Bears 2021: Der Sommer der zweiten Chancen

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Die NFL ist auch eine Liga der zweiten Chancen. In aller Regelmäßigkeit erleben Spieler nach einem Wechsel einen regelrechten zweiten Frühling. Es ist allerdings selten, dass ein GM/HC-Gespann beim gleichen Team ein zweites Mal einen QB in der ersten Runde draften kann. Vor allem dann, wenn der erste Versuch ein Flop war. Bei den Chicago Bears erhalten Matt Nagy und Ryan Pace eben diese Chance. Nach dem gescheiterten Experiment mit Mitch Trubisky haben sie sich in diesem Draft Justin Fields gesichert. Wenn der Plan diesmal aufgeht, haben sie der Franchise eine rosige Zukunft gesichert. 

Zumindest haben sie sich damit selbst etwas mehr Zeit erkauft. Angesichts der Baustellen im Kader könnten sie diese Zeit auch durchaus brauchen. 

Offense

Die Bears gehörten sowohl im Pass- als auch im Laufspiel zur unteren Ligahälfte. Dabei sind die offensichtlichen Problemzonen der Quarterback und die Offensive Line. Dementsprechend wurden in diese Positionsgruppen auch die ersten beiden Draftpicks investiert. Vermutlich wird aber insbesondere die Line noch weitere Ressourcen benötigen, bevor sich eine wirkliche Verbesserung einstellt. 

Quarterback

Wenn wir schon bei zweiten Chancen sind, kommen wir doch gleich zu Andy Dalton. Schon lange vor dem Draft war der Neuzugang als Starter gesetzt und bis dato hält Nagy an dieser Entscheidung fest. Der langjährige Quarterback der Bengals war im letzten Jahr als klarer Back Up zu den Cowboys geholt worden. Durch die Verletzung von Dak Prescott musste er aber doch einen großen Teil der Saison spielen. Trotz guter Umstände war er kein wirklich effektiver Passer, wie die beigefügte Grafik zeigt. 

Gerade die ersten Eindrücke in der Preseason könnten die Debatte nochmal richtig anheizen. Andy Dalton überzeugte kaum, wenn man den einen langen TD-Pass im zweiten Spiel mal außer Acht lässt. Justin Fields hingegen zeigte zwar bei weitem keine fehlerfreie, aber durchaus eine erfolgversprechende Leistung. Ohne die Drops seiner Receiver würden sich seine Statistiken sogar noch besser lesen.

Häufig möchte man Quarterbacks erstmal die Möglichkeit geben, sich an das erhöhte Spieltempo zu gewöhnen. Es wirkt aber nicht so, als wenn Fields das Spiel in der NFL zu schnell wäre. Natürlich darf man da nicht zu viel an den Vorbereitungsspielen festmachen. 

Es gibt da allerdings einen Punkt, der dafür spricht, Fields noch etwas mehr Zeit auf der Bank zu geben. Naja, eigentlich ist es weniger ein Punkt als eine Positionsgruppe.

Offensive Line

Denn die sowieso schon unterdurchschnittliche Offensive Line hat zusätzlich noch beide Tackles verloren. Die Bears setzen hier auf einige wacklige Variablen. Die erste davon ist schon umgestürzt, denn Rookie Teven Jenkins muss operiert werden und fällt vorerst aus. Nagy hofft, dass er in diesem Jahr noch spielen kann, was irgendwie nicht so richtig Mut macht. Deshalb muss Chicago darauf setzen, dass der kürzlich verpflichtete Jason Peters mit seinen 40 Jahren noch etwas im Tank hat. Danach sah es aber zuletzt bei den Eagles nicht unbedingt aus. 

Außerdem baut man darauf, dass Cody Whitehair seinen sehr starken Saisonabschluss bestätigt. Vor seinem Positionswechsel auf LG waren seine Leistungen als Center eher ausbaufähig. James Daniel müsste nach seiner Verletzung auf die rechte Guard Position wechseln, könnte aber zumindest eine solide Lösung darstellen. 

Bei den anderen beiden Positionen bekommen Bears-Fans sicher leichte Panikattacken. Sam Mustipher soll als Center auflaufen, wo er im letzten Jahr zu den schlechtesten im Ligavergleich zählte. Und auch die Alternativen für die RT Position sind dürftig. Germain Ifedi und Elijah Wilkinson gehören zu den schlechtesten Optionen ligaweit und werden dem jeweiligen QB das Leben zur Hölle machen. 

Diese Einheit wird die Offense voraussichtlich stark bremsen. Gerade Dalton braucht eine solide Protection und ein gutes Laufspiel, womit er wohl nicht rechnen kann. Das ist echt schade,… 

Wide Receiver

… denn die Skill Positionen der Bears weisen einiges an Talent auf. Allen Robinson gehört schon seit Jahren zu den besten Receivern der Liga und spielt diese Saison unter dem Franchise Tag. PFF hat ihn in ihrem Receiver Ranking auf Platz 4, obwohl er schon seit Jahren unter miesem QB-Play leidet. Man stelle sich nur vor, wozu er mit einem vernünftigen Quarterback in der Lage gewesen wäre. 

Ergänzt wird er von Darnell Mooney, der in seinem Rookiejahr durchaus überzeugen konnte. Neuzugang Marquise Goodwin soll Anthony Miller im Slot beerben. Goodwin konnte zwar gerade in San Francisco immer wieder sein Potenzial andeuten, aber auch erst eine Saison verletzungsfrei absolvieren. 

Tight Ends

Chicagos Umgang mit Tight Ends war in den letzten Jahren für den einen oder anderen Lacher gut. Auch in dieser Off-Season wurden wieder mehrere neue TEs verpflichtet, wobei Jake Butt mittlerweile retired ist. Keiner der Neuzugänge soll allzu viel Spielzeit erhalten, außer in den Special Teams.

Jimmy Graham war im letzten Jahr der Touchdown Leader des Teams. Gerade seine Präsenz in der Redzone ist sehr wichtig für diese Offense. Seine mangelnden Fähigkeiten als Blocker haben aber dazu geführt, dass seine Spielanteile zum Ende der Saison immer mehr abnahmen. Diese wurden dann von Zweitrundenpick Cole Kmet übernommen.

Generell dauert der Übergang für Tight Ends vom College in die NFL recht lange. Umso überraschender ist es, dass sich Kmet so schnell eine Rolle im Team erspielt hat. Nach dem aktuellen Depth Chart geht er sogar als Starter in die Saison. Kmet ist sicherlich ein besserer Blocker als Graham, hat aber auch noch Luft nach oben. Wenn er noch weiter an diesem Teil seines Spiels arbeitet, könnte Kmet langfristig eine wichtige Säule dieser Offense bilden. 

Running Backs

Apropos Blocking. Das Laufspiel der Bears ist schwer einzuschätzen, da viel von der Leistung der Offensive Line abhängt. Rein statistisch betrachtet hatte David Montgomery eine solide Saison, sowohl im Lauf- als auch im Passspiel. Dabei sollte ein starker Jahresabschluss aber nicht über die Probleme hinwegtäuschen, die das Rungame in der ersten Jahreshälfte hatte. Aufgrund der bereits angesprochenen Schwächen in der Line droht den Bears ein weiteres Jahr mit sehr inkonstanten Laufspiel.

Das könnte sich natürlich verschieben, wenn Fields das Ruder übernimmt. Seine Qualitäten als Runner könnten der Offense eine zusätzliche Facette geben, die auch den Running Backs das Leben erleichtern sollte.

Coaching

Trotz der unterdurchschnittlichen Leistungen der Offense hat sich beim Coaching Staff hier reichlich wenig getan. Matt Nagy wird sich weiterhin zusammen mit OC Bill Lazor um diese Seite des Balls kümmern. John DePhilippo wurde zum Passing Game Coordinator befördert. 

Die Verantwortlichen in Chicago sehen die Probleme also eher beim Personal, dem man als Außenstehender durchaus zustimmen kann. Nagy tut, was er kann, um seinen QBs das Leben so einfach wie möglich zu machen. Dafür spricht zum Beispiel die deutlich erhöhte Quote von Play Action Spielzügen, die um 10 Prozentpunkte nach oben geschnellt ist. Dennoch sind auch Nagys Möglichkeiten mit limitiertem QB-Play und schlechter Protection begrenzt. 

Angesichts der schwachen Offensive Line kann man die Entscheidung, Fields noch zu schonen, gut verstehen. Interessant wird sein, wie Nagy mit dem Druck umgeht, bei Erfolglosigkeit doch einen Wechsel zu vollziehen. Es wäre der Franchise gegönnt, wenn man die Gesundheit des Hoffnungsträgers nicht unnötig für eventuellen kurzfristigen Erfolg riskiert.

Andererseits gibt es natürlich auch Argumente dafür, Fields trotzdem möglichst schnell auf das Feld zu bringen. Zum einen möchte man nicht das womöglich letzte Jahr von Robinson verschwenden. Zudem könnte Fields der Offensive Line mit seiner Beweglichkeit und seinen Fähigkeiten als Scrambler helfen. Es erscheint nicht unwahrscheinlich, dass Fields im Laufe dieser Saison als Starter aufläuft.

Defense

Die Defense ist seit Jahren das Prunkstück der Bears mit Khalil Mack als Kernstück der Einheit. Umso überraschender ist es, dass Chicago bei der Passverteidigung nach DVOA nur im oberen Mittelfeld landet. Dabei ist die Laufverteidigung weiterhin eine der besten der Liga. Auch auf dieser Seite des Balls musste man mit Kyle Fuller und Buster Skrine empfindliche Abgänge hinnehmen, was die Defense weiter schwächen könnte.

Front Seven

Unterschiede im Passspiel: Roquan Smith ganz oben, Danny Trevathan ganz unten

Auch ohne die ganz großen Statistiken ist Mack laut PFF immer noch der beste Pass Rusher der Liga. Leider konnte ihm das Team nur relativ wenig Hilfe zur Verfügung stellen. Robert Quinn führt eine schwache Rotation auf der anderen Seite der Line an, konnte seinem teuren Vertrag aber nicht gerecht werden. Neuzugang Jeremiah Attachou könnte hier durchaus eine Verstärkung sein.

In der Defensive Line werden Akiem Hicks, Eddie Goldman und Bilal Nichols die größten Spielanteile erhalten. Damit ist diese Einheit weiterhin gut besetzt, auch wenn Hicks nicht ganz an die Leistungen vor seiner Verletzung anknüpfen konnte. Trotzdem ist er immer noch für die zweitmeisten Pressures im Team verantwortlich. Nichols konnte sich in jedem Jahr steigern und letzte Saison 5,0 Sacks beisteuern, dies war zweitbeste Wert im Team.

Danny Trevathan und Roquan Smith bilden seit 2018 das Inside Linebacker-Duo. Während Smith weiterhin auf einem sehr hohen Level spielt, hatte Trevathan sein bisher schlechtestes Jahr. Der beigefügte Tweet zeigt, dass beide Linebacker überdurchschnittliche Run Defender sind. Allerdings könnten ihre Leistungen in der Passverteidigung nicht unterschiedlicher sein. 

Ein wirkliche Alternative bietet sich aktuell nicht an, weswegen die Bears auch im nächsten Jahr auf Trevathan bauen werden. Wie in so vielen Bereichen müssen Bears-Fans hoffen, dass Trevathan plötzlich wieder an seine früheren Leistungen anknüpft. 

Die Front schafft es nur in 22,4% der Spielzüge, Druck auf den QB zu erzeugen. Damit befindet man sich im Ligavergleich nur knapp über dem letzten Drittel. Durch die gute Secondary konnte die Completion Percentage trotzdem bei 64% gehalten werden, was für einen Platz im Mittelfeld reicht. Da durch die Abgänge dort mit einer Regression zu rechnen ist, muss man an der Line irgendwie für zusätzlichen Druck sorgen. Eine Erhöhung der sehr niedrigen Blitz-Quote könnte sicherlich eine Option sein. 

Secondary

Im letzten Draft gelang Chicago mit Jaylon Johnson ein echter Glücksgriff. Der Cornerback konnte sich sofort einen Stammplatz erspielen. Mit 15 Pass Breakups rangierte er in dieser Statistik sogar in den Top 10 der NFL. Nur ein Jahr später ist er der Cornerback Nr. 1, da man Kyle Fuller aus Cap-Gründen ziehen lassen musste. Letzterer spielte fast alle Snaps für die Bears und wird dem Team auf jeden Fall fehlen. Neuzugang Desmond Trufant wird sich nach einem katastrophalen Jahr in Detroit deutlich steigern müssen, um Fuller zu ersetzen. 

Im Depth Chart gegenüber von Johnson ist momentan Kindle Vildor aufgeführt, der 2020 in der fünften Runde gepickt wurde. Er musste zum Ende seiner Rookiesaison verletzungsbedingt einspringen, kam aber insgesamt auf gerade mal 135 Snaps. Auch bei ihm müsste ein gewaltiger Entwicklungssprung kommen, um die Starterrolle ausfüllen zu können. 

Der hintere Teil des Feldes sieht dafür ohne Zweifel richtig gut aus. Eddie Jackson und Tashaun Gipson bilden eines der besseren Safety-Duos der Liga. Jackson wird wohl den tiefen Part übernehmen, während Gipson für Coverageaufgaben nahe der Line of Scrimmage zur Verfügung steht. 

Coaching

Nachdem Chuck Pagano in den Ruhestand gegangen ist, wurde Secondary Coach Sean Desai zum neuen DC befördert. Bears-Fans erhoffen sich davon einige dringend nötige Veränderungen, insbesondere in der Coverage. Während Pagano fast ausschließlich Manndeckung spielen ließ, soll Desai die Coverage wieder weniger berechenbar machen.

Das könnte auch einen positiven Einfluss auf die Ballgewinne haben. Nach einer starken Saison 2018 mit 36 Takeaways und einer Turnoverbilanz von +12 folgten zwei schwache Jahre (2019 ±0, 2020 -4). Statistisch ist nach solch einer Phase eine positive Regression zu erwarten. Planen kann man damit natürlich nicht. Ob das ausreicht, um die Verluste in der Secondary auszugleichen, wird die Saison zeigen. Mit der weitestgehend unveränderten Front wird man zumindest wieder eine sehr gute Laufverteidigung stellen. 

Fazit

Durch Justin Fields sehen die Fans in Chicago der nahen Zukunft sicher mit großen Erwartungen entgegen. Für 2021 sollte man diese allerdings noch etwas dämpfen, denn die vielen Fragezeichen deuten eher auf ein Übergangsjahr hin. Wenn alle Rädchen perfekt ineinander greifen, wären bestimmt auch die Playoffs möglich. So sieht es eher nach einem Platz im Mittelfeld der Liga aus. 

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