Falcons 2021: Angriff, Rebuild oder beides?

Seit der Teilnahme am Super Bowl 2016 ging es mit den Atlanta Falcons kontinuierlich bergab. Auch deshalb mussten im Laufe des letzten Jahres der Head Coach und der General Manager ihre Ämter abgeben. Mit Arthur Smith und Terry Fontenot soll nun die Wende gelingen.

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Schon öfters wurden General Manager Thomas Dimitroff und Head Coach Dan Quinn bei den Atlanta Falcons in Frage gestellt. Nach dem schlechten Start in die vergangene Saison war dann für beide der Weg beendet. Die Saison konnten diese Trennungen nicht mehr retten. Mit nur vier Siegen aus 16 Spielen „erspielte“ sich das Team einen Top-5-Pick im Draft. Was nach dem klaren Fundament für einen Rebuild klingt, mündete jedoch in einer Offseason, die kaum Aufschlüsse über die Pläne des neuen Regimes gibt. Einen klaren Rebuild leutete das Team nicht ein. Vom Win-Now-Modus ist man aber weit entfernt.

Offense

Während der Ära von Dan Quinn war die Offense meistens das Aushängeschild der Atlanta Falcons. In der letzten Saison rutschte das Team aber ins Mittelfeld der Liga ab. Laut EPA pro Spielzug lag der Angriff nur auf Platz 16 der NFL. Problematisch war besonders das Spiel auf dem Boden. Mit einem EPA pro Lauf von -0.148 gehörten die Falcons zu den schlechtesten Rushing-Offenses der Liga (Platz 30). Immerhin das Passspiel funktionierte noch überdurchschnittlich (Platz 12).

Neben den bereits angesprochenen Personalien musste auch Offensive Coordinator Dirk Koetter seinen Hut nehmen. Schematisch bedeutet der Wechsel von ihm zu Neu-Head Coach Arthur Smith eine Rückkehr zur West-Coast-Offense-Interpretation, welche beim Super Bowl Run vom damaligen Offensive Coodinator Kyle Shanahan vetreten wurde. Koetters Air Coryell Offense attackierte im Passspiel besonders vertikal und nahe der Außenlinie. In der neuen Offense wird hingegen durch Play-Action-Bootlegs die Mitte des Feldes vermehrt attackiert. Auch ein etwas weniger vertikaler Ansatz ist wahrscheinlich. Die zuletzt größere Fehlerquote von Quarterback Matt Ryan könnte so wieder gesenkt werden.

Quarterback

Während sich im Coaching Staff und dem Front Office der Falcons viel getan hat, bleibt auf der Quarterback-Position vorerst alles gleich. Trotz eines Top-5-Picks verzichtete das Team auf die Auswahl eines Nachfolgers für den mittlerweile 36-jährigen Matt Ryan. Wie das gesamte Team, blickt auch der Spielmacher auf eine enttäuschende Saison zurück. Mit einem EPA pro Play von 0,148 (Platz 17), einer Success-Rate von 48,8% (Platz 19) und einer Completion Percentage over Expectation von +1,2 (Platz 18) blieb er weit hinter seinen Möglichkeiten. Dennoch gibt es gute Gründe für Optimismus. Das System von Arthur Smith ist wesentlich QB-freundlicher, als das vertikale Schema von Dirk Koetter. Zudem wurde Ryan im Jahr 2016 in einem ähnlichen Schema MVP. Der Abwärtstrend der letzten Jahre könnte so zumindest vorübergehend gestoppt werden.

Skill Positions

Während Matt Ryan wohl noch mindestens ein oder zwei Jahre der Starter in Atlanta bleibt, ist seine wichtigste Anspielstation der letzten Jahre weg. Nach dem Trade von Julio Jones dürfte Calvin Ridley den Platz als Nummer-Eins-Receiver der Falcons einnehmen. Sein Partner Russel Gage ist eine zuverlässige Anspielstation, aber wohl keine wirklich starke Nummer Zwei. Auch die Tiefe ist mit Spielern wie Olamide Zaccheaus, Tajae Sharpe und Rookie Frank Darby eher dürftig. Allerdings lässt Arthur Smith auch vergleichsweise selten mit drei oder mehr Receivern spielen.

Viel Druck auf Pitts

Stattdessen setzt der neue Head Coach gerne auf Sets mit mehreren Tight Ends. Besonders Rookie Kyle Pitts dürfte im Passspiel eine große Rolle bekommen. Viel von der sonst für Tight Ends üblichen Anlaufzeit dürfte er nicht bekommen. Die Erwartungen an den vierten Pick im Draft werden hoch sein. Dass die Falcons für ihn auf einen neuen Quarterback verzichteten, mindert den Druck wohl kaum.

Neben Pitts werden wohl auch der ehemalige Erstrundenpick Hayden Hurst und Blocking Tight End Lee Smith eine gewichtige Anzahl Snaps bekommen. Besonders Hurst dürfte im Passspiel wegen der geringen Tiefe bei den Receivern eine große Rolle spielen.

Chance für Mike Davis

Nachdem Mike Davis im vergangenen Jahr beim Division-Rivalen Carolina Panthers für Christian McCaffrey einspringen musste, kann er sich in der kommenden Saison als Starter beweisen. Mit seinen Qualitäten als Passempfänger könnte er Arthur Smith die Möglichkeit geben, die Running Backs stärker ins Receiving Game einzubinden, als er das bei den Titans gemacht hat. Auch der flexibel einsetzbare Cordarelle Patterson könnte diesbezüglich für zusätzliche Elemente sorgen.

Offensive Line

Das große Fragezeichen dieser Offense ist ohne Frage ihre Front-Five. Zwar hat die Unit mit Jake Matthews und Chris Lindstrom zwei gute Starter. Daneben gibt es jedoch zu viele Schwachstellen. Als Right Tackle dürfte nach seiner in der Vorbereitung überstandenen Verletzung Kaleb McGary starten. Für den ehemaligen Erstrundenpick könnte es aber die letzte Chance sein. Besonders in Pass-Protection hatte er zu viele Probleme. Mit Willie Beavers und Rookie Jalen Mayfield sind die Alternativen aber nicht wirklich vielversprechend.

Auch innen sieht es kaum besser aus. Center Matt Hennessy hatte in seiner Rookie-Season massive Probleme in Pass-Protection. Selbiges gilt auch für Guard Josh Andrews. Hier könnte im Laufe der Saison ebenfalls Jalen Mayfield eine Alternative sein. Viel Optimismus kann man hier jedoch nicht verbreiten.

Defense

Trotz der Präsenz vom ehemaligen Legion-of-Boom Defensive Coordinator Dan Quinn war die Verteidigung der Atlanta Falcons seit Jahren die große Schwachstelle des Teams. Das änderte sich auch in der vergangenen Saison nicht. Trotz sogar leichter Verbesserungen sprang in der vergangenen Saison nur Platz 20 in der NFL bei zugelassenem EPA pro Spielzug raus. Dabei stellte das Team immerhin die drittbeste Laufverteidigung der Liga. Gegen den Pass lag die Defense hingegen nur auf Platz 26.

Nach der Trennung von Head Coach Dan Quinn und seinem Defensive Coordinator (und Interims-HC) Raheem Morris holten die Falcons den 71-jährigen Dean Pees aus dem Ruhestand. Der neue Defensive Coordinator bringt eine flexible Front mit einigen exotischen Blitz-Packeten mit. Zu diesem Zweck halten sich oft bis zu sieben Spieler nahe der Line of Scrimmage auf. In der Secondary dürfte zukünftig verstärkt Man-Coverage gespielt werden. Die vielen kreativen Blitz-Packete dürften dem Pass-Rush deutlich helfen. Allerdings macht er die Defense anfällig für Kurzpassspiel und Run-Pass-Options.

Front-Seven

Nach vielen Jahren mit Dan Quinns 4-3-Under, wechselt das Team unter Pees zu einer flexiblen 3-4-Front. Wie in den letzten Jahren liegt in der Defensive Line die größte Last auf Grady Jarrett. In den vergangenen Jahren gehörte er konstant zu den gefährlichsten Interior Rushern der Liga. Die restliche Line strahlt hingegen wenig Gefahr aus. Tyeler Davison ist ein reiner Run-Stopper. Neuzugang Jonathan Bullard bekommt als Defensive End erstmals in seiner Karriere die Chance zu starten. Hoffnung auf einen großen Fortschritt gibt es bei Marlon Davidson. Das neue System sollte ihm besser passen. Seine bisherigen Auftritte in der Pre-Season waren zumindest ermutigend.

Letzte Chance für Fowler

Dante Fowler jr. wurde vor der vergangenen Saison für viel Geld verpflichtet, um endlich mehr Gefahr von außen im Pass-Rush zu generieren. Seine letzte Saison war aber eine riesige Enttäuschung. Mit nur 30 Pressures erfüllte Fowler die Erwartungen der Falcons nicht annähernd. Das neue Schema sollte auch ihm helfen. Dennoch muss ein massiver Leistungssprung her, um sich für weitere Aufgaben zu empfehlen. Auch Steven Means und Jacob Tuioti-Mariner strahlen kaum Gefahr aus. Der Edge-Rush dürfte also eine massive Baustelle bleiben.

Viel Speed im zweiten Level

Im Schema von Dean Pees kommt den Linebackern eine besondere Bedeutung zu. Für die Blitz-Packete halten sie sich oft in der Nähe der Line of Scrimmage auf. Oft müssen sie von dort aber zurück in Coverage. Auch deshalb sind Speed und Athletik die wichtigsten Eigenschaften für Linebacker in diesem System. Davon haben die Starter Deion Jones und Foyesade Oluokun genug. Mit Mykal Walker hat das Team zudem einen starken Cover-Linebacker im Kader.

Secondary

Erstrundenpick A.J. Terrell war eine der wenigen positiven Erscheinungen der letzten Saison. Dennoch konnte auch er nicht verhindern, dass die Secondary mal wieder eine der größten Schwachstellen des Teams war. Wirklich besser wird es wohl auch in der kommenden Saison nicht werden. Neuzugang Fabian Moreau wird gegenüber von Terrell starten. Ein wirklicher Schritt nach vorne ist er für diese Secondary aber nicht. Besonders wichtig für das neue Schema ist der Slot-Cornerback, da Dean Pees für gewöhlich bei mehr als 70% der Snaps eine Nickel-Defense auf das Feld schickt. Dies Rolle dürfte wohl Isaiah Oliver wie schon in der zweiten Saisonhälfte des letzten Jahres ausfüllen. Für das stark auf Man-Coverage ausgelegte Schema fehlt bei den Cornerbacks wohl einiges an Qualität.

Umbruch in der letzten Reihe

Auch am hinteren Ende der Defense ist nicht allzu viel Qualität zu finden. Zwar konnten die Falcons mit Duron Harmon einen soliden Free Agent verpflichten. Allerdings offenbarte sein Nebenmann Erik Harris zu viele Schwächen in Coverage. Auch Rookie Richie Grant konnte sich bisher nicht durchsetzen und wurde in der Pre-Season eher im Slot getestet.

Fazit

Ein Team, welches nach einer Saison mit nur vier Siegen, kaum namenhaft verstärkt wurde, bietet wohl nur wenige Gründe für Optimismus. Ganz so einfach ist die Bewertung bei den Falcons jedoch nicht. In der vergangenen Saison endeten zehn Saisonspiele mit einem Unterschied von einem Score. Acht dieser Spiele gingen verloren. Hier ist mit einer deutlichen Regression zur Mitte zu rechnen. Auch die Offense könnte trotz des Verlustes von Julio Jones einen kleinen Schritt nach vorne machen. Das neue Schema von Arthur Smith dürfte Matt Ryan deutlich mehr helfen, als das System von Dirk Koetter. Auch die Waffen sind mit Calvin Ridley und Rookie Kyle Pitts zumindest solide. Das große Fragezeichen in der Offense ist hingegen die Offensive Line, welche zu den schlechtesten Units der Liga gehören könnte.

Defensiv gibt es weniger Grund für Optimismus. Zwar passt das Schema von Dean Pees insgesamt gut zum Personal der Front-Seven und sollte dem Pass-Rush helfen. Dem Edge-Rush fehlt es jedoch weiterhin massiv an Qualität. Auch die Secondary ist wohl nicht gut genug für den Man-Coverage-lastigen Ansatz des neuen Defensive Coordinators.

Am wahrscheinlichsten ist wohl eine Saison im unteren Mittelfeld der Liga mit sieben oder acht Siegen. Nach der Saison muss sich das neue Regime dann zwingend stärker auf eine Richtung für die Zukunft festlegen.

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Jonas Stärk
NFL- und Draft-Enthusiast, Podcaster; Im deutschen Football unterwegs als Spieler und Jugend-Coach der Bochum Rebels und als Schiedsrichter.

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