Psaier & Sommer – Sunday Watch Super Bowl

Eine etwas andere Vorschau auf den NFL Super Bowl 2020/21 mit den Takes von Fabian Sommer und Thomas Psaier.

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Des einen Freud, des anderen Leid – wir stehen am Ende der NFL-Saison 2020/21. Natürlich haben wir mit dem Super Bowl zwischen den Kansas City Chiefs und den Tampa Bay Buccaneers noch einen Leckerbissen vor der Brust. Doch trübt auch etwas die Stimmung, denn das große Finale bedeutet auch: ein halbes Jahr kein NFL-Football mehr. Bei den NFL-Championship Games gelang uns ein Split – die Chiefs setzten sich durch, die Käsehüte scheiterten an den Bucs.

In den letzten zwei Wochen gab es im Internet schon reichlich Content zum anstehenden Matchup. Zu empfehlen wäre da die große Taktik-Analyse von Adrian Franke. Da wir euch kaum etwas erzählen können, das ihr nicht schon wisst, schnappen wir uns ein paar Wetten. Pro richtigem Tipp spenden wir zehn Euro an die Deutsche Krebshilfe. Die Markt-Quoten wurden zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von Pinnacle genommen und sollen lediglich als Referenz gelten.

Sommer: Patrick Mahomes Over 41.5 Passing Attempts

Gibt es für Andy Reid irgendeinen Grund, in diesem Matchup viele Runs zu callen? Seit Reid 2013 bei den Chiefs angeheuert hat, callt das Team auf Early Downs mit Abstand die meisten Pässe. In dieser Saison callen Reid und OC Eric Bieniemy auf 1st Down die zweitmeisten, auf 2nd Down die meisten Pässe – angepasst an der Situation. Sie haben den besten Quarterback der Liga und versuchen erst gar nicht, einen Umweg zu wählen. Sie spielen ihre besten Fähigkeiten gnadenlos aus.

Die Buccaneers haben eine hervorragende Run-Defense und sollten mit den Edge-Rushern Shaq Barrett und Jason Pierre-Paul sowie den Interior Linemen Vita Vea und Ndamukong Suh in der Lage sein, von Minute eins an die Line Of Scrimmage zu dominieren. Mit zwei Backup-Tackles (LT Eric Fisher und RT Mitchell Schwartz müssen verletzungsbedingt zuschauen) gibt es für die Chiefs wirklich kaum einen Grund, viele Runs zu callen. Im ersten Matchup, das ohne Vea stattfand, brachten die Chiefs stolze 49 Pässe. Und das, obwohl sie früh mit einigen Scores führten und das Ganze etwas ruhiger hätten angehen können. 41.5 wirkt etwas niedrig.

Sommer: Sammy Watkins Over 39.5 Receiving Yards

Die 39.5 – bei einigen Wettanbietern erhält man auch niedrigere Zahlen – ist mir etwas zu niedrig angesetzt. Sammy Watkins wird aller Voraussicht nach spielen und gilt dann als WR2 und dritte Receiving-Option der Chiefs. In seinen letzten beiden Partien gegen die Saints und Falcons ist er die zweit- und drittmeisten Routen gelaufen. In 26 von 38 zählbaren Partien (gegen die Colts 2018 stand er verletzungsbedingt nur für zwei Snaps auf dem Feld) kommt Watkins auf mindestens fünf Targets pro Spiel.

Die Bucs könnten sich etwas für Tyreek Hill und Travis Kelce einfallen lassen. Es würde Sinn ergeben, bei einem starken Four-Men-Rush sieben Defender in Coverage zu droppen und Hill mit Safety-Hilfe die tiefen Routen wegzunehmen. Es zumindest zu versuchen. Das sollte underneath eigentlich einige Räume für Watkins öffnen. Hypothetische vier Receptions für 45 Yards ohne Touchdown klingen für die dritte Receiving-Option einer hochfrequentierten Passing-Offense nicht gerade “bold”. Ein Big Play über die Mitte und wir kommen den 39.5 Yards schon ziemlich nahe.

Sommer: Tom Brady Over 290.5 Passing Yards

Die vielen Runs mit Leonard Fournette durch die Mitte sind ja schön und gut, aber die Bucs müssen ordentlich was durch die Luft erreichen, um mit den Chiefs mithalten zu können. Das Triumvirat um Mike Evans, Chris Godwin und Antonio Brown steht nach Verletzung des Letzteren wieder zur Verfügung. Es ist die individuell am besten besetzte Position der Liga, über die Brady das Spiel aufziehen muss. Die Offense der Bucs ist grundsätzlich sowie vertikal ausgerichtet – Brady hat über die Saison den höchsten aDoT (average depth of target) der Liga. Einige Big Plays – wie von Kollege Psaier gleich prognostiziert – sollten schon dafür sorgen, dass Brady am Ende des Spiels in Richtung 300 Passing Yards schielt.

Darüber hinaus liegt es aufgrund der Favoritenrolle der Chiefs natürlich auch nahe, dass diese sich während der Partie eher eine Führung herausspielen, als andersrum. Das würde die Bucs tendenziell noch eher in einen “Pass First”-Zustand versetzen.

Psaier: Buccaneers eröffnen mit Play-Action Deep-Shot

Tampa Bay ist Meister der 1st-Down-Runs. Die Zusammenstellung aller 1st-Down-Rushes allein in der ersten Halbzeit im NFC-Finale gegen die Packers ist ebenso eindrucksvoll wie sie nachdenklich stimmt:

Können die Coaches der Bucs wirklich daran glauben, dass das der Weg ist um die Chiefs zu schlagen? Oder war es Einlull-Taktik, Vorbereitung auf den NFL-Endgegner um den im Finale mit einer tiefen Play-Action-Bombe gleich am Beginn zu überraschen?

Ich tippe auf Letzteres. Wahrscheinlich wird es nicht gleich im allerersten Offensivspielzug passieren, – das wäre etwas offensichtlich. Aber in einem der ersten. Mein Tipp: In einem der ersten drei 1st Downs täuscht Brady den Run nur per Play-Action an und wirft dann downfield. Ein schnelles Big Play als field flipper, und wir haben ein Spiel!

Psaier: Super Bowl Over 56

Chiefs und Buccaneers bringen jeweils NFL-Top-5-Offenses nach EPA/Play in den Super Bowl – und sämtliche Vorberichterstattung konzentriert sich darauf, wie zur Hölle die beiden Defensive Coordinators die Offenses stoppen sollen.

Welche wirren Coverages wird Chiefs-DC Steve Spagnuolo bringen um Brady post snap ins Bockhorn zu jagen? Wie viele all out Blitzes wird es geben? Kann DT Chris Jones den RG Aaron Stinnie im 1-vs-1 schlagen, oder werden die Bucs Jones immer doppeln?

Oder das Gegengift gegen Mahomes: Gibt es wirklich keines? Wird Bucs-DC Todd Bowles seine Blitzes wirklich nahe null runterschrauben und seinem Four-Men-Rush gegen die ersatzgeschwächte Chiefs-O-Line vertrauen? Wird man Hill und Kelce doppeln? Wie werden die Chiefs darauf reagieren?

Es gibt sehr viele Aufgabenstellungen für die Defenses, aber wenige Antworten. 56 Punkte ist trotzdem ein hohes Over/Under – gerade für den Super Bowl, der nicht immer nach „normalen“ NFL-Gesetzen abläuft. Nur elf der bislang 54 Super Bowls haben die 56-Punkte-Marke übertroffen. Im vergangenen Jahr gingen wir trotz zweier Offense-Juggernauts (Chiefs, 49ers) mit bloß 30 Punkten ins Schlussviertel.

Für mehr als 56 Punkte reichen häufig nicht allein Offenses mit langen Drives. Es braucht häufig auch zumindest einen oder zwei längere Returns oder Turnovers für kurze Feldposition. Doch Chiefs und Buccaneers könnten zwei Offenses sein, die tatsächlich auch gegen konservative Defenses mehrere Big Plays auflegen, um das Feld schnell zu überbrücken.

Und dann der Faktor Wetter: Es gibt nur eine 19%ige Chance auf Regen zum Kickoff – und im zunehmenden Verlauf soll es immer trockener werden. Doch selbst im Regen haben diese beiden Mannschaften diese Saison punktreiche Spiele abgeliefert: Die Chiefs-Spiele haben im Schnitt im Regen immerhin 50 Punkte pro Spiel gebracht (u.a. gegen die defensivstarken Ravens und offensivschwachen Patriots), drei Bucs-Spiele sogar 64.

Kurzum: Wir sprechen von einem hohen Over/Under, aber ich erwarte, dass es dennoch übertroffen wird.

Psaier: Chiefs -3

Und schließlich die Frage nach dem neuen NFL-Champion. Kansas City ist mit 3 Punkten favorisiert – eine Line, die sich in den letzten zehn Tagen kaum mehr bewegt hat. Ich halte sie für zu niedrig.

Die Chiefs waren in der ganzen Saison nicht völlig überzeugend, haben Fragezeichen in der Offensive Line und zwei Wochen Vorbereitungszeit für einen Tom Brady sind eine lange Zeit. Doch ich glaube, dass Kansas City dieses Spiel relativ deutlich dominieren wird.

Ich wäre überrascht, wenn Tampa Bay hier vier Viertel lang mitgehen kann. Die Chiefs-Offense ist zu wandelbar, um sich von einer übermannten O-Line ernsthaft in die Bredouille bringen zu lassen – und wie lange hält die Geduld der Bucs, wenn der Standard-Passrush das Ding nicht so dominiert wie erhofft?

Ich erwarte einen souveränen Sieg der Chiefs. Zählen 10 Punkte schon als Blowout? Sind es 14? Jedenfalls werden es mehr als 3 Punkte Unterschied sein – selbst wenn Tampa am Ende nochmal verkürzen kann.

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