Die Urban Meyer Story – Teil 1: Am College

Urban Meyer wird neuer Head Coach der Jacksonville Jaguars. Der NFL-Neuling ist einer der größten College-Football-Coaches aller Zeiten.

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Unter all den neu verpflichteten Head Coaches in der NFL sticht ein Name deutlich heraus: Urban Meyer. Einer der prominentesten College-Coaches wagt mit 56 Jahren noch einmal den Sprung ins völlige Neuland.

Meyer hat während seiner gesamten Karriere kein einziges Jahr – in welcher Funktion auch immer – in der NFL gearbeitet. Nun soll er die Jacksonville Jaguars nach einer desaströsen 1-15 Bilanz nach oben führen.

Eigentlich hatte Meyer schon seinen Abschied vom Coaching bekanntgegeben und war die letzten beiden Jahre als TV-Analyst tätig. Die Aussicht auf den #1 Pick in der Draft (womöglich Clemsons Superstar-QB Trevor Lawrence), drei weitere Picks innerhalb der ersten 45, die günstigste Salary Cap-Situation der NFL sowie ein üppiger Vertrag erschienen als Gesamtpaket dann aber wohl doch zu verlockend.

Meyer gewann in seiner Karriere drei National Championships mit Florida und Ohio State. Damit ist er nach Nick Saban der zweiterfolgreichste Coach dieses Jahrhunderts. Ihm gelang es bei allen seinen Coaching-Stationen, das Programm umzukrempeln und sofortigen Erfolg zu erzielen.

Weitere Stärken von ihm lagen im Recruiting sowie anschließendem Entwickeln der Talente, insbesondere mit Blick auf die NFL. Doch zeigten sich auch einige Schattenseiten: Der stressige Job als Verantwortlicher bereitete ihm mehrfach schwere gesundheitliche Probleme. Zudem kam es immer wieder zu Skandalen wegen zu nachgiebiger Handhabung von teils schwerwiegenden Vergehen seiner Spieler und Coaches.

Betrachten wir die schillernde und ambivalente Person Urban Meyer einmal genauer aus verschiedenen Perspektiven. Worin liegen seine Stärken, worin seine Defizite? Kann er mit seinem Ansatz in der NFL Erfolg haben oder muss er sich gehörig umstellen? Und ist Jacksonville überhaupt eine geeignete Franchise?

Im heutigen ersten Teil blicken wir auf Meyers Vergangenheit am College – mit Licht und Schatten.

Urban Meyers Anfänge als College-Head Coach

Urban Meyer begann bereits im Alter von 21 Jahren während seiner kurzen Karriere als College Football-Spieler bei Cincinnati gewissermaßen nebenbei mit dem Coaching. In den nächsten 15 Jahren sammelte er Erfahrung als Assistant, unter anderem unter den legendären Coaches Earle Bruce (Ohio State) und Lou Holtz (Notre Dame).

Seinen ersten Job als Cheftrainer bekam er 2001 als 36jähriger in der Mid-American Conference bei Bowling Green. In dieser Zeit waren jüngere Head Coaches noch eher eine Ausnahme als heute, doch Meyers Verpflichtung sollte sich bezahlt machen. Gleich im ersten Jahr – also noch weitgehend ohne seine ‘eigenen’, sprich selbst rekrutierten Spieler – verbesserte er die Bilanz der Falcons sensationell von 2-9 auf 8-3. Im zweiten Jahr konnte er diese Leistung mit einer 9-3 Bilanz bestätigen.

In der öffentlichen Wahrnehmung ist diese Episode von Meyers Trainerkarriere weitgehend vergessen worden. Dennoch zeigte sich bereits hier sein innovativer offensiver Ansatz, mit dem er den zuvor unbekannten dual-threat QB Josh Harris zu einem kleinen Mid Major-Phänomen machte.

Nach zwei Jahren brach Meyer seine Zelte ab und wechselte zu Utah. Die Utes waren seinerzeit noch kein Power 5-Team, sondern Mitglied der Mountain West Conference. Wieder gelang im ersten Jahr ein krasser Turnaround, dieses Mal von 5-6 auf 10-2 inklusive der Conference Championship. Nun gelangte seine Variante der Spread-Offense endgültig auf die College-Landkarte.

In der folgenden Saison 2004 erreichte er Historisches. Die Utes gewannen nicht nur ungeschlagen die Mountain West, sondern qualifizierten sich als erstes Mid-Major-Team überhaupt für einen der großen BCS-Bowls. Im Fiesta Bowl zerstörte man Pitt und landete in der abschließenden Top 25 mit einer 12-0 Bilanz auf Rang 4. In Meyers Offense entwickelte sich ein gewisser Alex Smith zum Star-Quarterback, der in der folgenden Draft an Position #1 von den San Francisco 49ers gepickt wurde – und uns glücklicherweise bis heute in der NFL erhalten geblieben ist.

National Champion in Florida

Meyer zog es erneut nach zwei äußerst erfolgreichen Saisons weiter, dieses Mal zu einem absoluten Schwergewicht. Florida hatte nach dem Abgang seines legendären Coaches Steve Spurrier ein paar eher mäßige Jahre erlebt und benötigte neue Impulse. Die konnte Meyer erneut schnell setzen.

Zwar fiel die sofortige Verbesserung gegenüber seinem Vorgänger nicht ganz so krass aus wie bei den vorherigen Stationen (“nur” 9-3 nach 7-5), dafür konnte Meyer bereits in der zweiten Saison den größtmöglichen Erfolg feiern. 2006 gewannen die Gators die SEC und besiegten die Ohio State Buckeyes souverän im National Championship Game. In den folgenden Saisons gelangte Meyers Offense zu voller Blüte, unter anderem mit Superstar-QB Tim Tebow, der 2007 die Heisman Trophy erhielt.

2008 gewann Florida im Finale gegen Oklahoma die zweite National Championship. Eine dritte blieb den Gators in der folgenden Saison durch die aufkommende Alabama-Dynastie unter Nick Saban verwehrt. Nachdem Meyer schon im Jahr zuvor aufgrund stressbedingter gesundheitlicher Probleme eine kleine Pause einlegen musste, gab er nach der 2010er Saison seinen vorläufigen Abschied vom Coaching bekannt.

National Champion mit Ohio State

Der Abschied hielt aber nur ein Jahr, bis er sich das nächste Blaublut vornahm. Ohio State war nach Sanktionen wegen diversen Verstößen gegen NCAA-Regularien und einer 6-7 Bilanz unter Interims-HC Luke Fickell am Taumeln. Meyer stabilisierte das Programm sofort und erzielte in seiner ersten Saison gleich eine 12-0 Bilanz, wenngleich die Buckeyes aufgrund der Sanktionen nicht an der Postseason teilnehmen durften.

2014 folgte dann sein Meisterstück: Ohio State gewann nicht nur die Big Ten durch einen Kantersieg gegen Wisconsin, sondern in der allerersten Auflage der College Football Playoffs auch die National Championship gegen Oregon, nachdem man im Halbfinale Dauersieger Alabama bezwungen hatte. Besonders beeindruckend war die Tatsache, dass die Buckeyes mit ihrem dritten Quarterback gewannen. Star-QB Braxton Miller verletzte sich bereits vor Saisonbeginn, sein Backup J.T. Barrett dann im letzten regulären Saisonspiel gegen den Erzrivalen Michigan. Doch mit 3rd string QB Cardale Jones gelang den Buckeyes in den Playoffs die große Überraschung.

In den nächsten Jahren entwickelte Meyer Ohio State zu dem dominanten Big Ten-Programm, was bis heute nachstrahlt. In keiner Saison verlor er mehr als zwei Spiele. Ein weiterer National Title blieb ihm allerdings verwehrt. Immerhin gewannen die Buckeyes noch zwei Mal die Conference und konnten sich einmal für die Playoffs qualifizieren. Nachdem Meyer in der Saison 2018 erneut mit größeren – und deutlich sichtbaren – gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte, gab er nach der Saison seinen Rücktritt vom Coaching bekannt.

Markenzeichen: Rasch zum Erfolg

Zusammenfassend lässt sich also festhalten: Meyer sorgte nicht nur bei jeder seiner Stationen für Erfolg, sondern vor allem immer auch für enorm schnellen Erfolg. In dieser Hinsicht ist er selbst dem größten College-Coach unserer Zeit, Nick Saban, ein wenig voraus. Der feierte zwar deutlich mehr National Championships, allerdings war ihm nicht bei jeder Station vor der Dynastie in Alabama sofortiger und derart konstanter Erfolg vergönnt. Meyer sorgte schon im ersten Jahr seiner Tätigkeit für einen spürbaren Umschwung. Allerspätestens mit dem zweiten Jahr gehörte das Programm zur jeweiligen Spitze.

Die Kehrseite der Medaille

Doch müssen wir hier auch über die Schattenseiten seiner Tätigkeit reden: Meyer erwies sich wiederholt als unsensibel gegenüber gröberen Verfehlungen seiner Spieler. Insbesondere seine Teams bei Florida tauchten nicht nur ganz oben in den College-Rankings, sondern ebenfalls in den Kriminalitätsstatistiken auf. Während seiner Zeit in Gainesville kam es zu über 30 Festnahmen, aber meist lediglich milden Sanktionen gegenüber den Spielern.

Viele Vergehen wurden unter den Teppich gekehrt, die wenigen Suspendierungen der Öffentlichkeit teils als Verletzungen verkauft. Selbst bei gravierenden Taten im Bereich häuslicher Gewalt gab es kaum einmal Konsequenzen. Im Nachhinein berichteten ehemalige Spieler von einem Circle of Trust, einer Gruppe besonders wichtiger Spieler, die unter Meyer Narrenfreiheit genossen. Dies führte zu einer nachhaltigen Beschädigung der Teamchemie.

In diesem Kontext ist natürlich auch der berühmt-berüchtigte Name von Aaron Hernandez zu erwähnen. Noch vor den später bekannt gewordenen Mordfällen beging der bereits eine Reihe krimineller Handlungen (unter anderem eine schwere Körperverletzung), zu denen Meyer und andere Florida-Coaches sofort in Kenntnis gesetzt wurden. Es konnte nie abschließend geklärt werden, ob und inwiefern die Ermittlungen dadurch nicht doch beeinflusst wurden. In der Regel kam es dabei zu außergerichtlichen Einigungen, über weiteres lässt sich lediglich spekulieren. Wichtiger waren da wohl die Bibelkreise, zu denen Hernandez von Meyer und seiner Frau Shelley – beide extrem gläubige Katholiken – regelmäßig eingeladen wurde.

Bei Ohio State kam es zu einem weiteren handfesten Skandal. Es wurde bekannt, dass Meyer und seine Frau über die jahrelange brutale Gewalt seines WR-Coaches Zach Smith gegen dessen (Ex-)Frau Bescheid wussten, ohne etwas zu unternehmen. Die Universität beurlaubte Meyer zunächst und suspendierte ihn später für die ersten drei Saisonspiele 2018. Auch hier hielt er also viel zu lange seine schützende Hand über einen Gefolgsmann.

Reden wir also nicht drumherum: Meyer ist ein gesellschaftlich erzkonservativer Coach, dem zugleich relativ viele Mittel zum Erreichen des sportlichen Erfolgs recht sind. Dies ist ebenso Teil seiner Geschichte wie die vielen National Championships.

Teil 2 befasst sich morgen mit Meyers Football-Scheme und seiner NFL-Kompatibilität.

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