Texans 2021: Houston, wir haben… Probleme!

Die Texans haben in den letzten 18 Monaten einen beispiellosen Absturz erlebt. Mit neuen Verantwortlichen stellt man sich jetzt dem langen Rebuild.

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Die Texans haben in den letzten 18 Monaten einen beispiellosen Absturz erlebt. Man mag kaum glauben, dass dieses Team im Januar 2020 noch in den Playoffs stand und zwischenzeitlich 24-0 gegen den späteren Super Bowl Champion führte. Doch Fehlinvestitionen und vor allem schlechte Personalentscheidungen im Front Office ließen dieses Team völlig auseinanderbrechen, bis hin zu dem Punkt, an dem Quarterback Deshaun Watson einen Trade forderte. Das gesamte Drama hinter den Kulissen würde den Rahmen hier sprengen und vermutlich Stoff für eine ganze Artikelreihe geben. Und da die rechtliche Situation um Watson immer noch ungeklärt ist, kommt vermutlich noch lange kein Ende in Sicht. Jetzt steht für die Texans erstmal ein längerer Rebuild an.

Für diesen Neuanfang haben die Texans Nick Caserio als GM und David Culley als HC verpflichtet. Diese Einstellungen haben insofern einen bitteren Beigeschmack, dass die kontroverseste Person im Front Office, Jack Easterby, dabei seine Finger im Spiel hatte. Culley und Caserio waren wohl weder bei Fans noch bei Deshaun Watson die erste Wahl für diese Posten. Inwieweit man ihnen mit diesen Misstrauen Unrecht tut, wird die Zeit zeigen. Zumindest Caserio war in der Off-Season auf jeden Fall nicht untätig.

Offense

Im Kader wurde im wahrsten Sinne des Wortes alles auf Null gestellt, wobei die Qualität weiter gelitten hat.  Unter anderem brach der wichtigste Passempfänger Will Fuller seine Zelte bei uns ab und wechselte nach Miami. Nach Jahren einer teils spektakulären, wenn auch ineffizienten Offense wird uns in dieser Saison wohl nur schwer verdauliche Kost geboten. Aufgefüllt wurde der Kader hauptsächlich mit Ein-Jahres-Verträgen, was einmal mehr zeigt, dass man sich in einem Umbruch befindet. 

Aktuell ist noch nicht so richtig klar, was für ein System die Texans in der Offense spielen. Durch den enormen Umbruch fällt es gerade auf dieser Seite des Balles schwer, selbst die Starter zweifelsfrei zu bestimmen.

Quarterback

Die Texans werden die Saison wohl mit Tyrod Taylor als Quarterback beginnen. Der 32-jährige konnte bei seinen vorherigen Stationen zeigen, dass er bei passenden Umständen ein solider Gamemanager ist. Von passenden Umständen kann bei den Texans natürlich keine Rede sein. 

Für die Jahre des Umbruchs könnte er aber eine gute Übergangslösung sein. Bereits bei den Browns und Chargers durfte er diese Rolle ausfüllen, wo er jeweils von einem Rookie-Quarterback ersetzt wurde. Dieses Schicksal könnte ihn wieder ereilen, da die Texans sicherlich irgendwann Third Round Pick Davis Mills testen wollen. 

Mills war ein Superstar in seiner High School Zeit und daraufhin der höchste Recruit seines Jahrgangs. Durch Verletzungen und die verkürzte Corona-Saison kam er bei Stanford aber nur auf 11 Starts. Die ersten Tage im Trainingscamp bestätigen den Eindruck, dass Mills noch nicht richtig bereit für die NFL ist. Vermutlich hätte ihm ein weiteres Jahr am College gut getan.

Wide Receiver

Die Texans müssen mit Will Fuller im zweiten Jahr in Folge einen wichtigen Wide Receiver ersetzen. Seine bis dato beste und vor allem verletzungsfreie Saison wurde durch eine Sperre leider vorzeitig beendet. Nach der Bye-Week hatte man drei von vier Spielen gewonnen und damit die geringe Chance auf einen versöhnlichen Saisonabschluss gewahrt. Doch ohne Fuller gingen die letzten fünf Spiele alle verloren.

Es ist schwer abzusehen, wie genau man ihn ersetzen will. Generell ist das Receiving Corps eine sehr spannende Positionsgruppe. Einzig Brandin Cooks und Rookie Nico Collins sind sicher im Kader. Bei allen anderen Spielern wäre auch eine Entlassung denkbar. 

Cooks ist erst der zweite Receiver nach Brandon Marshall, der für vier unterschiedliche Teams 1000 Yards in einer Saison erzielte. Nico Collins ist aktuell die größte Überraschung im Trainingscamp. Seine physischen Voraussetzungen könnten ihm schnell eine wichtige Rolle in dieser Offense einbringen. Durch die schlechte Personalpolitik konnten die Texans zuletzt nur wenige Spieler draften. Umso wichtiger ist ein junges Talent wie Collins für den Rebuild und die Hoffnung der Fans.

Neben ihm hat zuletzt auch Anthony Miller im Trainingscamp auf sich aufmerksam gemacht. Er scheint aktuell der heißeste Anwärter auf die Position im Slot zu sein. Sein direkter Konkurrent Keke Coutee hat letztes Jahr zwar mehrere gute Spiele, aber auch enorme Fumble Probleme gehabt. 

Zuletzt sei noch Veteran Chris Conley erwähnt. Mit seiner Geschwindigkeit und Größe könnte auch er einen Platz in der Rotation finden.

Tight Ends

Von den Tight Ends kann man in 2021 einen deutlichen Leistungssprung erwarten. In den letzten Jahren wurden Jordan Akins und Pharaoh Brown trotz guter Leistungen nur wenig in die Offense eingebunden. Mit der Verpflichtung des früheren Ravens Assistant Andy Bischoff als TE Coach dürfte sich das merklich ändern. Neben den erwähnten stehen mit Kahele Warring und Rookie Brevin Jordan noch zwei junge Spieler in Lauerstellung und hoffen auf Einsatzzeit. 

Running Backs

Mit den Neuverpflichtungen Mark Ingram, Phillip Lindsay und Rex Burkhead haben sich die Texans breit aufgestellt. Da zudem auch David Johnson noch im Kader ist, stellt sich hier die Frage nach der Aufteilung der Spielanteile. 

Vom Talent her sollte Lindsay den Großteil der Snaps spielen und durch Ingram entlastet werden. Johnson und Burkhead würden dann eher in die Rolle des 3rd Down Back schlüpfen, der besser im Passspiel zu gebrauchen ist.

Trotz der guten personellen Besetzung könnte das Laufspiel der Texans weiterhin große Schwierigkeiten haben. Zum einen ist die Offensive Line nicht eingespielt. Zum anderen hatte OC Tim Kelly im letzten Jahr große Probleme, die richtigen Spielzüge anzusagen. Das Thema Coaching behandeln wir aber später nochmal. 

Offensive Line

Die Texans haben über Jahre enorm viele Ressourcen in die Offensive Line gesteckt, ohne wirklich zufriedenstellende Ergebnisse zu erzielen. Folgerichtig wurde hier auf der Trainerseite eine Veränderung vorgenommen. Für Mike Devlin übernimmt der frühere Offensive Line Coach der Packers, James Campen. Diese Position hat er zudem auch für die Browns und Chargers ausgefüllt.

Mit Laremy Tunsil, Tytus Howard und Max Scharping haben die Texans ein gutes Grundgerüst beisammen. Insbesondere Tunsil spielt in Pass Protection auf sehr hohem Niveau, wie seine PFF-Grade von 85,0 bezeugt. Allerdings ist noch nicht so ganz klar, wie die Besetzung der Line konkret aussehen wird. Besonders die zukünftige Aufgabe von Howard ist noch fraglich, da mit Cannon ein weiterer Right Tackle per Trade verpflichtet wurde. Im Trainingscamp hat man Howard deshalb häufiger als linken Guard spielen sehen. 

Überraschenderweise sieht man im Camp auch Charlie Heck des öfteren als rechten Tackle trainieren. Der Viertrundenpick aus dem Draft 2020 scheint nach einem Entwicklungssprung reelle Chancen auf einen Starterposten zu haben.

Coaching

Dieser Part ist offensiv vermutlich der spannendste, da neben dem Großteil des Stabs auch das Scheme geschasst wurde. Einzig Offensive Coordinator Tim Kelly und, überraschenderweise, Running Backs Coach Danny Barrett durften bleiben. 

Head Coach Culley kann keinerlei Erfahrung als Coordinator vorweisen. Deshalb weiß man aktuell nicht, was für ein System er bei den Texans spielen lassen wird. Auch die Mitglieder seines Trainerstabs bringen ganz unterschiedliche Erfahrungen mit. Die Wahl des Personals lässt zumindest auf einen lauflastigen Ansatz schließen. Culley hat schon angekündigt, die Spielzüge seinen Coordinatoren zu überlassen und eher eine CEO-Rolle zu übernehmen. 

Offensive Coordinator

Damit würde die Verantwortung für die Offense wieder Tim Kelly zufallen. Er konnte mit dem alten Playbook ein gutes Passspiel aufziehen, zumindest bis kurz vor die Endzone. Dort und bei Third Down zeigten sich die Schwächen, die man auch schon bei O‘Brien sehen konnte. 

Das Laufspiel war dagegen völlig desolat, was zum großen Teil eben auch an Kelly lag. Er hatte überhaupt kein Gefühl für die richtigen Spielzüge oder Anpassungen. Bestes Beispiel: Kelly hat sehr oft einen typischen Split Zone Spielzug angesagt, dann aber nach außen laufen lassen.

Als kurze Erklärung: Bei Split Zone kreuzt ein TE hinter der Line entgegen deren Blockrichtung, um den entgegengesetzten End zu verteidigen. Der Running Back sucht dann in der Mitte nach einer Lücke, um durchzubrechen. Kelly ließ den Spielzug stattdessen nach außen in die Richtung laufen, wo jetzt der TE fehlt und quasi immer ein Verteidiger frei ist. 

Es bleibt abzuwarten, ob Kelly diese Schwächen ablegen und ein adäquates System entwickeln kann. Mit Pep Hamilton als Passing Game Coordinator steht ihm zumindest kompetente Hilfe zur Seite.

Defense

Auch die Defense wurde vom Umbruch im Team hart getroffen. Sie war bereits 2020 die drittschlechteste nach DVOA und hat jetzt auch noch den besten Pass Rusher verloren. Der Verlust von JJ Watt schmerzt nicht nur sportlich enorm. Auch als Identifikationsfigur wird er nur sehr schwer zu ersetzen sein. 

Defensive Line

Ohne Watt ist die Defensive Line wohl die absolute Schwachstelle in diesem Team. Das neue Scheme setzt darauf, dass die Line auch ohne Unterstützung Druck erzeugen kann. In der aktuellen Besetzung kann man aber nicht wirklich darauf setzen. Da es keinen wirklich hochklassigen Spieler in dieser Einheit gibt, wird man wohl viel rotieren lassen. 

Wenn man beim Pass Rush einen Hoffnungsträger sucht, wäre das am ehesten Shaq Lawson. Er wurde 2016 in der ersten Runde des Drafts ausgewählt, kam aber bisher nur auf 24 Starts und 20,5 Sacks. Es besteht die kleine Hoffnung, dass er bei den Texans besser ins System passt als bei seinen vorherigen Stationen. Der andere bekannte Name hier ist Whitney Mercilus, der sich aber seit mehreren Jahren auf dem absteigenden Ast befindet. 2021 wird wohl sein letztes Jahr bei den Texans sein.

In der Mitte liegen die Hoffnungen auf Ross Blacklock, dem höchsten Draftpick aus dem Vorjahr. Er wurde mit dem Pick ausgewählt, den die Texans im Austausch für DeAndre Hopkins bekommen haben. Nach einer katastrophalen Rookiesaison könnte auch Blacklock vom neuen System profitieren. Er bringt alle Anlagen mit, um ein dominanter Interior Pass Rusher zu werden.

Man findet Cunningham unten rechts in der Ecke: Stark gegen den Lauf, aber mies in Coverage

Linebacker

Die Linebacker sind dagegen nominell deutlich besser besetzt. Allerdings bergen alle drei Starter ihre ganze eigenen Fragezeichen. Zach Cunningham wird voraussichtlich als Will-Linebacker aufgestellt werden. Er ist ein wirklich guter Run Defender, der ab und an Probleme im Tackling offenbart. Im neue System wird er jedoch deutlich mehr Aufgaben in der Passverteidigung übernehmen müssen. Trotz seiner Athletik hat er in Coverage bisher nur enttäuscht. Es ist durchaus möglich, dass sich die Texans nach der Saison über Cunningham’s Zukunft intensiver Gedanken machen müssen. 

Neben ihm wird wohl Christian Kirksey die wichtige Position des Mike-Linebackers übernehmen. Kirksey ist ein erprobter Veteran, der aber immer wieder mit Verletzungsproblemen zu kämpfen hat. Der dritte Starterposten könnte an Kevin Pierre-Louis gehen, der herausragende Coverage-Grades von PFF bekommen hat. Dennoch hat er im Laufe der letzten Saison seinen Starterplatz beim Washington Football Team verloren. 

Secondary

In der Secondary sieht es dagegen etwas besser aus. Die Neuverpflichtungen Desmond King und Terrance Mitchell sowie Bradley Roby nach abgesessener Sperre sollten hier das Cornerback-Trio bilden. Spannend wird das neue Scheme für Roby sein, da er in Zonecoverage früher so seine Schwierigkeiten hatte. 

Die Verpflichtung von King gehört zu den besten Moves von Caserio bisher. In seiner Zeit bei den Chargers war er in einem Zone-basierten Scheme einer der besten Slot-Corner der Liga. Bei den Titans wurde er dann fast ausschließlich in Man Coverage eingesetzt, was seinem Markt in der Free Agency sichtlich geschadet hat. In der Tampa-2 könnte King wieder zu alter Stärke zurückfinden und sich für einen weiteren Vertrag empfehlen.

Natürlich kann man bei der schwachen Front Seven keine Wunderdinge von den Cornern erwarten, aber eine Steigerung bei den Turnovern wäre wünschenswert. Da waren die Texans im letzten Jahr nämlich richtig mies. Im Training Camp gegen Rookie Davis Mills sah dieser Punkt zumindest schonmal stark verbessert aus. Die Frage ist natürlich, ob das nun mehr über Mills oder über die Texans Defense aussagt.

Justin Reid und Lonnie Johnson werden wie bereits im letzten Jahr das Safety-Duo bilden. Die beiden hatten eine Saison mit Licht und viel Schatten, sollten aber ebenfalls vom Systemwechsel profitieren. Den besten Eindruck machten sie letztes Jahr in Cover 2, was jetzt ihre Hauptaufgabe sein wird. Der Druck ist hier besonders auf Reid relativ hoch, da er in sein letztes Vertragsjahr geht und seit seiner guten Rookiesaison auf seinen Durchbruch wartet.

Coaching

Als neuer DC wurde ein alter Bekannter verpflichtet. Lovie Smith kehrt nach einigen Jahren als College Head Coach zurück in die NFL. Seine altbewährte Tampa-2 Defense soll jetzt wieder Ordnung in die Einheit bringen. Es wird sich zeigen, ob man dieses System in der heutigen NFL noch spielen kann und welche Anpassungen wohl nötig sind. Immerhin passt dieses Scheme besser zu dem vorhandenen Personal als in den Vorjahren. Aufgrund seines Alters könnte auch Smith, ähnlich wie Culley, eher ein Coach für den Übergang sein.

Diese Texans Defense wird mit Sicherheit wieder eine der schlechtesten der Liga sein. Zwar könnte das Scheme helfen, das Turnover-Verhältnis wieder etwas positiver zu gestalten. Die Texans haben im letzten Jahr mickrige 9 Turnover generiert, davon 6 Fumbles und nur 3 Interceptions. Wenn die Front aber wie erwartet wenig Druck auf gegnerische Quarterbacks ausüben kann, wird es schwer werden, konstant Turnover zu kreieren. So, wie es aussieht, steht der Texans Defense eine sehr lange Saison bevor.

Team Projection

Ohne Deshaun Watson gehen die Texans als Außenseiter in jedes Spiel. Man wird schon enormes „Glück“ brauchen, um überhaupt einen oder zwei Siege einzufahren. Selbst der leichtere Schedule bietet wenig Hoffnung.

Alles andere als der First Overall Pick in 2022 wäre eine große Überraschung. Dieses Team steckt im Rebuild und braucht deshalb endlich wieder junge Talente. Dahingehend können Texans Fans auch sicher gut mit einem schlechten Record leben. Es bleibt die Hoffnung, dass wir bald sagen können: Houston, wir haben die Probleme gelöst!

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