Ravens 2021: Lamar Jackson und der Plan B

Die Ravens haben sich nach dem erneut frühen Play-Off Aus hohe Ziele gesetzt, aber sind diese auch realistisch? Dafür muss die Offense deutlich besser funktionieren und Greg Roman einen Plan B in der Tasche haben.

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Erneut haben Lamar Jackson und die Ravens die Play-Offs erreicht, aber sind wieder in der Divisional Round gescheitert. Das einzige Ziel ist der Super Bowl. Ob es dieses Jahr klappt?

Lamar Jackson hat endlich seinen ersten Sieg in den Play-Offs geholt, aber in der Divisional Round war gegen die Bills mit einer erschreckenden Offensivleistung schon wieder Schluss. Erneut fehlte ein Plan B. An der Offense wird es auch 2021 liegen, ob mehr Siege in der Postseason dazu kommen oder erneut ein frühes Aus droht.

Offense

Nachdem die Ravens 2019 noch die Nummer 1 nach Offense DVOA waren, kam im letzten Jahr ein Rückschritt mit Platz 11. Die spektakuläre Offense mit der Krönung als MVP für Lamar Jackson war mittlerweile zu ausrechenbar und es fehlte an alternativen Ideen. Kommt nun wieder ein Sprung nach oben oder hält der negative Trend an?

Quarterback

Die Offense steht und fällt mit Lamar Jackson. Das Spiel ist komplett auf ihn zugeschnitten und letztes Jahr war nach dem MVP-Jahr 2019 ein kleiner Rückschritt. Die Frage ist, ob 2019 eine Ausnahme war oder noch mehr Potential in Lamar Jackson steckt. Werden die Lehren aus dem letzten Jahr gezogen und wird an den richtigen Stellschrauben gedreht? Das Potential wurde angedeutet, aber die gesamte Offense muss es auch abrufen.

Lamar Jackson als Passer

In nahezu jeder Statistik hat sich Lamar Jackson letzte Saison als Passer verschlechtert. Sei es Completion Percentage (2019: 66,1% / 2020: 64, 4%), Yards per Attempt (2019: 7,8 / 2020: 7,3) oder Touchdown/Interception Ratio (2019: 26 TD/9 INT / 2020: 36TD/6 INT). Aber nicht nur die Statistik macht dies deutlich, die negative Entwicklung war auch auf dem Platz erkennbar. Es war schlicht zu wenig Flexibilität im Spiel und die Spielzüge oft zu ausrechenbar. Dazu fehlte es an individueller Qualität bei den Wide Receivern, die Lamar Jackson kaum entlasten konnten. Ebenso haben die Umstellungen bzw. Verletzungen in der Offensive Line das Leben für Lamar Jackson nicht einfacher gemacht. Fakt ist aber auch, dass nach dem vielversprechenden Jahr 2019 eher ein Rückschritt, statt einer Weiterentwicklung stattgefunden hat. Die Würfe wirken noch immer teilweise wacklig und das Feld wird nicht in der vollen Breite genutzt. Lamar Jackson wird nie ein Elite-Passer werden, aber er muss sich mindestens auf einem durchschnittlichen Niveau stabilisieren, um als dauerhafte Gefahr von gegnerischen Defenses im Passing Game respektiert zu werden. Diese Entwicklung ist für die kommende Saison elementar, wenn die Ravens um die Vince Lombardi Trophy mitspielen wollen.

Lamar Jackson als Runner

Im Running Game strahlt Lamar Jackson eine permantente Gefahr aus. Er hat letztes Jahr erneut die 1.000 Rushing Yards in der Regular Season erreicht und führt die Liga sogar nach Yards per Rush Attempt (6,3) an. Ebenso ist er mit seinen 67,0 Yards per Game deutlich die Nummer 1 unter allen Quarterbacks. Aber auch in diesem Bereich gab es im Vergleich zu 2019 einen kleinen Abfall. Er ist zwar immer noch der beste Runner unter den Quarterbacks, konnte das Niveau der MVP-Saison von 2019 jedoch nicht mehr erreichen.

Offensive Line

Durch das Karriereende von Marshall Yanda und der frühen schweren Verletzung von Ronnie Stanley waren die Ravens zu Umstellungen gezwungen. Sie haben sich von einer sehr guten Offensive Line 2019 zu einer durchschnittlichen Line im letzten Jahr entwickelt. Dieses Problem wurde in der Offseason angegangen. Zwar wurde mit Orlando Brown Jr. der Starter auf Right Tackle an die Kansas City Chiefs abgegeben, allerdings haben sie sich sowohl individuell, als auch in der Breite verstärkt. Die Tackle Positionen werden Rückkehrer Ronnie Stanley (LT) und Neuzugang Alejandro Villanueva (RT) übernehmen. Für Villanueva wird dies zwar ein Wechsel der Seite bedeuten, aber er war in den letzten Jahren ein solider und verlässlicher Tackle in Pittsburgh, dem dies zuzutrauen ist. Als Back Up wurde Ja’Wuan James von den Broncos verpflichtet.

Auf Guard hat man sich mit Kevin Zeitler (RG) von den Giants in der Free Agency und Ben Cleveland im Draft verstärkt. Durch die Verpflichtung von Zeitler wird Bradley Bozeman auf die Center Position rücken, die letztes Jahr mit Matt Skura (jetzt Miami Dolphins) ebenfalls eine Baustelle war.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass die Probleme erkannt und entsprechend auf solide Starter gesetzt wurde, statt viel Geld in die Offense Line zu stecken. Wenn alle Spieler ihre Leistungen abrufen können, dann ist hier wieder mit einer Top 10 Line zu rechnen.

Skill Player

Wide Receiver

Seit Lamar Jackson Starting Quarterback ist, hatten die Ravens nie einen richtigen Nummer 1 Wide Receiver. Bereits vor der letzten Saison wurde dies bemängelt und der Verlauf hat bestätigt, dass hier dringend Nachholbedarf besteht. Diese Baustelle ist das Front Office um General Manager Eric DeCosta angegangen und hat sowohl in der Free Agency mit Sammy Watkins, als auch im Draft mit Rashod Bateman (Pick 27) und Tylan Wallace (Pick 131) aufgerüstet. In Rashod Bateman haben die Ravens nun einen potentiellen Nummer 1 Receiver und mit Watkins, wenn er fit bleibt, eine weitere Waffe als Outside Receiver. Ergänzt wird dies mit „Hollywood“ Brown, der als Speedster seine Qualitäten immer wieder aufblitzen ließ. Er wird nie ein Nummer 1 Receiver werden, aber kann als Nummer 2 oder 3 mit seiner Geschwindigkeit für Gefahr sorgen. Die Frage wird sein, ob Bateman die Erwartungen direkt erfüllen kann. Er wäre nicht der erste Wide Reiceiver, der in seiner Rookie Saison Probleme mit der Umstellung auf die NFL hat.

Running Back

Der Verlust von Mark Ingram II (jetzt Texans) in der Free Agency lässt sich verschmerzen, da bereits letzte Saison J.K. Dobbins (134 Rushing Attemepts) und Gus Edwards (144 Rushing Attempts) gezeigt haben, dass sie sich das Backfield teilen können. Beide sind auch im Passspiel zu gebrauchen und werden dort sicher weiter eingebunden. Mit Lamar Jackson als Quarterback wird kein Star Running Back benötigt, sondern verlässliche Optionen im Back Field. Diese sind mit J.K. Dobbins und Gus Edwards vorhanden.

Tight End

Auf Tight End hat sich im Vergleich zur letzten Saison nicht viel geändert. Mit Mark Andrews gibt es eine klare Nummer 1, welcher ein Top 10 Tight End der Liga ist. Eine solide Nummer 2 haben die Ravens in Nick Boyle. Hinter diesen beiden wird es allerdings schon dünn mit etablierten Kräften. Ob Ben Mason (Pick 184) bereits eine Rolle einnehmen kann, muss man abwarten.

Coaching

Hier kommen wir zu einer der kritischsten Stellen in der Ravens Offense. Nicht wenige haben nach der letzten Saison erwartet, dass Greg Roman seinen Posten als Offensive Coordinator räumen muss. Das Front Office setzt hier allerdings weiter auf Kontinuität und die Hoffnung an 2019 anzuknüpfen. Greg Roman muss nun beweisen, dass er es schaffen kann neben einem starken Run Game auch ein Passing Game zu etablieren. Die Waffen sind dafür mittlerweile vorhanden, jetzt müssen diese nur noch richtig eingesetzt werden. Gelingt dies nicht, dann dürften Greg Romans Tage in Baltimore gezählt sein.

Defense

Es gibt kaum ein Jahr, in dem man die Defense in Baltimore nicht als gut bis sehr gut bezeichnen würde. Es wird ein sehr flexibles System gespielt, in dem vor dem Snap oftmals nicht zu erkennen ist, was die Defense genau vorhat. Mit einer sehr hohen Blitz-Rate sind die Ravens eine der aggressivsten Defenses der Liga. Die Abgänge von Matthew Judon (jetzt Patriots) und Yannick Ngakoue (jetzt Raiders) schmerzen auf den ersten Blick, aber gehören auch zum Konzept des Front Offices. Bereits in den letzten Jahren wurden gute Pass Rusher nicht mit dem teuren Vertrag ausgestattet, sondern haben diesen in der Free Agency woanders bekommen. Es ist davon auszugehen, dass in Baltimore wieder eine Top 10 Defense zu sehen sein wird.

Front Seven

Trotz der Abgänge ist die Front Seven gut aufgestellt: Brandon Williams als Nose Tackle, dazu mit Bowser/McPhee wichtige Rollenspieler oder mit Calais Campbell und Dereck Wolfe wichtige Routiniers in der Pass-Rush Rotation. Mit Justin Houston hat man sich noch einmal verstärkt und individuelle Qualität geholt. Ebenso wurde in der ersten Runde des Drafts mit Pick 31 Odafe Oweh gedraftet, der mit Sicherheit seine Snaps sehen wird und gut in die flexible Defense passen könnte.

Interessant wird es auch zu sehen sein, wie sich Patrick Queen in seiner zweiten Saison macht. Letztes Jahr hat er als Rookie die Defense in Tackles angeführt, allerdings auch noch deutliche Schwächen offenbart. Die positiven Ansätze waren aber unübersehbar. Neben Malik Harrison muss er sich aber weiter stabilisieren.

Zusammengefasst ist in Baltimore das Team der Star. Es gibt keinen Spieler, der in dieser Front total herausragt, aber viele verschiedene Bausteine und eine tiefe Rotation, die zum Erfolg führen.

Secondary

Die Cornerbacks sind wohl die stärkste Positionsgruppe bei den Ravens und brauchen sich auch im Ligavergleich nicht zu verstecken. Mit Marlon Humphrey haben die Ravens einen der besten Cornerbacks der Liga, der sowohl Outside, als auch im Slot den Wide Receiver Nummer 1 des Gegners verteidigen kann. Nummer 2 Cornerback ist Marcus Peters, der ab und an etwas zu viel Risiko eingeht, dafür aber auch oft belohnt wird. Letztes Jahr fing er immerhin 4 Interceptions. Mit Tavon Young haben die Ravens prinzipiell einen Top Slot CB, wenn er endlich mal fit bleibt (2019 kein Spiel, 2020 nur 2). Dahinter ist mit Oldie Jimmy Smith oder Shaun Wade, dem mittelfristig die Rolle von Tavon Young zuzutrauen ist, auch noch Tiefe vorhanden.

Auf Safety ist man mit Chuck Clark und Deshon Elliott solide aufgestellt. Beide haben nach der Entlassung von Earl Thomas zu Beginn der letzten Saison einen guten Job gemacht. Mit Anthony Levine Sr. ist noch ein Routinier im Kader und mit Geno Stone (2020 in der siebten Runde gedraftet) und Ar’Darius Washington (Undrafted Rookie dieses Jahr) ist auch der eine oder andere Spieler mit Perspektive vorhanden. Gerade Washington könnte, trotz seiner geringen Größe, hervorragend in das System der Ravens passen. Ob er den Kader schafft, bleibt abzuwarten.

Coaching

Mit Defensive Coordinator Wink Martindale haben die Ravens einen der Besten seines Faches. Er präferiert die Coverage über den Pass Rush, was sich bezahlt gemacht hat. Der Druck wird durch das System mit vielen Blitzes und einer hohen Man Coverage Quote generiert. Damit ist Baltimore in den letzten Jahren sehr gut gefahren und es wäre sehr verwunderlich, wenn Martindale nicht auch dieses Jahr wieder eine der Top-Defenses der Liga kreieren würde.

Ausblick

Die Ravens haben in der Offseason die offensichtlichen Schwächen adressiert, aber trotzdem gibt es weiterhin einige kritische Punkte:

  • Kann Greg Roman ein vernünftiges Passspiel aufbauen und Lamar Jackson dieses nutzen?
  • Wird die Offense Line und das Laufspiel wieder stabiler?
  • Gibt es einen Plan B, wenn das Laufspiel stockt?
  • Kann Rashod Bateman direkt die Rolle als Nummer 1 Receiver ausfüllen und bleibt Sammy Watkins fit?

Wenn die Ravens es schaffen ihr Potential voll auszuschöpfen, dann sind sie ein Anwärter für den Einzug in den Super Bowl. Sollte die Offense erneut zu eindimensional sein, dann droht wieder ein frühes Aus in den Play-Offs. Die Play-Offs sind in jedem Fall Pflicht. Die Saison steht und fällt mit der Weiterentwicklung der Offense um Lamar Jackson.

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