Triple Coverage: Fokus auf die ACC

In wenigen Tagen startet die College-Football-Saison 2021. Wir blicken auf die Atlantic Coast Conference, einige neue Coaches und fragen uns, ob das Playoff-Rennen diesmal wohl spannender werden könnte.

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Lesezeit: 9 Minuten

Vor kurzem haben wir einige allgemeine Themen zur College-Saison besprochen. Die Fragen in diesem College Football Mailbag stellt Thomas Psaier (Sideline Reporter). Antworten kommen wir immer von Jan Weckwerth (Triple Option) und Christian Schimmel (Der Draft).

1) Ganz kurzer Blick auf das Trainerkarussell: Auf welchen neuen Head Coach freust du dich am meisten?

Jan Weckwerth: Da muss ich ganz subjektiv als erstes Mo Linguist nennen, der bei meinen Buffalo Bulls beginnt und in den vergangenen Monaten vom generellen Auftreten einen exzellenten Eindruck hinterlassen hat. Ich hoffe, dass mit ihm eine neue Ära eingeleitet werden kann.

Ansonsten ist spannend, wie schnell Steve Sarkisian aus Texas einen Contender machen kann. Die Paarung von UCF und meinem alten Spezi Gus Malzahn klingt auch vielversprechend.

Christian Schimmel: Brandon Staley. Ach, der zählt nicht? Auf zwei Personalien bin ich sehr gespannt.

1. (Shane) Beamer Ball in South Carolina. Die Gamecocks können sicherlich mehr als zuletzt gezeigt.

2. Jedd Fisch bei Arizona. Die Wildcats waren unter Kevin Sumlin ein Desaster. Sie konnten zudem kaum vor der eigenen Haustüre rekrutieren. Fisch ist erstmals Head Coach und hat einige interessante Stationen hinter sich. Kann in beide Richtungen gehen. 

2) Ein ganz kurzer, schaler erster Blick voraus auf den NFL Draft 2022. In den letzten Jahren ist es Usus geworden, dass der College Football einen Dark-Horse-QB produziert hat, der aus dem Nichts hoch in die 1. Runde geschossen ist. Carson Wentz 2016, Mitchell Trubisky 2017, Kyler Murray und Dwayne Haskins 2019, Joe Burrow 2020, Zach Wilson oder Mac Jones 2021. Also dein Blick in die Glaskugel: Auf welchen momentan überhaupt nicht diskutierten QB dürfen wir uns 2022 freuen?

Jan Weckwerth: Wentz war bei mir seinerzeit schon im heißen Kreis, bei Haskins habe ich mich zumindest nicht doll gewundert, aber grundsätzlich stimmt deine Aussage natürlich. Es findet sich immer mindestens ein Quarterback ganz oben wieder, mit dem vor der Saison kaum jemand gerechnet hat. Nur: Wenn ich jetzt einen bewerbe, dann kommt er ja nicht mehr in Frage.

Daher nenne ich jetzt ein paar Namen von Quarterbacks, auf die ich mich in der kommenden Saison freue. Gerade in den Mid-Majors finden sich viele spannende Kandidaten, von etwas bekannteren Namen wie Malik Willis (Liberty, Independent), Desmond Ridder (Cincinnati) oder Carson Strong (Nevada) bis hin zu Geheimtipps wie Dustin Crum (Kent State), Layne Hatcher (Arkansas State) oder Kaleb Eleby (Western Michigan). Oder es ist jemand, der bisher noch gar nicht gestartet ist, wie beispielsweise ein Emory Jones (Florida). Bei ihm sehe ich es ehrlich gesagt zwar nicht wirklich, doch wer hat das seinerzeit bei Burrow oder Jones getan?

3) Zum Landesmeisterschaftsrennen. Im Football-Outsiders-Almanac dominieren mal wieder die üblichen Verdächtigen die Playoff-Wahrscheinlichkeiten:

Clemson 63% Playoffchance
Alabama 46% Playoffchance
Ohio State 46% Playoffchance
Oklahoma 45% Playoffchance
Georgia 33% Playoffchance

Wie viel Hoffnung gibt es, dass heuer mal wieder mehr als ein Team außerhalb dieses Komplexes die Playoffs erreicht, und welche Teams verkörpern diese Hoffnung?

Jan Weckwerth: Meine Hoffnung ist nicht besonders groß – was eigentlich erschreckend ist bei der Nennung von nur fünf Teams für vier Plätze. Verdeutlicht aber ganz gut, wie berechenbar der College Football in den letzten Jahren geworden ist. Immerhin haben die drei Teams mit den höchsten Wahrscheinlichkeiten allesamt ein paar mehr Fragezeichen als üblich zu beantworten. Vielleicht besteht also die Chance auf die eine oder andere Überraschung.

Gönnen würde ich es Iowa State und seinem HC Matt Campbell. Nur wird es verdammt schwer, an Oklahoma vorbeizukommen, die vielleicht ihrem am vielleicht ausgeglichensten Kader der letzten Jahre aufbieten. Vielleicht kann Texas A&M überraschen, wenn der neue Quarterback Haynes King und die outside Receiver einschlagen? Aber Alabama bezwingen ist dann doch nochmal ne spezielle Aufgabe. In der Big Ten wäre Wisconsin zu nennen, wenn sie ihr präferiertes Spiel durchziehen und zudem mit QB Graham Mertz im Passspiel zulegen. In der Pac-12 dürften sich die Teams wieder gegenseitig rauskegeln.

Ich hoffe natürlich, dass ich falsch liege mit meinen konservativen Prognosen.

Christian Schimmel: Die fünf sind die klaren Favoriten. Michigan sollte besser und vor allem erfahrener sein. Aber Playoffs wären schon viel verlangt. Oregon hat mir unter Mario Christobal sehr gut gefallen, vielleicht ist es jedoch ein Jahr zu früh für die Ducks. Selbiges gilt vermutlich für Notre Dame, die etliche Starter ersetzen müssen.

4) Schauen wir mal auf Clemson, das QB Trevor Lawrence und RB Travis Etienne verliert. Einige Analysten erwarten, dass die Offense mit dem Nachfolger auf QB D.J. Uiagalelei nicht viel an Effizienz verlieren wird. Wie zuversichtlich bist du diesbezüglich? Wie wird die Offense stilistisch unter dem Neuling ausschauen?

Jan Weckwerth: An Uiagalelei habe ich wenig Zweifel. Der ist ein absolutes Top-Talent mit einem Arm, der ebenso gut als Rocket Launcher durchgehen könnte. Bei den Skill Players sehe ich ein paar mehr Unwägbarkeiten: Einen Runner mit dem Talent von Etienne haben die Tigers aktuell nicht im Team. Und die jungen Receiver – allesamt sehr hohe Recruits – haben sich noch nicht wie gewünscht entwickelt. Ganz zufällig hat sich ein Cornell Powell, der zuvor jahrelang Backup war, 2020 nicht ins Rampenlicht gespielt. Es gilt nun gerade für die großen Outside Targets wie Frank Ladson und Joseph Ngata, endlich den Schritt zu Leistungsträgern zu machen. Der letztjährige Freshman E.J. Williams hat mir schon ganz gut gefallen.

Ich vermute, dass mit Uiagalelei weniger Zone Reads und designed Quarterback Runs gecallt werden als mit Lawrence (obwohl auch er mobil ist, allerdings mit anderem Stil). Im Passspiel hat OC Tony Elliott bewiesen, dass er sein System den Stärken des Teams anpassen kann. Hängt also von der Entwicklung der Receiver ab. Vielleicht geht wieder mehr über den TE? Braden Galloway ist keine schlechte Waffe im Passspiel.

Christian Schimmel: D.J. Uiagalelei kann sich bewegen. Obwohl Quarterback-Runs nicht zwingend zur Clemson-DNA gehören, hat man sie mit Deshaun Watson in wichtigen Momenten immer gespielt. Clemsons Offense glänzt nicht gerade mit Komplexität, weil man sie schlicht nicht brauchte. Die Frage ist vor allem, wie sie sich Uiagalelei als Passer entwickelt. Darin liegt für mich die Spannung 2021.

5) Die Miami Hurricanes laufen im Preseason AP-Poll an #14 raus. Für mich ist das zu niedrig. Zustimmung?

Jan Weckwerth: Ich halte gar nichts von Preseason Polls. Von meinen Erwartungen her könnte die Range allerdings ungefähr hinkommen. Miami ist für mich eindeutig das gefährlichste Team der ACC hinter Clemson.

Viel wird davon abhängen, wie fit QB D’Eriq King nach seinem ja erst im Bowl erlittenen Kreuzbandriss ist. In der Offense kehren einige Waffen zurück (RB Cam’Ron Harris, TE Will Mallory), und Oklahoma Transfer WR Charleston Rambo sollte das etwas brachliegende outside Passing Game deutlich aufwerten. So oder so: Hier hängt alles von Kings Zustand ab.

Die Defense muss in der Front ein paar Lücken stopfen (insbesondere auf DE nach den Abgängen von Jaelan Phillips und Quincy Roche). Dafür verspricht die Secondary hohe Qualität mit u.a. Freak-Safety Bubba Bolden, Georgia Transfer Tyrique Stevenson und solider Cornerback Depth.

Christian Schimmel: Die Voraussetzungen sind zweifelsohne gut. Ein erfahrener Quarterback, eine schwache ACC und eine nach wie vor knackige Defense. Allein haben es die Hurricanes in den letzten Jahren auch mit guten Bedingungen nie zu Ende gespielt, insofern ist die leichte Skepsis für mich durchaus nachvollziehbar.

5) Warum zur Hölle wird UNC als ACC-Topteam gehandelt, und wie kann ein eindimensionaler Deep-Passer wie Sam Howell in einer so simplen Offense ernsthaft als Top-10 QB projected werden?

Jan Weckwerth: Ich sehe es genau wie du: UNC wirkt zum aktuellen Zeitpunkt überschätzt. In der Offense sind quasi alle Skillplayer der letzten Saison fort – und die Defense hatte ihre Probleme mit der Konstanz. Immerhin kehren dort fast alle Schlüsselspieler zurück.

Sam Howell sehe ich allerdings ein wenig positiver. Zunächst mal ist ein deep Passer ja nichts Schlimmes. Mal ehrlich, wer steht nicht auf ein aufregendes vertikales Passspiel? Zweitens hat Howell in einigen Spielen der letzten Saison bewiesen, dass er auch mit Kurzpassspiel agieren kann. Dass das zum Teil nicht in den günstigsten Spielsituationen geschah, steht auf einem anderen Blatt. Die Offense von Phil Longo ist in der Tat ziemlich einfallslos.

Ich bin gespannt, wie Howell mit den neuen Receivern klarkommen wird. Josh Downs hat im Bowl Game sein enormes Talent gerade als deep threat mehr als angedeutet. Von ihm erwarte ich wirklich viel, und Dyami Browns Bruder Khafre Brown hatte ebenfalls schon einige Szenen. Wenn Howell mit neuen Receivern und Runnern ähnlich gute Leistungen bringt wie 2020, dürfte ihn das ordentlich nach oben spülen.

Christian Schimmel: Ich glaube, dass Howell mehr kann, als das System ihn tun lässt. Dazu sehe ich wie Jan OC Phil Longo ziemlich kritisch. Ich glaube es sind in letzter Konsequenz drei Dinge, die hier zusammenkommen:

  1. Der Name Mack Brown, der für Viele immer noch für großen College Football steht.
  2. Die Tatsache, dass UNC unter der Führung von Brown schnell erfolgreich war
  3. Und abschließend das gute Recruiting.

6) Wie lange dauert es noch, bis der ewige Umbruch bei FSU vollzogen ist?

Jan Weckwerth: Das erste Jahr vom neuen HC Mike Norvell verlief auf und abseits des Platzes holprig – und das ist noch nett formuliert. Ich glaube noch nicht an einen Umbruch oder Umschwung, allerdings wäre das allein wegen UCF Transfer QB McKenzie Milton nach dessen Horrorverletzung (die ich damals live ansehen musste) eine schöne Geschichte. Wenn er auch nur ansatzweise an seine überragenden Leistungen von 2017 und 2018 anknüpfen könnte!

Die Offense ist zumindest auf dem aufsteigenden Ast und hat einige spannende Skillplayer: RB Jashaun Corbin sollte dieses Jahr endlich durchstarten, TE Camren McDonald könnte einer der besseren TEs der ACC sein, und von Kansas Transfer WR Andrew Parchment halte ich eine Menge. Doch ist die Defense wohl zu schwach (eine der schlechtesten der sowieso nicht glorreichen ACC) für krasse Verbesserungen.

Christian Schimmel: Mike Norvell macht einen guten Job, hat aber nach dem Chaos der letzten Jahre einiges zu tun. Insofern würde ich mal von weiteren 1-2 Jahren ausgehen. Stabilität würde dem Programm gut tun, dann kann man den nächsten Schritt machen.

7) Irgendeine Chance, dass Louisville nach dem Verlust seiner beiden besten Receiver (Tutu Atwell & Dez Fitzpatrick) zurück in die Spur findet?

Jan Weckwerth: Ich sehe das eher skeptisch. Die explosiven Playmaker sind weg (zusätzlich zu den beiden Receivern ja auch Big Play Runner Javian Hawkins). QB Malik Cunningham war bei allem Talent eine ziemliche Turnover-Maschine. Man hat ein paar vernünftige Waffen in der Offensive: Ich halte viel von TE Marshon Ford, dazu sah RB Jalen Mitchell recht gut aus. Und ich bin sehr gespannt auf meinen alten Liebling Shai Werts, der sich nach langer Karriere als Option-QB bei Georgia Southern nun als Receiver versucht. Allerdings wird die Offense längst nicht die gleiche Explosivität aufbieten können.

Hinzu kommt, dass die Defense, die 2020 endlich einmal nicht katastrophal spielte, gerade jetzt einige Schlüsselspieler verliert. Besonders optimistisch bin ich daher ehrlich gesagt nicht.

8) Wie sehr wünschst du dir die Flexbone-Triple-Option Offense von Georgia Tech zurück? Und wie sehr wünschen sich die Fans des Teams diese zurück, nachdem der Trainerwechsel auf Geoff Collins ergebnistechnisch nun eher ein „lateral move“ war?

Jan Weckwerth: Ich habe einen Blog namens Triple Option. Mich sollte man da logischerweise nicht fragen.

Unabhängig davon würde ich Geoff Collins schon noch ein wenig Zeit einräumen. Kaum eine Umstellung ist radikaler als von einer Flexbone zu einer modernen Spread – insbesondere natürlich für O-Line und Quarterback. Diese Saison könnte die Offense mit dem jungen Talent um QB Jeff Sims (wenn er denn endlich mal seine Turnover abstellt) und dem explosiven all-purpose Back Jahmyr Gibbs Spaß machen.

Christian Schimmel: Ich vermisse sie, weil sie eine Marke war und ist und Georgia Tech damit unverkennbar war. Der Weg, davon wegzugehen und damit auch fern des Großraums Atlanta besser zu rekrutieren, war schon nachvollziehbar. Auch da würde ich mit einer Bewertung noch etwas warten. Die Option an sich lebt ja in vielen Facetten weiter, allerdings ist davon auszugehen, dass nur noch wenige Teams ausschließlich auf eine Offense a la Paul Johnson setzten.

9) Kuriosum der ACC: Obwohl die Conference auch abseits des Powerhouses Clemson immer wieder Top-Draftpicks in die NFL schickt, versinkt die Liga seit vielen Jahren im grauen Mittelmaß. Wer ist diesmal dein sportliches Dark-Horse hinter Clemson, UNC und Miami?

Jan Weckwerth: Das ist eine Fangfrage. Die Hälfte der ACC würde ich hinter dem oberen Drittel der AAC („The American“) einordnen.

Aus dem Bauch heraus würde ich am ehesten Boston College und NC State nennen. Die Eagles haben mit QB Phil Jurkovec und WR Zay Flowers ein äußerst talentiertes QB/WR-Duo hinter einer starken O-Line. Von beiden erwarte ich extrem viel. Allerdings müsste sich die Defense deutlich steigern.

Beim Wolfpack wirkt die gesamte Offense sehr reif. QB Devin Leary sah bis zu seiner Verletzung vielversprechend aus, und die Skillplayer um RB Zonovan Knight und WR Emeka Emezie, den ich dir bereits vor zwei Jahren ans Herz legte, müssen sich in der ACC sicherlich nicht verstecken. Ich habe zudem leichte Hoffnungen, dass sich die mäßige Defense diese Saison verbessern wird.

Christian Schimmel: Die Antwort müsste an und für sich Virginia Tech lauten. Auch im Sinne von HC Justin Fuente, dessen Teams nach gutem Start immer mehr ins Mittelmaß abrutschten, und der dringend mal eine gut Saison benötigt.

10) Und wer sind aus deiner Sicht die drei interessantesten Spieler für den Draft 2022?

Jan Weckwerth: Die ACC hat – Stand jetzt – nicht so wahnsinnig Spektakuläres zu bieten für die kommende Draft. Das dürfte sich 2023 voraussichtlich stark ändern. Egal wie man es dreht und wendet: Um die Nennung von QB Sam Howell kommt man wohl nicht herum. Ich bin ein Fan von Clemsons CB Andrew Booth mit seiner unglaublichen Körperkontrolle und spektakulären Ball Skills.

NC States OT Ikem Ekwonu gilt bei vielen als einer der besten Tackles der Klasse, aber da ich mich mit den O-Linern noch nicht genauer auseinandergesetzt habe, setze ich hier auf den Rückkehrer WR Justyn Ross von Clemson. Wenn er an 2018 und 2019 anknüpfen kann, ist er einer der spannendsten Receiver-Prospects der kommenden Klasse.

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Thomas Psaier
Football-Blogger seit 2010. Allesfresser in NFL und College Football.
Jan Weckwerth
College Football- und Draft-Veteran. Podcaster. Sportromantiker. Running game still matters.
Christian Schimmel
365 Tage Football im Jahr sind möglich , GFL Kommentator, Tape-Nerd und Podcaster zu Draft, College und NFL.

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