Coaches Corner – NFL Divisional Playoffs

NFL aus der Perspektive der Head Coaches: Das spannende In-Game-Coaching von Andy Reid und Kevin Stefanski im Divisional Playoff unter der Lupe!

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Die Kansas City Chiefs haben am Sonntag gegen Cleveland verdient 22-17 gewonnen. Es war nicht nur das Spiel der Patrick-Mahomes-Verletzung, sondern auch eines der spektakulären Coaching-Entscheidungen. Ein paar wollen wir im heutigen Coaches Corner anschauen.

Fumble/Touchback

Keine klassische „Coaching-Entscheidung“, aber wir können aus Spiel-strategischer Sicht den extrem wichtigen Fumble von Rashard Higgins kurz vor der Halbzeit nicht außen vor lassen.

Higgins fing einen Pass von QB Baker Mayfield und lief in Richtung rechter Goal-Line-Pylon, als er den Arm in Richtung Endzone ausstreckend von Chiefs-Safety Daniel Sorensen abgeschossen wurde, den Ball fumbelte und damit einen letztlich sehr relevanten, vielleicht entscheidenden Turnover fabrizierte.

Die Szene ist eine der Schlüsselszenen der bisherigen Playoffs. Doch lassen wir die Tatsache, dass der Fumble wegen des wohl illegalen Helm-to-Helm Hits von Sorensen wohl hätte zurückgenommen werden müssen und ebenso alle Diskussionen ob der umstrittenen Fumble/Touchback-Regel (zu der ich eine klare Meinung habe) mal ausgeklammert.

Es gibt zwei andere Aspekte an der Szene, die aus Coaching-Sicht extrem relevant sind:

  1. Higgins streckt sich zum Touchdown. Das ist hohes Risiko, weil es eben die Fumble/Touchback Regel gibt: Fumbelt der Spieler den Ball in die Endzone hinein und der Ball kullert ins Aus, gibt es Ballverlust und Turnover. Manche Coaches wie der gesamte Belichick-Tree verbieten ihren Spielern explizit, die Arme auf dem Weg in die Endzone zu strecken. Das Risk/Reward-Verhältnis ist einfach zu schlecht.
  2. Es waren 1:42 Minuten auf der Uhr. Higgins war an der 1. 102 Sekunden sind mehr als genug Zeit für Patrick Mahomes und seine Offense um zumindest ein Fieldgoal zu erzielen und damit die Netto-Punktbilanz dieser Situation von -7 auf -4 oder gar 0 zu stellen. Aus Sicht der Offense wäre es also ohnehin schlauer gewesen, so spät wie möglich zu scoren um den Chiefs so wenig wie möglich Zeit auf der Uhr zu lassen.

Im Affekt des Moments ist es schwierig Higgins einen Vorwurf zu machen. Zu verlockend ist der Versuch, Touchdowns zu scoren. Doch der Headcoach der Cleveland Browns, Kevin Stefanski, wäre gut beraten seiner Offense für die Zukunft zwei Dinge einzuhämmern: Keine ausgestreckten Arme mehr an der Goal Line! Und keine zu schnellen Touchdowns gegen Patrick Mahomes! (Oder gegen jede andere NFL-Offense…)

Die fehlende Two Point Conversion

Die Browns verkürzten im dritten Viertel noch vor Mahomes‘ Ausfall per Touchdown von 3-19 auf 10-19. Dass Cleveland in dieser Situation nicht auf Two-Point-Conversion ging um den Spielstand auf 8 Punkte zu verkürzen, verblüffte im ersten Moment alle Beobachter.

Doch die Two-Point-Modelle waren sich alle einig: Keine klare Coaching-Fehlentscheidung von Stefanski. Der Ben-Baldwin-Bot sah einen ziemlichen Münzwurf zwischen Extrapunkt und Conversion. ESPNs Modell favorisierte gar den Extrapunkt gerade heraus.

Kansas City 4th Down Field Goal

Nein, noch sind wir nicht bei dem 4th Down. Die Chiefs hatten schon vor der Schlussphase ein kritisches 4th Down, als man an der CLE 15 vor einem 4th&1 bei 19-10 Führung stand.

Mahomes hatte sich im selben Drive kurz davor ins Concussion-Protocol verabschiedet. Die Chiefs waren nach diesem Downer mehrfach gelaufen, ehe Chad Hennes Completion für TE Travis Kelce um ein Yard zu kurz geriet.

Andy Reid ließ den Ball kicken. Ben Baldwins Modell sieht in dieser Coaching-Entscheidung einen Münzwurf: Kannste machen, musste nicht machen. My Take: Kurze 4th Downs sind generell Situationen, die man tendenziell ausspielen sollte.

Im konkreten Fall betrug Kansas Citys Vorsprung 9 Punkte. Eine Erhöhung auf 12 Punkte zwingt den Gegner aber immerhin zum Scoren von zwei Touchdowns.

Clevelands 4th Downs

Auf dem Weg zum Touchdown, der das Spiel auf 17-22 verkürzte, ließ Kevin Stefanski nicht bloß eines, sondern gleich zwei 4th Downs ausspielen.

Die erste Entscheidung war ein „no brainer“, auch wenn sie noch in der eigenen Platzhälfte (CLE 34) passierte. 4th&1 mit 18 Minuten auf der Uhr muss man einfach ausspielen. Dass Stefanski nicht eine Sekunde zögerte, ehrt ihn. Nick Chubb wuchtete sich 3 Yards zum 1st Down.

Die zweite Entscheidung war haariger: 4th&3 in der gegnerischen Redzone. Trotz 12 Punkten Rückstand und der Tatsache, dass nur mehr rund 12 Minuten zu spielen waren und ein Fieldgoal nur auf 9 Punkte verkürzt, sieht der Baldwin-Calculator keinen eindeutigen Fall. Er rät sogar knapp zum Kicken des Fieldgoals.

Die Krux liegt in diesem Fall an der relativ langen Distanz zum 1st Down: 3 Yards. Das wird in weniger als 50% der Fälle verwertet. Doch Stefanskis Team hatte einen extrem langen Drive hinter sich. Die Browns waren schon in der ersten Halbzeit zu ineffizient mit ihrem Redzone-Besuch umgegangen. Die Browns hatten die Chiefs nach der Pause physisch an der Anspiellinie dominiert. Ausspielen fühlte sich wie die einzig logische Entscheidung im Coaching an.

Cleveland verwertete und verkürzte kurz danach auf 17-22.

Kevin Stefanskis Time Management

Die echten Probleme der Browns begannen nach diesem Touchdown. Schon wenige Augenblicke danach fing Tyreek Hill einen ziemlich unmöglichen Pass mit Hilfe eines glücklichen „Bounces“ auf seinem Oberschenkel. Doch Stefanski warf überhastet die rote Flagge für eine Challenge. Hätte er nur wenige Sekunden gewartet, einer seiner Assistenten hätte sofort gesehen, dass die Challenge verloren ist.

Es war ein extrem glücklicher Catch für Hill. Aber es war eindeutig ein regelkonformer Catch. Das war schon in der ersten Wiederholung zu sehen. War Stefanski daher so kurzentschlossen, weil er schon zuvor im Spiel eine andere Challenge-Situation verpasst hatte, die er gewonnen hätte?

Jedenfalls kostete es Cleveland bei Rückstand mit 11 Minuten auf der Uhr die erste Auszeit. Die Browns hatten zwar Glück, dass sie nach Chad Hennes unglückseligem Arm-Punt den Ball schnell zurück geschenkt bekamen.

Doch im anschließenden Drive verbrannten die Chiefs nicht nur weitere wertvolle Minuten, sondern bei eigenem Ballbesitz auch ihr zweites Timeout. Die Situation, die dazu führte, war natürlich kritisch: 4th&1 an der eigenen 29. Schon wieder 4th Down in der eigenen Platzhälfte!

Doch dass man 6 Minuten vor Spielende ausspielen musste, war eh klar. Es gab nicht zu überlegen ob man ausspielt. Höchstens, mit welchem Spielzug. Es war extrem unwahrscheinlich, dass es der letzte Drive des Spiels sein würde.

Timeouts sind bei Rückstand extrem wertvoll. Auch wenn die Tragweite der Entscheidung eine hohe war, so fühlt sich der Einsatz eines von ihnen bei Rückstand und eigenem Ballbesitz viel zu hoch an. Man muss in solchen Momenten einfach einen passenden Spielzug parat haben und ihn schnell genug kommunizieren. Zu hoch ist das Risiko, dass man es noch braucht um die gegnerische Offense am Ausbluten der Uhr zu hindern.

Die Browns verpfefferten also gleich zwei Auszeiten bevor es überhaupt in die Crunch-Time ging. Die beiden Timeouts sollten noch weh tun.

Überhaupt das Zeitmanagement Stefanskis! Der oben beschriebene TD-Drive zum 17-22, der die beiden couragierten 4th Downs erforderte, war zwar super-wichtig, dauerte mit 18 Plays und 8:17 Minuten aber auch extrem lang. Punkte sind wichtig. Aber in einer Phase, in der Kansas City bereits ohne Mahomes spielte, wäre es opportun gewesen, möglichst viele Drives in der verbleibenden Spielzeit anzustreben um den Rückstand aufzuholen. Also wäre die richtige Vorgabe nicht bloß „Punkte“, sondern „schnelle Punkte“ gewesen.

Die Browns hatten nach Mahomes‘ Ausfall aber nur mehr zwei Ballbesitze:

  • Eben der 18-Play TD Drive über 8:17 Minuten. Er endete mit 11:07 auf der Uhr, Spielstand 17-22
  • Und dann der 7 Plays, 12 Yards Drive über 3:51 Minuten. Er verbrannte nicht nur wie beschrieben das zweite Timeouts, sondern führte kurz nach dem ausgespielten 4th Down auch mit Punt bei 4:19 Minuten auf der Uhr.

Die Browns sollten den Ball nicht mehr wiedersehen.

Andy Reids 4th Down

Mitschuldig daran war Andy Reids 4th-Down-Call 74 Sekunden vor Ende des Spiels. Es war eine Coaching-Entscheidung, die die Footballwelt überraschte – Tony Romo konnte sich bei CBS gar nicht mehr einkriegen.

Die Chiefs waren überhaupt nur durch einen 14 Yards Scramble vom ansonsten stocksteifen QB Henne zu dem kurzen 4th Down gekommen. Hennes Scramble geriet bei aller Courage aber ein halbes Yard zu kurz. Dass der Referee im schiefen Winkel dazu stehend den exakt richtigen Spot für den Ball bestimmte, gehört zur Kategorie „kann ich nicht fassen“ – war es schlichtes Glück oder haben NFL-Refs ein derart sensationelles Raumdeutungsvermögen? I don’t know.

Jedenfalls führte es zu einem 4th & inches. Dass nur wenige Zentimeter zu gehen waren, war entscheidend dafür, dass die Schauspieler der Chiefs sich aufstellen konnten als würden sie nur die Defense ins Abseits locken wollen. Tyreek Hill tänzelte unmotiviert von der linken auf die rechte Flanke, Henne stand wie eine Statue im Backfield. Nichts an den Chiefs deutete darauf hin, dass ernsthaft ein Snap folgen würde.

Der der Snap kam – ansatzlos. Henne rollte rechts raus, wo Hill gegen einen völlig verdutzten Linebacker mehrere Meter „separation“ kreiert hatte und selbst für mich ein einfach zu treffendes Ziel war. 1st Down. Chiefs konnten abknien.

Reid, lange Jahre für sein Late-Game-Management verspottet, gilt jetzt als absoluter Hero. Ausgespielt – und sogar mit Pass ausgespielt! Coaching through the roof!

Ich finde: Euphorie ist berechtigt, aber so eine Entscheidung sollte im Jahr 2021 keine so herausragende Situation mehr sein. Der Baldwin-Calculator spuckt eindeutige Präferenz fürs Ausspielen aus. Dass es ein Pass statt eines Runs wurde? Auch keine so große Sache. Verpasste Conversion hätte für Lauf wie Pass gleichermaßen die Uhr angehalten. Wenn man ein perfektes Play und Tyreek Hill gegen einen Linebacker hat, ist der Pass ein geringes Risiko. Denn merke: Nie war es so einfach, Pässe zu vervollständigen wie im Jahr 2021!

Und überhaupt: Alle Argumente, die gegen ein Ausspielen in solchen Situationen angeführt werden, waren schon immer putzig.

„Zu großes Risiko kurz vor der Mittellinie auszuspielen.“ Nein. Die Entscheidung auszuspielen bietet 94% Siegchance. Die Entscheidung zu punten bringt nur 89% Siegchance. Punten ist das größere Risiko.

„Warum vertraut man nicht der eigenen Defense.“ Falsch. Ausspielen zeigt nicht nur mehr Vertrauen in die eigene Offense, sondern auch in die eigene Defense. Denn die muss im Misserfolgsfall kürzere Feldposition verteidigen.

Die Chiefs haben die beste Offense der NFL. Selbst mit Backup-QB hat Andy Reid ein System geschaffen, das schon vor Mahomes griff, und das die gleichen Plays auch nach dem Ausfall von Patrick Mahomes auspackte. Die Chiefs-Offense ist organisch. Sie funktioniert, anders als z.B. die Buccaneers-Offense, auch ohne Elite-QB. Hätte Andy Reid hier nicht ausgespielt, hätte ich an dieser Stelle zu Verbalprügeln angesetzt.

Also: Ja, coole Entscheidung. Aber mehr, weil sie Reid in der öffentlichen Wahrnehmung nun endlich vom Ruf des Crunch-Time-Versagers befreit, und weniger weil sie so ungewöhnlich war. Denn solche Entscheidungen müssen zum Standard in der NFL werden. Nimm dein Schicksal in die eigenen Hände. Don’t punt. Das gilt für Coaching und Football. Aber auch fürs eigene Leben.

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