Sind die Browns 2021 ein Titelfavorit?

Wir leben in einer neuen Zeitrechnung – eine, in der den Cleveland Browns die Teilnahme an der Super Bowl zugetraut wird.

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Bei Vegas-Odds haben die Browns die aktuell achtniedrigste Quote auf den Titelgewinn – und nach dem starken Debüt von Headcoach Kevin Stefanski und seiner Analytics-lastigen Crew vor einem Jahr ist es auch das erste Mal, dass sich der Browns-Hypetrain einigermaßen valide anfühlt.

Letztes Jahr ging die Mannschaft 11-5 und scheiterte nur knapp im Viertelfinale an den Chiefs. Dieses Resultat hat die Browns letztlich zwar wohl etwas überschätzt: Das Team hatte ein negatives Punketverhältnis, profitierte von einer 7-2 Bilanz in engen Spielen, sah im Wildcard-Playoff nach dem Kollaps der Steelers auch nicht 100%ig souverän aus, und hätte ohne Patrick Mahomes‘ Ausfall im Divisional Playoff keine Chance gegen die Chiefs gehabt.

Doch: In der laufenden Offseason hat GM Andrew Berry genau die richtigen Moves gemacht um die Schwachpunkte systematisch zu beseitigen.

Offense

Die Offense schloss letzte Saison auf Platz 6 in EPA/Play und Platz 9 in DVOA ab. Dabei brauchte es nur etwa ein Drittel der Saison, bis das neue Scheme von Headcoach Kevin Stefanski griff.

Die Browns hatten nach sechs Spielen nur an #23 nach EPA/Play gelegen. Es hatte auch bei uns erste Abgesänge auf QB Baker Mayfield gegeben. Aber dann fand die Unit zu sich und spielte fortan „borderline“ Top-5.

Offensive Coaching

Stefanski ist ein Coach, der, obwohl immer in Minnesota bei den Vikings angestellt, sich mehr als zehn Jahre lang von verschiedenen Offensive Coordinators inspirieren ließ bis er seine eigene Idee von Offense geformt hatte. Im Kern ist es die “Shanahan-Offense”: Laufspiel und Passspiel sind quasi „eins“, gehen ineinander über und wird mit vielen Elementen wie Play-Action und Run-Action Fakes zu Big Plays verwertet.

Die Browns spielen Wide-Zone-Offense mit hoher Early-Down-Run-Rate. 11-Personnel ist die meistverwendete Aufstellung, aber mit nur 44% liegt man dort sehr weit unter dem NFL-Durchschnitt (60%). Dafür spielt Stefanski in 42% der Snaps mit zwei oder gar drei Tight Ends am Feld.

Ein Markenzeichen der Offense ist das Bootleg/Rollout-Spiel, in dem der etwas klein geratene Mayfield die Pocket verlässt um sich Wurfbahnen zu erspähen (28% der Pässe kamen außerhalb der Pocket, nur Lamar Jackson hatte mehr).

4th Downs Entscheidungen 2020 – RBSDM.com

In Punkto Play-Action liegt Cleveland vorne dabei, aber ca. 30% sind doch einige Prozentpunkte unterhalb der NFL-Spitze. Nur wenige Teams haben mehr Motion vor dem Snap, aber dafür hatte nur ein einziges Team weniger Einsatz von RPOs als die Browns.

Auch ist Stefanski ein aggressiver 4th-Down-Coach, der in spielneutralen Situationen eine der höchsten Go-For-It Raten hatte.

Offensive Line

Basis von allem ist die vor eineinhalb Jahren endgültig gefixte Offensive Line. Vor einem Jahr schrieb ich noch, dass die Browns-Line abseits der Tackle-Positionen zu den besseren in der NFL gehört. Heute ist sie im ersten Anzug inklusive der Tackles eine der besten – wenn nicht die beste überhaupt.

RT Jack Conklin hat seinen Ruf als „Mauler“ im Run-Game bestätigt. LT Jedrick Wills hat eine exzellente Rookiesaison gespielt. Innen war man schon davor gut gewesen; OG Wyatt Teller spielte eine All-Pro-würdige Saison. Eine echte Schwachstelle ist im Corps der fünf Starter nicht dabei.

In Summe war diese Line nicht nur in Run-Blocking stark, sondern auch die #2 nach Passblock Win-Rate (2019: #6 PBWR). Die Starter bleiben für 2021 gleich. Nachgelegt hat man diese Offseason vor allem in der Tiefe, z.B. in Person von Center James Hudson (4te Runde), der bei Ausfällen einspringen kann.

Skill Player

Wenn man so viel läuft wie die Browns, dann darf das Laufspiel keine NFL-typische Katastrophe sein. Die Browns hatten 2020 eines der besseren Rushing-Games in der NFL: Mit -0.01 EPA/Play war ihr Beitrag zur Punktausbeute der Offense zwar ein negativer, aber als siebtbestes Laufspiel der NFL war es weniger schlimm als bei den meisten anderen Mannschaften.

Das Runningback-Duo Nick Chubb/Kareem Hunt ist nicht bloß eins der teuersten in der NFL, sondern auch eins der produktivsten. Die Browns-Backs brechen die meisten Tackles in der NFL und haben die zweitmeisten langen Runs nach Derrick Henry – und das, obwohl sie mit den vielen 12/13-Personnel Aufstellungen so oft wie kein anderes Team in „stacked boxes“ mit mindestens 8 Verteidigern laufen mussten (über 30% der Snaps).

Trotzdem: Am Ende gewinnt dir Laufspiel in der NFL keinen Blumentopf, und das wissen auch die Browns. Sie haben in den letzten Offseasons einen imposanten Receiving-Corps zusammengestellt. Die Liste der Optionen ist endlos.

WR1 ist Odell Beckham jr. Das Niveau seiner frühen Giants-Zeit hat OBJ in Cleveland zwar noch nicht erreicht. Theoretisch sollte er aber noch immer auf allen Levels 1-vs-1 Duelle gewinnen. Sein Comeback nach Kreuzbandriss Ende Oktober zwingt Gegner zur etwaiger Sonderbewachung und freieren Räumen für die anderen Receiver.

WR2 ist Jarvis Landry, der ein Viertel der 1st Downs dieser Offense macht – als Receiver! Landrys einziges Problem: Er ist keiner für die Big Plays.

Aber dafür hat man vielleicht Anthony Schwartz in Runde 3 gedraftet. Schwartz ist ein echter deep receiver mit Sprintzeit von 4.3 Sekunden. Er ist als Route-Runner zwar total ungeschliffen. Doch einen so hohen Pick investiert man nicht ohne Hintergedanken für sofortige Schweinereien.

Dahinter hat local boy Rashard Higgins (16 yds/Catch, 2.0 Yards/Route) billig verlängert, und Donovan Peoples-Jones gilt nach seiner starken Rookiesaison als möglicher Breakout-Kandidat. DPJ hatte über 20 Yards/Catch.

Die Tight Ends sind mehr als solide: Austin Hooper ist wohl sein Gehalt nicht ganz wert, aber ein solider Top-10 TE ist er allemal. David Njoku macht in limitierter Rolle über 10 Yards/Catch. Harrison Bryant ist der move TE. Es braucht sie alle drei, denn Cleveland hat so oft wie kaum ein anderes Team drei TE am Feld.

Quarterback

Vorneweg: Baker Mayfields Profil hat bestimmte Ingredienzien eines „System-QB“. Wie die Kollegen Cousins, Goff, Tannehill oder aber auch Derek Carr genießt er den Vorteil, dass er in relativ dicht bevölkerte „Defense Boxen“ werfen kann. Mayfield ist trotz dieses Vorteils von Elite-Produktivität recht weit entfernt (anders als z.B. ein Tannehill 2019 und 2020):

Das Gute: Mayfield war ein Top-5 QB in sauberer Pocket. Das gilt als guter Indikator für die Zukunft. Unter Druck war er wackeliger (#22) – doch diese Performances schwanken stärker. Insofern gilt Optimismus für Baker…

…obwohl sein Drop-Off von Spiel ohne Druck zu Spiel mit Druck so krass ist wie bei keinem anderen QB außer Joe Burrow: 3.6 Yards per Pass weniger, und hohe Bad-Play Rate.

Das ist insofern durchaus wichtig, weil die Browns zwar eine Super-OL haben, aber Mayfields Rollout-lastiges Spiel recht lange Dropbacks erfordert. Baker hält den Ball im Schnitt 3 Sekunden und mehr. Er wird also immer mal wieder unter Druck geraten.

In Punkto Präzision ist Baker erstklassig: 6t-meiste Würfe perfekt auf die Brust gelegt. 12t-höchste Quote an fangbaren Bällen. Die Basis für alles ist eigentlich da – und was mir durchaus Hoffnung macht: Baker versucht zu „createn“ und spielt die Mitte des Feldes häufiger an als vergleichbare klein gewachsene QBs wie Kyler Murray oder Russell Wilson.

Was Baker nicht ist: Ein QB, der nur einfache Würfe nimmt. Im Gegenteil: Die Browns-WRs lagen 2020 bei freigelaufenen Targets nur im Mittelfeld der NFL. Baker hatte recht viele Pässe in enge Deckung – und keine Scheu davor, das Abzugshändchen zu drücken.

Defense

Die Defense war der Hauptfokus des Front Offices in der laufenden Offseason. DefCoord Joe Woods musste letzte Saison eine der am meisten durch Verletzungen geplagten Units durchschleifen. Tiefe sollte jetzt erstmal kein kritisches Problem mehr sein.

Was man nicht meinen würde bei all den jungen Spielern und Neuzugängen: In Summe ist diese Defense eine der fünf ältesten. Routine ist also nicht das Problem – aber dafür ist es das Zusammenspiel. Acht, neun neue Starter musst du erst einmal in so kurzer Zeit vernünftig zusammenbauen.

Defensive Backfield

Und trotzdem mutiert die Secondary von der offenen Scheune zu einer echten Stärke: S John Johnson und Slot-CB Troy Hill kommen von den Rams, CB Greg Newsome wurde in Runde 1 gedraftet, der erst 2020 in der 2ten Runde gedraftete S Grant Delpit stößt nach Achillessehnenriss erstmals zum Team.

CB1 ist Denzel Ward – kein absoluter Superstar, aber einer der besten „1b-Corner“, solange er nicht gegen Travis Kelce antreten muss.

Newsome könnte outside den CB2 geben und den bis jetzt enttäuschenden Glasknochen Greedy Williams auf CB4 verschieben, denn Hill ist als Slot-CB erstmal gesetzt. Der Ergänzungs-Safety Ronnie Harrison ist für die Tiefe auch kein schlechter.

Front

Linebacker war 2020 kritisch. In „JOK“ Jeremiah Owusu-Koramoah hat man einen der interessanteren Prospects gedraftet. Für JOK gibt es keine offensichtliche Rolle, aber es ist ziemlich sicher, dass Cleveland mit ihm mehr Speed in Passing-Defense bringen will.

In der D-Line hat man Larry Ogunjobi, Sheldon Richardson und Olivier Vernon verabschiedet. Und doch hat man jetzt mehr und billigere Tiefe, weil man u.a. die EDGEs Jadeveon Clowney, Takk McKinley und DT Malik Jackson für quasi lau geholt hat und innen den passrush-starken DT Tommy Togiai gedraftet und Marvin Wilson als UDFA gefischt hat.

Sie alle sind Spieler, die eigentlich vor allem eins machen müssen: Myles Garrett den Rücken freihalten und hie und da von der Produktivität dieses DPOY-Kandidaten schmarotzen und Clean-Up-Sacks abzustauben.

Garrett ist seit 2018 der Passrusher mit der zweithöchsten Win-Rate unter Edge-Rushern. Er ist auch erstaunlich konstant:

Mit massiv verbessertem Defensive Backfield und besserer Rotation in der D-Line könnte das zu abstrusen Sack-Zahlen für Garrett führen.

Defensive Coordinator

Woods ist ein durchaus interessanter Defensive Coordinator. Er kommt aus der Wade-Phillips-Schule, lernte dann unter Vance Joseph und ging über den Umweg von einem Jahr in San Francisco direkt nach Cleveland.

Sein Debütjahr als DefCoord verlief natürlich als #23 nach EPA/Play enttäuschend, aber weil zwischendurch mehr als die halbe Starting-Secondary auf IR war, kann man Woods dafür eigentlich nicht kreuzigen.

Jetzt hat Woods die Spieler – und er hat einen ganzen Rucksack voller Defense-Konzepte, weil er nicht an ein System gebunden ist. Woods kennt hohe Raten von one high und hohe Raten von two high.

Er hat wie Stefanski bereits das Richtige verlauten lassen: 2021 will man in Cleveland viel Dime-Defense spielen. Dime = 6 Defensive Backs am Feld. Es ist quasi Nickel-Defense, in der ein Linebacker gegen einen Safety oder gar Cornerback ausgetauscht wird. In Owusu-Koramoah hat man sogar theoretisch den richtigen Hybrid-Spieler für einen nahtlosen „Übergang“.

Dime-Defense ist etwas anfälliger gegen Laufspiel – aber selbst in einer NFC North, in der Steelers und Ravens wahrscheinlich viel laufen wollen und das eine oder andere 3rd&long per Run verwerten, wird das kein Problem darstellen, denn Dime ist einfach unfassbar viel effizienter gegen den Pass, dass es eigentlich nur dann eine Entschuldigung gibt, nicht viel davon zu spielen, wenn man keine Defensive Backs hat.

Aber wir haben oben gesehen: Die Browns haben diese DBs jetzt. Sie könnten sogar Dime mit Owusu-Koramoah auf der Linebacker-Position spielen. Ich möchte die Offense sehen, die mit so viel Speed umgehen und die richtigen Protection-Calls dagegen finden kann.

Ausblick

Insgesamt ist es also einfach zu sehen, wieso die Browns allerorts als möglicher Superbowl-Kandidat gehandelt werden:

  • Eine Offense, die schon in der ersten Saison der Implementierung gegriffen hat, ihren besten Receiver zurück bekommt und mit etwas Glück und besserem Wetter sogar noch besser werden kann
  • Ein QB, der imstande ist, das Scheme vernünftig umzusetzen und sich an der Schwelle zum „Contract Year“ befindet
  • Eine rundum erneuerte Defense mit tief besetzter Secondary und starkem Passrush
  • Ein intelligenter Trainerstab im zweiten Jahr

Persönlich sehe ich Baltimore noch einen kleinen Schritt vorn. Ich glaube, dass die Browns letztes Jahr besser waren als ihr Pythagorean, aber nicht so gut wie ihr Record. Der Schedule ist mit AFC West und NFC West durchaus knackig. Vielleicht wird es gar nicht die grandiose Win/Loss Bilanz, sondern wieder 11-6, aber diesmal ein stabiles.

Alles unter Platz 2 in der AFC North wäre trotzdem eine krasse Enttäuschung. Playoffs sind eigentlich Pflicht. Für ganz oben – also für eine echte Bedrohung für die Chiefs – muss dann doch noch etwas mehr von der Quarterback-Position kommen, um die möglichen Kinderkrankheiten in der Defense zu übertünchen.

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