Bengals 2021: Sprung ins Mittelmaß?

Die letzten beiden Saisons waren für die Fans der Cincinnati Bengals wahrlich nicht einfach. Mit einer Bilanz von 6-25-1 hing das Team am Bodensatz der Liga fest. Durch die Rückkehr vieler Verletzter soll nun der Sprung ins Mittelfeld gelingen.

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Bereits in der vergangenen Saison wurde spekuliert, ob das die Cincinnati Bengals wieder zum erweiterten Mittelmaß der Liga zählen könnten. Die Verletzung von Joe Burrow, eine verletzungsgeplagte Defense und eine extrem schwache Offensive Line machten das am Ende unmöglich. Burrow ist nun zurück. Einige Starter in der Defense können ebenfalls wieder mitwirken. Das sowieso schon starke Receiving Corps wurde mit Ja’Marr Chase aufgehübscht. Ob das Team um Zac Taylor den Sprung zurück ins erweiterte Mittelfeld schafft, könnte auch über die Zukunft des Head Coaches entscheiden. Wirklich angezählt ist er noch nicht. Nach zwei Saisons mit nur sechs Siegen ist es dennoch fraglich, wie viel Geduld die Führung noch mit dem jungen Head Coach hat.

Offense

Das Steckenpferd des Head Coaches ist die Offense. Bis zur Verletzung von Burrow konnte die sich zumindest im unteren Mittelmaß behaupten. Am Ende stand aber nur ein enttäuschender 26. Platz laut EPA pro Spielzug zu Buche. Etwas besser sah es im Passspiel aus. Bis zum Ausfall des Starting Quarterbacks lagen die Bengals in vielen Effizienz-Metriken trotz der miesen Offensive Line nur knapp hinter dem Durchschnitt. Das Laufspiel kam hingegen gar nicht ins Rollen und beendete die Saison auf Platz 26 der Liga.

Schematisch dürfte sich in der kommenden Saison nicht viel ändern. Wie mittlerweile fast ein Drittel der NFL, setzt auch Zac Taylor auf eine Shanahan-Auslegung der West Coast Offense. Somit stehen ein auf Wide Zone Konzepten barierendes Laufspiel und Play-Action Bootlegs im Vordergrund. Allerdings gibt es bei Zac Taylor einige Unterschiede zu den gängigen Interpretationen dieser Offense. So spielte Taylor mit Burrow weniger Play-Action als in diesem System gewohnt. Das änderte sich erst am Ende der Saison. Es bleibt abzuwarten, ob sich der Trend vom Ende der Saison im neuen Jahr bestätigt. Außerdem setzt der Head Coach bei den Bengals viel stärker auf leichtes Personal. Während viele Coaches dieses Coaching Trees auf schwereres Personal setzen, brachten die Bengals im vergangenen Jahr mit 76% die höchste Rate von 11-Personnel (1 RB, 1 TE, 3 WRs) in der NFL aufs Feld.

Quarterback

Viele redeten von der tollen Rookie Saison von Justin Herbert. Dass Joe Burrow bis zu seiner Verletzung in vielen Effizienz-Metriken beinahe auf Augenhöhe mit dem Offensive Rookie of the Year lag, wird dabei oft vergessen. Beim EPA pro Play (Platz 20), der Success Rate (Platz 19) und der Completion Percentage over Expectation (Platz 14) kam Burrow auf Top-20-Werte. Für einen Rookie-Quarterback ist das mehr als respektabel. Dass er das hinter der desaströsen Offensive Line der Bengals erreichte, wertet die Zahlen sogar noch auf.

Dennoch zeigten sich auch einige Schwächen. Gegen Druck spielte Burrow oft zu konservativ. So war er dabei zwar eher unanfällig für Fehler, ließ aber einige mögliche Big-Plays liegen. Auch im vertikalen Passspiel hatte der erste Pick des 2020er Drafts Probleme. Jenseits von 20 Yards brachte er nur neun von 48 Passversuchen an den Mann. Hier kann jedoch die miese Performance der Line einen Enfluss gehabt haben.

Die Schlagzeilen zu einer Rückkehr ins Training sind alles andere als positiv. Besonders unter Druck scheint Burrow große Probleme zu haben. Für eine deutliche Steigerung des Teams muss Burrow aber schnellstmöglich Normalform erreichen.

Skill-Positions

In diesem Bereich liegt die klare Stärke des Teams. Mit Tee Higgins und Tyler Boyd hatten die Bengals bereits ein mehr als ordentliches Receiver-Duo. Dennoch verstärkte das Front-Office die Position nochmals mit dem fünften Pick des Drafts. Mit Ja’Marr Chase bekommt Burrow einen alten Bekannten an die Seite gestellt. Bereits an der LSU erlebten beide zusammen Glanzzeiten und gewannen die National Championship. In der Pre-Season fremdelte Chase noch mit der neuen Liga. Besonders die Drop-Probleme sollten sich aber nicht festsetzen. Fraglich ist jedoch, ob sich der Rookie konstant genug Seperation erarbeiten kann, um eine dauerhafte Anspielstation zu sein. In diesem Gebiet hatte er selbst auf dem College ein paar Probleme. In der NFL wird sich das jedoch nicht mehr so leicht durch Ball-Skills kompensieren lassen.

No-Name-Trio auf Tight End

Bereits in der Analyse zu Zac Taylors Schema wurde angesprochen, dass die Bengals anders als viele Teams mit ähnlichen Schemen kaum auf schweres Personal setzen. Das mag zum Teil an den Präferenzen von Zac Taylor liegen. Die schwache Besetzung der Tight Ends spielt dabei aber ohne Zweifel auch eine Rolle. Als Starter wird C.J Uzomah in die Saison gehen. Viel Spektakuläres ist von dem Veteran aber nicht zu erwarten. Mit Drew Sample hat das Team immerhin einen soliden Blocking Tight End. Den dritten Platz nimmt der 2020er undrafted Free Agend Mitchell Wilcox ein. In der vergangenen Saison kam er nicht zum Einsatz, spielte aber immerhin eine ordentliche Pre-Season.

Mixon bleibt unangefochten

Ähnlich wie Joe Burrow litt auch Joe Mixon unter den miesen Leistungen der Offensive Line. Dennoch zeigte er sich erneut als gute und vielseitige Waffe. Falls die Offensive Line sich endlich zumindest etwas in Richtung Ligadurchschnitt bewegen würde, könnte sich der Running Back endlich ein bisschen mehr aus dem Schatten anderer im Jahr 2017 gedrafteter Running Backs (Dalvin Cook, Alvin Kamara, Christian McCaffrey) spielen.

Samaje Perine dürfte von den Bengals ausschließlich für Goalline- oder Short Yardage Situationen vorgesehen sein. Bei dritten Versuchen dürfte Rookie Chris Evans Spielzeit bekommen. In der Pre-Season deutete er bereits gute Fähigkeiten als Pass-Fänger und -Blocker an.

Offensive Line

Die große Achillesferse des Teams war in der letzten Saison die Offensive Line. Es wurde viel über die Entscheidung diskutiert, nicht Penei Sewell zu draften. Allerdings ist das Tackle-Duo wahrlich das geringste Problem der Unit. Jonah Williams ist insbesondere in Pass-Protection mehr als solide, nur als Run-Blocker hat er noch Schwächen. Auf der rechten Seite trennte man sich von Bobby Hart und verpflichtete mit Riley Reiff einen grundsoliden Veteran.

Weniger gut sieht es in der Mitte der Offensive Line aus. Center Trey Hopkins ist solide, wenn auch nicht mehr. Selbiges gilt für Xavier Su’a-Filo, der in dieser Saison auf Right Guard startet. Die Schwachstelle ist Quinton Spain als Left Guard. Besonders in Pass-Protection spielte er im letzten Jahr die mit Abstand schlechteste Saison seiner Karriere. Sollte er seine Form nicht finden, könnten die Rookies D’Ante Smith oder Jackson Carman einspringen. Sollte Spain jedoch die Form früherer Jahre erreichen, könnte die Offensive Line durchaus im Mittelfeld der Liga landen. Im Gegensatz zu den letzten Jahren wäre das eine extreme Verbesserung.

Defense

Viel hatte das Team vor der Saison 2020 in diese Unit investiert. Da jedoch mit D.J. Reader und Trae Waynes die beiden größten Investments große Teile oder sogar die ganze Saison verpassten, zahlte sich das kaum aus. Am Ende stand beim zugelassenen EPA pro Play nur ein enttäuschender 26. Platz zu Buche. Dabei spielte die Unit gleichermaßen gegen den Pass (Platz 25) und den Lauf (Platz 23) schlecht.

Trotz der Verletzungen im vergangenen Jahr wird der Druck auf Defensive Coordinator Lou Anarumo größer. Nachdem seine Units in den letzten beiden Jahren nur die Plätze 29 und 26 belegten, muss er unter Beweis stellen, dass er der richtige Mann für die Defense der Bengals ist. Auch in der kommenden Saison wird er wohl auf seine flexible und blitzlastige 4-3-Front setzen. Für die Secondary bedeutet das wohl erneut viel Man-Coverage.

Defensive Front

Zumindest die schwächelnde Run-Defense dürfte durch die Rückkehr von D.J. Reader sofort verstärkt werden. Der letztjährige Neuzugang von den Texans ist einer der besseren Nose Tackles der Liga. Trotz seiner Reputation als Run-Stopper ist Reader auch ein recht gefährlicher Pass-Rusher. Für den Platz neben Reader wurde Larry Ogunjobi verpflichtet. In seiner letzten Saison für den Divisionsrivalen aus Cleveland konnte er sich aber weder als Run-Stopper noch als Pass-Rusher ernsthaft beweise. Druck könnte auf ihn durch Last-Minute-Trade B.J. Hill ausgeübt werden. Besonders als Pass-Rusher hat der Neuzugang von den New York Giants deutlich mehr Potenzial.

Auf Defensive End wird Neuzugang Trey Hendrickson den abgewanderten Carl Lawson ersetzen müssen. Leistungsmäßig ist das wohl eine leichte Verschlechterung. Dennoch ist auch Hendrickson ein gefährlicher Pass-Rusher. Die andere Seite ist mit Sam Hubbard okay besetzt. Spannend wird die Entwicklung der beiden Rookies Cameron Sample und Darius Hodge. Besonders der undrafted Free Agent Hodge konnte mit drei Sacks und 11 Pressures in der Pre-Season auf sich aufmerksam machen. Bitter ist hingegen der Ausfall von Rookie Joseph Ossai, der ebenfalls eine tolle Pre-Season spielte. Der Drittrundenpick wird die gesamte Saison verpassen.

Schwache zweite Reihe

Während die Defensive Line in der kommenden Saison eine klare Stärke sein könnte, bleiben bei den Linebackern einige Fragen offen. Die beiden vermutlichen Starter Logan Wilson und Germain Pratt offenbarten besonders in der Laufverteidigung große Schwächen. Immerhin in Coverage spielten beide solide. Von den von Defensive Coordinator Lou Anarumo geforderten Blitz-Qualitäten war absolut nichts zu sehen. Beide Starter waren als Pass-Rusher keine Faktoren. Auch in der Tiefe hat die Unit große Probleme.

Secondary

Einen kompletten Umbruch haben in der vergangenen Off-Season die Cornerbacks erlebt. William Jackson III hat das Team verlassen. Als Ersatz wurde Chidobe Awuzie verpflichtet. Zudem wird Trae Waynes nach seiner Verletzung den Bengals endlich zur Verfügung stehen. Wenn beide nach ihren verletzungsgeplagten Jahren wieder an die Form früherer Tage herankommen, kann die Unit zumindest solide sein. Mit Darius Phillips und Eli Apple ist die Tiefe ebenfalls mehr als nur okay. Für den Slot konnte das Team zudem Mike Hilton verpflichten. Er dürfte ein leichtes Upgrade gegenüber dem nach Minnesota abgewanderten Mackenzie Alexander darstellen.

Viel Qualität in der letzten Reihe

Nach einer enttäuschenden Saison im Jahr 2019 konnte sich Jessie Bates III in der letzten Saison mehr als nur rehabilitieren. Mit 90.1 bekam er von Pro Football Focus sogar die beste Bewertung aller Safeties in der NFL. Mit Vonn Bell steht ihm auch weiterhin ein solider Strong Safety zur Seite. Insbesondere als Run-Defender gehört Bell zu den besten Safeties der Liga, seine Coverage hat hingegen ein paar Lücken. Mit Ricardo Allen wurde ein solider Back-Up verpflichtet. Sollte es weder bei den Cornerbacks noch bei den Safeties große Verletzungsprobleme geben, könnte die Secondary eine der besseren Units der Liga sein.

Fazit

Nach zwei Jahren am absoluten Bodensatz der NFL, wollen die Bengals in der kommenden Saison kein Fußabtreter mehr sein. Personell sind die Voraussetzungen dafür durchaus da. Mit Joe Burrow, Trae Waynes und D.J. Reader kommen wichtige Spieler von Verletzungen zurück. Eine der größten Schwachstellen konnte in der Offensive Line mit dem Wechsel von Bobby Hart auf Riley Reiff ausgemerzt werden. Wenn die interior Line halbwegs hält, könnte die Offensive Line erstmals seit vielen Jahren mal wieder in der Nähe des Ligadurchschnitts liegen. Das kombiniert mit einem ordentlichen offensiven Waffenarsenal, einer guten Defensive Line und einer vielversprechenden Secondary könnte die Bengals tatsächlich endlich ins Mittelfeld der Liga bringen. Am Ende hängt aber vieles am Quarterback. Wie gut hat Burrow die Verletzung verkraftet? Wie stark kann er sich gegen Druck und im vertikalen Passspiel verbessern? Wenn die Bengals ins Mittelfeld wollen, brauchen sie Burrow mindestens in seiner Vorjahresform.

Auch auf die Coaches dürfte man in der kommenden Saison stärker Blicken. Head Coach Zac Taylor dürfte noch genug Kredit haben. Für seinen Defensive Coordinator gilt das nicht. Mit dem aktuellen Personal kann sich Anarumo keine weitere Saison außerhalb der Top-20 leisten.

Mit den starken Ravens und den aufstrebenden Browns gehört die AFC North zu den schwierigsten Divisionen der NFL. Fehler sind nicht erlaubt. Wenn Burrow aber seine Leistungen aus der Rookie-Saison bestätigt und sich Defense und Offensive Line tatsächlich deutlich verbessern, könnten sieben oder acht Siege und somit zumindest ein Sprung ins untere Mittelfeld der Liga möglich sein.

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