Die Urban Meyer Story – Teil 3: Jacksonville Jaguars

Dritter und letzter Teil der großen Lead-Blogger-Serie zum neuen Headcoach der Jacksonville Jaguars, Urban Meyer: Kann das in der NFL gut gehen?

2
758
5
(17)
Lesezeit: 5 Minuten

Wir haben in Teil 1 über Meyers Vergangenheit als College-Football-Headcoach gelernt. In Teil 2 ging es um seine schematischen Vorstellungen und die kolportierten Coordinators.

Heute in Teil 3 blicken wir auf den Job in Jacksonville – und darauf wie kritisch Meyers gesundheitliche Probleme sind.

Urban Meyer in Jacksonville

Es fällt auch gut zwei Wochen nach der offiziellen Verkündigung von Meyer als Jaguars-Coach noch schwer, sich ihn in einem NFL-Job vorzustellen. Er war ganz einfach einer dieser Coaches, die wie gemacht für den College-Job schienen.

Es ist schwierig zu sagen ob Meyer vor allem durch seine persönliche Verbindung zum Jaguars-Owner Shad Khan am Posten in Jacksonville interessiert war – oder ob es ihn generell in die NFL getrieben hat und er auch andere Stellen in Betracht gezogen hätte.

Grundsätzlich ist Jacksonville ein spannender Ort für jeden neuen Coach. Aber vor allem ist der Job spannend für einen Coach wie Meyer. Denn zum einen steht die Franchise nicht unter Dauerbeobachtung von aggressivem Boulevard (wie beispielsweise die Jets in New York). In Jacksonville lässt es sich einfach etwas entspannter auf die wesentlichen Dinge konzentrieren.

Die sportliche Perspektive

Zum anderen bietet er die Möglichkeit, die bereits in Teil 2 beschriebene „CEO-Rolle“ auszufüllen. Denn auch wenn Khan schon um den Jahreswechsel herum verkündete, selbst die Kontrolle über den Spielerkader zu behalten: Das glaubt niemand mehr. Meyer wird die meiste Macht bei den Jaguars auf sich vereinen – er wird den neuen GM Trent Baalke überstrahlen, und auch alle Coordinators. Es ist kaum vorstellbar, dass er den Job angenommen hätte ohne dieses Zugeständnis.

Und zum dritten ist die Situation, in der sich die Jaguars befinden, eine extrem aufregende Spielwiese für jeden „Gestalter“. Die Jaguars bekommen die Chance, mit ihrem #1 Pick im nächsten Draft das Supertalent Trevor Lawrence zu ziehen, einen der am meisten gehypten Quarterback-Prospects der letzten Jahre. Lawrence ist vom ganzen Typus einer der QBs, auf die Meyer immer stand – und er bringt als echter dual threat auch die entsprechende Mobilität mit, um viele von Meyers Option-Prinzipien auszuführen.

Viele Franchise-Reboots versanden im Nichts, weil sie nie den richtigen Quarterback finden. Und viele Coaches springen für diese Verfehlung über die Klinge, obwohl sie nicht viel dafür können. In Jacksonville hat Meyer vom Start weg die Chance, mit einem der attraktivsten Quarterback-Prospects zu arbeiten.

Doch nicht bloß das. Jacksonville hat nach dem Verkauf von zahlreichen Stars wie CB Jalen Ramsey oder Yannick Ngakoue auch noch einen zweiten 1st Rounder und einen zweiten 2nd Rounder. Nur die Jets können Stand mit jetzt mehr Draftkapital arbeiten.

Die Jaguars verfügen nach aktueller Vorausschau auch über den meisten Cap-Space für eine Einkaufstour in der Free Agency. Je nachdem wie hoch die Cap 2021 sein wird (175 bis 180 Millionen werden momentan gehandelt), können die Jaguars zwischen 72 und 77 Mio. Dollar ausgeben. Das ist fast 10 Mio. mehr als die Teams mit dem nächst-größten Cap-Space. Und locker 50-60 Mio. mehr als das durchschnittliche NFL-Team.

Wie schnell kann Jacksonville mit Meyer competen?

Das ist eine spannende Frage. Der Status quo des Jaguars-Kaders lässt eine sofortige Playoff-Aspiration eigentlich nicht zu – doch es spricht einiges dafür, dass Meyer vielleicht schneller zum Erfolg kommen kann als wir jetzt denken.

#1 Die Ressourcen sind da. Wir haben es grad gelesen:Viele hohe Draftpicks, spektakuläres Quarterback-Prospect, viel Geld für die Free Agency – der Rebuild sollte nicht allzu lange dauern.

#2 Die Divisionskonkurrenz hat auch ihre Fragezeichen. Tennessee verliert mit Offensive Coordinator Arthur Smith den Architekten der Erfolgs. Es ist erstmal schwer zu glauben, dass Tennessee, das vor Smith offensiv vor allem Tristesse war, weiter so erfolgreich bleibt.

Houston ist nur noch Destination für Katastrophentourismus, und bei den Indianapolis Colts gilt abzuwarten, wie sie die vakante Quarterback-Position neu besetzen. In aller Kürze: Die AFC South könnte also schon diesen Herbst offener sein als man denkt!

#3 Meyer war historisch besonders gut dann, wenn man nicht viel von ihm erwartet hat. Meyer ist eine Art „Underdog-Coach“. Wir haben schon in Teil 1 gehört: Auf all seinen Stationen hat er besonders schnell Erfolge gefeiert – fast immer früher als man es ihm zutraute.

Er scheint nicht nur nicht lange zu fackeln und die Spielerentwicklung mit dem Verweis auf „gut Ding braucht Weile“ auf die lange Bank zu schieben. Vielmehr schafft Meyer im Locker-Room üblicherweise schnell ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu schaffen. Stichwort: Mit „Wir gegen alle“ über sich hinauswachsen.

Die Probleme sind bei Meyer zumindest am College meistens erst nachher aufgetreten. Als seine Mannschaften klar favorisiert waren, blieben sie immer wieder leicht unter den Erwartungen. Ob das nur dummer Zufall war oder tatsächlich daran lag, dass sich Meyer an seiner eigenen, nicht ewig aufrecht zu erhaltenden Intensität verbrannte, ist schwierig einzuschätzen.

Doch schwierig ist nicht „unmöglich“. Daher lass uns noch kurz auf den Punkt von Meyers Gesundheit eingehen.

Risiko Gesundheit

Zum Abschluss muss noch einmal gesondert auf die bereits mehrfach erwähnte Frage der Gesundheit von Meyer eingegangen werden – auch deswegen, weil diese anscheinend elementar mit seiner Art des Coachings zusammenhängt.

Meyer ist extrem ehrgeizig und kann mit Niederlagen sehr schlecht umgehen. Er berichtete, wie verlorene Spiele tagelang an ihm nagten und ihn kaum zur Ruhe oder zum Schlaf kommen ließen. Umso mehr stürzte er sich in jedes kleine Detail, das seinem Team einen Vorteil verschaffen könnte. Dieser innere Dauerstress führte zu gravierenden Erkrankungen.

Unter anderem bekam er starke Magen- und Speiseröhrenprobleme, wegen denen er 2009 das erste Mal ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Darüber hinaus bildete sich – was erst später erkannt wurde – eine Zyste im Gehirn, die für dauernde schwere Kopfschmerzen sorgte.

Diese Probleme verschwanden nach seiner einjährigen Pause keineswegs, sondern kehrten insbesondere am Ende seiner Zeit bei Ohio State massiv zurück. Besonders deutlich wurde seine Konstitution beim glücklichen Overtime-Sieg seiner Buckeyes in einem Shootout gegen den krassen Außenseiter Maryland. Meyer wirkte bedenklich angeschlagen.

Meyer wird also Vorkehrungen treffen müssen, Niederlagen nicht zu nah an sich heranzulassen. Denn diese werden sich in der NFL – gerade bei einem aktuell so schwachen Team wie den Jaguars – deutlich häufiger einstellen. Die NFL ist anders als der College Football eben eine Liga, bei der alles zu einer .500 Bilanz strebt. Selbst Bill Belichick als erfolgreichster Head Coach der Geschichte steht „nur“ bei einer Winning Percentage von etwas über 67% – schon eine brachiale Differenz zu Meyers 85.4% am College.

Eigenen Aussagen zufolge ist ihm diese Problematik bewusst.

Doch wie tief ist dieses Mindset des unbedingten Gewinnens in Meyer sedimentiert? Er gab mehrfach zu, zu wenig Kontrolle darüber zu haben, selbst als ihm die gesundheitsgefährdenden Aspekte bewusst waren. Genügt da wirklich die rationale Erkenntnis, dass die Erfolgs-Uhren in der NFL anders ticken? Zwei Faktoren werden also abseits des direkten Geschehens auf dem Rasen entscheidend für Meyers Erfolg – und Langlebigkeit – in der NFL sein: Verantwortung abgeben und verlieren lernen. Ansonsten könnte das eine kurze Episode für ihn und die Jaguars werden.

Hat dir der Artikel gefallen?

Klicke auf die Sterne, um zu bewerten!

Durchschnittliche Bewertung: 5/5 (17 Stimmen)

Bisher keine Bewertungen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.

Weil du diesen Beitrag nützlich fandest...

Folge uns in sozialen Netzwerken!

Es tut uns leid, dass der Beitrag für dich nicht hilfreich war!

Lasse uns diesen Beitrag verbessern!

Wie können wir diesen Beitrag verbessern?

Thomas Psaier
Football-Blogger seit 2010. Allesfresser in NFL und College Football.
Jan Weckwerth
College Football- und Draft-Veteran. Podcaster. Sportromantiker. Running game still matters.

2 KOMMENTARE

  1. Was sagt ihr denn zu den Stimmen die meinen, dass Meyer seine gesundheitlichen Probleme nur „gefaked“ hat, um aus Verträgen raus zu kommen, wenn es nicht (mehr) lief? Habe Collegefootball zu Meyers Zeiten nie verfolgt und weiß daher nicht, was dran ist.

    • Wird das irgendwo ernsthaft diskutiert?

      Er käme doch ohne Gesundheitsprobleme auch raus aus den Verträgen – ganz zu schweigen, dass er beide Male nicht sofort, sondern immer erst mit ca. einem Jahr Verzug ausgestiegen ist.

Schreibe eine Antwort

Scheibe deinen Kommentar
Sag uns deinen Namen