Psaier & Sommer – Sunday Watch NFL Wild Card Round

Eine Vorschau auf die NFL Wild Card Round 2020 mit den Takes von Fabian Sommer und Thomas Psaier zu allen Spielen.

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Lesezeit: 8 Minuten

Einiges von dem, was wir in der vergangenen NFL-Woche erwartet haben, ist auch eingetroffen: Die Packers haben den 1st Seed klar gemacht, Washington hat sich gegen die Eagles für die Playoffs qualifiziert. Einzig die Cardinals haben Thomas einen Strich durch die Rechnung gemacht. Fabian wurde von dem letzten Touchdown der Steelers überrumpelt, aber die Ravens, Bills und die Colts haben sich klar durchgesetzt. Die Titans haben zwar mehr als 30 eigene Punkte gemacht, mussten aber dennoch in Overtime zittern.

Nun stehen wir auch schon vor der NFL Wild Card Round. Zum ersten Mal können wir am ersten Playoff-Wochenende sechs Spiele schauen – Football satt von 19 Uhr bis tief in die Nacht. Auch diesmal haben wir wieder ein paar Takes am Start – heute aufgeteilt in AFC (Fabian) und NFC (Thomas).

Sommer: Bills eine Nummer zu groß

Indianapolis Colts @ Buffalo Bills (Samstag, 19 Uhr)

Wer hätte das vor der NFL-Saison für möglich gehalten? Josh Allen hat entgegen aller Erwartungen einen großen Sprung nach vorne gemacht und dürfte sich nicht über ein paar MVP-Votes wundern. In puncto Effizienz kommt in dieser Saison niemand an die Dropback-Offense der Packers heran: 0.42 EPA/Dropback in neutralen Spielsituationen. Doch dahinter auf Rang zwei kommen tatsächlich die Bills mit 0.32. Und das sollte auch der größte Matchup-Vorteil für Buffalo sein. 

Die Colts-Defense ist fulminant in die Saison gestartet und hat seitens der Medien viele Vorschusslorbeeren erhalten. Doch die Leistungen wurden durch destruktive Offenses von Kirk Cousins, Sam Darnold und Nick Foles hochgradig „verschönert“. Die Truppe von DC Matt Eberflus zeigte sich über 16 Partien immer wieder anfällig gegen gute Passing Offenses. Am Ende steht Platz 13 in EPA/Dropback und 21 in Success Rate zu Buche. 

Gegen ein Elite-Passing-Game mit einem herausragenden OC Brian Daboll kann ich mir kaum vorstellen, dass DeForest Buckner und Co. viele Stops generieren können. Die Bills sollten wenig Mühe haben, 30 Punkte auf das Board zu zaubern. Es würde mich auch nicht wundern, wenn wir wieder ein paar mehr designte Runs für Josh Allen sehen.

Wenn die Colts-Defense nicht in der Lage ist, Touchdowns zu verhindern, wird es für die Offense um QB Philip Rivers eng. Denn so gut Rivers auch im hohen Alter noch spielt, die Offense hat ungemein vom leichtesten Schedule der Liga profitiert. Ohne LT Anthony Castonzo kann es für Rivers gegen eine starke Front Seven der Bills in der Pocket ungemütlich werden. Denn je mehr Punkte die Bills machen, desto länger muss er in der Pocket den Ball halten. 

Die Passing Offense der Bills sollte hier die Partie von Anfang bis Ende diktieren und für einen Sieg mit mindestens einem Touchdown Unterschied sorgen.

Psaier: Let Russ Grind

Los Angeles Rams @ Seattle Seahawks (Samstag, 22.40 Uhr)

Die dritte Auflage dieses prägnanten NFC-West-Duells ist das interessanteste der drei NFC-Spiele. Beide Teams kennen sich aus dem Effeff – man könnte sogar Argumente dafür bringen, dass die Defenses beider Mannschaften quasi dafür geschaffen wurden, die jeweils andere Offense zu schlagen.

Die beiden Regular-Season-Spiele waren geprägt von knackiger Defense mit großen Schwierigkeiten für die Quarterbacks. Die Game-Plans unterschieden sich dabei teilweise massiv – z.B. hat Seattle im ersten Spiel einen Blitz nach dem anderen geschickt, um dann im zweiten Spiel in 40 von 52 Passing-Snaps ohne zusätzliches Blitzing in Coverage zu sitzen.

In den letzten Wochen hat die Seahawks-Defense zu sich gefunden – wobei die Frage bleibt, ob das nicht vor allem dem mauen Spielplan geschuldet war. Aber Punkt ist: Pete Carroll weiß, wie man die Front gegen die Rams zustellt. Und zwar mit drei fetten D-Linern Aug‘ in Aug‘ mit den Interior-O-Linern und zwei Bewachern an den Flanken.

Damit hoffen die Hawks, das Outside-Zone-Running der Rams zu kontrollieren und den Quarterback zum Werfen aus längeren 3rd Downs zu zwingen. Wer diesen QB gibt, ist dabei nur in Nuancen entscheidend. Beide Rams-Optionen sind nicht überwältigend. Spielt wie letzte Woche John Wolford, so wird man es mit einem mobilen QB-Typ zu tun haben, der 3-4x zum 1st Down laufen kann. Erlebt dagegen Jared Goffs Daumen eine Wunderheilung, ist Scrambling keine Gefahr – dafür aber ist Goff bei aller Kritik ein besserer Werfer.

Wirklich viele Punkte der Rams-Offense erwarte ich nicht – womit es für L.A. darauf ankommt, ob die faszinierende Defense QB Russell Wilson wie schon in der Regular Season die Big Plays wegnehmen kann. Wilson spielt eine wackelige zweite Saisonhälfte: WR DK Metcalf wartet seit eineinhalb Monaten auf einen Catch mit mehr als 20 Yards!

Ob Wilson ein oder zwei tiefe Bomben werfen um kann, um das ansonsten komprimierte Spiel zu entzerren, wird letztlich wohl entscheidend sein. Ich erwarte ein NFL-Spiel mit einem Score in der Range von 23-20 und einen knappen Seahawks-Sieg.

Psaier: Spaziergang für Tom Brady

Tampa Bay Buccaneers @ Washington Football Team (Sonntag, 02.15 Uhr)

Europa-freundliche Ansetzung der NFL: Die vermutlich graueste Paarung des Wochenendes wird in die Nacht hinein geschoben. Tom Bradys Buccaneers sind klare Favoriten bei Washington. Die Buccaneers-Offense ist in den letzten Wochen heiß gelaufen. Die Gegner waren zugegeben seit Anfang November keine ernsthaften mehr, doch immerhin hat sich Offense hin verschoben zu dem, was alle Analysten lange gefordert haben: Mehr Passspiel in Early-Downs, mehr Play-Action, mehr Motion.

Folge: Brady hat in seiner Debütsaison in der nicht einfach zu spielenden Bruce-Arians-Offense extrem gute Zahlen aufgelegt. Über 4600 Passing Yards, 40 Passing-Touchdowns. Die Krux: Brady stand gegen laue Lüftchen an Passrush seit Wochen kaum mehr unter Druck. Und wo ein 43-jähriger Brady im Angesicht von Passrush auf seine alten Tage verwundbarer aussieht als in Vergangenheit, so seziert er Defenses noch immer spielend, wenn man ihm den Rücken freihält.

Brady unter Druck zu setzen ist also Washingtons einzige Hoffnung auf das Upset – und die Vorzeichen könnten schlechter sein. Die fabulös besetzte Front Four hat die drittbeste Pass-Rush-Win-Rate und die siebtbeste Pressure-Rate der NFL – und schafft dies ohne allzu viel Blitzing. EDGE Chase Young und Montez Sweat sowie DT Jon Allen haben alle 40 oder mehr QB-Pressures erzielt.

Bloß: Tampa Bay ist exzellent aufgestellt, um diesen Passrush mit maximaler Effizienz zu kontern:

  • Youngs mutmaßlicher direkter Gegenspieler ist Rookie-OT Tristan Wirfs, der wie Young eine hervorragende Rookiesaison spielt. Die einzige nennenswerte Schwäche der O-Line ist Center Ryan Jensen.
  • Brady ist der einzige QB dieses Jahr, der gleichzeitig eine der fünf schnellsten Release (Time to Throw) und einen der höchsten aDOTs (Air-Yards pro Pass, Weite der Würfe) hat. Er bringt den Ball also extrem schnell raus. ohne auf Checkdowns angewiesen zu sein.

Ich glaube daher nicht an eine Chance für Washington. Tampa Bay spielt das souverän nach Hause.

Sommer: Alle guten Dinge sind nicht immer drei

Baltimore Ravens @ Tennessee Titans (Sonntag, 19 Uhr)

Zum dritten Mal innerhalb von zwölf Monaten treffen diese beiden Teams aufeinander. Zum dritten Mal sind die Titans Underdogs. Aber können sie auch zum dritten Mal die NFL-Partie für sich entscheiden?

Wie immer im Football haben wir eine andere Situation vor uns. Wir spulen mal zwei Monate zurück, zum ersten Aufeinandertreffen in diesem Jahr. Die Ravens waren offensiv in einem Tief, legten von Woche 3 bis 12 unterdurchschnittliche Effizienz pro Down auf. Dazu mussten sie gegen Tennessee ohne ihre beiden Defensiv-Anker DE Calais Campbell und DT Brandon Williams auskommen – zwei verdammt gute Run-Stopper. Dazu haben sich LB LJ Fort und CB Jimmy Smith früh in der Partie verletzt. 

Trotz dieser Ausfälle wurde RB-Superstar Derrick Henry bis Ablauf des dritten Viertels auf 44 Rushing Yards bei 18 Carries gehalten – magere 2.4 Yards pro Run. Baltimore führte 21-10. Doch im vierten Viertel konnte Henry dann mehrere Male durchbrechen – eventuell auch dem geschuldet, dass Defensive Linemen wie Derek Wolfe plötzlich 50 Snaps spielen mussten. Mit zwei Minuten auf der Uhr warf Ryan Tannehill den Ball bei 3rd & 10 vor der End Zone „short of the sticks“ – AJ Brown brach vier Tackles und schraubte sich mit zwei Verteidigern an den Beinen zum Touchdown durch.

Für die Titans lief vor zwei Monaten vieles richtig. Diesmal geht es gegen eine Ravens-Defense in voller Stärke, die gut gegen den Lauf arbeitet und mit Cornerbacks wie Marlon Humphrey, Marcus Peters und Jimmy Smith Man Coverage gegen AJ Brown und Corey Davis spielen kann. Dazu haben uns die Titans immer wieder gezeigt, dass sie unabhängig vom Matchup mit einem Run-First-Ansatz arbeiten und zu spät Adjustments machen. Wie etwa gegen die Steelers oder die Packers.

Da die Ravens-Offense aber seit einigen Wochen wieder groß auftrumpft (#3 in EPA/Play seit Week 13) und allen Anschein nach ihren „Rhythmus“ gefunden hat, wird das für die Titans-Defense (#29 in EPA/Play) eine Mammutaufgabe. Deshaun Watson hat diese Defense jüngst ohne beide Starting-Tackles und mit einem dünnen Receiving Corps zerlegt. 

Die Ravens sollten sich offensiv von Beginn an austoben können und früh in Führung gehen. Wenn die Titans mit ihrem normalen Ansatz mit vielen Runs auf Early Downs versuchen den Lauf zu etablieren, spielt das Baltimore in die Karten. Denn dadurch könnten den Ravens früh einige Stops gelingen um ein vorteilhaftes Game Script zu kreieren. Die Defense der Ravens ist mit ihrem hochfrequentierten Blitzing und den guten Cornerbacks hervorragend dafür aufgebaut, um offensichtliche Pässe zu verteidigen.

Ich sehe die Ravens hier klar als das bessere NFL-Team und erwarte einen ungefährdeten Sieg, bei dem Lamar Jackson und JK Dobbins nach der Halbzeit mit einigen Rushing Yards die Uhr am Laufen halten.

Psaier: Die Saints-Defense macht’s fast im Alleingang

Chicago Bears @ New Orleans Saints (Sonntag, 22.40 Uhr)

Die New Orleans Saints haben gerade in den letzten Jahren eine unglückliche NFL-Playoff-Historie, doch zumindest an diesem Wochenende haben sie vermutlich den idealen Gegner gezogen, um die erste Runde unfallfrei zu überstehen. Die Chicago Bears sind mit 8-8 Bilanz nur gerade so in die Playoffs gestolpert und strahlen die Gefahr eines Sandsacks aus.

Mit der Übernahme des Play-Callings von OffCoord Bill Lazor in Woche 13 hat sich zwar die zuvor abstruse Offense gebessert, aber QB Mitchell Trubisky bleibt in den allermeisten individuellen Statistiken nahe NFL-Bodensatz gerankt. Das Scheme kaschierte gegen absurd schwache Defenses ein paar Schwächen, doch Trubisky ist ein Paradekandidat, um ausgeblitzt zu werden. Und blitzen können die Saints, die in der zweiten Saisonhälfte eine der besten, druckvollsten Defenses in der NFL spielen!

Wenn die Combo Trubisky/Allen Robinson nicht das beste Saisonspiel liefert, sehe ich hier nicht wie Chicago ohne Hilfe von Defense oder Special Teams mehr als 14 Punkte macht. Das zu übertreffen dürfte dann für Drew Brees und die Saints-Offense ein Leichtes sein.

Brees ist zweifellos nicht mehr der Alte. Mental ist Brees zwar noch voll da, aber der Arm lässt nicht mehr jeden Pass in enge Fenster ohne 2-3 haarige Situationen mit Interception-Gefahr pro Spiel zu. Gegen die Bears wäre das aber nur ein Problem, wenn sie vollzählig auflaufen. Das tun sie aber nicht – gerade der wahrscheinliche Ausfall von LB Roquan Smith ist bitterböse, denn damit ist die Spielfeldmitte offen.

Der Versuch, Brees’ Timing zu zerstören, wird scheitern, weil EDGE Khalil Mack als größte Stärke der Bears-Defense im 1-gegen-1 auf einen der besten Offensive Tackles in der NFL gematcht wird (entweder LT Terron Armstead oder RT Ryan Ramczyk).

Selbst wenn New Orleans noch nicht wieder auf WR Michael Thomas zählen kann (er soll noch fraglich sein), gibt es für Chicago in diesem Spiel nur mit vielen Turnovers und langen Returns eine Chance. New Orleans gewinnt das klar.

Sommer: No Stefanski, no Party!

Cleveland Browns @ Pittsburgh Steelers (Montag, 2.25 Uhr)

Mehr Pech als die Browns kann ein Team zurzeit fast nicht haben. Vor zwei Wochen fehlten Baker Mayfield gegen die Jets seine besten vier Wide Receiver, darüber hinaus LT Jedrick Wills und RG Wyatt Teller. Bis auf Teller waren die anderen aufgrund eines Corona-Ausbruchs verhindert. Gegen Pittsburgh muss Mayfield diese Woche wegen COVID auf Head Coach und Playcaller Kevin Stefanski sowie LG Joel Bitonio verzichten.

Der Verlust von Stefanski ist schwer quantifizierbar, aber es ist sicherlich ein Nachteil für die Browns. Bitonio ist einer der besten Guards der Liga. Insbesondere gegen eine gute Pittsburgh-Defense wird das happig. Natürlich wird OC Alex Van Pelt gut vorbereitet. Aber Stefanski hat während der NFL-Saison einen guten Job gemacht.

Das größere Problem könnte aber auf der anderen Seite schlummern. Die Browns-Defense (#19 in EPA/Play mit drei windigen Partien) hat in Woche 17 DE Olivier Vernon verloren und ist auf LB sowie in der Secondary ziemlich dünn besetzt. S Ronnie Harrison hat es jetzt auch noch auf die COVID-Liste verschlagen. Auch wenn die Steelers-Offense in der zweiten Saisonhälfte oftmals ins Stocken geriet und QB Ben Roethlisberger eher mit gezielten 3-Yard-Pässen vor die Line of Scrimmage als mit tiefen Pässen auf sich aufmerksam machte – gegen diese Browns-Defense sollten Chase Claypool, Diontae Johnson und Co. ihre Räume finden.

Die Schwächen in der eigenen Defense und der Umstand, HC Kevin Stefanski nicht an der Seitenlinie und im Ohr von Baker Mayfield zu haben, lässt mich hier auf die Steelers als Sieger tippen

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