurückgekehrt ist?

Jan Weckwerth: Ich war davon mehr mitgenommen, als ich vorher dachte. Ich hatte seinerzeit seine Verletzung live erleben müssen und war wirklich geschockt wie ganz, ganz selten zuvor. Seine Reha habe ich in den vergangenen Jahren immer mit einem Auge verfolgt. Wäre fast noch schöner gewesen, wenn er das Comeback im Jersey der UCF Knights gefeiert hätte, doch das ist letztlich vollkommen egal. Großartig, dass er überhaupt wieder auf dem Feld stand.  Dass er FSU dann sogar noch zurück ins Spiel bringt, war unabhängig von meiner Sympathie für das Programm sowie unabhängig vom Endergebnis the icing on the cake.

#2 So stark die Defenses bei Georgia – Clemson waren: Was war los mit den beiden Offenses?

Jan Weckwerth: Das war insgesamt schon enttäuschend. Clemson konnte in Jahr 1 nach Etienne überhaupt nicht laufen, und QB D.J. Uiagalelei fand keine Antwort auf das Dauer-Blitzing der Bulldogs. Er stand zu lange statisch in der Pocket, bewies zu selten Antizipation und biss sich mehrfach am ersten Read fest. Ich bin mir allerdings ziemlich sicher, dass er aus diesen Erfahrungen lernen wird. Das Talent ist schlicht zu groß.

Georgias Offense macht mir ehrlich gesagt fast mehr Sorgen. Das Laufspiel um RB Zamir White lief zwar wesentlich besser als jenes von Clemson, aber die O-Line offenbarte einige ungewohnte Probleme gegen die – wohlgemerkt monströse – Clemson D-Line. Zwar fehlten den Bulldogs viele wichtige Receiving-Optionen. Dennoch hätte das von QB JT Daniels und Co. schon ein bisschen mehr sein dürfen gegen eine insgesamt eher unerfahrene Secondary.

Man kann sicherlich auch einige Kritik am Playcalling auf beiden Seiten üben. Doch das ist im Nachhinein meist einfach. Die Leistungen haben jeweils halt deutlich nicht gepasst.

Christian Schimmel: Bei Georgia hatten wir ja schon über die Verletzungen gesprochen. Besonders bei den Wide Receivern hat das eine entscheidende Rolle gespielt, und dass Clemsons Brent Venables Defense coachen kann und obendrein viel Talent am Spielfeld steht, wird niemand bestreiten.

Bei Clemson kam es in der Form schon eher überraschend. Doch auch bei Georgia steht angefangen mit Kirby Smart viel Intellekt und Talent auf dem Platz bzw. der Seitenlinie. Die Tigers hatten mal wieder einen massiven Substanzverlust in der Offense. Trevor Lawrence, RB Etienne und dazu mit Amari Rodgers und Cornell Powell zwei der besten Receiver, plus Tackle Jackson Carmon. Das war schon deutlich zu sehen. Ich bin gespannt, wie sich die Offense gegen die eher durchschnittliche ACC-Konkurrenz schlägt.

#3 Nick Saban muss innerlich triumphieren: Seine total neu formierte Offense fegt quasi widerstandslos über die Miami Hurricanes hinweg, während Kirby Smarts Contender mal wieder strauchelt Punkte zu scoren. Wie kann Georgia Bama mit der Spielweise heuer gefährlich werden?

Jan Weckwerth: Aktuell schwer vorstellbar. Daniels müsste sich steigern, und die Rückkehr von mindestens zwei der besten Receiver (oder Tight Ends) wäre dringend erforderlich. Alles wird die herausragende Bulldogs-Defense nicht verhindern können. Vielleicht lässt sich Alabamas QB Bryce Young zu einem oder zwei Fehlern verleiten, doch selbst dann müsste die Offense diese voraussichtlich ausnutzen.

Ich vermute, dass sich Georgia in den kommenden Wochen wieder mehr als zu Saisonbeginn erwartet auf die RBs stützen wird, bis die Skillplayer-Depth wieder etwas ausgeglichener ist. Gegen Alabama braucht es dann aber unbedingt die volle Kapelle.

Christian Schimmel: Quervergleiche sind meiner Meinung nach immer gefährlich. Die Miami-Offense ist sicher nicht der Maßstab im Sinne der Landesmeisterschaft. Zumal, wie oben beschrieben bei Georgia zwei Dinge zum mauen offensiven Output beigetragen haben. Die starke Tigers-Defense und die Verletzungssituation auf den Skill Positionen.

#4 Hat sich Wisconsin in Graham Mertz (und gegen Jack Coan) in der Offseason für den falschen Quarterback entschieden?

Jan Weckwerth: Aktuell könnte man den Eindruck erhalten. Ich gehörte schon eher zu den Skeptischen, aber da ist mir aktuell zu viel Hindsight dabei. Mertz galt als größtes Quarterback-Talent der Badgers seit langem und zeigte im Auftakt 2020 vor seiner Corona-Erkrankung ja auch seine Klasse.

So richtig hat sich allerdings ja nicht Wisconsin entschieden, sondern Coan selbst – wobei natürlich einiges auf Mertz als Quarterback der Zukunft hindeutete. Nach dem ersten Spieltag ist jedoch zu konstatieren, dass Mertz gegen Penn State alles andere als einen guten Eindruck gemacht hat. Es waren ja nicht nur zwei oder drei gröbere Fehler, sondern grundsätzliche Probleme: Schlechtes Verhalten gegen Druck, fragwürdige Entscheidungen und ziemlich viele inakkurate Pässe.

#5 Ich fühle mich nach Woche 1 bestätigt in meiner Skepsis gegenüber Sam Howell. Was ist gegen Virginia Tech schiefgelaufen?

Jan Weckwerth: Das war in der Tat ein ziemlicher Downer für die Offense von UNC. Sam Howell wirkte mit seinem neuen Receiving-Corps nicht eingespielt und hatte einige fehlerhafte Entscheidungen und Würfe dabei.

Dennoch möchte ich hier zunächst die Defense der Hokies und insbesondere ihren jungen DC Justin Hamilton loben. Der hatte einen exzellenten Gameplan gegen eine nicht eingespielte Offense parat: variable Pressure der D-Line mit einem überragenden DE Amaré Barno und außen ziemlich konsequent Man Press Coverage. Damit nahmen sie den Tar Heels die einfachen Pässe, und tief deckten die Cornerbacks alles ab. Darauf hatte die Offense keine Antworten parat. OC Phil Longo und seine Pass Play Designs erwähne ich heute nicht schon wieder.

Christian Schimmel: Ehrlich Thomas, ich will nicht jede Woche auf Longo draufhauen. Zumal die Offense mit den Backs Javonte Williams und Michael Carter sowie Dyami Brown und Dazz Newsome ihre größten Unterschied-Spieler abgesehen von Howell verloren hat. Das der Output dann so dünn ist, insbesondere in Hälfte eins hätte ich auch nicht vermutet. Aber es könnte ein Signal für aufkommende Probleme sein.

#6 Samstag 18h: Ohio State gegen Oregon. Werden die Buckeyes gegen eine wohl Thibodeaux-lose Ducks-Defense erneut eine ganz Halbzeit brauchen, um in Fahrt zu kommen?

Jan Weckwerth: Noch ist ja nicht ganz raus, ob Kayvon Thibodeaux nicht doch auflaufen kann. Ohne ihn wird es für die Ducks natürlich brutal schwer, und der Auftritt gegen Fresno State hat da wenig Hoffnung gemacht. Der Passrush sah ohne Thibodeaux deutlich schwächer aus, die Secondary hatte überraschende Probleme, und die Offense hatte lange Zeit Probleme, den Ball konstant zu bewegen (insbesondere über den Pass).

Bei Ohio State sollte der Rost abgeschüttelt sein. QB C.J. Stroud vergaß in der zweiten Hälfte seine Anfangsnervosität. Hilft natürlich, wenn man mit Chris Olave und Garrett Wilson das beste Receiver-Duo des Landes hat. Allerdings war die Defense erneut nicht wirklich sattelfest, gerade gegen den Lauf. Diese Schwäche allein dürfte Oregon aber zu wenig nützen.

Christian Schimmel: Trap Game. Oregon hat in Woche 1 fürchterlich ausgesehen und den Buckeyes wird es gutgetan haben, von Minnesota direkt gefordert worden zu sein. Das ist auch der Grund, warum ich glaube, dass OSU deutlich schneller auf Betriebstemperatur ist. Von den Ducks erwarte ich allerdings auch eine deutliche Steigerung.

#7 Samstag 21h30: Cincinnati gegen Murray State. Okay, ist nicht der Kracher jetzt, aber ich frage nach wegen Cincinnati. Können die Bearcats mit ihrer Offense heuer einen Angriff auf den National Title vornehmen?

Jan Weckwerth: Das erste Spiel gegen ein überfordertes Miami (Ohio) gab schon mal erste Hinweise darauf, dass die Offense der Bearcats ihre geniale Defense nun endlich mehr unterstützen könnte. Das hatte sich ja bereits in den letzten Wochen der vergangenen Saison angedeutet, als QB Desmond Ridder nicht mehr nur als gefährlicher Runner, sondern auch im Passspiel vermehrt Big Plays generieren konnte. Ich bin ein bekennender Ridder-Fan und glaube, dass er diese Offense (in der es durchaus ein paar interessante Skill Player wie u.a. TE Josh Whyle gibt) in neue Höhen führen wird.

Ganz nach oben wird es für Cincinnati aber wohl leider nicht gehen. Indianas krachende Niederlage gegen Iowa hat den Bearcats – Stand jetzt – wohl einen weiteren Quality-Gegner genommen. Es hängt also nun fast alles am Auswärtsspiel bei Notre Dame am vierten Spieltag.

#8 Samstag 1h: Arkansas gegen Texas. Wie viele Schlüsse können wir aus dem Debüt von Steve Sarkisian letzte Woche ziehen? Kann Arkansas den Longhorns gefährlich werden?

Jan Weckwerth: Die Offense der Longhorns sah gegen ein gefährliches Louisiana-Team schon ziemlich gut aus. Beide Quarterbacks überzeugten im Passspiel, und RB Bijan Robinson ist einer der fünf besten Skill Player im College Football – mindestens! Ein Gamebreaker auf Running Back, der Routen wie ein Receiver laufen kann. Robinson ist ein kommender Megastar, der deine Offense absolut unberechenbar macht.

Ich sehe die Longhorns im Duell zweier Teams der alten Southwest Conference favorisiert, doch Arkansas sollte man unter HC Sam Pittman nicht auf die leichte Schulter nehmen. Die Offense kann den Ball mit dual-threat QB KJ Jefferson, RB Trelon Smith und insbesondere WR Treylon Burks durchaus bewegen. Burks hat sich etwas unbemerkt zu einem der besten Big Receiver im College Football gemausert. Kaum einer kann so regelmäßig absolute Highlight-Catches verbuchen. Das Passing von Jefferson ist allerdings voraussichtlich noch nicht konstant genug.

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Thomas Psaier
Football-Blogger seit 2010. Allesfresser in NFL und College Football.
Jan Weckwerth
College Football- und Draft-Veteran. Podcaster. Sportromantiker. Running game still matters.
Christian Schimmel
365 Tage Football im Jahr sind möglich , GFL Kommentator, Tape-Nerd und Podcaster zu Draft, College und NFL.

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