Lions 2021 – Vorschau auf das Übergangsjahr

Die Detroit Lions stehen mal wieder in einem Umbruch. Der neueste Head Coach, unter dem alles besser werden soll, ist Dan Campbell.

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Campbell hat sich in den ersten sieben Monaten an vorderster Front einen Namen als lautester unter den Dampfplauderern gemacht. Wenn seine Worte nur etwas Substanz haben, dann sollten die Lions den besten Coach unter der Sonne geangelt haben. Bloß zeigt die Geschichte, dass solche rhetorischen Künste oft schnell verpuffen, wenn die Ergebnisse am Feld nicht stimmen.

Und die werden so schnell nicht stimmen. Ergo musste man Campbell wie auch den neuen GM Brad Holmes mit einem Sechsjahresvertrag ausstatten um die Langfristigkeit des Umbruchs zu zeigen.

Das Gute: Campbell ist voll motiviert. Mit seiner positiven Art hat er als direkter Nachfolger vom bärbeißigen Griesgram Matt Patricia nicht bloß die Besitzerfamilie der Lions von sich überzeugt, sondern auch für gute Stimmung in der Anhängerschaft gesorgt. Campbell verkauft dir sogar Madenkäse als genießbare Angelegenheit.

Campbell war zwar noch nie festangestellter Head Coach oder auch nur Coordinator, doch allein die Fähigkeit, Leute zu managen und Aufgaben zu verteilen, ist oft wichtiger als reine Fachkompetenz.

Das weniger Gute: Viele Dinge, die Campbell sagt, sind eher rückwärtsgewandt. Moderne Impulse sind von den Lions eher nicht zu erwarten.

Offense

Viel gibt es gar nicht zu schreiben: Detroits Stärke ist die Offensive Line. Auf Quarterback hat man einen Statthalter. Der Corps der Skill-Player dagegen gehört zu den schwächsten in der NFL.

Quarterback

Matthew Stafford ist nach 12 Jahren als „Lion“ an die Rams verkauft worden. Im Gegenzug haben die Lions zwei 1st Rounder und Jared Goff abgestaubt. Den allermeisten Analysen nach zu urteilen, ist der Move sportlich für Detroit ein Rückschritt. Und doch war es ein insgesamt weitsichtiger Move, denn bis der Umbruch bei den Lions einigermaßen über die Bühne gewesen wäre, hätte Stafford mit 35 Lenzen auf dem Buckel keine große NFL-Zukunft mehr gehabt.

Goff war bei den Rams prinzipiell ein reiner System-QB. Er brachte die Pässe an, die er qua Scheme anbringen musste – und mehr nicht. Über die letzten Jahre führte das zu verstärkter Frustration bei Sean McVay, und zur Erkenntnis, dass man mit Goff keinen Blumentopf gewinnen kann.

Dabei gibt es durchaus Argumente dafür, dass Goff einfach auch darunter litt, dass McVay die Weiterentwicklung seines Schemes nicht gelang. Punkt ist: Letzte Saison war Goff, wie Stafford ein ehemaliger #1 Overall Draftpick, ein reiner Kurzpass-QB, der die Spielfeldmitte mied und das tiefe Passspiel einstellte.

Wenn kein Wunder passiert, ist Goff reiner Statthalter für den in den nächsten Jahren zu draftenden künftigen Franchise-QB.

Aber eines könnte doch spannend werden: Wie funktioniert Goff in einem etwas „offeneren“ System als jenem McVays, in der er quasi nur als fremdgesteuerte Spielfigur am Feld agieren durfte? Könnte Goff, der am College bei Cal ein total anderes System spielte als Under-Center/Deep-Ball mit zahllosen Bootlegs, in einem anderen System wieder zurück in die Spur finden?

Wenn die Lions anders als McVay etwas mehr „quick game“ spielen, Goff in der Shotgun lassen und daraus ein schnelles Passspiel aufziehen, könnte das für Goff wie eine Befreiung wirken.

Skill Player

Was Goff in Detroit nicht bekommt: Einen so starken Receiver-Corps wie in L.A. Die beiden Top-Receiver in Detroit sind Breshad Perriman und Tyrell Williams. Beide sind Türme bzw. spielen wie Türme. Beide können tief laufen. Aber beide haben in jeweils einer Handvoll NFL-Spielzeiten nur jeweils sehr kurz auf hohem Niveau gespielt – und dann jeweils nicht in der Rolle eines WR1.

Wenn die Posten von WR1 und WR2 von Sekundengenies besetzt sind, ist es für alle Receiver in der Hinterhand schwierig. Geronimo Allison hat als WR3 eigentlich auch nur ein Attribut, das für ihn spricht (seine Größe: 6‘3), und dahinter kämpfen Quintez Cephus und dem deutschstämmigen Amon-Ra St. Brown zwei Jungspunde um etwas Spielzeit.

Die verlässlichsten Waffen könnten in der Tat die Tight Ends sein: T.J. Hockenson hat sich nach zwei Jahren zu einem der besten seines Fachs entwickelt, wenn auch nicht zu der Super-Matchup-Waffe, als der er einst angepriesen wurde. Hockenson soll sich mit Goff schon ganz gut verstehen. Und Daniel Fells ist mit seinen 6‘8 zwar nicht beweglich, aber vielleicht groß genug um in der einen oder anderen Redzone-Situation einen Vorteil zu genießen.

Das Laufspiel wird fast sicher trotz des Einkaufs von Jamaal Williams in die Hände des letztjährigen 2nd Rounder D’Andre Swift gelegt. Der hatte eine gute Rookiesaison, trotz seines weggedroppten Sieges gegen Chicago zum Debüt.

Offensive Line

Prinzipiell die große Stärke der Offense. Detroit ist auf zwei Positionen stark besetzt (Left Tackle Taylor Decker und Center Frank Ragnow), und auf einer dritten spielt der höchstgehypte Offense-Tackle-Prospect der letzten Jahre (Right Tackle Penei Sewell).

Decker war jahrelang sehr guter Durchschnitt, rankte letzte Saison dann schließlich als Top-15 Tackle bei PFF. Ragnow hat nicht umsonst einen Monstervertrag bekommen. Er gilt mittlerweile als einer der drei besten Center in der NFL. Sewell wurde nur deshalb „nur“ an #7 gedraftet, weil der Draft in eine Quarterback/Receiver-Orgie ausartete.

Selbst Guard ist nicht schlecht besetzt. LG Jonah Jackson hat 2020 als Rookie passabel gespielt. Er war freilich keiner der besseren Starter, aber Lernkurven für solche jungen O-Liner sind eher langsam. Auf Right Guard spielt der Mann mit dem unaussprechlichen Vornamen – nennen wir ihn Vaitai. Er ist eigentlich Tackle, sieht dort gegen die Konkurrenz aber kein Land und konnte wegen seines schweren Vertrags nicht gefeuert werden. Also: Weg des geringsten Schadens = Stammplatz auf Guard.

Offense-Coaching

OffCoord Anthony Lynn ist für viele NFL-Experten ein Ärgernis, weil er viel zu viel Laufspiel callt und als Chargers-Head-Coach einige krasse In-Game-Bolzen lieferte. Doch als Offense Coordinator machte Lynn eigentlich oft eine ganz gute Figur. Vor allem: Lynn passt sein Scheme an seine Spieler an. Er hat schon erfolgreich Offense gespielt mit Tyrod Taylor – und dann direkt danach mit Philip Rivers und Justin Herbert. Viel unterschiedlichere QB-Typen wird man nicht finden.

Die Chance steht hoch, dass Lynn bei allem sinnbefreiten „Establish the Run“ zumindest seine Spieler im Passing-Game in vorteilhafte Situationen bringen wird.

In der Hinterhand coachen ehemalige NFL-Profis wie Mark Brunell (QB-Coach), Antwan Randle-El (Receiver-Coach) oder Duce Staley (Runningback-Coach).

Defense

Die große Enttäuschung unter Matt Patricia. Patricia ließ exorbitant hohe Manndeckungs-Quoten spielen, ohne „vorne“ für Druck zu sorgen und Entlastung im Passrush zu kreieren. Patricia hatte einige gute Ansätze wie z.B. seine Blaupause gegen die McVay-Offense oder ein Spiel, in dem er Mahomes lange Zeit kaltstellen konnte. Aber in Summe gab es in den letzten drei Jahren nur eine Mannschaft mit schwächerer Defense, und das waren die Raiders.

Defense-Coaching

Jetzt übernimmt in Aaron Glenn ein neuer Coordinator. Glenn ist ehemaliger Defensive Back und kennt den Wert von Coverage. Welches Scheme er genau spielen wird, müssen wir abwarten, doch über seinen Stil ist bereits einiges bekannt: Glenn verzichtet auf Mikro-Management, fokussiert sich aber auf Assignments und die individuelle Verbesserung jedes einzelnen Spielers in jedem Snap. Glenn ist ein Coach, der versucht zu lehren. Seine Spieler müssen verstehen, warum welches Assignment wo zu spielen ist.

Front

Das Spielermaterial wird nicht perfekt zu Glenns Defense passen, denn Patricia ließ eine recht spezielle Defensive-Front spielen, für die er sehr auserwählte Typen verpflichtete. Doch schon in dieser Offseason haben die Lions auf Defensive Tackle einiges an Neuzugängen geholt um den Kader umzubauen.

DT Michael Brockers kommt von den Rams. Der ehemalige 1st Rounder hat zwar nicht mehr die alte Explosivität, gilt aber nach wie vor als solider Run-Defender in der Mitte. Brockers‘ Präsenz wird dafür sorgen, dass die beiden in der 2ten und 3ten Runde gedrafteten Tackles, Alim McNeill und Levi Onwuzurike, erstmal langsam Fuß fassen können. Beide Prospects haben schon für Aufsehen im Training gesorgt.

An den Flanken werden Trey Flowers und Romeo Okwara den ersten Anzug im Passrush geben. Okwara ist ein starkes Eigenbauprodukt und wurde jüngst mit einem dicken neuen Vertrag belohnt. Flowers ist so ein typischer „Patriots-Spieler“, der in Foxboro im System Belichick als niedrig bezahlter 4th Rounder weit über den Erwartungen spielte, einen viel zu teuren Vertrag in Free Agency kassierte und den natürlich niemals erfüllen konnte.

Flowers ist kein „schlechter” Spieler. Doch es bleibt trotzdem festzustellen, dass er in Detroit in zwei Jahren zusammengerechnet weniger Pressures hatte (nämlich 75) als in New England zuvor in einem Jahr (2017 mit 78 Pressures, 2018 mit deren 77).

Linebacker ist meh besetzt. Jamie Collins ist der bekannteste Name, aber der hoch dekorierte Ex-Star der Patriots hat in den letzten Jahren doch deutlich abgebaut. Der 2nd Round Pick von vor ein paar Jahren, Jahlani Tavai, galt im System Patricia als völliger Bust. Die einzige Hoffnung bei ihm lautet „neuer DC, neues System, vielleicht wird jetzt plötzlich alles besser“.

Es spricht nicht für die Linebacker-Crew, dass ein Alex Anzalone noch als die solideste Option durchgeht.

Secondary

Der spannendste Mannschaftsteil der Defense. Es gibt einige junge Spieler, die entweder gute Ansätze gezeigt haben oder den Status als hoher Draftpick noch nicht bestätigt haben.

Letzteres gilt für Jeffrey Okudah, im Draft 2020 mit Pauken und Trompeten an #3 von den Lions gezogen. Okudahs Rookiesaison ging fürchterlich in die Binsen. In nur 460 Snaps wirkte Okudah so deplatziert, dass er immer wieder gebencht wurde. Das war schon eine krasse Enttäuschung für einen, der als sicherster Cornerback-Prospect seit langem angepriesen worden war.

Doch Okudah wurde auch vom Scheme allein gelassen. Er musste oft auf „der Insel“ operieren, in einer kaputten Defense ohne Passrush. Er ist noch nicht verloren.

Hype bekam auch Amani Oruwariye, letztes Jahr in Runde 4 gedraftet. Oruwariye spielte als Rookie deutlich häufiger (und auch besser) als Okudah. Er könnte den CB2 neben Okudah geben.

Im Slot duellieren sich wohl Corn Elder und Nickell Robey-Coleman. Ersterer ist ein Spätzünder, der bei den Panthers 2020 gar nicht übel war. Letzterer war über Jahre ein solider Nickelback und guter Blitzer, der bei den Eagles einfach ein Scheißjahr hatte.

Spannend ist auch Rookie Ifeatu Melinfonwu, der vielerorts gute Presse bekommt und möglicherweise als eine Art Safety/Cornerback Hybrid agiert.

Ausblick

Schauen wir auf die Wettquoten, so sind die Lions neben Houston der Topfavorit auf den #1 Overall Pick. Diesen #1 Pick zu „erreichen“ wäre ein ganz erfolgreicher Abschluss der ersten Saison unter Dan Campbell, da es den Angriff auf einen Franchise-QB-Prospect wie Spencer Rattler erlaubt.

Doch es gibt noch andere Ziele. Zum Beispiel, dass wir ein Scheme sehen, mit dem man arbeiten kann. Dass die Lions eine Handschrift tragen, an der man sich aufrichten kann. Oder dass junge Spieler wie Okudah oder Oruwariye einen Entwicklungssprung machen und wir 2022 auf einen „Kern“ der Zukunft blicken können.

Doch es besteht auch die „Gefahr“, dass Goff besser spielt als gedacht, dass den Receivern mal wieder das „gute“ Jahr ausrutscht, und dass die Lions den einen oder anderen Sieg zuviel herauswursteln um aus den Top-3 oder Top-5 herauszufallen und den Quarterback-Pick um ein Jahr verzögern müssen.

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Thomas Psaier
Football-Blogger seit 2010. Allesfresser in NFL und College Football.

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