Die große College-Football-Semifinalrückschau 2020/21

Das Halbfinale der College Football Playoffs 2020/21 ist geschlagen. Wir blicken zurück auf die beiden Spiele.

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Das College Football Playoff war bekanntlich mal wieder nicht ohne Kontroverse gestartet. Ein Spiel lief wie erwartet – das andere lieferte gerade in der Art des Spielverlaufs doch eine größere Überraschung. Thomas hat also Fragen – und Jan Weckwerth (Triple Option Blog) und Christian Schimmel (Der Draft) antworten.

Doch College Football Playoff hin oder her: Wir müssen beginnen mit der Heisman Trophy, die letzte Nacht vergeben wurde.

Die erste Überraschung ist schon passiert: Mit Devonta Smith gewinnt ein Wide Receiver die Heisman-Trophy – eine passende Wahl?

Jan Weckwerth: Würde die Wahl nach den letzten Wochen nicht mal mehr als Überraschung sehen, aber ja, eine sehr passende und auch überfällige Wahl. DeVonta Smith war diese Saison der beste Spieler im College Football – und genau dafür sollte diese Trophäe doch sein, oder? Viel zu oft ist die Heisman zu einem zweiten Davey O’Brien Award verkommen und hat lediglich den besten Quarterback gekürt. Schön, dass da endlich mal etwas Abwechslung reingekommen ist. Wen‘s interessiert: Ich habe mich hier mit Smith und den anderen Heisman-Finalisten etwas intensiver auseinandergesetzt.

Alabama 31, Notre Dame 14

Ungefährdeter, aber rein im Endergebnis ein nicht so deutlicher Sieg wie erwartet für Alabama. Trotzdem Gab es nach dem Score zum 14-0 irgendeinen Moment an dem du das Gefühl hattest, dass da noch was gehen könnte?

Jan Weckwerth: Nein, zu keinem Zeitpunkt. Man hatte immer den Eindruck, dass Alabama noch einen draufsetzen konnte. Dazu muss man sich nur die beiden Drives vor und nach dem ersten Irish-TD ansehen: 5 Plays, 97 Yards zum 14-0, und nach dem Anschluss-TD ein 6 Play, 84 Yard Drive zum 21-7. Wenn benötigt, war Alabamas Offense da.

Christian Schimmel: Ehrlich nein. Aber das mag auch daran liegen, dass ich Notre Dame vor dem Spiel klar schlechter gesehen habe. Ich fand, OC Tommy Rees hat das für meine Begriffe auch mit dem Talentnachteil nicht schlecht gecallt. Mehr war für die Irish nicht drin.

Warum hat Alabama in der zweiten Halbzeit nicht munter weitergescort – schematische Umstellungen oder einfach den berühmten Gang zurückgeschaltet?

Jan Weckwerth: Ich glaube, dass die Tide das Ergebnis verwaltet hat. Man ist in der Offense kein Risiko mehr gegangen, da die Irish eh darauf aus waren, die tiefen Pässe zu nehmen (was ihnen auch gelungen ist). Alabama hatte insgesamt nur vier Drives in der zweiten Halbzeit, in zweien konnten sie punkten. Sie haben das Spiel also schnell und souverän zu Ende gebracht. Dennoch würde ich sagen, dass da auf beiden Seiten des Balles noch Luft nach oben ist.

Christian Schimmel: Ich vermute auch eher Letzteres: Kräfte sparen. Notre Dame hat etwas angepasst, schon wird es etwas schwerer. Auf dem Niveau reichen zwei bis drei Prozent weniger, um dazu zu sorgen, dass nicht mehr so leicht und einfach gescored wird.

In welcher Facette des Spiels konnte Notre Dame am ehesten mithalten?

Jan Weckwerth: O-Line und Interior D-Line. Die O-Line hat okay geblockt und ein paar Lücken im Run Game für Kyren Williams und Ian Book geöffnet. Die Irish konnten Book aus der Pocket bewegen und ein paar Plays underneath machen lassen. Die D-Line (gerade interior) hat sich gegen eine starke Alabama O-Line gerade in der Run Defense sehr gut geschlagen: kaum Lücken für Najee Harris, der eigentlich nur über außen und als Receiver zur Geltung kam.

Christian Schimmel: Tatsächlich in beiden Lines insbesondere Notre Dame Offensive Line gegen Alabama Defensive Line. Vielleicht hätte man stumpf Iso, Inside Zone und Outside Zone callen sollen. Es gab da schon latente Vorteile, aber ich glaube nicht, dass selbst das die Substanz gehabt hätte, diese College Football Partie für sich zu entscheiden.

Bessere Effizienz als letztes Jahr mit damals besseren Receivern: Ist Alabamas RPO-lastige Offense mit QB Mac Jones tatsächlich noch besser, noch gefährlicher als mit QB Tua Tagovailoa?

Jan Weckwerth: Die Zahlen legen das fast nahe. Dennoch bin ich ein wenig vorsichtig mit diesem Vergleich, da die Qualität der Defenses in der SEC diese Saison stark abgefallen ist. Sonst gute Verteidigungen wie Florida und LSU (sowie in der Tendenz auch Auburn) machten große Rückschritte, und selbst Georgias Top-Defense hatte nicht ganz die Qualität des vergangenen Jahres. Das soll wohlgemerkt nichts von Mac Jones‘ exzellenter Saison nehmen.

Im Vergleich zu den Tua-Jahren ist auffällig gewesen, dass Jones häufiger tief gegangen ist – selbst als Speedster Jaylen Waddle ausfiel. OC Steve Sarkisian hat die Offense also noch einmal mehr auf Big Plays ausgerichtet. Mit Erfolg.

Christian Schimmel: Schwer zu beurteilen. Für mich war die Mannschaft mit dem Personal von letztem Jahr schon nochmal eine Nummer besser als die 2020er Version. Zumal Alabama auch nicht die Menge an starken Verteidigungen gespielt hat. Steve Sarkisian hat meiner Meinung nach ein extrem passendes College Football-Scheme gefunden, um seine besten Spieler möglichst gut einzubinden.

Was fehlt Notre Dame eigentlich um wirklich auch mal mit den ganz großen Boys mitzuhalten? Quarterback? Recruiting? Coaching? Gibt es eine Chance, dass wir vor Ende der Ära Saban noch einmal Notre Dame auf Augenhöhe mit Alabama sehen werden?

Jan Weckwerth: Diese Saison waren die Irish verhältnismäßig nah dran, wenngleich die Ergebnisse im ACC Championship Game und Halbfinale darüber hinwegtäuschen. Letztlich ist die Konzentration an der Spitze so groß geworden, dass es selbst für Top-Programme wie Notre Dame schwierig wird, in diese Phalanx reinzustoßen.

Zu deinen Fragen: Quarterback glaube ich weniger, denn auch der Gegner Alabama hatte mit Mac Jones ja „nur“ einen 3-star QB aufgeboten. Coaching sehe ich ebenfalls nicht als die große Hürde an: Ich bin zwar nicht der allergrößte Fan von HC Brian Kelly, aber er versteht es, in einer Art CEO-Rolle das Programm gut zu leiten und vielversprechende Koordinatoren einzustellen. DC Clark Lea darf sich nach einer herausragenden Saison als defensiver Playcaller nun als HC von Vanderbilt beweisen, und mir hat ebenfalls gefallen, was der junge OC Tommy Rees im ersten Jahr mit der Offense angestellt hat.

Am ehesten wäre hier wohl das Recruiting zu nennen, in dem Notre Dame aufgrund seiner etwas höheren akademischen Anforderungen eben einen gewissen Nachteil gegenüber den SEC-Powerhouses hat. Die Irish rekrutieren gut und sind quasi immer unter den Top 15 zu finden, aber an die ganz dicken Fische kommen sie einfach zu selten ran (nur zwei 5-stars in den letzten sieben Jahren). Da bräuchte es dann schon eine Saison, in der einfach alles zusammenpasst. Das ist zwar möglich, jedoch kaum planbar.

Daher glaube ich auch nicht, dass sich Notre Dame noch einmal auf Augenhöhe mit Sabans Alabama befinden wird (solange wir nicht einfach nur die Bilanzen vergleichen). Denn wenn die Tide ins College Football Playoff kommt, dann dürfte sie wohl stets der Favorit gegen die Irish sein.

Christian Schimmel: Eben. Man darf an der Stelle nicht vergessen, dass es bei Notre Dame nun mal deutlich höhere akademischere Standards gibt, als bei den meisten anderen Universitäten. Das ist im Sport faktisch ein Nachteil. Insofern ist es für Notre Dame schwer, gleichwohl sie eine nationale, wenn nicht globale Marke ist. Es ist also eine berechtigte Frage, ob eine Saison wie diese nicht schon das Höchste der Gefühle ist.

Ohio State 49, Clemson 28

Mal ehrlich: Eine solche Dominanz von Ohio State hatte doch keiner kommen sehen. Ist Dabo Swinney also wirklich ein Motivationshexer – auch beim Gegner?

Jan Weckwerth: Ohio State auf #11 im College Football Ranking der Coaches zu ranken, war schon ein bemerkenswert dummer Schachzug von Swinney. Selbst wenn er der Meinung ist, dass weniger absolvierte Spiele sich negativ auf die Polls auswirken sollten, muss er hier einfach strategischer vorgehen. Man sollte einem starken Gegner nicht noch Bulletin Bord-Material frei Haus liefern. Ich weiß allerdings nicht, ob das jetzt die ganz großen Auswirkungen auf den Spielausgang hatte. Dennoch sollte man sich solche Moves unbedingt schenken.

Christian Schimmel: Ich bin da voll bei Jan. Es war jedenfalls nicht wirklich klug. Ich bezweifle, ob es wirklich relevant war, was den Ausgang betrifft. Wer sich für ein solches Spiel extra motivieren muss, ist an derartigen Universitäten vermutlich ohnehin falsch. Dass Swinney solche Aussagen mal um die Ohren fliegen, dürfte allerdings auch nicht überraschen.

Wir müssen über Justin Fields und Clemson-DefCoord Brent Venables sprechen: Was hat der eine so richtig gemacht und der andere so falsch, dass das Spiel so extrem aus dem Ruder gelaufen ist?

Jan Weckwerth: Ehrlich gesagt bin ich immer noch entsetzt, wie planlos diese Defense agiert hat. Das begann ja schon mit der korrekten Aufstellung – wohlgemerkt ohne dass Ohio State da mit besonders exotischen Formationen agiert hat. Man muss es wohl so deutlich sagen: Diese Defense war nicht ready für die Buckeyes.

Zudem habe ich nicht verstanden, warum Venables so stark von seinen kreativen Blitz-Packages abgerückt ist. Wenn, dann hätte man Fields nach seinem suboptimalen Auftritt gegen Northwestern von Beginn an verwirren müssen. Ich hatte den Eindruck, dass Venables sich hier zu sehr an den Erkenntnissen aus eben jenem Spiel orientiert hat, anstatt auf die Stärken seiner eigenen Defense-Philosophie zu setzen.

Justin Fields zeigte natürlich eine sensationelle Leistung und konnte die Abstimmungsprobleme in der Secondary mit einigen wunderschönen tiefen Bällen bestmöglich ausnutzen. Insgesamt hat die Buckeyes-Offense aber auch einfach einen Sahnetag erwischt: eine exzellente O-Line, die gerade über außen keinerlei Druck zuließ und riesige Lücken im Run Game für einen erneut starken Trey Sermon öffnete. Garrett Wilson und insbesondere Chris Olave, die ihre Gegenspieler geradezu dominierten. Selbst die sonst seltener im Passspiel eingesetzten Tight Ends gewannen ihre Matchups (selbst gegen die Top-CBs Clemsons). Es hat einfach alles gepasst.

Christian Schimmel: Nach allem was ich zum Spiel gesehen habe, schiebe ich es mal weniger auf Venables (der übrigens zu unfähig war, über das Spiel eine Mund/Nasen-Bedeckung zu tragen), sondern mehr auf die Ausführung der Spielzüge. Darius Butler hat das hier Beispielhaft deutlich gemacht.

Gerade wenn ich sehe, wie viele Busts in der Passverteidigung da waren. Dazu gegen einen Gegner der das gnadenlos ausnutzt.

Chris Olave unbedingter 1st Round Receiver – change my mind!

Jan Weckwerth: Da ich mit dem eigentlichen Draft Scouting erst nach der Saison beginne, gibt es für mich aktuell nur wenige „unbedingts“. Olave ist allerdings eindeutig ein potenzieller Kandidat für die erste Runde, wenngleich er aktuell (noch) zu den etwas unterschätzten Receivern der Draftklasse gehört. Ich habe für ihn in den letzten Jahren gern den Begriff smooooth (mit sehr vielen o) verwendet, weil der meiner Ansicht nach seinen Spielstil am besten beschreibt. Olave ist ein dynamischer und wahnsinnig natürlicher Route Runner (von den Releases über die Cuts bis zu Route Adjustments), der sich regelmäßig gute Separation verschaffen kann. Trotz seiner dürren Statur verfügt er über gute Ball Skills dank starkem Body Positioning und sicherer Hände.

Ich kann mir gut vorstellen, dass er in der Wahrnehmung der NFL-Scouts schon jetzt höher angesiedelt ist. Mag sein, dass er nicht den absoluten Superspeed mitbringt, aber schnelle Separation ist „the name of the game“ in der NFL.

Christian Schimmel: Sollte er declaren werde ich ihn mir sicher genauer ansehen. Das was ich bei den Spielen wahrgenommen habe, spricht für deine These.

Schauen wir auf den künftigen #1 Draftpick: Konnte Trevor Lawrence mit einem Runningback als bester Anspielstation einfach nicht mehr machen oder hat er auch suboptimal gespielt?

Jan Weckwerth: Ich vermute, dass Lawrence selbst sagen würde, dass er nicht optimal gespielt hat. Ein paar Pässe waren ungenau, und unter Druck habe ich ihn ebenfalls schon etwas besser erlebt. Dennoch ist das alles Meckern auf sehr hohem Niveau. Lawrence hat die Tigers zeitweilig eigenhändig im Spiel gehalten.

Letztlich haben sich zwei Erkenntnisse in diesem Spiel bestätigt: Sowohl die O-Line als auch die Receiver reichten nicht an die Qualität der Vorjahre heran. Gerade die O-Line hatte große Probleme mit der erneut starken Buckeyes D-Line, so dass die gesamte Tigers Offense immer wieder aus dem Rhythmus gebracht werden konnte. Die Skillplayer abseits von Travis Etienne sind okay (und teils noch sehr jung), aber als Gesamtkonstrukt sicherlich eine Ecke schwächer einzustufen als diejenigen von Ohio State oder Alabama.

Christian Schimmel: Es war kein optimales Spiel, auch wenn er einige sehr gute Momente hatte. Aber es war extrem schwer und für Lawrence war es sicherlich auch ungewohnt, die ganze Zeit einem Rückstand hinterherzulaufen. Dazu kommt, dass die Receiver diese Saison, speziell in diesem Spiel ihr Potential nicht zu 100% abgerufen haben. Das reicht dann gegen eine gute Ohio-State-Defense nicht.

Clemson hat es unter Dabo Swinney ganz nach oben geschafft, obwohl das Programm im Recruiting nicht ganz mit Alabama oder Georgia mithalten kann. Ein wichtiger Grund dafür waren Elite-Quarterbacks wie Deshaun Watson oder Trevor Lawrence. Lawrence geht jetzt fast sicher in die NFL. Ist für Clemson damit das Ende der Ära als College Football Dynasty eingeleitet?

Jan Weckwerth: Das würde ich auf keinen Fall sagen. Drei Gründe:

1) Swinney konnte im Recruiting in den ersten Jahren nicht mit Alabama und Co. mithalten, doch ist die Lücke deutlich kleiner geworden. Schließlich haben viele heutige Recruits gesehen, was dieser Coaching-Staff schon aus gutem Talent herausholen kann. Kein Wunder, dass sich dann auch mehr und mehr Top-Talente für dieses Programm entscheiden.

2) Man darf nicht vergessen, dass Clemson selbst mit einem weniger talentierten Quarterback wie Kelly Bryant die Playoffs erreichte. Sprich: Die Baseline dieses Programms ist mittlerweile als sehr hoch einzustufen. Die eher geringe Konkurrenz in der ACC tut dazu natürlich ihr Übriges.

3) Mit D.J. Uiagalelei steht das nächste Top-Talent auf Quarterback schon bereit. Die Fußstapfen von Lawrence sind natürlich riesig, aber Uiagalelei konnte sein enormes Potenzial bereits als true Freshman mehr als andeuten: ein 5-star mit einem mörderisch guten Arm. Hier mache ich mir wenig Sorgen.

Christian Schimmel: Ich sehe auch noch keine Ende der Dynasty. Clemson kann national recruiten und hatte auch schon Klassen, die nicht weit von den absoluten Top Programmen weg waren. Clemson hat jetzt zwei College Football Spiele verloren, eines davon trotz eines Freshman-Quarterbacks extrem knapp gegen Notre Dame. Ich denke, die Tigers gehen nirgendwo hin, zumal die Konkurrenz in der ACC, abgesehen von North Carolina und mit Abstrichen Miami derzeit wenig Anstalten macht, Swinneys Männer in der ACC vom Thron zu stoßen.

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