NFL Draft Vorschau 2021: Quarterbacks

Ein Blick auf die interessantesten Quarterback-Prospects im NFL Draft 2021.

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Lesezeit: 8 Minuten

In einem Monat startet der NFL Draft 2021. Die ersten Vorboten haben wir in den letzten Tagen bereits mitbekommen, als die San Francisco 49ers einen Mega-Trade mit den Miami Dolphins eingefädelt haben um ganz hoch reinzutraden. Der Grund ist klar: San Francisco möchte sich einen der Quarterbacks abgreifen. Welchen, ist noch gar nicht klar, denn die Niners holten sich „nur“ den #3 Overall Pick.

Doch gehen wir mit den Experten, dann ist das relativ egal, denn der Quarterback-Jahrgang gilt als einer der besten aller Zeiten. Wir werden mit hoher Wahrscheinlichkeit vier, vielleicht sogar fünf Quarterback-Picks in den Top-Ten-Picks vom Board gehen sehen.

Auf diese fünf, und auf ein paar Mid-Round-Sleeper, blicken wir heute. Thomas stellt die Fragen, Jan Weckwerth und Christian Schimmel antworten.

#1 Quarterback-Klasse von 2021: Bester Jahrgang der letzten zehn Jahre?

Jan Weckwerth: Nicht ganz, aber beste Quarterback-Klasse seit 2012 (seinerzeit mit Andrew Luck und RG3 an der Spitze). Die einzige, die Pre-Draft, also ohne Kenntnis der späteren NFL-Karrieren, diesen beiden Klassen noch nahekommt, ist die 2018er-Version (Mayfield, Darnold, Allen, Rosen und Jackson). Doch da haben sich bekanntlich nicht alle Top-Talente wie gewünscht entwickelt. Ich bin sehr gespannt, wie sich die aktuelle Riege schlagen wird.

Christian Schimmel: Ich kann die Antwort für mich erst seit 2014 treffen und die lautet Ja. Zumal mit Lawrence und Wilson zwei Prospects in der Klasse dabei sind, die sehr hohe Bewertungen von mir bekommen haben. Gerade der ehemalige Clemson Tiger gilt ja als bester Prospect seit Andrew Luck. Auch am zweiten Tag gibt es noch den ein oder anderen Development Quarterback. Ich denke, dass einige Teams zugreifen werden.

#2 Trevor Lawrence: Komplettester Quarterback-Prospect seit langer Zeit? Was sind am ehesten seine Schwachpunkte?

Jan Weckwerth: Für mich der kompletteste Prospect seit Andrew Luck, den ich aber noch etwas höher eingeschätzt hatte. Lawrence bringt von seinen physischen Anlagen, seinem Armtalent, seiner Technik und seinem enormen Spielverständnis alles mit, um auch in der NFL ein Superstar zu werden.

Wenn ich einen Schwachpunkt nennen müsste, wäre das seine Accuracy – und zwar nicht nur, wie öfter kolportiert wird, bei langen Pässen, sondern durchaus allgemein. Im kurzen und mittleren Bereich ist sein Ball Placement ebenfalls nicht immer ideal. Dennoch sollten wir alle uns hüten, Lawrence überzuanalysieren, wie das mit den absoluten Top-Prospects in schöner Regelmäßigkeit geschieht. Damit tut man sich keinen Gefallen.

Christian Schimmel: Ich bin da bei Jan: Er hat manchmal Probleme mit der Präzision. Vermutlich wird er nie Drew Brees Rekorde für vervollständigte Pässe brechen. Vielleicht wird er zudem nie der konstanteste Quarterback werden. Am Ende ist das aber recht marginale Kritik, an einem Spieler, der sonst so unfassbar viel mitbringt.

#3 Viele halten Zach Wilson von BYU für den zweitbesten QB im Draft. Ich halte dagegen und sage: Er ist die Nummer 4. Überzeug mich, dass er mehr ist als ein System-QB für eine Wide-Zone-Offense!

Jan Weckwerth: Ehrlich gesagt halte ich Trey Lance für eine Wide Zone-Offense als noch passenderen Prospect. Wilson bringt vieles mit um in jeder NFL-Offense zu glänzen: Herausragender Arm mit tollem Zip auf den Bällen, Variation in Arm Angles und Geschwindigkeit der Bälle, ein kompakter und schneller Release sowie vor allem ein fantastisches Ball Placement bei tiefen Pässen an die Seitenlinie.

Wilson ist ein Improvisateur, der innerhalb und außerhalb der Struktur glänzen kann. Seine Off-Platform-Würfe sind für mich die besten der Klasse. Seine Spielzugerkennung vor dem Snap gefällt mir ebenso wie seine Entscheidungen im Play. Natürlich hat auch Wilson einige Fragezeichen, doch würde ich ihn keinesfalls als System-Quarterback abstempeln.

Christian Schimmel: Wilson kann jeden Wurf aus gefühlt jeder Körperposition machen. Kann improvisieren, wenn er muss, kann das komplette Feld anspielen. Heftiger Arm, möglicherweise der Beste der Klasse. Trifft enge Fenster, die meiner Meinung nach ein System-Quarterback nicht trifft. Kurz, entgleist der Wilson-Wagon, dann entgleist er mit mir.

#4 Trey Lance ist für mich der QB mit dem meisten Upside im ganzen Draft: Mental fit, Rakete von Wurfarm und eine Mobilität, die an Cam Newton erinnert. Was muss passieren, dass er den Sprung zum Top-QB in der NFL schafft?

Jan Weckwerth: Bin ich ganz bei dir: Lance hat das höchste Ceiling (neben Lawrence, dessen Base allerdings ebenfalls schon enorm hoch ist). Allerdings wird man mit ihm womöglich etwas mehr Geduld haben müssen. Schließlich hat er nur ein Jahr gestartet, und das auch „nur“ auf FCS-Ebene. Technisch wirkt er in einigen Bereichen noch roh, insbesondere die Fußarbeit muss kontrollierter und konstanter werden. Die größten Verbesserungen benötigt er meines Erachtens in der Accuracy, die selbst bei seinen gefürchteten vertikalen Pässen wechselhaft ausfällt. Das wirkt bei ihm allerdings vorrangig nach einem technischen Problem und wäre insofern behebbar.

Lance ist für mich die Sorte Quarterback, die ich wirklich nicht gleich ins kalte Wasser schmeißen würde. Ideal wäre ein Team wie Atlanta mit einem alternden, aber fest im Sattel sitzenden Franchise-Quarterback.

Christian Schimmel: Präziser werden. Die Upside ist da, aber er verpasst schlicht zu viele Würfe. Klar, er ist noch sehr unerfahren und hat noch verhältnismäßig wenig Spiele gemacht. Dazu kommt, viele seiner tiefen vervollständigten Pässe kamen über Play Action. Ich glaube, dass er Zeit brauchen wird, aber in einer Shanahan-Offense wären er oder auch Fields tödlich. Größte Upside hat für mich übrigens Lawrence. Eben auch, weil er schon so weit ist.

#5 Wer hat den besten Wurfarm der Klasse: Lawrence, Wilson, oder North Dakotas Trey Lance?

Jan Weckwerth: Kommt drauf an, was mit Wurfarm gemeint ist. Lawrence besitzt größte Variabilität bei vollkommen absurden Wow-Throws. Wilson hat vielleicht die beste Armstärke off-platform. Lance könnte den stärksten Arm der drei haben, wenn es um die Länge der tiefen Pässe geht. Wie auch immer: So viele sensationelle Arme wie dieses Jahr haben wir in den oberen Regionen der Draft ganz lange nicht erlebt. Dazu gehört für mich übrigens auch Justin Fields.

Christian Schimmel: Lance und Wilson sehe ich ähnlich, mit minimalen Vorteilen für den ehemaligen FCS-Quarterback. Lawrence hat einen guten Arm, aber eben nicht ganz so stark.

#6 Kommen wir zum großen Vergessenen: Justin Fields. Ist sein “mental processing” wirklich so schlimm, dass dieser einst als echte Konkurrenz für Trevor Lawrence gehypte Ohio-State-Quarterback seinen Platz im Hype-Train an Wilson und Lance abgeben musste?

Jan Weckwerth: Aktuell sieht es ein wenig so aus, aber Vorsicht: Fields hat ebenfalls ein pervers hohes Potenzial. Ich habe ihn aktuell leicht vor Lance gerankt, da er im Quarterback-Spiel insgesamt etwas weiter erscheint. Dennoch sind der „processing speed“ und vor allem das Gefühl für Pressure schon ein großes Fragezeichen, das NFL-Defenses zu Beginn mit exotischen Formationen und Blitz-Packages ausgiebig testen werden.

Die Kombination aus Armtalent, herausragender Genauigkeit auf allen Leveln des Feldes sowie dem dynamischen wie variablen Laufstil würde ich mir dennoch früh sichern. Ich glaube nicht, dass sich das Lesen von Defenses – das wohlgemerkt kein generelles, sondern in spezifischen Situationen auftauchendes Problem ist – nicht doch schnell und substanziell verbessern wird.

Christian Schimmel: In den meisten anderen Klassen wäre er in der Debatte für den First Overall. Dieses Jahr und eben auch die 2020er Klassen ausgenommen, aber selbst 2018 wäre er mit dem Skillset in der entsprechenden Diskussion gewesen.

Wilson und Lance haben jeweils besondere, herausragende Fähigkeiten, gerade was den Arm betrifft, die Fields vielleicht in der Debatte etwas zu kurz kommen lassen. Das wertet ihn für mich aber als Prospect nicht ab. Er hat seine Probleme unter Druck und ist manchmal zögerlich, dafür hat er insbesondere mit seiner Präzision einzigartige Stärken.

#7 Mac Jones aus Alabama: Produkt fantastischer Receiver oder Hoffnung auf die Rückkehr des echten Pocket-QBs?

Jan Weckwerth: Weder noch, zumindest nicht ausschließlich. Ich muss zugeben, dass mich Jones beim genaueren Tape-Studium überrascht hat. Der ist viel mehr als nur ein Verwalter in einer Quarterback-freundlichen Offense voller Superstars gewesen. Er hat sicher nicht den stärksten Arm, aber die sehr gute Genauigkeit, die schnellen Entscheidungen und das Lesen des Feldes haben mich überzeugt. Trotz geringer Mobilität ist sein Verhalten in der Pocket sehr effizient.

Natürlich erhielt Jones enorme Hilfe durch die starke O-Line und die regelmäßige Separation seiner Receiver. Allerdings gebe ich zu bedenken, dass seine Leistungen auch nach dem Ausfall von dem einen Star-WR Jaylen Waddle nicht merklich litten.

Christian Schimmel: Ich sehe Jones ja deutlich kritischer als die meisten anderen. Die Zahlen bei seinem Pro Day haben mich doch sehr überrascht, denn auf dem Platz sieht man wenig von der Athletik, die die Zahlen vermuten lassen würden. Für mich hat er nicht den Arm und auch nicht die Statur, um in der NFL dauerhaft zu starten. Er hat trotz der guten Offensive Line viele Hits abbekommen. Sicherlich ist er einer der präziseren Spielmacher im Draft, ich bin gespannt, wie er sich entwickelt.

#8 Vergleichen wir mal Jones mit seinem (etwas weniger produktiven) Alabama-Vorgänger Tua Tagovailoa: Wer ist das bessere Draft-Prospect und warum?

Jan Weckwerth: Rein als Prospects (also ohne Wissen der Rookie-Saison) Tua, und zwar deutlich. Einige Gründe:

  1. Die Mobilität, die ihm wesentlich mehr Plays außerhalb der Playstruktur erlaubt.
  2. Der Processing-Speed: Jones ist darin ebenfalls nicht schlecht, aber Tua verstand es wie kein Zweiter, seine Reads in dieser Offense blitzschnell abzuklappern.
  3. Accuracy: Ebenfalls keine Schwäche von Jones, doch Tuas Genauigkeit war gerade bei kurzen Routes schlicht spektakulär.

Christian Schimmel: Auch für mich Tua, und es ist für mich nicht knapp. Die Frage ist, ob man bei Tua die Verletzung mit einkalkulieren möchte. Ich kann das schlicht nicht beurteilen. Rein sportlich war Tagovailoa nochmal ein ganzes Stück präziser als Jones und das ist keine Kritik an letztem, es war die herausragende Fähigkeit beim jetzigen Dolphin. Auch die athletischen Vorteile sehe ich bei ihm. Auch wenn die Spielertypen durchaus ähnlich sind, sehe ich in der Qualität Unterschiede.

#9 Warum liege ich richtig mit meiner Einschätzung, dass Davis Mills der beste, weil reifste “2nd tier” QB-Prospect im Jahrgang ist, und warum falsch?

Jan Weckwerth: Gehört Jones noch in die 2nd tier? Dann würde ich widersprechen. Mills bringt einige nette Tools mit, aber als reif würde ich ihn nach 11 College-Starts eher nicht bezeichnen. Mills hat ein ziemlich komplettes Skillset und keine größeren Schwächen, allerdings auch keine „special traits“, die ihn besonders interessant machen. Ein langweiliger Prospect im positiven Sinne. Mit etwas Entwicklungszeit könnte er überraschen. 

Christian Schimmel: Richtig, weil er rein vom Verständnis, der Technik und seinen körperlichen Fähigkeiten viel mitbringt. Falsch, weil er verletzungsbedingt noch sehr unerfahren ist und in der Offense von Stanford nicht viel Verantwortung hatte. Dazu fehlen die Würfe in enge Fenster. Es gibt wenig, was einen begeistert. Bin aber gespannt, was er in einer etwas moderneren Offense leisten könnte.

#10 Hast du noch einen Mid/Late Round Sleeper?

Jan Weckwerth: Du wirst vielleicht entsetzt sein: Kellen Mond. Mond war über seine ersten drei Jahre ein Enigma, bei dem sich sensationelle und haarsträubende Plays abwechselten. 2020 hat er einen ziemlichen Sprung gemacht, der sich nicht nur an den Stats ablesen lässt.

Mond ist technisch weiter als sein (schlechter) Ruf, hat nettes dual-threat Potenzial, ist relativ akkurat und hat die schlechten Entscheidungen deutlich reduziert. In der Offense von Jimbo Fisher spielte er viele Passkonzepte, die er auch in der NFL vorfinden wird. Mond wird nie die spektakuläre vertikale Offense anführen, aber für eine rhythmische Kurzpass-Offense, die ihn ab und an aus der Pocket bewegt, sehe ich durchaus Entwicklungspotenzial.

Christian Schimmel: Es gibt keinen, der mich in der Hinsicht begeistert. Mir gefällt die Entwicklung von Kellen Mond, aber selbst er wird noch einiges an Zeit brauchen.

#11 Du darfst dir einen Scheme-Fit Spieler/Team in diesem Quarterback-Draft aussuchen: Welcher ist es?

Jan Weckwerth: Wie schon angerissen: Trey Lance – 49ers.

Christian Schimmel: Trey Lance zu Shanahan nach San Francisco. Ich glaube, dass das dem jungen Spielmacher von der North Dakota State University sehr entgegenkommen würde. Shanahan hat immer wieder gezeigt, dass er Offenses um und mit seinen Spielmachern schemen kann.

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Thomas Psaier
Football-Blogger seit 2010. Allesfresser in NFL und College Football.
Jan Weckwerth
College Football- und Draft-Veteran. Podcaster. Sportromantiker. Running game still matters.
Christian Schimmel
365 Tage Football im Jahr sind möglich , GFL Kommentator, Tape-Nerd und Podcaster zu Draft, College und NFL.

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