Wie queer ist die NFL? | Teil 1

THIS IS A MAN'S WORLD! Football, eine der letzten Sportarten, wo Mann Mann sein darf und mal richtig das Testosteron aus allen Adern fließen lassen kann. Den Eindruck haben Außenstehende häufig vom Football und mit Blick auf die NFL trifft es schon ein wenig zu.

1
576
4.8
(17)
Lesezeit: 6 Minuten

Macho-Attitüde, Partys in Strip Clubs,… wahrlich keine unbekannten Dinge im Liga-Kosmos. Dazu mehrere prominente Fälle von Gewalt gegen Frauen und Sexismus-Problematiken. Wie sieht es in einer solchen Liga mit einem Thema wie Homosexualität aus?

In einer kleinen Serie möchte ich ein wenig zurückblicken. Welche Verbindungen es bisher gab zwischen der Liga und der LGBTIQA* Community. Wie viele geoutete Spieler hatte die NFL bisher? Wie ist die Situation, gerade auch im historischen Kontext? In Deutschland ergab eine Umfrage aus dem Jahr 2016, dass etwa 6% der befragten Männer sich nicht als heterosexuell sehen. Heruntergebrochen wären das etwa drei Spieler eines 53er Kaders.

Nun kann man das natürlich nicht eins zu eins übertragen. Die USA haben andere Umstände, sind mancherorts bei queeren Themen weitaus progressiver als Deutschland, anderenorts hingegen ein Vielfaches rückständiger. Dazu ist es wahrscheinlich, dass ein doch sehr maskulines und “heterosexuelles” Umfeld im Sport dafür sorgt, dass betroffene Spieler den langen Weg über Schule und Universität nicht bis zum Ende gehen wollen oder können. Die Anzahl homosexueller Spieler wird meiner Einschätzung nach unter diesem Schnitt liegen – aber es gibt sie. Zumal es bereits ein paar (später) Geoutete gab.

Die gegenwärtige Situation außerhalb des Footballs

Um das Thema anzugehen, empfinde ich es für sinnvoll auf die gegenwärtige Situation und die allgemeine Geschichte der Homosexualität in den USA zurückzublicken. In beiden Fällen gibt es doch größere Unterschiede zum deutschsprachigen Raum.

Gegenwärtig hat man in vielen Regionen den USA eine sehr prosperierende queere Kultur. Es gibt allerhand geoutete Film- und Fernsehstars aus der Community, offen lebende Politiker, Aktivisten für LGBT-Rechte, die erfolgreich für eine Akzeptanz gekämpft haben. Die schwule Ehe ist mit trauriger Ausnahme einzelner Countys in jedem Staat erlaubt und in den progressiveren Staaten gibt es Antidiskriminierungsgesetze gegen die sexuelle Orientierung und sexuelle Identität.

Aber es gibt auch Probleme, denn auch wenn die Mehrheit der US-Bevölkerung Homosexualität akzeptiert, verneinten 44% 2010 eine entsprechende Akzeptanz. 42% lehnten 2014 in einer Umfrage die gleichgeschlechtliche Ehe ab.

Wie auch in vielen anderen sozialen Fragen, gibt es in den einzelnen Bundesstaaten massive Unterschiede zum Thema LGBT. Während in Staaten wie Massachusetts und Vermont nur kleine Minderheiten ein Problem mit Homosexualität haben, lehnten in vielen der Bible Belt-Staaten noch in 2014 über 50% diese Thematik laut Studie des Pew Research Centers ab.

Mississippi, Alabama, Tennessee: Traditionelle College-Football-Staaten, in denen die Mehrheit Homosexualität als etwas Negatives sieht.

Geschichtlicher Rückblick auf die Homosexualität in den USA

Historisch möchte ich in den 1950ern einsteigen. Zu diesem Zeitpunkt bildete sich vor allem in New York City eine erste größere schwule Gemeinde, der viele Intellektuelle dieser Zeit angehörten. Schriftsteller wie Gore Vidal, Dichter wie Allen Ginsberg, Musiker wie Leonard Bernstein. Sie sind nur einzelne bekannte Namen, die der New Yorker Szene angehörten, dort teils offen lebten. Dies wurde im Laufe der 50er nicht einfacher.

In der McCarthy-Ära, bekannt nach dem damaligen Senator Joseph McCarthy, wurden sehr viele Randgruppen, die nicht zur „typischen“ US-Gesellschaft zählten, zu Feindbildern erklärt. Wer nicht konform ging, galt als potentieller Landesverräter. Als Kommunistenhelfer. Dort wurde dann unter anderem von einem „Homosexuellen Untergrund“ gesprochen, der der „kommunistischen Konspiration“ Vorschub leiste. Homosexuelle durften nicht für die Regierung arbeiten, LGBT-Organisationen wurden vom FBI überwacht.

In der Bürgerrechtsbewegung der 60er Jahre wurde die Situation dann auch für die queere Community deutlich besser. In anderen Städten, vor allem San Francisco, bildeten sich weitere Szenen. Offen homo- oder bisexuelle Personen waren in der Bewegung in führenden Positionen dabei. Dazu wurde in den Medien der „Hays Code“ abgeschafft, laut dem Inhalte von Film & Fernsehen „moralisch akzeptabel“ zu haben scheinen.

Vermutlicher Höhepunkt der Enwicklungen waren die Stonewall Riots, dem Aufstand der LGBT-Szene gegen gewaltätige Razzien der New Yorker Polizei in Szenebars. Dieses Ereignis gilt noch heute als eines der wichtigsten in der Community. Die Stonewall Inn Bar befindet in der Christopher Street, der Christopher Street Day dient als Erinnerung.

Kurz darauf, in den 70er Jahren gab es dann das erste Outing eines ehemaligen NFL-Profis…

Das erste Outing eines NFL Spielers

David Kopay (links) 1969 in Washington – NFL Films

David Marquette Kopay, geboren 1942 in Chicago, outete sich 1975 als schwul. Seine Karriere war bereits seit 1972 vorbei, aber bis dahin spielte er acht Jahre als Running Back für verschiedene Teams, am längsten von 1964 bis 1967 in San Francisco. In seiner Karriere sammelte er 875 Yards und 3 Touchdowns als Runner, 593 Yards und 4 TDs als Receiver. Kopay galt zu diesem Zeitpunkt als heißer Kandidat für einen Coaching-Job, den er jedoch nie bekam. Er vermutet, dass seine sexuelle Orientierung einen entsprechenden Posten in der NFL oder an einem College verhinderte.

1977 veröffentlichte er seine Biographie, The David Kopay Story, welche ein Bestseller wurde. In diesem Buch outete der ehemalige Running Back auch einen ehemaligen Mitspieler, den er aber nicht namentlich erwähnte. Kopay engagiert sich bis heute für LGBT-Rechte, war u.a. Botschafter der Gay Games in seiner Heimatstadt Chicago.

Kopay entstammt einer streng christlichen Familie, war sich früh seiner Homosexualität bewusst, was im Amerika der 1950er weitestgehend ein großes Tabu war. Von Ängsten geplagt verschloss sich er sich in der College-Zeit, traute sich nicht die heimlichen Schwulenbars der Stadt aufzusuchen. Erst im letzten Jahr konnte er sich zumindest sportlich entfalten, wurde mit seinen Leistungen zum All American und führte die Washington Huskies in den 1964er Rose Bowl (wo es eine Niederlage gegen die Illinois Fighting Illini gab). Im Laufe der Karriere kamen dann die klassischen Schutzschilder. Er verkaufte sich teamintern als großer Frauenheld, heiratete später um die Lüge der Heterosexualität zu leben.

Der Erfolgreichste

Der von Kopay anonym geoutete war Jerry Smith, einer der erfolgreichsten Spieler in der Geschichte des Washington Football Teams. Smith fing zwischen 1965 und 1977 als Tight End 60 Touchdowns für das Team aus der Hauptstadt. Er outete sich niemals selbst zu seiner Sexualität, doch auch Smiths damaliger Teamkollege und Zimmerpartner Brig Owens sprach später davon es gewusst zu haben. Smith selbst starb 1986 im Alter von 43 Jahren an AIDS. Er war der erste ehemalige Profisportler, der in den USA dem Virus erlag.

Der eigentlich erste

Ray McDonald – Fair Use Image

Als erster offen schwuler Spieler gilt Ray McDonald, ein Erstrundenpick von Washington 1967. Auch wenn es kein klassisches Outing gab, war McDonalds Sexualität teamintern kein Geheimnis. „People more or less knew he was gay,” sagte Ex-Teamkollege A.D. Whitfield in einer Sports Illustrated Reportage. „In the first year, there were all kinds of stories about incidents around town.

Das bereitete McDonald allerdings Probleme, 1968 wurde er wegem sexueller Handlungen mit einem anderen Mann in der Öffentlichkeit verhaftet. McDonald hatte einen fulminanten Karrierestart, schaffte in seinem zweiten Profispiel gegen die Saints 3 Touchdowns. Leider war es sein erstes und letztes Highlight. Eine im College erlittene Achillessehnenverletzung brach wieder auf und bereitete ihm fortan große Probleme. In Woche 12 bestritt er sein sechstes und letztes NFL-Spiel. Der frühere Erstrundenpick war zwar Anfang 1969 noch im Kader, konnte aber kein weiteres Spiel mehr bestreiten.

Anschließend war die Karriere vorbei und er verschwand vom Radar. Der Running Back verabschiedete sich vom Sport und wurde Musiklehrer. 1993 verstarb McDonald im Alter von 48 Jahren an einer Aids-Erkrankung. Obwohl seine Sexualität mannschaftsintern bekannt war, hatte er sich der eigenen Familie gegenüber nie geoutet.

Die progressive Trainerlegende

Vince Lombardi – NFL Films

1969 befanden sich also gleich drei schwule Spieler im Kader Washingtons. In diesem Jahr kam ein neuer Trainer in die Stadt. Niemand geringeres als Vince Lombardi, die größte Coaching-Legende der Liga. Der Erfolgstrainer der Packers trat ein Jahr vor seinem frühen Tod einen letzten Job als Head Coach an. Im Gegensatz zu vielen Amerikanern seiner Generation war Homophobie für Lombardi ein Fremdwort. Homophobe Sprüche, waren im Locker Room ein absolutes Tabu. “And if I hear one of you people make reference to his manhood, you’ll be out of here before your ass hits the ground”, stellte Lombardi, laut dessen Biographen David Maraniss, gegenüber dem Coaching Staff klar. Dabei ging es um McDonald, den die Trainerlegende mit Eifer zurück in die Liga bringen wollte. Für Lombardi zählte nur die Disziplin, aber an selbiger scheiterte McDonald. Unpünktlichkeit, eine fehlende Fokussierung auf den Sport und anderes sorgten dafür, dass Lombardi die Geduld verlor.

Gründe für Lombardis Offenheit waren Diskriminierungen, die er und seine Familie mitmachen mussten. Als Kind süditalienischer Einwanderer, fühlte er sich bei der Suche nach Trainerposten oft übergangen. Dazu war Lombardis Bruder Harold homosexuell, wodurch auch dieses Thema für ihn von großer Bedeutung war. Jede Art von Diskriminierung empfand die Legende als Unding.


Im nächsten Teil gehen wir in die folgenden Jahrzehnte. Ein kleiner Spoiler: So progressiv die Situation im Team Washingtons 1969 auch war, sie war vermutlich einmalig. Nach dem Outing von David Kopay 1975 dauerte es bis in die 90er, dass sich ein zweiter ehemaliger Spieler öffentlich outete…

Hat dir der Artikel gefallen?

Klicke auf die Sterne, um zu bewerten!

Durchschnittliche Bewertung: 4.8/5 (17 Stimmen)

Bisher keine Bewertungen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.

Weil du diesen Beitrag nützlich fandest...

Folge uns in sozialen Netzwerken!

Es tut uns leid, dass der Beitrag für dich nicht hilfreich war!

Lasse uns diesen Beitrag verbessern!

Wie können wir diesen Beitrag verbessern?

Jessica Fehlhaber
NFL-Fan und Fantasy-Spielerin. Verliebt seit dem ersten Snap als aktive Spielerin. Fly, Eagles, Fly!

1 KOMMENTAR

Schreibe eine Antwort

Scheibe deinen Kommentar
Sag uns deinen Namen