Psaier & Sommer: Sunday Watch NFL Week 15

Eine Vorschau auf den 15. NFL-Spieltag 2020 mit den Takes von Fabian Sommer und Thomas Psaier zu ausgewählten Spielen.

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Lesezeit: 7 Minuten

Tja. Der letzte NFL Sunday Watch war wieder an einigen Stellen auf dem richtigen Trip – aber letztlich ist nur eine Prognose genau so eingetroffen wie gedacht: Arizonas Sieg bei den Giants. Die Chiefs haben dagegen trotz klarer Überlegenheit nur mit einem Score Differenz gewonnen, weil Miami “backdoor” gecovert hat. Die Bucs dagegen haben mit mehr als einem Score gewonnen, weil die Vikings ihre fast wie bestellt vorhandene Chance zum Covern vermasselt haben.

Deutlicher daneben lagen wir bei den Takes von wegen Steelers-Bounceback, klarer Panthers-Sieg gegen Denver und enges Spiel mit vielen Punkten bei Bears – Texans. Aber ihr kennt das Spiel: Wir sind wie Quarterbacks nach einer Interception – ein langes Gedächtnis gibt es nicht. Daher hauen wir heute wieder ohne Rücksicht auf Verluste unsere Takes zur NFL raus.

Bislang undenkbar: Low scoring in der NFC South

Psaier: Atlanta Falcons – Tampa Bay Buccaneers (Sonntag 19:00 Uhr)

Hätten wir im Sommer über dieses NFC-South-Duell gesprochen, so wäre uns das Wasser im Mund zusammengelaufen vor lauter Vorfreude auf die vielen Punkte. Doch kurz vor Weihnachten können wir uns eher auf harte Kost und blaue Flecken als auf einen Shootout freuen. Es spricht einfach zu viel für ein eher defensives Spiel.

Da wäre einmal die extrem enttäuschende Buccaneers-Offense, die an vielen Stellen krankt. Drei der lästigsten Eigenschaften dieser Offense: Sie jagt zu viele Early-Down-Rushes in die Mauer des Schreckens, sie setzt prominent ihre Runningbacks anstatt den extrem guten Receiver/Tight-End-Corps als Targets ein, und sie nimmt immer dann, wenn sie in Fahrt kommt, den Fuß vom Gaspedal.

Vor einigen Wochen hätte man noch gesagt: Who cares – es ist die Falcons-Defense! Doch diese Defense hat sich im Laufe der zweiten Saisonhälfte erfangen. Defensiv-Verbesserungen sind zwar immer auch abhängig von der Qualität der gegnerischen Offense, doch Atlanta hat zwei Trümpfe: Die #3 Rushing-Defense nach EPA/Play gegen Tampas Lauf-Wahn, und die dritthöchste Passrush-Win-Rate der NFL. QB Tom Brady ist aus sauberer Pocket nach wie vor eine Wucht – doch auf Druck reagiert er in hohem Alter zunehmend allergisch.

Auf der Gegenseite ist auch von der Falcons-Offense kein Feuerwerk zu erwarten. QB Matt Ryan ist 2020 ziemlich unbeständig und WR Julio Jones wird ausfallen. Die zuletzt immer wieder wackelige Bucs-Defense ist mit ihrem druckvollen Gameplan wie gemacht dafür, Ryan einzuheizen und den dünnen Skill-Player-Corps kaltzustellen.

Die Wettbüros haben das Over/Under bei 49.5 Punkten angesetzt. Ich gehe mit dem Under. Am ehesten glaube ich an ein Offense-Feuerwerk, wenn der Covid-Ausbruch im Bucs-Special-Team zu einer Latte an ausgespielten 4th Downs sorgt.

Belichick frühstückt den nächsten Rookie-QB

Psaier: Miami Dolphins – New England Patriots (Sonntag, 19:00 Uhr)

Defense-Dominanz ist auch in diesem NFL-Spiel zu erwarten. Das Over/Under ist beim Duell New England @ South New England gar bei nur 41.5 Punkten angesetzt.

Der große Trumpf für die Patriots: Bill Belichick gegen einen Rookie-Quarterback. Tua Tagovailoa mag die Zukunft gehören – aber die Gegenwart ist für Tua noch eine Nummer zu groß. Es hakt noch an vielen Stellen – u.a. gibt es kaum explosive Plays und immer wieder mentale Verwirrung.

Jetzt kommt es noch dicker: Die Dolphins haben keine Offensive Line (#29 nach Passrush-Win-Rate) und am Sonntag wohl bestenfalls angeknockte Receiver: TE Mike Gesicki, WR Jakeem Grant und WR Devante Parker waren alle die ganze Woche angeschlagen und sind Stand Freitagabend „questionable“.

Tua hinter mieser Line ohne Waffen gegen Belichick ist ein Rezept für eine Lehrstunde – schon in Woche 1 sah Routinier Fitzpatrick verloren aus.

Miami hat trotzdem eine Chance, weil New England in den letzten Wochen kaum mehr punktet. Die Patriots-Offense kommt einfach nicht über Strohfeuer hinaus. Zu wackelig ist die Passing-Offense. Unwahrscheinlich, dass es gegen Miamis knackige Pass-Defense (#3 Passing-Defense nach EPA/Play) wesentlich besser wird.

Wenn die Patriots zu mehr als 20 Punkten kommen wollen, muss das Laufspiel ähnlich wie in Woche 1 dominieren. Gut für New England: Miamis Defense ist an Rushing-Defense eher uninteressiert (Pass-Defense deutlich zu priorisieren ist für gewöhnlich aber auch eine vernünftige Strategie). Dank Cam Newtons Bedrohung als Runner könnte das a) erneut erfolgreich sein und b) vielleicht irgendwann wirklich den einen oder anderen Raum fürs Passspiel öffnen.

Miami braucht wieder Big Plays der Defense, will es einen Sieg heraus-grinden. Nicht ausgeschlossen, dass der anfällige Newton den einen oder anderen liefert. Aber ich glaube an einen herausgewürgten Patriots-Sieg. Vielleicht sind weniger als 20 Punkte dafür notwendig.

Wie viele Punkte scoren die Jets?

Psaier: Los Angeles Rams – New York Jets (Sonntag, 22:05 Uhr)

Vorneweg: Die Rams sind mit 17 Punkten favorisiert und werden dieses Spiel gewinnen. Die große Frage, die bleibt: Wie viele Punkte scoren die Jets?

Die Wettbüros sehen ein Over/Under von 43 Punkten, was einen 30-13 Score impliziert. Ich glaube nicht daran, dass New York so viele Punkte macht, denn das Mismatch ist einfach zu groß:

  • Die Jets haben die #32 Offense der NFL: -0.14 EPA/Play, #32 Pass, #30 Lauf
  • Die Rams haben die #1 Defense der NFL: -0.17 EPA/Play, #1 Pass, #4 Lauf

Die Interior-O-Line der Jets bestehend aus OG Elflein, C McGovern und OG Andrews hat gegen DT Aaron Donald theoretisch keine Chance. Ein Right Tackle George Fant gegen Edge-Rusher Leonard Floyd den liest sich auch nicht so dolle.

CB Jalen Ramsey und CB Darious Williams stecken die Jets-Receiver im Alleingang in die Tasche und gibt es diese Saison ein größeres Coaching-Mismatch als Adam Gase gegen Rams-DefCoord Brandon Staley, dessen zweiter Vorname „Scheme“ lautet?

Die Jets haben sich letzte Woche in Seattle aufgegeben, hätten aber ohne die zahlreichen verschossenen Fieldgoals mehr als 10 gescort. In solchen Spielen mit deutlichem Favoritenstatus tendieren Favoriten in den Modus Schlendrian, aber selbst mit halber Kraft sehe ich nicht wie ein völlig kaputter Sam Darnold ohne Unterstützung durch Coaching oder Mitspieler mehr als einen oder zwei Backdoor-Score in Garbage-Time zustande bringt.

Ich bin fast geneigt, einen Shutout zu prognostizieren, aber vielleicht sind die Rams in Gedanken schon beim Woche-16-Kracher in Seattle. Sagen wir es werden nicht mehr als 7 Punkte für die Jets. Ein Touchdown oder zwei Fieldgoals.

Der Maestro kehrt zurück und schlägt die Chiefs

Sommer: Kansas City Chiefs @ New Orleans Saints (Sonntag, 22:25 Uhr)

Das Topspiel der Woche. Während Brees aufgrund von Rippenbrüchen auf der IR-Liste weilte, hat Taysom Hill hat seine Rolle ziemlich gut ausgefüllt. Doch hat jeder Blinde mit einem Krückstock auch gesehen, dass die Offense mit ihm doch erheblich limitierter ausschaut. 

Mit Akteuren wie Michael Thomas, Emmanuel Sanders, Jared Cook und Alvin Kamara ist die Offense auf präzise Würfe in den kurzen und mittleren Distanzen ausgelegt. Das erfordert einen Meister wie Drew Brees. Stand jetzt gehe ich stark davon aus, dass Brees in dieser Woche wieder am Zug ist. Zu brisant ist das Matchup gegen den amtierenden Champ, zu heikel das Rennen um die wertvolle Bye-Week in den Playoffs.

Es gibt kaum ein Mittel, um dieser Chiefs-Offense den Zahn zu ziehen. Doch wenn es Defenses in den letzten Jahren gelungen ist, Patrick Mahomes ein Bein zu stellen, dann geschah es über einen starken Pass Rush mit vier Leuten und disziplinierter Coverage dahinter. Die 49ers im Super Bowl und die Chargers in Woche zwei diesen Jahres – beide Defenses waren imstande, Mahomes mit ihrer Defensive Line und einem exzellenten Edge-Rush über weite Strecken der Partie in Schach zu halten. 

Nicht nur, dass die Saints in Cameron Jordan, Marcus Davenport und Trey Hendrickson eine brutal gute Edge-Rotation auf das Feld schicken. Zusammen kommen die drei in dieser Saison auf 112 Pressures, wobei sich Davenport lange mit Verletzungen herumgeplagt hat und bislang nur auf 239 Snaps kommt. Mit David Onyemata und Sheldon Rankins ist auch die Interior gut besetzt. Darüber hinaus weilt Chiefs RT Mitchell Schwartz noch auf IR und Backup Mike Remmers wird ausfallen. Es könnte für Mahomes in der Pocket tatsächlich mal haarig werden.

Mit Brees sollten die Saints – auch ohne Michael Thomas – ohne großartige Probleme den Ball gegen die Chiefs-Defense das Feld hinunterbewegen. Daher tippe ich auf einen Upset der Saints

Unter Durchschnitt für Seattle

Sommer: Seattle Seahawks @ Washington Football Team (Sonntag, 19:00 Uhr)

Auf dem Papier eigentlich eine klare Sache: Seahawks gegen das Football Team. Russell Wilson gegen Dwayne Haskins. Nur doof, dass außer den Quarterbacks noch 20 andere Spieler gleichzeitig auf dem Feld stehen.

Washington hat vier Partien am Stück gewonnen. Kurios: Alex Smith hat über die vier Wochen von 31 Quarterbacks mit mindestens 75 Dropbacks den zweitschlechtesten EPA/Play-Wert (-0.114) und die zweitschlechteste Success Rate (39.7%). Mit solchen Werten befindet man sich nach 60 Minuten eher selten auf der Gewinnerstraße. Doch wenn man nicht gerade gegen Super-Bowl-Favoriten spielt und die eigene Defense einige Turnover erzwingt, kann man gut und gerne mal länger auf der positiven Seite der Varianz reiten.

Gegen die Seahawks hat das Team von HC Ron Rivera mit seiner Defense abermals ein recht gutes Matchup – so gut, wie man es gegen Russell Wilson haben kann. RT Brandon Shell (79.4 Pass Blocking Grade) spielt eine richtig starke Saison für die Seahawks, doch er droht in dieser Woche mit einem neuverletzten „High Ankle Sprain“ auszufallen. Dann würden entweder Cedric Ogbuehi oder Chad Wheeler auf der rechten Flanke antreten. Und das könnte die gesamte Komplexität der Offensive Line ändern, denn außer LT Duane Brown gibt es in dieser Unit keinen begnadeten Pass-Blocker.

Die EDGE-Rusher Chase Young und Montez Sweat sowie die DTs Daron Payne und Jonathan Allen fletschen schon die Zähne. Brandon Shell fehlte schon gegen die Giants, welche die Offensive Line der Hawks über weite Strecken „aufgefressen“ haben. Die DL von Washington gegen die OL von Seattle ist für mich das Schlüssel-Matchup und kann einen großen Einfluss auf den Spielverlauf haben. Einen klaren Sieg und viele Punkte der Seahawks sehe ich nicht.

Bisher erzielt Seattle im Schnitt 30.2 Punkte pro Spiel. Das Team Total liegt bei den Buchmachern etwa bei 24.5. Ich tippe, dass sie gegen Washington mindestens sechs Punkte darunter liegen – höchstens 24 Punkte sind für Wilson und Co. diesmal drin. Und dann kommt es auf Washington an.

New Jersey erstrahlt in Brown

Sommer: Cleveland Browns @ New York Giants (Montag, 2:25 Uhr)

Ganz bittere Niederlage für die Browns am vergangenen Montag gegen die Ravens. Doch in den Meadowlands stehen die Vorzeichen auf Rehabilitation. Cleveland hat auf beiden Seiten des Balls einen unglaublichen Matchup-Vorteil gegen die Giants.

Aus New Yorker Sicht wird entweder Daniel Jones mit Verletzungen an beiden Beinen, oder Backup Colt McCoy auftreten. Die Offense der Giants steht auf Rang 29 nach EPA/Play, ein nicht unerheblicher Teil der explosiven Plays kam über die Beine von Daniel Jones. Doch die waren gegen Arizona schon wie mein Frühstück heute Morgen: gut getoastet. 

Die Tackle-Situation der Giants ist mit Rookie-LT Andrew Thomas und RT Matt Peart oder Cameron Fleming horrend. Myles Garrett und Olivier Vernon haben in den Trenches ein superbes Matchup – einige Sacks sollten hier niemanden wundern. Auch Top-Cornerback Denzel Ward ist zurück. Es wird äußerst schwer für die Giants, hier viele Punkte auf das Bord zu zaubern.

Auf der anderen Seite mangelt es der Giants-Defense gegen eine gute Browns-OL ohnehin schon an Edge-Rush, jetzt fällt auch noch der mit Abstand beste Cornerback aus – James Bradberry befindet sich auf der COVID-Liste. Die Offense der Browns steht auf Rang 3 nach EPA/Play, hinter den Packers und Chiefs. Auch ohne RG Wyatt Teller sollten die Ketten ganz ordentlich bewegt werden.

Aus Browns-Sicht sollte das ein Spaziergang werden. Daher tippe ich auf einen deutlichen Sieg mit mindestens einem Touchdown Unterschied (Die Buchmacher stehen am Samstagmorgen bei -6.5).

3 KOMMENTARE

  1. Schon, aber wenn eine offence aufm Feld ist, steht bei auf der anderen Seite die Def drauf. 22 Spieler minus einen QB macht 21.
    Und somit nicht “dass außer den Quarterbacks noch 20 andere Spieler gleichzeitig auf dem Feld stehen”

  2. Schöne Zusammenfassung wie immer.

    Aber meistens stehen neben den QBs 21 andere Spieler aufm Feld und nicht 20. außer bei den Saints/Ravens die ab und zu mit 2 QBs in der offence spielen. Bei Washington und Seattle aber eher weniger 😉

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