Spielen die richtigen vier Mannschaften im College Football Playoff 2020/21?

Das College-Football-Playoff-Komitee hat seine Entscheidung bekannt gegeben und die vier Semifinalisten bekannt gegeben. Was halten wir von der Entscheidung?

2
1367
4.8
(24)
Lesezeit: 6 Minuten

Das Quartett im College Football Playoff setzt sich zusammen aus Alabama, Clemson, Ohio State und Notre Dame – jetzt können wir es ja sagen: Wir wussten natürlich, dass es diese glorreichen Vier werden würden, und hatten daher auch genau diese Team so ausführlich vorgestellt.

Bevor wir in die Diskussion gehen, hier kurz die Ansetzungen der Neujahrs-Bowls.

  • 30.12./31.12. um 02:00 – Cotton Bowl: #6 Oklahoma – #7 Florida
  • 01.01. um 18:00 – Peach Bowl: #8 Cincinnati – #9 Georgia
  • 01.01. um 22:00 – Rose Bowl (Halbfinale): #1 Alabama – #4 Notre Dame
  • 01.01./02.01. um 02:00 – Sugar Bowl (Halbfinale): #2 Clemson – #3 Ohio State
  • 02.01. um 22:00 – Fiesta Bowl: #25 Oregon – #10 Iowa State
  • 02.01./03.01. um 02:00 – Orange Bowl: #5 Texas A&M – #13 North Carolina

Das Endspiel zwischen den Siegern der Halbfinals findet dann in der Nacht vom 11. auf den 12. Jänner statt. Der Auswahlprozess hat wie fast jedes Jahr die Wogen hochgehen lassen. Also steigen wir ein in die Diskussion unserer Experten!

Sind die vier richtigen Mannschaften ins College Football Playoff gekommen?

Jan Weckwerth: Nein. Bei einer knappen Niederlage von Notre Dame hätte ich mit mir diskutieren lassen, da die Irish insgesamt schon eine Top 4-würdige Saison mit größtenteils überzeugenden Siegen absolviert haben. Eine solche Klatsche lässt aber nicht gerade hoffnungsvoll auf ein anstehendes Halbfinale blicken. Wenn man ganz ehrlich ist, hätte diese Saison allerdings eh ein Finale zwischen Alabama und Clemson gereicht. Dahinter klafft eine größere Lücke.

Julian Barsch: Auch meiner Meinung nach: Nein! In diesem Jahr habe ich bei fast jeder Konstellation hinter Alabama und Clemson Bauchschmerzen. Auch wenn es eine schwierige Evaluation ist, gehört Ohio State noch am ehesten an drei. Danach wird es aber schwer und der Power 5-Bias spielt eine noch größere Rolle. Natürlich kann ich die Wahl von Notre Dame verstehen. Clemson konnte zwar zeigen, dass sie das deutlich bessere Team sind, doch trotz alledem darf man die Partie aus der regulären Saison nicht ignorieren.

Christian Schimmel: Ich habe da eine unangenehme Antwort: Es kommt darauf an. Und zwar darauf, welche Kriterien mal anwendet. Das Problem, man hat den Eindruck, dass das Komitee das von Jahr zu Jahr recht willkürlich macht. Bis zu einem gewissen Grad ist die Willkürlichkeit in der DNA des College Footballs.

Thomas Psaier:

Aus Sicht der Power-5 sind es bestimmt die richtigen Teams, denn das ausgewählte Quartett zementiert die Vormachtstellung der großen Conferences. Aus Sicht eines neutralen Fans, der möchte, dass auch die Regular-Season-Spiele, für die er nachts wach bleibt, einen Wert haben und etwas bedeuten, ist die getroffene Wahl aber eine extrem unglückliche.

Ich möchte Notre Dame als #4 nicht alle Meriten absprechen – auch Advanced-Metrics wie der Playoff-Predictor von ESPN gestehen den Fighting Irish Playoff-Legitimität zu:

Aber lass uns mal die Sichtweise verändern: Wir haben einem Conference-Finale zugeschaut, in dem Notre Dame förmlich abgeschlachtet wurde – und wir haben gleichzeitig gleich drei ungeschlagene Mid-Majors gesehen, die a priori chancenlos auf eine Einladung ins College Football Playoff waren. Die einzig logische Folgerung: Die Institution „Conference“, einst der große Stolz des College Football, existiert nur noch als Gelddruckmaschine für die „Großen Fünf“. Alle anderen schauen bedröppelt in die Röhre – denn selbst wenn es valide Argumente gibt, wird nicht einmal über sie diskutiert.

Wer wäre die beste Alternative gewesen?

Jan Weckwerth: Ganz eindeutig Cincinnati. Das würde ich übrigens nicht zu jedem Mid-Major sagen, der ungeschlagen durch einen Schedule ohne ein einziges Out-of-Conference Game gegen ein Power 5-Programm geht. Allerdings haben die Bearcats mehrere Argumente auf ihrer Seite:

  1. Die AAC ist keine “normale” Mid-Major-Conference, sondern reicht qualitativ an die unteren P5-Conferences heran.
  2. Die anderen ernsthaften Kandidaten Notre Dame und Texas A&M haben sich jeweils einmal von den absoluten Top-Teams Clemson und Alabama abschlachten lassen. Gut möglich, dass es Cincinnati ähnlich ergeht, auf diesem Weg würden wir es zumindest herausfinden können.
  3. Cincinnati stellt eine exzellente Defense und die vielleicht beste Kombination aus Passrush und Secondary im ganzen Land. Alabamas Offense wird kaum zu stoppen sein, aber vom Scheme (variable 4-3/3-3 mit vorzugsweise Man Press) wäre das zumindest eine neue Herausforderung. Schließlich haben die Bearcats einige passgewaltige Offenses komplett abgewürgt (unter anderem SMU und Memphis).

Die Bearcats sind eben kein Overachiever-Team wie vielleicht Coastal Carolina oder San José State. Sie verfügen über mehrere absolute Difference Maker (insbesondere, aber nicht nur DE Myjai Sanders und CB Ahmad Gardner), die einiges Interesse in der NFL generieren werden.

Julian Barsch: Bei der Wahl von Cincinnati ins College Football Playoff an #4 hätte ich tatsächlich keine Bauchschmerzen gehabt. Die Bearcats haben eine tolle ungeschlagene Saison gespielt und eine der besten Defensiven im College Football gestellt. Dazu kann man die AAC zumindest mal in den Dunstkreis der Power 5 Conferences erheben. Texas A&M hat trotz SEC Schedule nur selten gute Konkurrenz gespielt und dazu mit 28 Punkten Differenz gegen Alabama verloren. Kein Team sollte mit solch einer Niederlage im Playoff landen. Das kann man mit Abstrichen dann auch für Notre Dame werten.

Christian Schimmel:

Alabama, Clemson und Ohio State sind für mich unstrittig. Cincinnati hätte ich eher drin gesehen als Notre Dame, auch wenn es Argumente dagegen gibt (Stärke des Spielplans, Quality Wins). Nach letzterem hätte auch Texas A&M gute Argumente. Das man jetzt mit Notre Dame ein Team in die Playoffs nimmt, dass gegen Clemson völlig chancenlos war, ist zumindest diskutabel.

Das Problem an der stelle ist auch, dass Cincinnati pandemiebedingt keine Spiele gegen größere Teams außerhalb der Conference machen konnte. Zumal das die Group of five Teams in regulären Jahren durchaus versuchen und dann Pech zu haben, wenn die Power 5 Gegner gerade selbst schlecht sind.

Rein von der Qualität der Mannschaft ist Texas A&M sicherlich zurecht in der Debatte gewesen. Das war ein enorm wichtiges Jahr für Head Coach Fischer.

Thomas Psaier: Auch hier: Cincinnati. Mich stört weniger die Ausbootung von Cincinnati im konkreten Fall als vielmehr das offensichtliche Geschacher der großen Conferences, die sich die Regeln zurechtbiegen wie es ihnen gerade in den Kram passt. Die Argumentation für die Missachtung der Mid Majors spottet seit Wochen jeder Beschreibung und hat in meiner Weltsicht die Grenze zu unlauterem Wettbewerb überschritten.

Rodger Sherman vom Ringer hat es am besten zusammengefasst:

It would’ve felt fitting for a season unlike any other to also have a playoff unlike any other. Yet from this chaos, the College Football Playoff committee produced a bracket featuring the same damn teams that always make the field. It’s a statement confirming that the system is designed to guarantee this outcome regardless of what happens. We should never expect anything better.

Und daher ist College Football für mich erstmal gestorben.

Welches ist das interessantere der beiden Halbfinals?

Jan Weckwerth: Leichte Antwort: Der Sugar Bowl zwischen Clemson und Ohio State. Zunächst einmal, weil es das Rematch des letztjährigen spektakulären Fiesta Bowl-Halbfinals ist. Seinerzeit gewann Clemson knapp und etwas glücklich Und seien wir ehrlich: So viele spannende Halbfinals gab es seit der Einführung der Playoffs nicht wirklich. Von daher nehme ich dieses Spiel sehr gerne – auch wenn Ohio States Saison mit einem dicken Asterisk versehen ist. Allerdings schätze ich die Vorteile dieses Mal stärker auf Seiten Clemsons ein, so dass ich im Finale von Alabama-Clemson Teil V ausgehen würde.

Julian Barsch: Ganz klar Ohio State gegen Clemson. Versteht mich nicht falsch, ich sehe in beiden Spielen klare Favoriten. Allerdings kann ich mir kein Szenario vorstellen, in dem Notre Dame gegen Alabama siegreich den Platz verlässt. Ohio State hat auch einiges zu tun, aber das Matchup gegen Clemson ruft einige Erinnerungen an den Fiesta Bowl 2019 hervor. Zwar gewann Clemson knapp, doch die Buckeyes waren nur ein Missverständnis zwischen QB Justin Fields und WR Chris Olave von einem Sieg entfernt. Gerade defensiv müssen sich Ryan Day & Co. etwas einfallen lassen, denn man muss viele hochkarätige Abgänge an die NFL kompensieren. Doch gerade die starke Leistung der Rushing Offense rund um RB Trey Sermon, der einen Ohio State Single Game Rushing Rekord aufgestellt hat, macht Hoffnung. Vielleicht kann es ja wieder eine spannende und hochklassige Partie geben.

Christian Schimmel: Da der Rose Bowl ausgesprochen eindeutig werden wird, sollte Clemson gegen Ohio State zumindest auf ausgesprochen hohem Niveau unterhaltsam werden.

Thomas Psaier: Einspruch. Alabama vs. Notre Dame ist das Spiel der Spiele – und ich meine das ernst. Wir haben einen ganzen Herbst dafür verschwendet einem abgekarteten Produkt zuzuschauen. Also lass es uns so schnell es geht über die Bühne bringen. Alabama reicht dafür ein Viertel, und zwar das erste.

2 KOMMENTARE

  1. Wäre es nicht sinnvoll, und vor allem zeitgemäß, die „Playoffs“ auszuweiten und z.B. 6-8 Mannschaften daran teilhaben zu lassen?
    Man könnte den stärksten Mannschaften ja eine Freirunde spendieren, siehe NFL. Es gibt so viele Möglichkeiten. So wie es jetzt ist finde ich es unbefriedigend, da es ja fast immer Auslegungssache ist.
    Frag 10 Experten und du wirst nie 10 gleichlautende Antworten erhalten!
    Oder man müsste wirklich einen richtigen Umbruch anstreben und alles neu organisieren
    (auch auf Sidelinereporter geantwortet)

Schreibe eine Antwort

Scheibe deinen Kommentar
Sag uns deinen Namen