Wie queer ist die NFL? | Teil 3 – Carl Nassib

Bereits in zwei Teilen habe ich über geoutete ehemalige NFL-Profis geschrieben. Von den späten 60ern in Washington bis zu Michael Sam. Die betroffenen Spieler outeten sich meist Jahre nach ihrer Karriere oder bereits am College. Nun hat sich erstmals ein aktiver NFL-Profi bekannt.

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Eigentlich sollte in den kommenden Tagen der abschließende Teil dieser Serie folgen, aber nun wurde der Artikel vor dem Wurf in die Endzone von Carl Nassib gesacked.

Ebenjener Carl Nassib, Defensive End der Las Vegas Raiders, hat sich in diesem Video auf Instagram als schwul geoutet und einen Meilenstein für LGBTIQA* Sportler*innen gesetzt. Die Reaktionen in den USA fielen äußerst positiv aus, viel Lob, welches einzelne negative Reaktionen unsichtbar machte. Hierzulande finden sich negative Kommentare auf Twitter schneller, wenn man die Football-Bubble verlässt.

Immer wieder kommen die gleichen zwei Negativ-Reaktionen auf, getarnt in unterschiedlichen Formulierungen. „Warum muss man sich outen?“ und „Mir doch egal was jemand im Schlafzimmer treibt!“. Zwei Aussagen die zeigen, warum das Outing Nassibs eine besondere Stellung einnimmt.

„Warum muss man sich outen?“

Gerne folgt auf diese Frage „Ich oute mich doch auch nicht als heterosexuell!“, was einfach eine Falschaussage ist. Die meisten heterosexuellen Menschen outen sich an nahezu jedem Tag der Woche. Wenn ein Mann mit seiner Frau durch die Stadt schlendert outen sich beide. Wenn eine Frau einen Mann küsst outen sich beide. Sie merken es nur nicht, da es für sie eine absolute Selbstverständlichkeit darstellt, ihnen von der Gesellschaft nie etwas anderes eingeredet wurde. Der Öffentlichkeit ist es egal. Aber in anderen Konstellationen, z.B. homosexuellen Paaren, fallen die Reaktionen vieler Passanten anders aus. Die einen gucken hin, die anderen beschämt weg, manche werden gar aggressiv.

„Mir doch egal was jemand im Schlafzimmer treibt!“

Carl Nassib geht es mit seinem Outing nicht ums Schlafzimmer. Es geht um die angesprochene Normalität. Nassib hatte, gerade als öffentliche Person, kaum die Möglichkeit eine Beziehung zu führen. Er konnte nicht mit einem Freund ein romantisches Restaurant besuchen, einen schnulzigen Film in Kino sehen oder einfach irgendwo auf einer Parkbank zusammen den Sonnenuntergang betrachten. In der Welt von Smartphone und Social Media muss man ungeoutet immer damit rechnen, erwischt zu werden. Selbst unter nicht-Promis gibt es genügend Menschen, die für ein Date viele Kilometer fahren um sicher zu gehen, dass nicht irgendein Bekannter etwas bemerken könnte. Für eine öffentliche Person potenziert sich dieser Druck, da ein footballinteressierter Mensch aus Colorado oder Oregon Nassib ebenfalls hätte erkennen können.

Nassib möchte mit seinem Outing nur eines: Normalität. Kein Versteckspiel, keine Scheinfreundin, kein aufgesetztes Machogehabe um in der Kabine bloß nicht aufzufallen.

Das Vorbild

Ein weiterer sehr wichtiger Punkt für die Wichtigkeit dieses Outings ist Nassibs Positionierung als Vorbild. Nassib verwies in seiner Mitteilung auf die vielfach höhere Selbstmordrate unter LGBTQ Jugendlichen gegenüber heterosexuellen. Für Betroffene kann Nassib nun ein wichtiger Halt werden, ihnen Hoffnung geben. Vor allem in einer Zeit, in der homofeindliche Stimmen weltweit immer lauter werden, ist so ein Bezugspunkt äußerst wichtig. Für ungeoutete aktive Spieler wird Nassib nun auch ein wichtiger Fixpunkt werden und man wünscht sich, dass weitere die Kraft haben werden, zu sich stehen zu können.

Die Liga

Die NFL selbst hat sich auf Nassibs Seite positioniert, alles andere wäre auch schockierend gewesen. Sie steht nun aber noch deutlicher als bisher in der Verantwortung, LGBTIQA*-feindliche Aussagen zu sanktionieren. In der Vergangenheit gab es homofeindliche Aussagen einzelner Spieler, einer der prominentesten Fälle ist Richie Incognito – heute ein Teamkollege Nassibs bei den Raiders. Der Guard war federführend an einem Mobbing-Skandal gegen seinen früheren Dolphins-Teamkollegen Jonathan Martin beteiligt, bei dem rassistische und homofeindliche Aussagen auf der Tagesordnung standen. Er gilt als extremer Trump-Fan. Allerdings hat sich Incognito von diesem früheren Verhalten distanziert.

Der Wunsch

Im Idealfall erreichen wir als Gesellschaft irgendwann den Punkt an dem es keine Rolle mehr spielt ob sich ein Mensch Frau, Mann, Non-Binary,… trifft. Dass es nur noch eine Randnotiz wird, wenn sich ein Spieler von sich aus outet. Aber das dauert und selbst wenn nun, von Nassib bestärkt, in den kommenden Wochen weitere Spieler folgen, bleibt es keine Randnotiz. Und aktuell sollte es, meiner Meinung nach, auch nicht zu einer werden. Dazu sind die Stimmen von Nassib und hoffentlich bald weiteren zu wichtig. Die Akzeptanz, die ihm nun aus der Liga widerfährt ist nicht allen garantiert. Gerade wenn es beispielsweise um den College-Sport geht, bei dem viele Football-Hochburgen in Bible Belt-Staaten wie Mississippi und Alabama liegen. Oder in Staaten wie Tennessee, welche die Rechte von LGBTIQA* Personen aktuell beschneiden. Solange betroffene Personen dort mit Hass und Abneigung konfrontiert werden, sollte es auch nichts werden, was weitgehend schulterzuckend hingenommen wird.

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Jessica Fehlhaber
NFL-Fan und Fantasy-Spielerin. Verliebt seit dem ersten Snap als aktive Spielerin. Fly, Eagles, Fly!

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