Rejoice Browns Fans

Nach Jahren des Leidens der erste Playoffsieg der Browns seit einer halben Ewigkeit. Mehr als Grund genug sich das taktische Katz und Maus vorzunehmen.

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Lesezeit: 5 Minuten

Was für ein fantastisches Spiel, das wir zum Abschluss einer nicht immer ganz hochklassigen, aber meistens spannenden Wildcard Runde gesehen haben! Die Storylines schreiben sich beinahe von selbst: Browns gewinnen zum ersten Mal seit einem Vierteljahrhundert ein Playoff-Spiel und das auswärts ohne ihren Head Coach!

Dank eines an den Denver vs. Seattle Super Bowl erinnernden Fehl-Snaps von Maurkice Pouncey und zwei frühen Interceptions von Ben Roethlisberger lagen die Browns bereits früh mit 28:0 vorne, was für einen einzigartigen Spielverlauf sorgte. Pittsburgh brauchte Punkte en masse, so dass Cleveland schon Mitte des zweiten Quarters in den Verwaltungsmodus schaltete. Was sich entwickelte, war eine nervenaufreibende Aufholjagd, die letztlich erfolglos blieb.

Anlass genug, sich dieses Duell mal aus taktischer Sicht genauer anzuschauen. Möglich gemacht wurde das auch durch den exzellenten NBC-Broadcast mit Cris Collinsworth und Al Michaels, die aus meiner Sicht die Übertragung des Jahres hinlegten und dieses eh schon fantastische Spiel noch besser gestalteten. Sei es das konkrete Eingehen auf individuelle Matchups oder die Einordnungen von grundsätzlichen Strategiewechseln zwischen den Drives – besser hab ich das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Offensiven und Defensiven selten erklärt bekommen. So etwas würde ich gerne jede Woche sehen.

Von 0 auf 28 in dreizehn Minuten

Was ab dem zweiten Quarter passierte, war das eigentlich interessante in diesem Divisionsduell. Aber lasst uns kurz rekapitulieren, wie das Spiel so dramatisch in diese Richtung schwingen konnte. Da war der vermasselte Snap von Pouncey, dann ein flapsig geworfener Ball von Ben unter Druck, der intercepted wurde. Steelers können bei 3rd&1 nicht auf dem Feld bleiben, bevor Big Ben im nächsten Drive den nächsten Ball überwirft, der in den Händen von Sheldrick Redwine landet. Die Browns bedanken sich mit vier (!) Touchdowns – nur bei einem bekamen sie den Ball nicht in Pittsburghs Hälfte. Einen besseren Start hätte sich auch Kevin Stefanski in seinem Kellerzimmer nicht erträumen können. Aus Sicht der Steelers natürlich bitter. Individuelle Fehler münden oftmals in Punkte der Gegner, aber direkt 28?

Besser wurde es zuerst nicht, als man auch noch Pech hatte, dass ein Pass an der Line of Scrimmage getippt wurde – dritte Interception. Wobei, Pech? Da die Steelers-Offense (wie immer) so stark aufs Kurzpassspiel ausgelegt war, versuchten die Defensive Linemen der Browns irgendwann, mit ihren Rushes nicht mehr zwangsläufig zum Passer zu kommen, sondern die Passing Lanes zuzumachen. Die Chancen auf einen Tipped Ball sind höher als die eines Pressures. In dem Fall das Optimalresultat. Bezeichnend auch, im Nachhinein zu sehen, dass Roethlisberger nicht ein einziges Mal gesackt wurde.

Personelle Probleme auf beiden Seiten

Die Browns, die eh schon auf LG Joel Bitonio verzichten mussten, hatten in der Folge mit immer stärkeren Problemen in der Offensive Line zu kämpfen. Anfang des zweiten Viertels musste auch RT Jack Conklin mit Oberschenkelproblemen in die Katakomben. Eine mehr als ungünstige Situation, weil Conklin in Pass-Situationen meistens mit TJ Watt alleine gelassen wurde. Backup-LG Michael Dunn brauchte Unterstützung durch Half-Slide-Protections, jetzt musste auch noch Backup-RT Kendall Lamm beschützt werden. Eine Schwachstelle in der Line kann man in der Regel kaschieren, aber nicht zwei. Relativ zeitgleich verloren die Steelers OLB Alex Highsmith durch eine Knöchelverletzung.

Was folgte, war ein wunderbares Beispiel von In-Game-Adjustments – ein geflügelter Begriff, der kaum mal ausgeführt wird. Bereits nach wenigen Snaps mit Lamm im Spiel, fing DC Keith Butler an, Nickelback Mike Hilton über dessen Seite blitzen zu lassen. Ein beliebtes Mittel, um die Kommunikation einer zusammengewürfelten Line zu testen – in diesem Fall erfolglos.

Auf der anderen Seite nahm Backup-Playcaller Alex van Pelt den für Highsmith ins Spiel gekommene Cassius Marsh aufs Korn. One Back Power in seine Richtung – so kreierten sie ein direktes Matchup zwischen ihrem besten Lineman, dem pullenden RG Wyatt Teller und Marsh.

Beeindruckend ist dies besonders aus Sicht der Browns und spricht für diesen notdürftig zusammengezimmerten Coaching Staff. Der ursprüngliche offensive Gameplan stammt zu 100% aus der Feder Stefanskis, aber während der Partie durfte er keinen Kontakt zu seinem Team haben. Und gerade Adjustments was die Offensive Line angeht fallen normalerweise in den Zuständigkeitsbereich von O-Line Coach Bill Callahan, der ebenfalls wegen Covid raus war. Playcaller Alex van Pelt und Coaching Assistant Ryan Cordell wurden ins kalte Wasser geworfen und mussten lernen, zu schwimmen. Später in der Partie wurd’s in der Hinsicht noch wilder, weil auch Michael Dunn sich verletzte. Für 14 Snaps betrat Blake Hance das Feld. Vom Practice Squad der Jets geholt, nie mit dem Team trainiert, so kann’s gehen.

Pittsburgh läuft/passt heiß

Zu Beginn der zweiten Hälfte liefen Big Ben und Co. langsam heiß, weil Cleveland sie ließ, wohlgemerkt. Die Mannen von DC Joe Woods begannen schon beim Stand von 28:0 ihrer Secondary deutlichen Sicherheitsabstand zu geben, um jegliche Big Plays zu verhindern – das setzte sich nahtlos fort. Wer jedoch Big Plays verhindern will, lässt so ziemlich alles andere zu. Gegen Off-Coverage und Bail-Technique der Cornerbacks helfen kurze Routen nach außen, was Big Ben natürlich in die Karten spielte. In der Browns Secondary fehlten sowohl CB Denzel Ward als auch Nickelback Kevin Johnson, so dass hier immer wieder Robert Jackson das Ziel war. Da Woods davon absah, zu blitzen, eine einfache Connection von Roethlisberger zu Johnson/Claypool.

So dinkte und dunkte sich Pittsburgh das Feld hinunter und kam mit zwei Touchdowns auf 23:35 heran. Ihnen gegenüber gerieten Mayfield und Konsorten immer mehr ins Stocken und mussten bei ihren ersten drei Possessions der zweiten Halbzeit punten. Ihr größtes Problem? Pittsburgh schaffte es immer besser, das Bootleg-Game der Browns in Schach zu halten. Bei diesen Spielzügen wird ein Edge Defender gerne ungeblockt gelassen, der vor dem Dilemma steht: dem RB folgen oder auf einen möglichen Play Fake spekulieren? Wie schon in der Woche zuvor blieben Watt und Konsorten diszipliniert und rushten im Zweifel immer in Richtung Mayfield.

Punts – das Thema der Woche

Innerhalb eines halben Quarters hatten die Steelers auf ein Two-Score-Game verkürzt, das Spiel schien zu kippen. Bei einem 3rd&8 reichte eine Completion zu Smith-Schuster nur zu einem 4th&1 nahe der Mittellinie. Auftritt Tomlin. 2020 gingen Coaches für so viele vierte Versuche wie noch nie, gerade bei kurzen Distanzen. Im Analytics-Zeitalter, in dem wir leben, ein akzeptierter Trend. Aber brauchen wir wirklich Analytics, wenn nur ein Yard zu gehen ist und du zum ersten Mal die Chance hast, so etwas wie Kontrolle zu übernehmen?

Ben Baldwins Bot, der aufgrund von Wahrscheinlichkeiten Empfehlungen für 4th Down Entscheidungen berechnet, empfahl folgendes: an dieser Stelle zu punten, würde die Wahrscheinlichkeit auf einen Sieg um 7,1% verringern. SIEBEN KOMMA EINS. Mike Tomlin versuchte sich an dem “die Defense ins Offside locken” Spielchen, nahm die Strafe und puntete. Was für eine vergebene Chance.

Beinahe konsequent drehte Alex van Pelt auf. Er wurde deutlich passlastiger und sorgte mit einem starken Screen-Call zu RB Chubb für die Vorentscheidung. In der Folge lief Pittsburgh die Zeit davon und eine vierte Interception von Roethlisberger besiegelte das Playoff-Aus. Ein bitteres Ende zu einer so stark begonnenen Saison.

Chapeau hingegen nach Cleveland. Fantastische Leistung in einer extrem schwierigen Situation von allen Beteiligten. Am Wochenende geht’s nach Missouri, dieses Mal sogar mit Head Coach.

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