Triple Coverage: Preview des ersten College-Football-Spieltags 2021

An diesem Wochenende geht es mit der College-Football-Saison „richtig“ los.

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Wir blicken natürlich gespannt wie ein Regenschirm auf die wichtigsten Spiele im College Football von morgen bis Montag. Thomas Psaier (sidelinereporter.wordpress.com) stellt die Fragen, Jan Weckwerth und Christian Schimmel antworten.

1) Bevor wir Spieltag 1 am Wochenende anschauen, lass uns ganz kurz auf Woche 0 blicken: What TF ist mit Nebraska los?

Jan Weckwerth: Du willst mich wohl ärgern. Hierzu müsste ich weit ausholen, und das würde den Rahmen dieses Formats deutlich sprengen. Wer will, kann sich meinen längeren Erklärungsversuch im Podcast bei den College Football Sofa Quarterbacks anhören.

Aktuell machen das Programm und der Coaching Staff auf und abseits des Feldes einen desaströsen Eindruck. Und ganz im Ernst, wenn der halbe offensive Gameplan gegen ein maues Team wie Illinois – zudem im Umbruch befindlich mit neuem Coaching Staff – deswegen sofort zum Fenster rausgeworfen wird, weil die Illini mit einer 4er D-Line und nicht wie erwartet mit einer 3er D-Line auflaufen, dann fällt mir ehrlich gesagt nichts mehr dazu ein.

So viele Hoffnungen ich mit Scott Frost verbunden habe – sicherlich primär geprägt durch meine College Football-Sozialisation – so skeptisch bin ich mittlerweile, ob er der richtige Mann in Lincoln ist.

Christian Schimmel: Wer den Schaden hat braucht für den Spott nicht zu sorgen.

2) Samstag 18, #12 Wisconsin gegen #19 Penn State. Wie viel Graham Mertz brauchen die Badgers, um die starke Penn-State-Defense zu knacken?

Jan Weckwerth: Gute Frage. Das sonst so dominante Laufspiel der Badgers hatte im Jahr 1 nach Jonathan Taylor schon kleinere Probleme. Ich erwarte hier eine Steigerung, wenngleich der Stil mit RB Jalen Berger (eher der Slasher mit Burst) etwas anders ausfällt. Ich halte die Penn State-Linebacker um meinen Breakout-Kandidaten Brandon Smith für extrem stark, so dass ich dem Passspiel eine größere Rolle als üblich zukommen lassen würde. Mertz hat 2020 vor seiner Corona-Erkrankung gezeigt, dass er viel mehr sein kann als nur der übliche Badgers-Quarterback, der solide verwaltet und keine Fehler machen soll. Er hat ein sehr erfahrenes Receiving-Corps zur Verfügung, allerdings ist die Secondary der Nittany Lions ebenfalls nicht zu verachten. Gerade im Duell Badgers Offense gegen Lions Defense erwarte ich ein paar echte Highlights. Insgesamt sehe ich die Badgers aber vorn.

3) Samstag 21h30: #18 Iowa gegen #17 Indiana. Langweiligstes Big-Ten-Team gegen aufregendstes Big-Ten-Team?

Jan Weckwerth: Jein. Ich habe die Hoosiers zwar in den letzten Jahren ein wenig in mein Herz geschlossen und liebe sowohl ihren Playmaker-QB Michael Penix sowie die kreative und aggressive Defense mit einer fantastischen Secondary. Aufregend passt daher schon ganz gut.

Doch Iowa hat das Potenzial, ihre alte Schlafwagen-Offense hinter sich zu lassen, da sie ein paar aufregende und dynamische Playmaker in ihren Reihen haben (u.a. RB Goodson, WR Tracy, TE LaPorta). Das Problem liegt aktuell beim Quarterback: Kann Spencer Petras sich zumindest soweit steigern, dass er das solide, aber nicht bahnbrechende Niveau seiner Vorgänger wie Nate Stanley oder C.J. Beathard erreicht, wird diese Offense einige überraschen.

Die Defense der Hawkeyes fand ich übrigens noch nie langweilig, sondern immer wieder aufs Neue faszinierend. Kaum ein Coach holt durch System, Scheme und Talententwicklung mehr aus seinen Möglichkeiten raus als DC Phil Parker. Ich frage mich seit vielen Jahren, warum die NFL nie die Fühler nach ihm ausgestreckt hat – gerade wenn man sieht, was er Jahr für Jahr aus einer meist nur mäßig talentierten Secondary kreiert.

4) Samstag 21h30: #1 Alabama gegen #14 Miami/FL. Alabama pflegte in der Vergangenheit in schöner Regelmäßigkeit, namhafte Auftaktgegner mit Top-10 Ambitionen in ihre Einzelteile zu zerlegen. Gibt es irgendeine Hoffnung, dass es diesmal zumindest spannend werden könnte?

Jan Weckwerth: Ehrlich gesagt gehe ich vom nächsten Blowout aus. Wenn ich mir Hoffnung konstruieren müsste, läge die in zwei Punkten:

#1 Die Unerfahrenheit der Tide Offense: neuer OC mit Bill O’Brien, neuer Quarterback mit Bryce Young, der ein komplett anderer Typ als sein Vorgänger Mac Jones ist. Dazu muss Alabama fast alle Skill Player und einige OL-Starter ersetzen. Die Offense wird also ein völlig neues Gesicht haben. Braucht sie einen Moment, um sich einzutakten?

#2 D’Eriq King: Der Quarterback der Hurricanes gehört zu den spektakulärsten Spielern im College Football. Wie fit ist er nach seinem überstandenen Kreuzbandriss wirklich? Das ist vor allem deswegen entscheidend, da ich glaube, dass King die Tide Defense vor allem mit seinen Läufen attackieren muss. Das Receiving Corps der Canes sehe ich – insbesondere im outside Passing – doch eher im Nachteil.

Christian Schimmel: Nope. Alabama ist in diesen Spielen 9-1 gegen den Spread. Die Crimson Tide hat es sich zur Vorliebe gemacht, nominell starke Gegner am ersten Spieltag aus dem Stadion zu schießen. Klar, Alabama hat mal wieder viel Talent an die NFL verloren, auch und gerade auf Quarterback, Running Back und in der Offensive Line. Dennoch sehe Alabama klar stärker.

5) Samstag 1h: Auburn – Akron. Um Akron als mutmaßlich schwächstes FBS-Team des Jahres müssen wir uns nicht kümmern. Aber bei Auburn debütiert Bryan Harsin als Chefcoach. Was ist von ihm im ersten Jahr zu erwarten?

Jan Weckwerth: Ich widerspreche als MAC-Insider nur ungern, aber ich glaube, dass Akron nicht mal das schwächste Team in der eigenen Division ist. Bowling Green könnte die Zips noch unterbieten – was wohlgemerkt nicht ganz leicht ist.

Nun zur eigentlichen Frage: Ich weiß ehrlich gesagt nicht so recht, was man von Auburn erwarten kann. Ein Umbau in der wohl stärksten Division im College Football, der SEC West, ist sicherlich schwierig. Man sollte daher nicht zu schnell zu viel erwarten. Andererseits haben die Tigers auf dem Papier weiterhin einige fantastische Spieler und Units: RB Tank Bigsby ist vielleicht mein Lieblings-Runner im gesamten College Football. In der Offense wird dennoch alles von QB Bo Nix abhängen. Kann er sich endlich substanziell verbessern? Hilft ihm vielleicht das neue System?

In der Defense ragt für mich die Back 7 heraus mit sehr agilen und zugleich aggressiven Linebackern (unbedingt mal auf Owen Pappoe achten) und einer herausragenden Secondary um die Top-CBs Roger McCreary und Nehemiah Pritchett sowie All-Name Safety Smoke Monday. Aber wie schnell kann das neue Scheme von Ex-Vanderbilt-HC Derek Mason implementiert werden?

6) Samstag 1h30: #3 Clemson – #5 Georgia. Der Kracher des Wochenendes! Wie gut muss Georgias QB J.T. Daniels sein, damit die Bulldogs gegen Clemson eine Chance haben?

Jan Weckwerth: Aktuell sieht es so aus, als ob er eine wirklich herausragende Leistung bringen muss. Denn Georgia fehlt ein beträchtlicher Teil des Waffenarsenals im Passangriff (WR Pickens, WR Blaylock, TE Washington, TE/WR Gilbert), weitere waren angeschlagen und konnten sich nicht entsprechend vorbereiten. Ich vermute daher, dass die Bulldogs zunächst versuchen, doch wieder primär zu laufen und so ihre extrem tiefe RB-Unit ins Spiel zu bringen. Doch wird das gegen die monströse D-Line von Clemson sehr, sehr schwer. Daniels wird mit einem ausgedünnten Receiving-Corps über sich hinauswachsen müssen. Keine leichte Aufgabe.

Christian Schimmel: Problem sind die Ausfälle der Bulldogs, die für mich, auch wenn ich grundsätzlich keine Preseason-Rankings mag, das nominell stärkste Team des Landes sind. Insofern braucht Daniels einen sehr guten Tag und die Offense auch etwas an Evolution. Ein oft spröde daherkommender Angriff bringt dich nur bis zu einem gewissen Punkt. Darauf bin ich gegen Clemson aber insbesondere während der Saison am meisten gespannt.

7) Reicht ein D.J. Uiagalelei um mit relativ unerprobten Waffen Georgias knackige Defense mehr als 30 Punkte einzuschenken?

Jan Weckwerth: Nein. So talentiert Uiagalelei auch ist, er wird Hilfe benötigen, da er einer der besten Defenses des Landes gegenübersteht. Ich glaube, dass Georgias 3er D-Line und ihre exzellenten ILBs um Nakobe Dean den Lauf der Tigers abklemmen können. Die Qualität eines Etienne hat (noch) keiner, und Zone Reads werden ohne die gefürchtete Lawrence-Etienne-Kombo nicht mehr ganz so effizient sein. Uiagalelei wird es voraussichtlich mit dem Pass richten müssen. Immerhin hat er dafür nun endlich Star-WR Justyn Ross zurück. Das ist allein deshalb wichtig, weil sich die hochtalentierten junge Receiver in den letzten zwei Saisons noch nicht wie gewünscht entwickelt haben. Mindestens einer davon müsste sich nun zu einem verlässlichen Difference Maker entwickeln.

30 Punkte sind vielleicht möglich, könnten bei den beiden starken Defensiven auch durchaus reichen. Ich erwarte weder einen Shootout noch einen Low Scorer.

8) Samstag 2h30: UCLA – #16 LSU. Wie groß ist deine Hoffnung, dass wir noch einmal eine Chip-Kelly-Offense sehen, die gegen eine hochklassige Defense wie jene von LSU bestehen kann?

Jan Weckwerth: Höchstens mittelhoch, wenngleich die Offense der Bruins nicht mehr so viel mit seinen Hyperspeed-Offenses von Oregon zu tun hat. Immerhin sah der Aufgalopp am vergangenen Wochenende gegen Hawai’i schonmal ganz gut aus, wobei das Laufspiel um Michigan Transfer Zach Charbonnet da die Hauptarbeit verrichtete. Die großen Hoffnungen ruhen aber ja auf QB Dorian Thompson-Robinson, kurz DTR, bei dem sich unglaublich spektakuläre Plays und hanebüchene Fehler noch zu oft abwechselten. Er müsste gegen die Tigers Defense konstant Plays nicht nur im Lauf, sondern auch im Pass machen. Gegen Hawai’i wirkte er noch ein wenig rostig. Gegen das Monster CB-Duo Derek Stingley und Eli Ricks wird die Aufgabe ungleich schwerer. Vielleicht sollte er sich eher auf die Mitte des Feldes und seinen starken Receiving TE Greg Dulcich konzentrieren?

Trotz aller Skepsis: Wenn es klick macht, gehört DTR zu den gefährlichsten Spielern des Landes.

Christian Schimmel:Hochklassige Defense war das von LSU im letzten Jahr ja eher auf dem Blatt Papier – weniger auf dem Rasen. Die UCLA-Offense hat jedenfalls den Vorteil, schon ein Spiel hinter sich zu haben. Das sah, gegen ein zugegebenes überfordertes Hawaii sehr gut aus. Thompson-Robinson und auch Zach Charbonnet hatten gute Tage. Ich bin auf die Partie sehr gespannt.

9) Ich liebe Lefty-QBs: Hat LSUs Max Johnson irgendwann mal NFL-Potenzial?

Jan Weckwerth: Dazu kann ich dir nach seiner Freshman-Saison ehrlich gesagt noch keine Meinung liefern. Er hat eine etwas seltsame Motion und keinen absoluten Rocket Arm, konnte sich jedoch im Saisonverlauf insgesamt ziemlich steigern. Als Sohn von QB Brad Johnson, der immerhin einen Super Bowl mit den Bucs gewinnen konnte, obwohl er nicht mit dem größten physischen Talent gesegnet war, hat er auf jeden Fall den richtigen Mentor. Ich vermute, er wird vor allem über Genauigkeit und Decision Making kommen müssen.

10) Sonntag, 1h30: FSU – #9 Notre Dame. Ein Klassiker mit eindeutiger Favoritenstellung. Was traust du Notre Dame nach dem Verlust des Quarterbacks, fast der ganzen O-Line und des Defensive Coordinators heuer zu?

Jan Weckwerth: Die Offense der Irish wird voraussichtlich einen Rückschritt machen. Neben Quarterback und den vier Linern muss ja auch fast das gesamte WR-Corps ersetzt werden. Der neue QB Jack Coan ist ein Transfer von Wisconsin, Typ unspektakulärer Pocket Passer und damit ein ganz anderer Typ als Ian Book. Coan hat starke RBs um Kyren Williams, einen herausragenden Center, einen hochtalentierten TE mit Michael Mayer und ansonsten viele, viele Unbekannte. Wird eher eine Übergangssaison.

Der Verlust von DC Clark Lea wiegt sicherlich schwer, doch dafür holten sich die Irish meinen absoluten Lieblings-Coordinator als Ersatz, den ich eigentlich schon länger irgendwo als Head Coach sehen wollte: Marcus Freeman, vormals DC bei Cincinnati. Er gehört für mich zu den hellsten Defense-Köpfen im Football und beeindruckt mit seiner schematischen Variabilität (gerade für die Secondary). Er lässt eine deutlich aggressivere Defense als sein Vorgänger spielen, so dass es wahrscheinlich etwas Eingewöhnung braucht. Immerhin hat er mit S Kyle Hamilton einen der besten Defender des Landes zur Verfügung. Im Preview zur vergangenen Saison hatte ich ihm das Potenzial zum Star bescheinigt, das er mehr als erfüllte. Hamilton ist vom Typ her absolut unique, kann nur empfehlen, ihn mal genauer zu betrachten.

Insgesamt wird das für Notre Dame wohl eher ein Übergangsjahr, ehe man 2022 wieder voll angreifen kann.

Christian Schimmel: Ich glaube schon, dass es anhand der von dir benannten Personalwechsel einen kleinen bis mittleren Schritt zurück geht, speziell in der Sieg-Niederlagen Bilanz. Ian Book war zwar kein weltbewegender NFL-Prospect, aber doch ein brauchbarer College Football-Starting-Quarterback. Glaube schon, dass man den Verlust von Qualität und Erfahrung in der Offensive Line merken wird, wenn auch vermutlich noch nicht so stark gegen FSU.

11) Montag, 2h: Ole Miss – Louisville. Ole Miss, unterhaltsamstes Team im College Football? Lane Kiffin, vernünftigster Coach im College Football? Müssen wir beginnen, Lane Kiffin zu mögen?

Jan Weckwerth: Ich schreibe oftmals zu lange Antworten. Hier mache ichs mal kurz: Nein. Nein. Und nein.

Christian Schimmel: Widerspruch! Sagen wir es mal so, ich hätte vor einem Jahr jedenfalls nicht rauf gewettet, insofern ist es doch, zumindest in manchen Aspekten schön, wenn man sich täuscht.

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