Sommer: Wer ist Robert Salehs Antwort auf Quarterback?

Ein Kommentar von Fabian Sommer zum HC-Signing von Robert Saleh bei den New York Jets mit vorsichtigem Ausblick auf die Zukunft.

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Lesezeit: 4 Minuten

Am Ende ging es ganz schnell. Die New York Jets gaben in der Nacht zum Freitag ihren neuen Head Coach bekannt – es wurde der 41-jährige Robert Saleh, zuvor Defensive Coordinator bei den 49ers.

Medienberichten zufolge war Saleh im Zuge der gründlichen HC-Sichtung seitens der Jets nicht unbedingt die Nummer eins auf dem Board, hat GM Joe Douglas und CEO Christopher Johnson aber wohl im ersten Zoom-Meeting vollkommen von den Socken gehauen. Laut Athletic-Reporter Connor Hughes habe Saleh die Jets mit seinem Charisma, seiner Vision für das Team und seinem möglichen Coaching Staff – dann auch im zweiten Interview – vollends überzeugt. Ein „That’s our guy“-Gefühl soll sich sofort herauskristallisiert haben. 

Soweit, so gut. Aber was können Jets-Fans nun erwarten? Jedes Signing eines Coaches hat aufgrund der Teamstruktur und der Möglichkeiten eine größere Spanne von möglichen Outcomes. Wir haben keine Glaskugel, können aber anhand der uns zugrunde liegenden Informationen mögliche Annahmen treffen.

Leidenschaft pur

Robert Saleh wirkt auf mich wie energetisierender, typischer „Players-Coach“, der 60 Minuten lang an von der Seitenlinie seine Spieler pushen und motivieren kann. Die pure Leidenschaft ist ihm in der TV-Kamera bei jeder Partie ins Gesicht geschrieben. Nach solch einem Typ haben Jets-Fans nach dem Stoiker Todd Bowles und Stirnrunzler Adam Gase gelechzt.

Saleh ist ein defensiver Coach, dessen Defenses in der Vergangenheit durch viel statische Zone-Coverage aus Cover-3 sowie Cover-4 geprägt waren. Unter anderem war er Defensive Quality Control Coach während des Super Bowl Sieges der Seahawks – Stichwort Legion of Boom. Seine Defense bei den 49ers hat über vier Jahre tendenziell diesen Cover-3-Ansatz Pete Carrolls verkörpert. Wobei man bei Saleh augenscheinlich mehr Blitzing präsentiert bekommt und er sich auch über die Zeit variabler gezeigt hat.

Das Problem bei dieser Defense: sie gilt in Ligakreisen heutzutage als etwas überholt, denn OCs haben über die Jahre immer mehr Ideen und Konzepte entwickelt, diese Coverage auseinander zu nehmen. Deshalb erfordert dieser Ansatz neben individuell guten Coverage-Akteuren insbesondere einen guten Pass Rush – Salehs Defense bei den 49ers hat anekdotisch unter anderem erst dann einen großen Schritt nach vorne gemacht, als 2019 Edge-Rusher wie Nick Bosa und Dee Ford dazukamen. 

Hier wird es spannend, welchen DC Saleh ins Spiel bringt. Robert Mays hat in dieser Woche befürwortet, dass sich Saleh – bei welchem Team er auch immer landet – Coaches mit anderen Hintergründen und Philosophien an die Seite holt, um im Zeitalter der explosiven Offenses seinen Horizont zu erweitern. Damit spricht er Saleh keineswegs die Kompetenz ab. Es geht lediglich darum, schematisch die Augen nach neuen Konzepten offen zu halten.

Fakt ist, die Jets haben zurzeit (!) nicht das defensive Personal, um Salehs Defense von den 49ers erfolgreich zu spielen. Man könnte aber auch meinen, dass New York generell nicht das Personal für eine erfolgreiche Defense hat. Unter anderem mangelt es seit Jahren an soliden Edge-Rushern. Eine Verbesserung in puncto Defense ist unter Saleh sicherlich sofort greifbar, aber hier würde ich zumindest im ersten Jahr keine Wunder erwarten. Die Jets müssen sich jetzt um Edge-Rusher und Cornerbacks bemühen, und das ist leichter gesagt als getan.

Die Konstellation begünstigt Sam Darnold

Als Offensive Coordinator soll Mike LaFleur – bis dato Passing Game Coordinator bei den 49ers – installiert werden. Es wird vermutet, dass die Jets also auf eine „QB-freundliche“ Shanahan-esque Offense umsteigen. Und damit kommen wir auch schon zum Top-Thema der Offseason: was passiert auf der QB-Situation?

Sam Darnold hat nach allen erdenklichen Maßstäben gezeigt, dass er nicht die Zukunft der Jets ist. Aber was bedeutet das heutzutage? Und gerade in dieser Coaching-Konstellation? Robert Saleh ist ein defensivorientierter Head Coach, der live gesehen hat, dass man mit einer clever designten Offense sogar mit Jimmy Garoppolo wenige Minuten und ein „Wasp“ vom Super-Bowl-Sieg entfernt sein kann.

Ryan Tannehill und Josh Allen haben zuletzt Paradebeispiele dafür geliefert, dass man Quarterbacks trotz bescheidener Leistungen über ein größeres Sample Size wohl doch nicht abschreiben sollte. Wenn gleich Josh Allen womöglich der Ausreißer des Jahrzehnts ist und man generell nicht auf Ausreißer setzen sollte. Und über Sam Darnold schwebt grundsätzlich immer noch das Stigma des hochtalentierten, jungen Quarterbacks, der einen besseren Supporting Cast benötigt.

GM Joe Douglas hat darüber hinaus ein Faible für Downtrades und das Einsammeln von Extra-Draftpicks gezeigt. Da die Jets an 2 picken, würde im Falle eines Downtrades ein absoluter Haul winken.

Natürlich liegt es nahe, dass Gang Green an 2 sehr stark über den QB der Zukunft nachdenkt. Aber ein Szenario, in dem sie erst einmal mit Sam Darnold weitermachen, sollte keinesfalls ausgeschlossen werden. Und das hat auch ESPN-Insider Adam Schefter bereits ins Spiel gebracht.

Worst Case und Best Case

Letzteres könnte natürlich drastisch nach hinten losgehen. Worst-Case-Szenario: Mike LaFleur lässt Darnold in einem QB-freundlichen System viel besser aussehen, als er ist, und sorgt damit für eine Extension. Und wenn LaFleur das schafft, ist er womöglich nach ein bis zwei Jahren nicht mehr OC bei den Jets. Letzeres wäre aber wahrscheinlich auch bei einer guten Offense mit einem Rookie-QB der Fall.

Im besten Szenario krempelt Saleh mit einigen personellen Schachzügen die Defense um und die Jets ziehen an 2 den richtigen Quarterback, der ein tolles Zusammenspiel mit Mike LaFleurs Offense bildet.

Ein DC als Head Coach ist im Jahr 2021 ein kleiner Ritt auf der Rasierklinge. Der Erfolg eines Teams hängt tendenziell und längerfristig viel mehr von der Offense als von der Defense ab. Und wenn die Offense gut spielt, ist der Offensive Coordinator sehr schnell bei anderen Teams begehrt. Diesen Ritt muss Saleh meistern.

Jets-Fans sind leidgeprägt und dürfen an so einem Tag wie heute natürlich euphorisch sein. Robert Saleh wirkt menschlich wie ein kleiner Jackpot. Er kann sicherlich der geborene Leader sein, der dieses zerrüttete Schiff langfristig wieder auf Kurs bringt. Doch die nahe und mittelfristige Zukunft der Jets wird eher von der QB-Frage und Mike LaFleur diktiert, weniger von Saleh als Coach selbst. Hier werden in den nächsten paar Monaten zumindest die Weichen gestellt.

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Fabian Sommer
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