Die großen Fragen vor dem College Football National Championship Game 2021

Ein Blick auf das College Football National Championship Game 2020/21 zwischen den Alabama Crimson Tide und den Ohio State Buckeyes.

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Beide Teams gewannen ohne Probleme das College Football Halbfinale. Alabama schlug Notre Dame wie allgemein erwartet ungefährdet 31:14, während Ohio States 49:28 Kantersieg über den leichten Favoriten Clemson als Überraschung durchging – vor allem in der Deutlichkeit. Wir hatten auf diese beiden Spiele bereits zurückgeblickt.

Das Endspiel zwischen den beiden mit künftigen NFL-Stars gespickten Mannschaften findet in der Nacht auf Dienstag 12.01. um 02h im Hard Rock Stadium in Miami statt. Alabama ist im Schnitt mit 8 Punkten favorisiert. Die Buchmacher gehen von einem punktreichen Spiel aus (Over/Under 75 Punkte).

Nachfolgend beantworten unsere College-Football-Experten Jan Weckwerth (Triple Option Blog), Christian Schimmel (Der Draft) und Julian Barsch (Saturday Kickoff Podcast) die entscheidenden Fragen zum letzten Spiel einer schwierigen und immens umstrittenen College Football-Saison.

Alabama gegen Ohio State: Zwei klassische Programme im College Football, die aber kaum gemeinsame Historie verbindet. Ist das Endspiel am Montag die Eröffnung einer neuen Rivalry?

Jan Weckwerth: Glaube ich ehrlich gesagt nicht dran. Mir wird er Begriff der Rivalität eh zu inflationär verwendet. Meinetwegen kann man dauernde Aufeinandertreffen von Top-Teams so bezeichnen, aber doch erst, wenn das ein paar Mal mehr auf großer Bühne geschehen ist.

Christian Schimmel: Ich halte es hingegen für gut möglich. Beide rekrutieren auf hohem Niveau, spielen in bedeutenden Conferences und stecken ausgesprochen viele Ressourcen ins Footballprogramm.  Dazu kommt, dass beide Teams ihre Ligen derzeit dominieren, Ohio State sogar noch etwas klarer. Im Moment reden wir gemeinsam mit Clemson von den „Großen Drei“. LSU und Georgia rekrutieren auf einem ähnlichen Level, haben aber noch nicht die Konstanz an der Spitze. Alabama – Ohio State könnten wir in Zukunft häufiger sehen.

Julian Barsch: Zustimmung beim Recruiting. Beide rekrutieren auf dem höchsten Level und es könnte wirklich so kommen, dass wir dieses Matchup in Zukunft öfter sehen. Aber noch fehlen die Sticheleien und der “Edge”, um es wirklich so nennen zu können.

Wer ist der bessere offensive Playcaller: Ryan Day oder Steve Sarkisian? Ist Sarkisian der Mann, der die Texas Longhorns dann wieder in die Spur bekommt und hat Alabama die Chance Sark adäquat zu ersetzen?

Jan Weckwerth: Immer schwer, sowas von außen einzuschätzen. Ich würde zu Sark tendieren, da dessen Offense in wirklich jedem Spiel dominiert hat (meist sogar in allen Mannschaftsteilen) und er nun auch bewiesen hat, dass das selbst mit einem Quarterback funktioniert, der aus der Highschool kommend nicht als das allergrößte Talent galt.

Sarkisians Schemes zeichnen sich meiner Meinung nach durch einen beinahe perfekten Mix aus der Abstellung auf die primären Stärken und zugleich genügend kreativer Anpassungen aus. Selbst wenn es gegnerischen Mannschaften gelang, einen Teil der Angriffsphilosophie zu nehmen (wie etwa Notre Dame im „Rose Bowl“ den tiefen Pass), hat das überhaupt nichts genützt, weil sich die Offense dann in allen anderen Bereichen genüsslich bedient.

Ob Sark der richtige für Texas ist, muss sich erst herausstellen, da es sich hierbei trotz exzellenter Rahmenbedingungen um einen der kompliziertesten Trainerposten handelt. Die Ressourcen sind reichhaltig vorhanden, das Recruiting ist ob der Talentfülle im Staat relativ einfach, aber es gelang seinen Vorgängern zu selten, das Talent auch aufs Feld zu bringen. Ich vermute dahinter schon auch ein strukturelles Problem. Hinzu kommt eine Ungeduld im Umfeld, die es Coaches nicht gerade leicht macht. Auch Sark wird sofort produzieren müssen.

Was den Ersatz von Sark bei Alabama angeht, mache ich mir eher wenig Sorgen. Saban hat da ein gutes Näschen bewiesen. Seine letzten OCs waren Lane Kiffin, Sark (interimsweise), Brian Daboll und erneut Sark. Unter allen produzierte die Offense dicke Zahlen.

Christian Schimmel:

Sarkisian auch für mich. Er hat es geschafft Alabamas Offense ein Stück weit zu transformieren und auch Nick Saban etwas zu bekehren. Saban ist ja eigentlich ein Verfechter traditionell gebauter Offenses, aber selbst mit personeller Übermacht gewinnt es sich damit 2020 nicht mehr so einfach. Bei Day, dessen Leistung man nicht unterschätzen sollte, darf man dennoch nicht vergessen wie stark das Fundament eines Urban Meyer noch in der Buckeyes-DNA ist.

Julian Barsch: Beide haben einen hervorragenden Job für ihre Teams erledigt, arbeiten aber auch mit dem besten Talent im College Football. Dieses Jahr würde ich wie Jan und Christian Sarkisian aber vorne sehen. So gut Day im Halbfinale auch war, gegen Northwestern hatte er sein erstes richtig schwaches Spiel als Playcaller.

Die anderen beiden Fragen sind mir unmöglich zu beantworten. Beim Aufbau der Longhorns kommt es auf weitaus mehr an als nur das Playcalling. Natürlich hilft es, aber er muss vor allem eine Kultur aufbauen, die Elite-Recruits aus Texas wieder vom großen Programm im eigenen Staat überzeugt.

Was ist der dominierende Aspekt der Alabama-Offense: QB Mac Jones, die schiere Physis der Offensive Line, die Playmaker WR Devonta Smith und RB Najee Harris oder das aggressive Play-Calling?

Jan Weckwerth: Die einfachste Antwort wäre: das Zusammenspiel dieser Faktoren.

Wenn ich mich für einen entscheiden müsste, wären es wohl die Playmaker Smith und Harris. Über Smith müssen wir eigentlich nicht mehr reden: unzweifelhaft der beste Spieler dieser Saison. Er kann außen und im Slot gewinnen, seine Routen sind sowohl kurz (Slant) als auch tief tödlich, dazu die double moves, die Ball Skills, die Fähigkeiten nach dem Catch – und sogar ein tougher Blocker. Smith sieht vielleicht nicht so aus, aber er ist die größte Mismatch-Waffe im College Football.

Harris‘ Relevanz geht noch einmal über die – ebenfalls dominanten – Alabama-Runningbacks der jüngeren Zeit hinaus: nicht nur ein fantastischer Runner und Athlet, wie er allein mit seinen spektakulären Hürdensprüngen immer wieder beweist, sondern dazu ein exzellenter Receiver. Damit meine ich nicht nur Ballfänger, sondern wirklich Receiver. Harris kann komplexe Routen laufen und würde trotz seiner Masse wohl auch keinen schlechten Slot Receiver abgeben.

Und vergessen wir nicht, dass diese Offense zu Beginn der Saison auch noch Superspeedster WR Jaylen Waddle im Arsenal hatte. Der könnte nach seinem Knöchelbruch nun eventuell sogar wieder auflaufen. Bei solchen Difference Makern muss das Schemen schon wahnsinnig viel Spaß machen.

Christian Schimmel:

Talent. Wer so rekrutiert wie Alabama und dazu in den letzten Jahren auch wirklich gute Quarterbacks findet, der hat einfach große Chancen zu gewinnen. Wenig ist so konstant wie der Zusammenhang zwischen Talent und Erfolg im College Football. Sarkisian macht einen großartigen Job, aber er hat auch außergewöhnliche Akteure.

Julian Barsch: Alles? Mac Jones spielt eine wirklich starke Saison. Ich gehöre aber eher zu denen, die sein Umfeld als den Hauptgrund dafür ansehen. DeVonta Smith und Najee Harris sind die beiden besten Spieler im College Football auf ihrer Position. Der Offensive Line fehlt mit Landon Dickerson ein ganz wichtiger Spieler. Sicherlich nicht der talentierteste, aber vielleicht der wichtigste, und deswegen muss man hier nochmal abwarten. Alabama hat jedoch selten Probleme, talentierte Backups nachzuliefern und daher erwarte ich eine dominante Leistung der gesamten Offense.

Was kann Ohio State unternehmen um diese Mega-Offense einigermaßen zu stoppen?

Jan Weckwerth: Die einzige Chance, die ich realistischerweise sehe, liegt in der D-Line der Buckeyes. Die hat mich doch stark überrascht (insbesondere die beiden DTs Garrett und Togiai). Ich glaube, dass sie die Inside Runs von Harris stoppen werden. Dann wird es also darauf ankommen, Jones regelmäßig unter Druck zu setzen und vielleicht zu eins, zwei Fehlern zu zwingen. Gegen Clemson hat DC Coombs mehr inside Blitzes als üblich gecallt. Vielleicht auch hier ein Mittel?

In der Secondary sehe ich ehrlich gesagt schwarz. Die hat nicht die Klasse vergangener Jahre und wird gegen Smith, Metchie und vielleicht ja auch Waddle kaum regelmäßig Plays machen. Jones zu attackieren erscheint mir da als bessere Herangehensweise, auch wenn dadurch natürlich das Risiko steigt, Big Plays zu kassieren. Aber das täte man wohl auch ansonsten.

Christian Schimmel:

Du wirst nicht alles verteidigen können, so viel ist sicher. Notre Dame wollte insbesondere die explosiven Pässe wegnehmen. Ich bin der Meinung, wenn du weniger Talent hast, musst du opportunistisch spielen. Blitzen, versuchen Plays zu generieren die zu Turnovern führen können. Dann musst du eben das entsprechende Glück haben. Ich glaube jedenfalls, dass der andere Tod der sicherere ist. Zumal man Mac Jones dieses Jahr selten unter Druck gesehen hat.

Julian Barsch: Die Buckeyes haben gegen Clemson ihren Idealzustand erreicht und wenn sie das wieder so tun können, haben sie eine gute Chance. Aber das ist natürlich nicht leicht und die Defensivleistung der Tigers hat dabei geholfen. Die Defensive Line gehörte etwas überraschend zu den besten im Land und Jonathan Cooper könnte als X-Faktor mit einem weiteren guten Spiel ganz wichtig sein. Ich erwarte wie Jan nicht, dass diese Secondary irgendwen aus dem Spiel nimmt, aber man darf zumindest nicht zu viele Big Plays zulassen. Wenn das gelingt und man an der Line of Scrimmage Stiche setzen kann, könnte das schon genug sein. Das klingt jetzt aber viel einfacher als es ist.

Was muss Ohio State schematisch machen um die Alabama-Defense über 60 Minuten zu schlagen?

Jan Weckwerth: Wenn man sich anschaut, gegen welche Offenses Alabama die größten Probleme hatte, würde ich sagen: Spread, Tempo und Passspiel über die Mitte. Ich würde meine starken Receiver Olave und Wilson öfter mal in den Slot stellen, da Alabamas Safeties etwas suspekt in (gerade tiefer) Coverage sind.

Ansonsten hängt viel davon ab, wie gesund QB Fields ist. Sollte er keine Nachwirkungen von seiner Rippenverletzung haben, würde ich durchaus verstärkt auf QB-Runs (ob designed oder Zone Read) setzen, da Alabama damit schön mehrfach Probleme offenbarte. Insgesamt würde ich der Buckeyes Offense eine variable opportunistische Strategie empfehlen: Gegen leichte Boxes durchaus öfter laufen, da RB Sermon sich in der Form seines Lebens befindet und die O-Line aktuell wirklich herausragend blockt. Daraus dann immer wieder Playaction mit tieferen Pässen einstreuen. Wenn die Tide vorne massiert steht (was ich nicht erwarte), sollte Fields dauerhaft tief gehen.

Unabhängig von der konkreten Schwerpunktsetzung in Pass- und Laufspiel sollte Ohio State viel Risiko bei 4th Downs eingehen. Gegen die Offense von Alabama ist jeder Punt einer zu viel.

Christian Schimmel:

Ich weiß gar nicht, ob das allzu kompliziert ist. Zunächst wäre zu hoffen, dass die angeschlagenen Spieler in der Offensive Line zurückkommen. Notre Dame hat durchaus gezeigt, dass die Tide durch eine starke O-Line angreifbar ist. Ansonsten würde ich Fields’ Mobilität nutzen, speziell dann, wenn Alabama viel Cover 1 oder pure Man Coverage spielt. Dann könnte man die Verteidiger aus den Räumen ziehen, in die Fields dann reinlaufen kann. Ansonsten: Möglichst gute Matchups für Olave finden!

Julian Barsch: Alabama hat gegen Ole Miss und Florida jeweils fast 50 Punkte zugelassen. Diese Defense hat sehr viel Talent, ist aber angreifbar. Am Ende kommt es hier meiner Meinung nach viel mehr auf individuelle Ausführung und die Verteilung in der Offense an.

Ohio State hat im Halbfinale viel variabler agiert und neben Chris Olave und Garrett Wilson zum Beispiel die Tight Ends oder WR Jameson Williams besser einsetzen können. Das braucht es auch hier wieder. Trey Sermon muss zumindest ein solides Spiel haben und dann würde ich es gerne sehen, dass man Olave im 1-on-1 isoliert. Da es praktisch unmöglich ist, ihn konstant aus dem Spiel zu nehmen, hätte das Potential.

Welches ist dein Lieblings-Matchup in diesem College Football Finale?

Jan Weckwerth: WR Chris Olave gegen CB Patrick Surtain. Wie gesagt, ich würde die beiden Top-Receiver der Buckeyes durchaus umherbewegen, aber dieses Matchup verspricht allerhöchstes Niveau. Olave ist ein exzellenter, dynamischer und smooooother Route Runner, Surtain ein langer und technisch extrem ausgereifter Corner. Gerade die Downfield-Duelle zwischen den beiden könnten sich als entscheidend erweisen.

Christian Schimmel: Wer auch immer Chris Olave verteidigt. Nicht ausgeschlossen, dass es Patrick Surtain macht. Es wäre zweifellos spannend, das über eine komplette Partie zu sehen, denn beide sind zwei Kandidaten für frühe Picks im kommenden NFL Draft.

Julian Barsch: Ich wiederhole es gerne nochmal: WR Chris Olave gegen CB Patrick Surtain II. Beide sollten in der Draft hoch vom Board gehen.

Irgendeine Chance, dass dieses Spiel unter 70 Punkten bleibt?

Jan Weckwerth: Ich erwarte einen echten Shootout und würde daher nicht darauf wetten. Je niedriger die Gesamtpunktzahl, desto mehr spricht wohl für einen Sieg Alabamas. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Offense der Tide bei unter 30 Punkten gehalten werden kann. Ohio States Chance besteht also wohl darin, Schritt für Schritt, Score für Score mitzugehen.

Christian Schimmel: Nur dann, wenn es einen deutlichen Sieger gibt. Und das sehe ich nur bei Alabama. Geschmacksrichtung 42:10. Alles was zu einem engen Spiel führt, sollte den Score hochschrauben. Ich sehe nicht, wie Ohio State die Alabama-Offense konstant und permanent abwürgen wird.

Julian Barsch: Auch hier: Nein, keine Chance. Clemson gegen Ohio State hatte noch ein gewisses Potential auf weniger Punkte. Hier sehe ich einfach nur einen Shootout.

Und natürlich zum Schluss: Wer wird gewinnen?

Jan Weckwerth: Ich glaube, dass es knapper wird, als die allermeisten vermuten. Die Offense der Buckeyes hat gegen Clemsons Defense eine historische Leistung gezeigt und wird mit jeder Menge Selbstvertrauen auflaufen. Rechne mit einem Highscorer mit 3-4 Punkten Differenz – und dabei glaube ich minimal mehr an Alabama. Doch es wird ganz eng.

Christian Schimmel: Alabama ist das für mich konstanteste Team des Jahres. Ohio State wird gut mitspielen und Möglichkeiten bekommen am Ende glaube ich aber an ein 35:24 für Nick Saban und seine Mannen.

Julian Barsch: Ganz viel wird von Justin Fields und seiner Gesundheit abhängen. Angeblich soll er fit sein, aber so richtig wissen wir das erst, wenn wir ihn dann auf dem Spielfeld sehen. Vor wenigen Wochen hätte ich nie damit gerechnet, das zu sagen: Wenn man sich dieses Matchup genauer anschaut, hat Ohio State eine durchaus realistische Chance. Doch auch wenn ich mir einen Sieg der Buckeyes wünsche, tippe ich auf Alabama und einen 42-35 Score.

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Thomas Psaier
Football-Blogger seit 2010. Allesfresser in NFL und College Football.
Jan Weckwerth
College Football- und Draft-Veteran. Podcaster. Sportromantiker. Running game still matters.
Christian Schimmel
365 Tage Football im Jahr sind möglich , GFL Kommentator, Tape-Nerd und Podcaster zu Draft, College und NFL.
Julian Barsch
Alles rund um die Themen College Football, NFL Draft und Recruiting. Host des Saturday Kickoff-Podcasts. Fan der Ohio State Buckeyes.

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