Die Urban Meyer Story – Teil 2: Scheme und Philosophie

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Zum ersten Teil der Beitragsreihe über Meyers Vita als College-Head Coach geht es hier entlang.

Urban Meyer gilt landläufig als einer der Begründer der Spread-Offense. Er hat diesen Ansatz allerdings nicht selbst erfunden, aber neben West Virginias Head Coach Rich Rodriguez in den 2000er Jahren endgültig im College Football etabliert. Dabei bediente er sich bei Versatzstücken verschiedener Spread-Vorreiter (unter anderem Kansas States HC Bill Snyder und Northwesterns HC Randy Walker) und fügte diese zu einer eigenen Version zusammen. Im Wesentlichen beruht seine Spread Option-Offense auf folgenden Prämissen:

Nutze die Breite des Feldes komplett. Im Wortsinn des Begriffs “spread” wird die offensive Formation gespreizt. Sprich: Die Line of Scrimmage sollte in der Aufstellung bis zu beiden Seitenlinien genutzt werden. Dadurch wird die Defense horizontal so weit wie möglich auseinandergezogen. Die so entstehenden Lücken können nun mit dem Lauf oder dem Pass attackiert werden. Running Backs und Receiver sollen den Ball häufiger designed “in space” erhalten und ihre Playmaker-Qualitäten ausspielen. Meyer setzte hier meist auf schnelle, wendige Spieler, die den Ball möglichst rasch in ihre Hände bekommen sollten.

Football is a numbers game. Zunächst einmal ergeben sich schon aus der Aufstellung der Defense gegen die Spread-Formation Aufschlüsse für die Offense. Das geht über die übliche Frage hinaus, ob die Defense einen oder zwei Safeties tief postiert. Konzentriert sich eine Defense beispielsweise gegen eine ganz außen positionierte Trips-Aufstellung mit drei Receivern zu sehr auf die Passverteidigung und stellt weniger Spieler in die Box, wird gelaufen. Werden dagegen die Receiver mit zu wenigen Passverteidigern gedeckt, folgt ein – meist schneller – Pass. Die Defense muss sich so also bei jedem Play neu entscheiden, welches der beiden Elemente der Offense sie primär stoppen will. Meyers plausibel klingendes Credo war: Renne nicht in volle Boxen. Passe nicht gegen zu viele Defensive Backs. Nutze die numerischen Vorteile.

Präferierte Plays der Meyer’schen Spread

Bis hierhin beziehen sich die Gedanken nur Formation und haben noch nicht viel mit konkreten Play Designs zu tun. Doch gab er dem numbers game noch mehr Relevanz durch die Etablierung des Zone Read Runs als primärem Bestandteil der Offense. Damit veränderte er die Zahlen in der Box zu seinem Vorteil. Zum einen muss die Defense den Quarterback als Läufer berücksichtigen (der ansonsten ja außerhalb der Rechnung steht). Zum anderen bleibt ein Spieler – meist der Defensive End auf der Backside des Plays – bewusst ungeblockt. Je nachdem, wie dieser “Read Player” nun auf das Play reagiert, entscheidet der Quarterback, ob er den Ball an den Running Back für ein normales Inside Zone Play übergibt oder ob er ihn selbst behält und über außen ausbricht.

Auf diese Weise kehrte Meyer die übliche zahlenmäßige Unterlegenheit der Offense in der Box einfach um. Und wenn die Defense nun einen weiteren Spieler in die Box beordern sollte, um darauf zu reagieren, gibt es eben den Pass. Logisch, oder?

Natürlich ist Meyers Offense längst nicht so simpel gestrickt. Diese grundlegende Philosophie erwies sich allerdings als enorm effektiv. Hinzu kamen weitere klassische Elemente wie viel Bewegung vor und mit dem Snap, nicht nur um die Coverage zu lesen, sondern auch um die Defense und ihre Zuständigkeiten zu verwirren. Ein Mittel, dem sich heutzutage auch viel mehr College- und NFL-Offenses bedienen.

Optionen…

Meyer entwickelte den Zone Read und seine potenziellen Optionen beständig weiter, etwa mit einer Umkehr der Laufwege von Quarterback und Running Back. Mobile Quarterbacks hatten eh ein Arsenal an verschiedenen Läufen zur Verfügung, wobei er immer wieder auf die Basics zurückschwenkte. Am bekanntesten ist in diesem Zusammenhang sicherlich der QB Power mit Tim Tebow. Wenns funktioniert, wurde es einfach beibehalten. Warum denn auch nicht?

Darüber hinaus popularisierte er die Position des H-Backs – nicht zu verwechseln mit der NFL-typischen Bezeichnung für einen Hybrid aus Tight End und Fullback. Der Meyer’sche H-Back ist ein meist eng an der Formation aufgestellter Slot Player, der sich mit einer Jet Motion über die Formation oder ins Backfield bewegt. So entsteht bei Zone Read-Plays noch eine dritte Option. Neben dem Lauf des Running Backs oder Quarterbacks ist nun ein Jet Sweep, Option Pitch oder Swing Pass auf den H-Back möglich. Damit kann im Idealfall ein weiterer Defense-Spieler – etwa ein Outside Linebacker oder Safety, der den Lauf des Quarterbacks verteidigen will, neutralisiert werden. Spieler wie Percy Harvin bei Florida oder Curtis Samuel bei Ohio State entwickelten sich auf dieser Position zu brandgefährlichen RB/WR-Hybriden.

Der H-Back konnte natürlich auch direkt auf der Backside des Plays positioniert werden und eine Art Bubble Screen laufen. In einige Plays wurde sogar noch eine vierte Option einer vertikaleren Sideline-Route eingeflochten. Der Kreativität sind hier also kaum Grenzen gesetzt.

Wer sich tiefer mit Meyers Spread-Philosophie und den klassischen Plays auseinandersetzen will: Chris Brown bietet reichhaltige Informationen.

…und Modifikationen

Meyer bewies allerdings auch, dass er sich schematisch je nach verfügbaren Spielern sehr gut anpassen kann. Sein System präferiert grundsätzlich zwar eindeutig einen mobilen dual-threat Quarterback und ist im Grundsatz als Run-lastige Spread-Offense zu verstehen. Wie er es ausdrückte: Spread to run. Bei Florida stieß er zu Beginn jedoch auf den leidlich mobilen, dafür sehr akkuraten QB Chris Leak. Daher stellte er seine Offense auf eine schnelle Kurzpass-Attacke mit einigen West Coast-Elementen und weniger Quarterback-Runs um – und konnte damit seine erste National Championship erringen.

Als bei Ohio State 2014 – wie bereits in Teil 1 angerissen – die beiden dual-threat Quarterbacks Braxton Miller und J.T. Barrett ausfielen, blieb ihm mit Cardale Jones ein großer und kräftiger, weniger athletischer Quarterback mit Raketenarm. Vom Typ her also eigentlich das Gegenteil seiner Präferenzen. Hier modifizierte er seine Passattacke leicht, behielt aber die – nun nicht mehr übermäßig effektiven – Zone Read Runs des Quarterbacks bei. Dies öffnete jedoch Lücken für Top-RB Zeke Elliott, der die hochkarätigen Gegner in der Postseason in Grund und Boden lief.

In seinem letzten Jahr bewies Meyer dann, dass er selbst mit einem reinen Passing-Quarterback wie Dwayne Haskins erfolgreich sein kann. Hier implementierte er einige neue Passkonzepte und Routenkombinationen (teils sogar aus der Air Raid) und richtete seine Offense insgesamt stärker vertikal aus.

Diese Absätze sind besonders wichtig, wenn es um die Frage geht, ob Meyer mit seinem offensiven Ansatz in der NFL Erfolg haben kann. Denn die Spread der 2000er Jahre gilt mittlerweile selbst im College als etwas überholt, von der NFL mit ihren wesentlich schnelleren Defenses ganz zu schweigen. Meyer hat bewiesen, dass er sowohl zu Modernisierungen des Ansatzes als auch zu Adaptionen je nach Skills seiner Spieler in der Lage ist – etwas, woran etwa der andere große Spread-Innovator Rich Rodriguez letztlich ein wenig gescheitert ist.

College-Coaches in der NFL: (K)eine Erfolgsgeschichte

Immer wieder haben erfolgreiche und teils legendäre College-Coaches den Sprung in die NFL gewagt. Der Erfolg fiel wenig überraschend sehr unterschiedlich aus. Jimmy Johnson gewann eine National Championship mit den aufstrebenden Miami Hurricanes und begründete nach seinem Wechsel zu den Dallas Cowboys die große NFL-Dynastie der frühen 1990er Jahre mit zwei Super Bowl-Siegen (plus einem weiteren nach seinem Rücktritt). Der bereits erwähnte Steve Spurrier versuchte sich nach seinen großen Erfolgen mit Florida über die 1990er Jahre (inklusive einer National Championship) mit seiner damals revolutionären Fun’n’Gun-Offense in Washington – und scheiterte krachend.

Auch in den letzten 20 Jahren gab es einige Versuche: Pete Carroll konnte nach der USC-Dynastie Anfang der 2000er Jahre mit den Seattle Seahawks weitere große Erfolge inklusive eines Super Bowls feiern. Er hatte allerdings schon in den 1990er Jahren Erfahrung als Head Coach der Jets und der Patriots gesammelt. Nick Sabans Intermezzo bei den Miami Dolphins erwies sich dagegen als Fiasko. Er kehrte schnell wieder zum College Football zurück, wo er die größte Dynastie der jüngeren Zeit errichtete. Chip Kelly schlug zwar zunächst ein, übernahm sich dann aber ein wenig im Machtkampf um die GM-Position und konnte zudem schematisch nicht die nötigen Anpassungen leisten. Wie wird es also Meyer ergehen?

Grundsätzlich sind die Umstellungen vom College auf die NFL enorm. Gerade Coaches von Top-Programmen müssen sich daran gewöhnen, dass das Talentlevel viel ausgeglichener ist. Ein zusätzlicher Vorteil durch besseres Recruiting lässt sich nicht erzielen. Die gesamte Herangehensweise ändert sich, da der Einfluss auf die Roster-Gestaltung wesentlich begrenzter ausfällt. Zudem stellt sich die Frage, ob man eher als eine Art CEO agieren will, der die Kaderplanung und die grundsätzlichen Entscheidungen trifft, aber eben auch viel den Koordinatoren überlässt (Typ Jimmy Johnson). Oder will man darüber hinaus auf “seiner” Seite des Balles mehr Einfluss ausüben (Typ Pete Carroll)?

Kann Meyers Ansatz funktionieren?

Meyer hat bereits bekannt gegeben, dass er das Playcalling nicht übernehmen wird, sondern seinem Offensive Coordinator überlassen will. Doch selbst wenn er eher eine CEO-Rolle bekleidet, dürfte er nichtsdestotrotz in den offensiven Gameplan sehr prominent involviert sein.

Ein potenzieller OC-Kandidat, der in den letzten Tagen öfter kolportiert wurde, ist Scott Linehan. Das ist für NFL-Kenner sicherlich kein Name, der für große Begeisterungsstürme sorgen wird. Aus Meyers Perspektive ergibt diese Personalie durchaus Sinn. Zum einen war Linehan um die Jahrtausendwende als OC von Louisville an einer frühen College-Variante der Spread-Offense beteiligt und damit einer der Mentoren von Meyer. Zum anderen verfügt er über reichhaltige NFL-Erfahrung als ehemaliger Head Coach der St. Louis Rams und langjähriger OC von vielen verschiedenen Teams. Somit könnte er – im Duo mit Meyer – möglicherweise das beste aus beiden Welten vereinen.

EDIT: Nun wurde bekannt, dass Meyer nicht Linehan, sondern Darrell Bevell als Offensive Coordinator einstellen wird. Bevell hat fast seine gesamte Karriere in der NFL verbracht, seit 2006 ausschließlich als OC. Bisher gab es also keine größeren professionellen Berührungspunkte mit Meyer. Hier werden – anders als bei Linehan – zwei (noch) getrennte Welten aufeinandertreffen. Wie hoch wird Meyers Einfluss auf dieser Seite des Balles dann tatsächlich ausfallen?

Aufgrund seiner gesundheitlichen Probleme (siehe Teil 3) sollte sich Meyer eigentlich nicht zu tief ins Tagesgeschäft begeben. Insofern ist davon auszugehen, dass er seinen Staff zumindest partiell mit Coaches auffüllt, die er bereits länger kennt und denen er vertraut. Hierzu passt die anstehende Verpflichtung von Charlie Strong als Assistant Head Coach. Diese Position hatte der spätere Head Coach von Louisville und Texas unter Meyer bereits bei Florida inne. Dass Strong daneben allerdings nur Position Coach und kein Defensive Coordinator werden soll, spricht womöglich auch dafür, dass Meyer hier noch etwas mehr NFL-Erfahrung einbinden will. Mittlerweile wurde Ravens D-Line Coach Joe Cullen für diesen Posten verpflichtet.

Es wird also abzuwarten sein, mit welchen schematischen und philosophischen Vorstellungen Meyer in der NFL antreten wird. Ich würde mich nicht wundern, wenn sich diese substanziell von seiner College-Zeit unterscheiden – mehr als etwa bei einem Kliff Kingsbury, der ja zunächst größtenteils lediglich die notwendigen Adaptionen vorgenommen hat. Letztlich bleibt uns aber zunächst nur sehr viel Spekulation.


Teil 3 beschäftigt sich dann mit seiner Passung zu den Jacksonville Jaguars und den wiederkehrenden Fragen nach seiner Gesundheit.

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