Colts 2021: Wentz noch das letzte Puzzlestück fehlt

Die Colts haben sich eine auf vielen Positionen hochtalentierte Mannschaft zusammengestellt. Nun kommt man in die Phase, in der man den Schritt in Richtung Contender beginnen muss. Dafür bedarf es allerdings Konstanz auf der Quarterback-Position...

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Auch im dritten Jahr nach Andrew Luck suchen die Colts ihre dauerhafte Quarterback-Lösung. Nachdem Philip Rivers in den erwarteten Ruhestand eingetreten ist, hat man sich erneut für einen erfahrenen Ballverteiler statt einem Rookie entschieden. Carson Wentz soll es richten, als dritter Quarterback im dritten Jahr. Er trifft auf seinen früheren Offensive Coordinator Frank Reich, unter dem er 2017 über lange Zeit auf MVP-Niveau spielte. Ist Wentz nun das fehlende letzte Puzzleteil der Colts-Offense?

Offense

Alles steht und fällt mit Wentz, könnte man meinen. Abgesehen vom Quarterback haben die Colts nur marginale Kader-Veränderungen vorgenommen. Ob RB, WR, Line oder TE, man setzt auf die bereits vorhandene Qualität und den nächsten Entwicklungssprung der aktuellen Talente. General Manager Chris Ballard und Head Coach Frank Reich haben sich eine Offense zusammengestellt, die nun in ihrer Prime sein sollte. Umso wichtiger ist die Frage, wie die Integration des neuen Qarterbacks funktionieren wird.

Quarterback

2017 war Carson Wentz noch der aufgehende Stern der NFL Quarterbacks. Im zweiten Karrierejahr spielte er auf einem äußerst starken Niveau, stach vor allem heraus, wenn es um dritte Versuche ging. Davon war im vergangenen Jahr nichts mehr übrig. Nach soliden Saisons 2018 und 2019, in denen er teilweise mit widrigen Receiver-Situationen umgehen musste, brach vergangene Saison alles zusammen. Wentz implodierte bei halbwegs vorhandenem Druck (10% Sacks bei Pressures), hatte die niedrigste First Down- und die zweithöchste Interception-Rate. Dazu kamen sehr viele Pässe, die nicht mal mit gutem Willen als fangbar bezeichnet werden konnten.

Die wichtigste Aufgabe der Colts ist es als nun, den Carson Wentz von 2020 komplett zu formatieren und ein 2017er Backup aufzuspielen. Wenn dies jemandem gelingen kann, dann Reich. Aber das Risiko ist gewaltig, zumal Wentz ab 75% gespielter Snaps (oder 70% & Playoffs) einen nächstjährigen Erstrundenpick kostet. Im schlimmsten Fall spielt er eine unterdurchschnittliche Saison und nimmt den Colts quasi die Chance einen Nachfolger zu draften.

Um den ehemaligen Eagles-QB auf Kurs zu bringen, hat man in den vergangenen Wochen viel an Basics gearbeitet, zum Beispiel seiner Fußarbeit. Allerdings hat sich Wentz vor wenigen Wochen verletzt und könnte den Saisonstart verpassen. Keine Idealsituation um ihn in einen vernünftigen Rhythmus zu bringen. Aktuell rechnen die Colts aber mit einem spielbereiten Wentz.

Allerdings gibt es schon vor dem Saisonstart viel Unruhe um den ehemaligen Eagles QB. Seine Impf-Verweigerung sorgte bereits für einen ersten Close Contact-Besuch auf der Covid19-Liste. Die Gefahr, dass ein ungeimpfter Quarterback kurz vor dem Spiel ausfallen könnte ist nicht von der Hand zu weisen, zumal dies nicht nur Wentz betrifft. Auch wichtige Line Starter wie Nelson und Kelly mussten sich in den vergangenen Tagen isolieren.

Offensive Line

Die Stärke der Offense findet sich in ihrer Line. Left Guard Quenton Nelson ist einer der besten O-Liner der NFL, war laut pff.com die Nummer 3 unter den Guards. Auch Right Tackle Braden Smith und Center Ryan Kelly gehören zu den deutlich besseren Startern auf ihrer jeweiligen Positionen. Mit Anthony Castonzo haben die Colts allerdings eine langjährige Stütze in den sportlichen Ruhestand verloren. Als Left Tackle soll nun Neuzugang Eric Fisher starten. Der 2013er First Overall Pick war acht Jahre fester Starter bei den Kansas City Chiefs, zog sich im Winter allerdings eine Achillessehnenverletzung zu. Sollte er den Saisonstart verpassen, wäre sein möglicher Ersatz Sam Tevi ein spürbares Downgrade.

Quentin Nelson als Nummer 3 der Guards bei pff.com.
pff.com – https://www.pff.com/nfl/grades/position/g

Skill Positions

Abgesehen von internen Rückkehrern hat sich im Personal wenig getan. Das muss nicht schlecht sein, denn Talent ist vorhanden. Vor allem von Michael Pittman Jr. erhofft man sich, dass er den Sprung zum deutlichen WR1 vollziehen kann. Routinier T.Y. Hilton ist ein erfahrener Mann, kommt allerdings mit bald 32 Jahren auch in ein fortgeschrittenes Alter. Von großen Zahlen, wie seinen 1448 Yards 2016, war er in den vergangenen beiden Jahren sehr weit entfernt.

Hoffnung auf den nächsten Sprung hat man auch bei Parris Campbell, für den die 2020er Saison bereits im zweiten Saisonspiel beendet war.

Noch früher war die Saison von Marlon Mack gelaufen. Der Running Back musste bereits im ersten Saisonspiel den Platz verlassen, was Jonathan Taylor die Chance bot sich zu etablieren. Zusammen mit Nyheim Hines bilden die drei ein junges, schlagkräftiges Trio.

Die Tight Ends spielen bei den Colts im Passspiel eher eine untergeordnete Rolle. Mo Alie-Cox und Jack Doyle sind solide Receiver, aber sehr starke Blocker. Nach PFF Grades war Alie-Cox zweitbester TE im Pass Blocking (81.8), Doyle fünftbester im Run Blocking (72.1).

Coaching

Die neben Wentz wohl größte Änderung betrifft die Position des Offensive Coordinators. Nick Sirianni hat die Colts verlassen um seinen ersten Job als HC anzutreten. Sein Nachfolger Marcus Brady ist eine interne Lösung, er war zuvor QB Coach. Diese Position betreut nun Scott Milanovich, der mit Brady bereits von 2012 bis 2016 bei den Toronto Argonauts in der CFL zusammenarbeitete. Playcaller bleibt Frank Reich selbst. Er ist ein strategischer Denker mit vielen kreativen Ideen und in dritten und vierten Versuchen einer der aggressivsten Coaches der Liga.

Defense

Abseits von Wentz finden sich hier die größten Fragezeichen. Der Pass Rush war keine Katastrophe, wird aber sehr von den beiden Stars DeForest Buckner und Darius Leonard geschönt. Mit Justin Houston hat man dort auch einen namhaften Abgang zu verzeichnen, auch wenn seine Zeit bei den Colts von sehr wechselhaften Leistungen gezeichnet war. Wenig überraschend also, dass die Colts ihre ersten beiden Draft Picks in diese Problemstelle investiert haben. Allerdings wurde auch in den Vorjahren frühes Draftkapital in die D-Line investiert. Der Erfolg hielt sich dabei sehr in Grenzen.

Front Seven

Vergangenes Jahr haben die Colts viel ausgegeben um DeForest Buckner nach Indianapolis zu lotsen. Buckner selbst war sportlich das erwünschte Upgrade, war laut PFF Grades mit 89.6 Top 5 unter den D-Linern. Der Rest der Line ist allerdings ein wackliges Konstrukt. Viele Hoffnungen ruhen auf Erstrundenpick Kwity Paye, der als Defensive End sofort starten dürfte. Doch viele sehen ihn noch als sehr roh, noch nicht NFL ready. Zweitrundenpick Dayo Odeyingbo, ebenfalls Defensive End, fehlt noch wegen eines Achillessehnenrisses. Denkbar, dass er diese Saison gar nicht zum Einsatz kommen kann. Hier müssen die Colts auf die ehemaligen Zweitrrundenpicks Tyquan Lewis und Kemoko Turay zurückgreifen, welche bisher eher mäßig erfolgreich waren.

Die Stärke der Front Seven liegt eindeutig bei den Linebackern. Darius Leonard hatte 2020 nicht sein bestes Jahr, ist aber ohne Zweifel einer der besten Linebacker der Liga. Bobby Okereke spielte solide, sollte aber 2021 den nächsten Schritt machen, wenn er sich in der Liga etablieren möchte.

Secondary

Hier befindet sich die nächste große Baustelle. Xavier Rhodes ist eine etablierte Größe in der NFL, Kenny Moore ein guter Slot-Corner. Das Problem ist Rock Ya-Sin, der in seinem zweiten Jahr eine Weiterentwicklung vermissen ließ. Sofern diese nicht folgen sollte, ist er eine deutliche Schwachstelle dieser Gruppe.

Keine Fragen gibt es bei den Safeties. Julian Blackmon hat in seinem Rookiejahr die Erwartungen bei weitem übertroffen und Khari Willis ist ein solider Spieler, der im dritten Jahr auch noch Potential nach oben hat.

Coaching

Defensive Coordinator Matt Eberflus galt im Winter als Kandidat für den Head Coach Job bei den Houston Texans. Zwar gelang es ihm bisher nicht die äußere D-Line zu stabilisieren, andererseits haben sich einzelne Spieler unter ihm stark entwickelt. Sollte die Defense den nächsten Entwicklungssprung machen, dürfte Eberflus kommendes Frühjahr ein heißer Kandidat auf einen Head Coach Job sein.

Team Projection

Keine große Überraschung: Vieles steht und fällt mit Wentz. Reich und Ballard haben ein durchaus talentiertes Team zusammengebaut, welches nun aber den nächsten Schritt gehen muss. Ob Wentz da der richtige ist? Die Architekten des Teams haben zwar noch keinen großen Druck abliefern zu müssen, dennoch sollte man langsam den Franchise-Quarterback finden.

Ein positiver Record ist in der AFC South Pflicht. Mit den Titans wird man sich um den Divisionssieg duellieren, dem „Verlierer“ sollte die schwache Division zur Playoff-Teilnahme verhelfen. Aber es ist fraglich ob das reicht, um mittelfristig wieder ein Super Bowl Contender zu werden.

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