Könnten die Chargers das Überraschungsteam dieser Saison werden?

In Los Angeles wird der Offensive Rookie of the Year der letzten Saison mit einem vielversprechenden, jungen Headcoach vereint. Bedeutet das Grund zur Hoffnung oder die große Enttäuschung? Wo ist die Endstation für den Hypetrain der Chargers in diesem Jahr?

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Am 23. April 2020 entschieden sich die L.A Chargers an Position sechs des NFL Drafts für Justin Herbert. Der Quarterback aus Oregon sollte das Team nach einer enttäuschenden Saison mit einer Bilanz von 5-11 in eine erfolgreiche Zukunft führen. Große Hoffnung lagen in dem damals 22-Jährigen der neue Franchisespieler in L.A zu werden. Allerdings bekam das Vertrauen, die Mannschaft aufs Feld zu führen, ein anderer Quarterback. Der damalige Headcoach Anthony Lynn entschied sich in Woche 1 dafür, Tyrod Taylor starten zu lassen. In dieser Konstellation ging man also in die Saison: Tyrod Taylor als Starter auf dem Feld und Justin Herbert, ohne allzu großen Druck, an der Seitenlinie, um mehr Zeit zu bekommen sich an die NFL zu gewöhnen und zu lernen.

Im ersten Spiel gelang es Tyrod Taylor prompt, die Bengals in Cincinnati zu schlagen. Mit einem guten Gefühl und dem Sieg im Gepäck flogen die Chargers zurück nach L.A., wo sie sich auf die Partie gegen den amtierenden Super Bowl Champion vorbereiteten: die Kansas City Chiefs. Die Trainingswoche verlief ohne große Ereignisse, Justin Herbert versuchte aus den Snaps, die er im Training als Backup-Quarterback bekam, das Beste zu machen und sich stetig zu verbessern. Am 20. September fuhr er als Nummer 2 hinter Tayrod Taylor in das SoFi Stadium und stimmte sich auf das Spiel ein. Beide Mannschaften wärmten sich auf, die Kamerateams machten sich für die Fernsehübertragung bereit, die Münze wurde geworfen, die Platzseiten gewählt. Justin Herbert musste nach wie vor auf seinen ersten Start als NFL Quarterback warten. Bis eine Minute vor Kickoff.

Rookie of the Year

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Eine falsch gesetzte Spritze, durch die Taylor nicht in der Lage war zu spielen, ermöglichte Herbert seinen ersten Start in der NFL. Und er erfuhr erst wenige Momente vor dem Spielbeginn davon.
Es sollte der Startschuss für die statistisch beste Rookie Quarterback Saison aller Zeiten werden.

Herbert brach in seinem ersten Jahr direkt mehrere Rookie Rekorde. Mit 396 vollständigen Pässen und 31 Passing Touchdowns spielte er sich in die Geschichtsbücher. Bei den Passing Yards schrammte er nur knapp an seinem dritten Rekord vorbei. Lediglich 39 Yards fehlten ihm, um den Rekord von Andrew Luck mit 4374 Passing Yards aus dem Jahr 2012 zu brechen. Darüber hinaus landete der Spielmacher aus Los Angeles beim Passer Rating ligaweit auf Platz 12 und beim Quarterback Rating auf Platz 13. Bestwert unter den Rookie Quarterbacks der vergangenen Saison.

Am Ende der Saison standen also 4336 Passing Yards, 31 Passing Touchdowns und nur 10 Interceptions zu Buche, was ihm den verdienten Titel des AP Offensive Rookie of the Year bescherte. Die Frage in der kommenden Saison wird sein, ob er dieses Niveau mit einem neuen Offensive Coordinator und Headcoach halten kann.

Coaching

Nach vier Jahren musste Anthony Lynn seine Koffer packen und den Posten des Headcoaches in L.A verlassen. Die letzte Saison wurde im Ligamittelfeld mit einer Bilanz von 7 Siegen und 9 Niederlagen beendet. Mehr als die Hälfte der Siege kamen allerdings im letzten Abschnitt der Saison gegen Mannschaften, welche entweder bereits für die Playoffs qualifiziert waren oder keine Chance mehr auf diese hatten. So gewann man gegen die zweite Garde von Kansas City in Woche 17 und knapp gegen lethargisch aufspielende Falcons, Raiders und Broncos. Nach zuletzt zwei Saison mit negativem Rekord entschieden sich die Verantwortlichen in Los Angeles die Zusammenarbeit mit Lynn zu beenden und in eine neue Richtung zu gehen.

Der Defensive Coordinator der Stadtrivalen bekam den Zuschlag: Brandon Staley. Der 38-Jährige formte die Defensive der Rams in der vergangenen Saison zur besten der Liga. Wie man in der EPA per Play Rangliste sieht waren Aaron Donald und Co. letzte Saison mit weitem Abstand die beste Passverteidigung der Liga und zusätzlich eine exzellente Laufverteidigung (Platz 2 hinter Tampa).

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Staley schaffte es mit variablen Schemes die gegnerischen Offenses immer wieder vor neue Probleme zu stellen und so kaum ausrechenbar zu sein. Er leistete exzellente Arbeit bei den Rams.

Auf seinem Resümee ist diese Stelle allerdings die einzige als Coordinator in der NFL. Davor arbeitete er drei Jahre als Trainer der Outside Linebacker in Chicago und Denver. Er schaffte es ein Jahr lang aus sehr gutem Personal eine starke Defensive zu formen. Die Frage wird sein, ob er es auch schafft, seine Leistungen aus der vergangenen Saison zu bestätigen. Er kündigte unter anderem bereits an, sich in die Offensive einbringen zu wollen. Zusätzliche Arbeit für Staley, der sich wie viele vor ihm sicherlich erst an den neuen Posten und die größere Verantwortung gewöhnen muss.

Weitere Veränderungen

Wie so häufig änderte sich zusammen mit dem neuen Headcoach viele weitere Stellen im Coaching Staff der Chargers. Alle drei Coordinator-Stellen wurden von Staley neu vergeben. Derius Swinton übernimmt als Special Teams Coordinator, Renaldo Hill ist der neue Defensive Coordinator und Joe Lombardi koordiniert ab der neuen Saison die Offensive. Des Weiteren bekommen auch die Quarterbacks, Runningbacks, Offensive Line, Wide Receiver, Tight Ends, Secondary und Linebacker zur Saison 2021 einen neuen Coach. Insgesamt wurden 19 Stellen im Coaching Staff neu vergeben. Allerdings ist die Personalie von Joe Lombardi die interessanteste.

Lombardi ist eine sehr erfahrener Coach, der seit 2006 in der NFL arbeitet. 2009 gewann er in New Orleans den Super Bowl als Quarterbacks Coach. Genau diesen Posten hatte er auch von 2016 bis 2020 in New Orleans inne. Dazwischen bekam er die Chance, in Detroit die Offensive zu koordinieren. In der ersten Saison erreichten die Lions mit einer Bilanz von 11-5 die Playoffs, allerdings brillierte in dem Jahr vor allem die Defensive, während die Offensive im Ligadurchschnitt rangierte. Der 50-Jährige wurde in der darauffolgenden Saison nach einem 1-6 Start entlassen und kehrte nach New Orleans zurück. Die Aufgabe von Lombardi in diesem Jahr wird es sein, Herbert schematisch zu unterstützen und diesen in seiner Entwicklung weiter voranzutreiben.

Offensive

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Die Chargers landeten in der vergangenen Saison in der EPA per Play Rangliste der NFL auf Platz 15. Schaut man genauer hin, weist dieser Mittelfeldplatz zwei Seiten auf. Auf der einen Seite das Dropback EPA per Play, bei dem die Chargers, etwas besser als der Durchschnitt, auf Platz 11 landeten. Auf der anderen Seite das Rush EPA per Play, bei dem das Team aus L.A lediglich den 27. Platz belegte. Die Gründe für das schlechte Laufspiel lagen zum einen in der Verletzung von Austin Ekeler, der nur zehn Spiele im Jahr 2020 absolvieren konnte, und zum anderen in der absurd schlechten Offensive Line der Chargers.

Offensive Line

In der Team Run Block Win Rate von ESPN erscheinen die Chargers auf dem letzten Platz mit nur 67 Prozent. Das bedeutet, dass die Offensive Linemen der Chargers in nur 67 Prozent der Laufspielzüge ihren Gegenspieler nicht an den eigenen Running Back haben kommen lassen. In der Pass Block Win Rate sieht es nicht besser aus. Hier landen die Männer aus Los Angeles mit 47 Prozent auf dem vorletzten Platz. Das wiederum bedeutet, dass sie es in über der Hälfte der Spielzüge nicht schafften, ihren Block 2,5 Sekunden oder länger zu halten. Mit Dan Feeney, Forrest Lamp und Sam Tevi ließen drei Spieler in der Line mehr als 30 Quarterback Pressures zu. Auch Pro Football Focus sortierte aus den angeführten Gründen die Offensive Line nach der vergangen Saison auf dem letzten Platz ein.

Vor der Saison hatte das Front Office versucht, die Line auf der rechten Seite mit den Verpflichtungen von Bryan Bulaga und Trai Turner zu verstärken, allerdings plagten beide Verletzungen. Zusätzlich sahen sie unsicher aus, wenn sie auf dem Feld standen. Laut PFF landete Bulaga mit seiner Note von 61,1 auf dem 29. Platz aller Right Tackles der Liga. Turner wurde von PFF als schlechtester Right Guard der Liga evaluiert. Wie man erkennt, war die Achillessehne der letzten Saison also die Offensive Line. Diese Baustelle ging man in L.A auch (erneut) tatkräftig an.

Generalüberholung

Gleich vier neue Starter verpflichtete der General Manager Tom Telesco für die Line rund um Justin Herbert. Der einzige Starter, der in der Line von letzter Saison verbleibt, ist Right Tackle Bryan Bulaga. Wie bereits erwähnt, stand der 32-Jährige in der letzten Saison für sechs Spiele an der Seitenlinie und auch in den Spielen, die er spielte, wirkte er nicht immer zu 100 Prozent fit. Seine Verletzungshistorie hängt ihm schon länger nach, da er bereits 2017 und 2018 insgesamt 13 Spiele verpasste. War er gesund, bekam allerdings stets eine solide Note von 75 oder besser von PFF. Die Hoffnung ist, dass er fit bleibt und stabile Leistungen über die rechte Seite beisteuern kann.

Die Starter der letzten Saison gingen alle ihren eigenen Weg. Trai Turner wurde nach der Saison von den Chargers entlassen und spielt mittlerweile bei den Steelers. Guard Dan Feeney unterschrieb in der Free Agency einen Vertrag bei den Jets. Forrest Lamp unterschrieb im April bei den Buffalo Bills, bis diese ihn im August entließen und Sam Tevi kam im März bei den Colts unter, aber riss sich in der Preseason das Kreuzband.

Die Neuen

Für den neuen Anstrich der Offensive Line investierte das Front Office ordentlich. Sie statteten Corey Linsley mit einem 5-Jahres Vertrag, der auf 62,5 Millionen Dollar notiert wurde, aus und machten ihn so zum bestbezahltesten Center der NFL. Linsley verdiente sich diesen Vertrag in der letzten Saison, in der er zum besten Center der Liga avancierte und mit einer All Pro Auswahl belohnt wurde.

Daneben lotste Tom Telesco die Guards Oday Aboushi (1,6 $ Mio. für 1 Jahr) und Matt Feiler (21 $ Mio. für 3 Jahre) nach Los Angeles. Zusammen mit Linsley müssen sie den inneren Teil der Offensive Line stabilisieren und Herbert hier weitestgehend Sicherheit bieten. Komplettiert wird die Line vom diesjährigen First Round Pick Rashawn Slater (13. Pick). Bei Slater besteht das größte Fragezeichen darin, ob er auch in der NFL in der Lage ist Tackle zu spielen, denn aufgrund seiner Größe und kurzen Armlänge bestehen hier Zweifel. Es könnte sein, dass er deshalb auf Guard spielen muss, aber man sollte ihm eine Chance auf der wertvolleren Tackle Position geben, was die Chargers auch tun. Mit seinen schnellen Füßen ist er sehr agil und ihm ist es so möglich, gut auf Blitzer und Stunts zu reagieren. Berühmt berüchtigt ist ein Spiel aus dem Jahr 2019, in dem er Chase Young dominierte.

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Es ist fraglich, wie schnell diese Offensive Line es schafft, zusammenzuwachsen und zu harmonieren. Direkt in Woche 1 wird es mit der vielleicht besten Defensive Line aus Washington einen schwierigen Belastungstest geben. Darüber hinaus könnten die beiden Tackle zur Schwachstelle werden. Nichtsdestotrotz wird diese Line ein klare Verbesserung im Vergleich zum letzten Jahr darstellen und Herbert nicht erneut zwingen, gegen Druck überragend zu spielen.

Quarterback

Betrachtet man die erste Saison von Justin Herbert genauer, sticht ein Aspekt besonders heraus und es sind nicht die Passing Yards oder Touchdowns, sondern seine Spielweise gegen Druck. Der 23-Jährige spielte sensationell gut, wenn er unter Druck geriet. Mit 1113 Passing Yards “under pressure” führte er die Liga in diesen Statistiken an und rangierte mit neun Touchdowns auf Platz 2. Darüber hinaus brachte er die drittmeisten Bälle unter Druck an den Mann und warf dabei nur zwei Interceptions. Herbert war letzte Saison ein Top 5 Quarterback gegen Pressure. Grundsätzlich ist das alles sehr positiv zu sehen für einen Rookie Quarterback, wirft aber auch Fragen auf.

Schlechte Aussichten?

Vor dem Draft lagen die größten Schwächen von Herbert in seinen inkonstanten Reads, seinem wackeligen Gefühl für die Pocket und eben seinem Verhalten gegen Druck. Warum sollte sich das also urplötzlich in der NFL von einer Schwäche in eine Stärke verwandeln? Es ist natürlich möglich, dass er letzte Saison mit seinem Kaltstart in die Profiliga befreit aufspielen konnte und es so schaffte, seine Angst abzulegen. Allerdings ist es auch möglich, dass seine erste Saison nur ein Ausreißer war und wir ein absinkendes Leistungsniveau bei Herbert im Jahr 2021 sehen werden.

Er wäre zum einen nicht der erste Quarterback, der nach einem starken Rookie Jahr ein schwaches zweites Jahr erwischt. Zum anderen wäre er nicht der erste, der nach einem starken Jahr gegen Druck dieses Niveau nicht mehr halten kann. Als Beispiele zu nennen wären hier Jake Plummer von den Broncos, Tim Couch von den Browns oder Rick Mirer von den Seahawks, die alle nach einer guten Rookie Saison ihre Leistungen nicht bestätigen konnten. Das Beispiel eines Quarterbacks, der gut gegen Druck aufspielte und dieses Niveau aber nicht halten konnte, wird für alle Chargers Fans schwer zu verdauen sein: Carson Wentz.

Der Quarterback der Eagles spielte in der Saison 2017 so stark, dass er vermutlich den MVP gewonnen hätte, hätte er sich nicht kurz vor Saisonende verletzt. Speziell in dieser Saison brillierte er unter Druck. Damals hatte er das vierthöchste Passer Rating gegen Druck in der NFL. Wie wir alle wissen, kam er nie wieder an seine MVP-würdige Saison heran. Man kann sich bei Herbert weder darauf verlassen, dass er da weiter macht, wo er aufgehört hat, noch dass er in ein tiefes Loch fällt.

Verbesserungspotenzial

Ich möchte an dieser Stelle aber auch nicht den Teufel an die Wand malen. Fakt ist, dass Herbert eine herausragende Rookie Saison spielte und man darauf aufbauen kann. Sein enorm hohes Level gegen Druck wird er allerdings nicht jedes Jahr in dieser Form halten können. Deswegen muss er sich in anderen Bereichen seines Spiels verbessern. Woran er dieses Jahr arbeiten und worauf man als Zuschauer achten kann, ist zum Beispiel das Spiel aus der sauberen Pocket heraus, der konstanteren Genauigkeit im Passspiel und die Ballverteilung in der Mitte des Feldes. Letzte Saison spielte Herbert sehr wenig kurze Bälle über die Mitte, natürlich auch weil die tiefen Bälle gut funktionierten. Grundsätzlich wird sich mit Lombardi die Variabilität im Passspiel steigern und dadurch wird die Offense dieses Jahr mehr von Herbert fordern.

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Wide Receiver

Bei den Anspielstationen hat sich seit dem letzten Jahr weniger verändert für Herbert. Das primäre Duo bei den Wide Receivern besteht weiterhin aus Keenan Allen und Mike Williams. Allen ist einer der besten Route Runner der Liga. Seit vier Saisons liefert er konstant mindestens 1000 Receiving Yards (letztes Jahr 992) und sechs Touchdowns ab. Er kann sowohl im Slot als auch Outside agieren. Sein Partner hingegen ist ausschließlich außen zu finden. Letzte Saison fing er zwei Drittel seiner Targets 10 Yards oder tiefer. Das wird sich auch diese Saison vermutlich nicht ändern. Williams ist ein solider Nummer 2 Receiver, aber den ganz großen Durchbruch schaffte er bisher noch nicht. Hinter den beiden wird es auf Wide Receiver dünn für die Chargers.

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Hoffnungsträger

Nur drei weitere Receiver haben es in den 53-Mann-Kader geschafft. Speedster Jaley Guyton könnte eine Willkommende Ergänzung zu Allen und Williams sein, der aus dem Slot heraus bei tiefen Pässen das Zeug dazu hat, eine Rolle zu spielen. Bisher kann er rund 500 Yards und drei Touchdowns in seiner Karriere aufweisen.

Daneben verstärkte sich das Team aus Los Angeles in der dritten Runde des diesjährigen Drafts mit Josh Palmer. Der 22-Jährige konnte in Tennessee am College mit 475 Yards und vier Touchdowns in 2020 nur bedingt für Aufsehen erregen. Allerdings waren dort die Umstände nicht ideal. Er ist ein Outside Receiver, der seinen Gegenspieler vertikal schlagen kann, mit scharfen Cuts überzeugt und gute Hände sowie Körperkontrolle besitzt. An Agilität mangelt es Palmer und es fällt ihm daher teilweise schwer, sich vom Cornerback zu lösen. In guten Umständen könnte er sich zu einem soliden Outside Receiver entwickeln. An Allen und Williams vorbeizukommen wird ohne Frage schwer, aber so kann er im ersten Jahr ohne großen Druck an sich arbeiten. Abgerundet werden die Receiver von KJ Hill Jr. In der Vorbereitung spielte er als Returner im Special Team und könnte Herbert darüber hinaus beim Passspiel über die Mitte helfen.

Tight Ends

In der Free Agency verloren die Kalifornier Hunter Henry an die Patriots. Als Ersatz unterschrieb Jared Cook für 4,5 $ Millionen Dollar für eine Saison in L.A. Sportlich gesehen ein leichte Verschlechterung im Vergleich zu Henry, der vielseitiger ist. Im Passspiel ist Cook mit seiner Erfahrung allerdings nach wie vor eine zuverlässige Anspielstation. Vor allem in der Mitte des Feldes kann er für Herbert eine Hilfe darstellen.

Dahinter gehen die Chargers mit drei weiteren Tight Ends in die Saison. Donald Parham Jr. besitzt seine Stärken primär im Passspiel. Letzte Saison war er immerhin in der Lage, 159 Yards und drei Touchdowns aufzulegen. Stephen Anderson konnte bereits letztes Jahr in einer kleinen Rolle in der Offense und im Special Team überzeugen und stellt eine anständige Ergänzung zu Cook dar. Zusätzlich zu Josh Palmer entschieden sich die Chargers in der dritten Runde diesen Jahres noch für Tre´McKitty. Auch er schaffte es, sich einen Kaderplatz zu sichern. Seine größte Qualität liegt sicherlich im Blocken, denn am College in Georgia und Florida fing er in vier Jahren nur 56 Pässe. Er wird die Zeit bekommen, sich hinter den anderen drei Tight Ends zu entwickeln.

Running Backs

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Im Backfield wird mit Austin Ekeler einer der besten Running Backs der Liga zurückkehren. Er verpasste vergangene Saison sechs Spiele mit einer Oberschenkelverletzung. Seine große Stärke liegt vor allem im Receving. Im letzten Jahr fing er in 10 Spielen 403 Yards und im Jahr davor kratzte er in 16 Spielen mit 993 Receving Yards sogar an der 1000 Yard Marke. Letzte Saison spielte er in 15 Prozent der Snaps als Wide Receiver, diese Zahl könnte unter Lombardi womöglich steigen.

Immer wieder kommt bei Ekeler die Frage auf, ob er als Runner auch das Zeug dazu hat, in allen drei Downs eingesetzt zu werden. Ekeler schaffte es noch nie, in einer Saison mehr als 557 Yards zu erlaufen. Ich bin der Meinung, dass es ihm enorm hilft, wenn ihm ein zweiter, kräftigerer Running Back zur Seite steht, der Short Yardage Situationen übernehmen kann. Wer diese Rolle dieses Jahr einnehmen könnte, ist fraglich. Die Chargers haben mehrere Optionen, denn sie gehen mit drei weiteren Running Backs in die Saison. Am wahrscheinlichsten ist, dass Justin Jackson als Nummer 2 in die Saison startet. Im Training bekommt er die meisten Snaps hinter Ekeler mit dem ersten Team. Des Weiteren werden Joshua Kelley und Sechstrunden-Pick Larry Rountree, im Kader zu finden sein. Beide sollen wie Jackson eine Ergänzung im Laufspiel darstellen.

Defensive

Trotz der Verletzungen von Derwin James und Melvin Ingram positionierte sich die Defensive der Chargers in der letzten Saison im Ligamittelfeld. Im Rushing EPA per Play landeten sie auf Platz 12 und im Dropback EPA per Play auf Platz 17. Nichtsdestotrotz spielten sie deutlich unter ihren Möglichkeiten. Dieses Jahr kehren Verletzte zurück, es wurde sich im Draft verstärkt und mit Staley hat die Abwehr aus L.A einen neuen Verantwortlichen. Wen hat der Chef an seiner neuen Wirkungsstätte zur Verfügung?

Defensive Line

Die Front Seven wird von einem der besten seines Fachs angeführt: Joey Bosa. Pro Football Focus sieht den 26-Jährigen vor dieser Saison hinter Khalil Mack und T.J Watt auf Platz 3 der besten Edge Rusher. Bosa ist mit 22 Prozent der einzige aktive Edge Rusher mit einer Pass-Rush Win Rate von über 20 Prozent. Allerdings ist auch bei ihm die Gesundheit leider ein nicht zu unterschätzendes Thema. Von seinen fünf Saisons in der Liga konnte er nur in zwei alle 16 Spiele absolvieren.

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Melvin Ingram unterschrieb in diesem Jahr bei den Steelers und hinterließ damit den Platz als Nummer 2 neben Bosa in Los Angeles. Wer diese Rolle übernimmt, ist noch unklar. Die Hoffnung liegt darin, dass Defensive End Jerry Tillery oder Outside Linebacker Uchenna Nwosu in dieser Saison den nächsten Schritt machen können. Neuzugang Kyler Fackrell ist höchstwahrscheinlich nicht dazu in der Lage. In der inneren Defensive Line ist Linval Joseph auf Nose Tackle nicht mehr die Säule, die er einst war. Der andere Starter auf Defensive End ist Justin Jones. Auch bei ihm gibt es große Zweifel, dass er die nötige Unterstützung neben Bosa liefern kann. Auch in der Tiefe gibt es keine großen Talente. Im Großen und Ganzen ist die Front Seven, trotz Bosa, die große Schwachstelle der Defensive.

Linebacker

Auch in diesem Teil der Defensive verlor man mit Denzel Perrymen einen wichtigen Spieler. Er war der beste Run Defender dieser Linebacker-Gruppe. Für ernsthaften Ersatz wurde nicht gesorgt. In diesem Jahr wird Kenneth Murray als Inside Linebacker starten. Er hatte eine wacklige Rookie Saison und eine Steigerung von ihm wäre sehr wichtig, um die Defensive zu stabilisieren. Neben ihm kommt Drue Tranquill von einer Verletzung zurück. Die beiden geben Staley eine gewisse Baseline, in dessen Schemes den Linebackern aber sowieso keine wirklich große Rolle zukommen. Als Backups werden Nick Niemann und Kyzir White in die Saison gehen. Insgesamt sind die Chargers deutlich schwächer bei den Linebackern aufgestellt, als es letztes Jahr der Fall war.

Secondary

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Mit Derwin James besitzen die Chargers auch in diesem Level, wie bereits in der Defensive Line, einen der besten Spieler der Liga. Der vielleicht beste Safety der Liga musste die komplette letzte Saison aufgrund eines Meniskusrisses im rechten Knie pausieren. Die große Hoffnung der Chargers (und jedem, der Football liebt) ist, dass er zu 100 Prozent gesund auf dem Feld stehen kann. Tut er das, wird er der Mittelpunkt der Defense von Brandon Staley sein. In seinem Scheme, welches er bei den Rams spielen ließ, verlangte Staley viel von seinen Safeties ab, denn er setzt sie am liebsten vielseitig ein. Genau das hat Derwin James zu bieten. In der Saison 2018 spielte er von 1219 Snaps, 469 in der Box, 220 als Free Safety, 205 als Slot Corner und sogar 249 als Outside Linebacker.

Neben James startet nach dem Abgang von Desmond King nominell Nasir Adderley auf der Free Safety Position. Aus dem Traning Camp der Chargers hört man, dass Cornerback Chris Harris Jr. teilweise als Safety trainierte. Dies bedeutet vermutlich, dass Staley wie bei den Rams, vorhat mit vielen Defensive Backs auf dem Feld und leichten Boxen zu arbeiten. Das Cornerback Duo bestünde dann aus Michael Davis und Asante Samuel Jr., dem Pick aus der zweiten Runde des diesjährigen Drafts. Samuel ist allerdings sehr klein und leicht, was ihn eher zu einem Slot Cornerback macht. Auf der anderen Seite ist nicht auszuschließen, dass er mit ein wenig mehr Muskelmasse und seiner Agilität, Explosivität und seinem Spielverständnis zwischen innen und außen wechseln könnte. In der Offseason entließen die Chargers Casey Hayward. Ein weiterer starker Cornerback hätte dem Backfield sicherlich gutgetan.

Fazit zur Defensive

Viele erwarten einiges von dieser Defensive, weil Brandon Staley sie übernimmt. Fakt ist allerdings, dass Staley nicht das Talent zur Verfügung hat, mit dem er noch bei den Rams arbeiten konnte. Beim Stadtrivalen hatte er noch Aaron Donald in der Line und Jalen Ramsey im Backfield zur Verfügung. Donald kann in jedem Spiel im Alleingang sehr viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Das Gegenstück hierzu wäre am ehesten noch Joey Bosa, aber auch dieser kommt nicht an die Qualität von Donald heran. Ramsey ist in der Lage, den Nummer 1 Wide Receiver des Gegners auszuschalten, egal ob Outside oder im Slot. Ein elitärer Cornerback fehlt den Chargers auf jeden Fall. Womöglich kann die Rolle des Playmakers im Backfield Derwin James ausfüllen.

So oder so hat die Defensive Baustellen und zwar in jedem Level. In der Line fehlt jemand, der Bosa helfen kann und die Linebacker sind unterdurchschnittlich aufgestellt. Die Secondary besitzt viel Potenzial, aber steht mit Rückkehrer James und Rookie Samuel auf wackeligen Beinen. Brandon Staley kann daher nicht einfach sein Scheme vom letzten Jahr übernehmen, sondern muss sich was neues einfallen lassen. Und zwar während er in eine neue, größere Rolle hineinwachsen muss.

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Gesamtfazit und Ausblick

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass das Front Office der Chargers weiß in welche Richtung es möchte und diesen Plan auch zielstrebig verfolgt. Vieles passt bereits dieses Jahr in L.A. zusammen. Sie haben ihren Franchise Quarterback der nächsten Jahre gefunden, in der Free Agency wurde ihm Hilfe an die Seite gestellt und im Coaching Staff geht man mit Brandon Staley in eine vielversprechende Richtung. Sie haben auf jeden Fall die Qualität, um in den nächsten Jahren ein Dauergast in den Playoffs zu sein. Allerdings sehe ich in dieser Saison noch zu viele Fragezeichen und Baustellen. Kann Justin Herbert seine Leistung von letztem Jahr bestätigen? Wie schnell spielt sich die Offensive Line ein? Welche Arbeit leistet Joe Lombardi? Wie fit sind Derwin James und Austin Ekeler? Wer macht neben Bosa in der Line Druck? Ist Staley in seinem ersten Jahr als Headcoach in der Lage, die Defensive zu einem Top-Niveau zu formen?

Meiner Meinung nach müssen in der kommenden Saison zu viele Variablen zusammenpassen, als dass die Chargers einen erkennbaren Sprung nach vorne machen. Ich denke es wird ein holpriger Start für die Chargers und der Hypetrain entgleist noch, bevor er überhaupt die Playoffs erreicht hat.

Meine Vorhersage: Die Los Angeles Chargers beenden die Saison mit 8 Siegen und 9 Niederlagen und verpassen knapp die Postseason.

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