Wie queer ist die NFL? | Teil 2 – Wer folgte Kopay?

Nachdem ich im ersten Teil erzählte, wie es 1969 gleich drei homosexuelle Spieler in einem einzigen Team gab, hätte man meinen können, dass die queere Tür geöffnet wurde. Aber auch David Kopays Biographie 1975 konnte vorerst keinen weiteren Spieler zu einem Outing inspirieren.

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Obwohl es in den 1970er Jahren einige gesellschaftliche Fortschritte in der Akzeptanz von Homosexualität gab, war es vielerorts noch immer ein absolutes Tabuthema. Zumal mit dem Amtsantritt von Ronald Reagan ein neuer Konservatismus auf die Bühne kam, den man auch in Deutschland erleben konnte. Ob hierzulande mit Helmut Kohl oder in den USA unter dem Filmstar der 50er Jahre – es gab eine gewisse Rückkehr zum biederen Mief der Nachkriegsjahre. Eine gedankliche Rückkehr in die Zeit des Wirtschaftswunders, als alles einfacher erschien. Alles andere als eine einfache Zeit für queere Personen. So war es 1983 noch immer der Fall, dass gleichgeschlechtlicher Sex in der Hälfte aller US-Staaten, vor allem den südlicheren, verboten war. In Teil 2 der Serie möchte ich eine Auswahl an Spielern porträtieren, die sich ab den 80er Jahren geoutet haben. Teil 1 blickte auf historische gesellschaftliche Situation und auf die ersten bekannten homosexuellen Spieler zurück.

Der Kampf mit der Orientierung

1983 war auch das letzte Karrierejahr des nächsten bekannten schwulen Profis: Roy Simmons. Der 1956 in Savannah, Georgia, geborene Guard kam 1979 als Achtrundenpick (damals ging der Draft über zwölf Runden) in die Liga. Er wurde von den New York Giants ausgewählt und wurde im zweiten Jahr Starter. Doch 1981 verlor Simmons diesen Posten und in der folgenden Off Season trennte man sich. Der Offensive Liner fühlte sich psychisch erschöpft und nahm eine Auszeit, hatte zusätzlich Probleme mit Drogen. Später führte er beides auf sein langes Versteckspiel zurück. Nachdem Simmons zwischenzeitlich an einem New Yorker Flughafen arbeitete und in der Saisonvorbereitung 1983 bei den Giants durchfiel, schaffte er es das heutige Washington Football Team zu überzeugen. Wie der Zufall es will, war also auch dieser homosexuelle Profi dort aktiv.

Die Mannschaft aus Washington schaffte es in den Super Bowl, wo Simmons Backup war. Doch das war sein letzter NFL-Auftritt. Simmons versuchte danach einen neuen Anlauf in der United States Football League, einem der vielen Versuche eine Konkurrenzliga zu etablieren, fand aber auch dort kein Glück. Nachdem seine Zuneigung zu Männern innerfamiliär geoutet wurde, verschwand Simmons weitgehend von jeder Bildfläche. Bis 1992.

In einer Folge der „Phil Donahue Show“, einer Daily Talk Show, outete sich der frühere Lineman als schwul. Aber auch das eigene Outing ließ Simmons nicht glücklich werden. Er schaffte es nicht mit stolz zu sich zu stehen, sagte später mal, dass er den Drang verspüre „sich zu betrinken“, bevor er gleichgeschlechtlichen Sex hatte. Dies führte er auf sexuellen Missbrauch in seiner Jugend, die gesellschaftliche Ablehnung von Homosexualität und seine christliche Erziehung zurück. Simmons starb am 20. Februar 2014 im Alter von 57 Jahren. Zwei Monate, bevor mit Michael Sam erstmals ein offen homosexueller Spieler im Draft ausgewählt wurde.

Der Entertainer

Nach Simmons’ Outing dauerte es wieder 10 Jahre bis zum nächsten geouteten Spieler: Esera Tuaolo, Defensive Tackle. Er spielte von 1991 bis 1999 in der NFL, viele Jahre bei den Minnesota Vikings. Er spielte in Super Bowl XXXIII mit den Atlanta Falcons und war in selbigem Spiel der letzte Spieler, der Quarterback-Legende John Elway einen Tackle verpasste. Tuaolo outete sich 2002 in der Sendung „Real Sports“. Im Gegensatz zu Simmons, konnte der Defensive Tackle seine Sexualität vollständig akzeptieren.

Tuaolo, Spitzname „Mr. Aloha“, wurde neben David Kopay zu einer zweiten lauten Football-Stimme der LGBT Community. Seit seinem Outing arbeitete er in vielen Bereichen für den Kampf gegen Homophobie, auch mit der NFL selbst.

Der 52-jährige ist seit damals eine aktive Medienpersönlichkeit und teilte mehrfach seine persönlichen Erfahrungen in diversen Fernsehformaten. Auch auf Social Media positioniert er sich gegen jede Form von Rassismus und Diskriminierung.

Er ist zudem musikalisch aktiv, war bei “The Voice” und sang bei der Eröffnungszeremonie der siebten Gay Games die amerikanische Nationalhymne. Auch bei diversen Spielen von NFL, MLB, NHL und NBA übernahm er diese Aufgabe.

Der Erstrundenpick

Nach Tuaolos Outing verging wieder ein ganzes Jahrzehnt, bis es zum nächsten Outing kam. Dieses war dann auch noch unfreiwillig und betraf Kwame Harris. Ein Erstrundenpick der 49ers aus 2003 und bis 2008 in der Liga aktiv. Er war mehrere Jahre Starter bei den 49ers und später Raiders, konnte aber nie die hohen Erwartungen erfüllen. Nach seinem NFL-Ende war es weitgehend ruhig um ihn, zumal ein Comeback-Versuch in der United Football League scheiterte. 2013 wurde seine Homosexualität öffentlich, als er wegen häuslicher Gewalt gegen seinen Lebensgefährten vor Gericht stand.

Im Verlaufe des Prozesses outete er sich auch in einem CNN-Interview. Demnach war der Ex-Spieler bereits in seiner Jugend innerhalb der Familie geoutet, aber nicht überall akzeptiert. Auch deswegen spielte der in Delaware aufgewachsene Harris zu seiner College-Zeit in Stanford, am anderen Ende des Landes.

Der Meilenstein

2014 war es dann soweit. Mit Michael Sam wurde erstmals ein Spieler gedrafted, der sich zuvor geoutet hatte. Der 1990 in Texas geborene Defensive End entstammt aus sehr schwierigen Verhältnissen. Eines seiner sieben Geschwister verstarb vor Sams Augen an einer Schusswunde, ein Bruder verschwand Ende der 90er und zwei weitere Brüder sitzen im Gefängnis. Die Familie lebte zeitweise im Auto und Sam kam häufig bei Klassenkameraden unter. 2013 outete sich Sam gegenüber seinen Mitspielern an der University of Missouri, ging aber nicht an die Öffentlichkeit. Erst Anfang 2014, im Vorfeld des Drafts, äußerte sich Sam erstmals öffentlich zu seiner Homosexualität.

Im Draft selbst wurde er von den damals noch in St. Louis ansässigen Rams ausgewählt, allerdings erst an Position 249 von 256. Dennoch war es ein historischer Moment für LGBT Sportler, der weitreichende Wellen schlug. Der damalige Präsident Barack Obama gratulierte Michael Sam, den Rams und der NFL zu diesem Signal.

Auch bei den Fans gab es viel zuspruch, Michael Sams Trikot wurde im Zeitraum des Drafts bis Mitte Juli ligaweit am sechsthäufigsten verkauft.

queer player Michael Sam
Michael Sam in der Pre Season 2014 – Erik Drost

Doch sportlich fand Sam sein Glück nicht. Er wurde vor dem Saisonstart gecuttet und auch nicht ins Practice Squad übernommen. Die Dallas Cowboys verpflichteten den Defensive End zwar wenige Tage später, entließen ihn aber Mitte Oktober für einen Linebacker.

2015 versuchte Sam einen Neustart und wechselte nach Kanada zu den Montreal Alouettes. In der CFL debütierte er am 7. August gegen die Ottawa Redblacks und wurde damit zum ersten offen homosexuellen Footballer einer professionellen Liga. Doch es sollte das einzige Spiel gewesen sein. Sam beklagte mentale Probleme nach einem sehr schwierigen vergangenen Jahr und verließ Kanada. Eine Woche später beendete er mit dieser Begründung öffentlich seine Karriere. Auch wenn er sportlich nich Fuß fassen konnte, hat Sam einen Meilenstein gesetzt.

Outings der letzten Jahre

Um 2017 herum gab es zwei Outings, die ich hier aber noch nicht besprechen möchte. Zwei komplexe Fälle, welche ich auf den abschließenden dritten Teil ausweiten möchte. Stattdessen möchte ich noch weitere Outings der letzten Jahre aufzeigen.

Ein sehr spätes Outing gab es 2018. Jeff Rohrer, der von 82 bis 87 bei den Dallas Cowboys als Linebacker unterwegs war, outete sich mit 59 Jahren. Auch sein Outing war ein großer Schritt, denn auf selbiges folgte die erste gleichgeschlechtliche Ehe eines ehemaligen NFL-Profis. Rohrer gab seinem Mann Ross das Ja-Wort.

Bei den Dallas Cowboys gab auch der nächste geoutete Spieler sein NFL-Debüt. Ryan Russell, 2015 in Runde 5 gedraftet, spielte ein Spiel als Defense End. 2016 wurde er entlassen und ging zu den Bucs, wo er 22 mal zu Einsatz kam. 2018 versuchte er sich noch bei den Buffalo Bills wurde, aber im letzten Cut entlassen. Persönlich durchlief Russell eine Depression, nachdem 2018 ein wichtiger Freund und ehemaliger College-Mitspieler frühzeitig verstarb. Er versuchte seine Sorgen durch Schreiben zu verarbeiten und outete sich 2019 in einem Essay für ESPN als bisexuell. Mit seinem Freund Corey betreibt er seitdem einen Youtube-Kanal auf dem beide aus ihrem gemeinsamen Leben erzählen.

Ein kurzer Blick ins College

Zum Ende von Teil Zwei möchte ich noch zwei College Spieler hevorheben, denn dort gab es auch schon geoutete aktive Spieler. Der erste war, soweit ich herausgefunden habe, Conner Mertens, Kicker bei den Willamette Bearcats ab 2014. Das Division III College hat keinen großen Stempel auf der Football-Landkarte hinterlassen können. Aber neben dem ersten offenen bisexuellen Spieler, Mertens, spielte 1997 auch Liz Heaston für das Team. Sie war Kickerin des Teams und die erste Frau, die in einem College Football Spiel Punkte erzielt hat.

2017 outete sich erstmals ein Spieler eines FBS College. Scott Frantz war Offensive Tackle bei Kansas State und wurde zum ersten offen homosexuellen Spieler der obersten College-Division. Er sprach gegenüber ESPN von starken Ängsten, die er in den Momenten vor dem Outing hatte, aber auch über die große Akzeptanz des Teams.

“So you can imagine how scared I was, how nervous I was. … This could go either really bad or could go really good. And thankfully my teammates embraced me with open arms, and it was great.”

Scott Frantz – ESPN

Frantz war sich bereits früh über seine Sexualität bewusst, hielt diese aber bis zu diesem Moment zurück, auch im persönlichen Kreis. 2019 wurde Frantz ins Second-team All-Big-12 gewählt, im 2020er Draft blieb er aber ohne Berücksichtigung.

Abschließend zu diesem Teil gebe ich noch ein paar Linkempfehlungen. Artikel zu oben erwähnten Spielern und weiteren Twitter-Accounts.

Conner Mertens auf Twitter, Scott Frantz auf Twitter, Outsports.com über Roy Simmons, Outsports.com über Esera Tuaolo

Im dritten Teil der Serie spreche ich wie weiter oben angekündigt über zwei weitere Fälle. Dazu ein Blick auf die aktuelle gesellschaftliche Situation und was die NFL und ihre Teams so machen, wenn es um das Thema LGBT geht.

1 KOMMENTAR

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