Three and Out: Week 12

Der etwas andere Rückblick auf den 12. Spieltag der NFL-Saison 2020.

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Die NFL ist eine Liga der schillernden Figuren, der starrköpfigen Funktionäre und des kunterbunten Spektakels. Zum Abschluss des Spieltags blicke ich Woche für Woche einordnend und nicht immer ganz ernst gemeint auf drei der Augenroll-Momente, Mundsperrangelweitoffen-Highlights und Kopfkratzer-Szenen. Quasi unnützes Wissen Frei Haus. Three and Out, Week 12 – ready to rumble!

Bevor wir einsteigen, gibt’s wieder einen kurzen Einschub zum Thema von vor zwei Wochen, als es um die unfreiwillige Einflussname von Schiedsrichtern ging. Der Ref im folgenden Ausschnitt hat den Text wohl gelesen und sich dann ebenfalls in einem der berühmten Lead-Blogger-Rankings verewigen wollen. Mit dieser hinterhältigen Attacke auf JuJu Smith-Schuster, Wide Receiver der Pittsburgh Steelers, in Week 11 hat er das geschafft:

#1: Verschieber!!!

Wednesday Afternoon Football war… naja, ungefähr so wie das, was ich zu Schulzeiten mit meiner Handballmannschaft auf die Platte gezaubert habe, wenn wir nach neun Stunden Unterricht ein Donnerstagabendspiel hatten. Fürs Training zu gut, für den Wettkampf zu schlecht.

Die NFL flickt und schustert sich weiterhin ihren Spielplan nach Corona-Ausfällen so zusammen, dass sie von einer Zusatzwoche bislang keinen Gebrauch machen muss. So fand am Mittwochabend deutscher Zeit (wohlgemerkt nachmittags an der Ostküste) nach dreifacher Verschiebung die abschließende Partie des 12. Spieltags zwischen den Pittsburgh Steelers und den Baltimore Ravens statt.

Und weil mich die Trifecta der Spielverlegung durchaus amüsiert hat – sie wirkte doch etwas willkürlich und voreilig –, habe ich mir mal angesehen, wann es in der Geschichte der Profiliga ähnliche Vorfälle gab. Und tatsächlich – es gibt sogar einen kilometerlangen Wikipedia-Eintrag zu abgesagten und verlegten NFL-Spielen.

In den 1920er- und 1930er-Jahren waren Spielausfälle an der Tagesordnung, denn es gab keine speziellen Regeln, die Absagen bestraften. 1933 wurde die Streichung von Spielen reguliert. Teams hatten dann nur noch die Möglichkeit, das Spiel freiwillig abzugeben oder es zu verschieben, falls die Gründe außerhalb ihrer Kontrolle lagen. Seither gab es nur noch vereinzelt Ausfälle, meist aus den immer gleichen Gründen. Ein Auszug:

  • Streiks: Gleich dreimal in der Geschichte der Liga fielen Partien aus, weil die Spieler in den Arbeitskampf gingen. Beim ersten Streik in der Saison 1974 hielt sich der Schaden in Grenzen, denn nur ein Freundschaftsspiel zwischen dem aktuellen Super-Bowl-Champion Miami Dolphins und einer Rookie-Auswahl fiel flach. Bis zum Beginn der Preseason waren die Differenzen ausgeräumt. Weniger glimpflich verlief der Streik im Jahr 1982, als bis zur Einigung der Parteien die Spieltage 3 bis 10 (knapp 100 Spiele) ausfielen. Deshalb wurde kurzerhand eine zusätzliche Week 17 eingeführt, in der viele Teams noch ein attraktives Division-Duell abhielten, um den Spielplan aus zu balancieren und Zuschauer anzulocken. Die Postseason krempelten die Funktionäre komplett um: Sie stockten die Playoffs von 10 auf 16 Teams auf, wodurch von 14 Mannschaften pro Conference acht die K.-o.-Runde erreichten. Nur fünf Jahre später, in der Saison 1987, streikten die Spieler erneut innerhalb der Saison. Diesmal aber reagierten die Teambesitzer forsch und setzten nach einer ausgefallenen Week 3 einfach Replacement Players ein. Das bewog viele Streikende zum Einknicken: Schon in Week 7 standen sie alle wieder auf dem Rasen.
  • Unbespielbares Feld: Der Klassiker schlechthin ist wohl das Pro Football Hall of Fame Game im Jahr 2016 zwischen den Green Bay Packers und den Indianapolis Colts. Es war nicht das erste Mal in der Geschichte, dass ein NFL-Spiel wegen Unbespielbarkeit des Platzes gecancelt wurde. Dieses Beispiel zeigt aber wohl am besten, wie eine Kombination aus gutem Willen und Inkompetenz zum Todesurteil für ein – zugegeben – überflüssiges Spiel wurde. Am Morgen der Begegnung hatten Offizielle entdeckt, dass die Bemalung des Spielfelds mit Farbe vorgenommen worden war, die nicht für das neu verlegte FieldTurf geeignet war. Weil die Farbe nicht schnell genug getrocknet war, hatten sich die Platzwarte dazu entschieden, das Feld aufzuheizen, um den Trocknungsprozess zu beschleunigen. So jedoch schmolz das Gummimaterial im Kunstrasen des Tom Benson Hall of Fame Stadium. Es hinterließ einen schlüpfrigen und zementharten Untergrund, der schnelle Bewegungen unmöglich machte. Die glorreiche Idee, das Gepansche mit Farbverdünner zu retten, wurde verworfen, als ein Packers-Mitarbeiter auf die Warnhinweise (Verbrennungen bei Hautkontakt) des Verdünners aufmerksam machte. Und so wurde das Spiel etwa eineinhalb Stunden vor Beginn abgesagt. Blöderweise sagte bis kurz vor Kickoff niemand den Fans Bescheid. Wenn es irgendwann ein Plädoyer für eine Verkürzung oder Abschaffung der Preseason gibt, dann sollte dieser Geschichte darin mindestens ein Kapitel gewidmet sein.
  • Naturkatastrophen: Was haben Andrew, Charley, Jeanne, Ivan, Katrina, Harvey, Ike, Wilma und Irma gemeinsam? Alle diese Hurrikans sorgten für die Absage von NFL-Spielen. Neben Orkanen waren in der NFL-Geschichte auch schon Erdbeben, Waldbrände, Schneestürme und heftige Windböen (Du bist gemeint, Hubert H. Humphrey Metrodome!) für Ausfälle und damit Verlegungen verantwortlich.
  • Anschläge: Nach 9/11 verlegte die NFL den 2. Spieltag der Saison 2001 ans Ende der Regular Season. Dadurch wurden die Playoffs und der Pro Bowl um eine Woche nach hinten geschoben. Nach dem Attentat auf den damaligen US-Präsidenten John F. Kennedy im Jahr 1963 entschied sich die NFL gegen eine Verlegung. Die damals noch konkurrierende American Football League hingegen sagte Week 12 ab.

Und dann kam Corona. Das Kapitel fürs Jahr 2020 wird vielleicht das längste dieses Wiki-Eintrags.

#2: Die Mama-Kinder der NFL

Achtung, Clickbait – sorry dafür. In den vergangenen Tagen war das ja in den existierenden Bubbles ein sensibles Thema. Anyhow, zurück zur eigentlichen Sache. Ich möchte heute über Spielermamas schreiben. Darf ich das?

Wie ich drauf komme: Die Mutter von Denver-Broncos-Quarterback Drew Lock hat sich für ihren Sohn stark gemacht.

Ich bin zwiegespalten. Auf der einen Seite finde ich es ein bisschen süß, wie sich Mama Laura für Sohn Drew einsetzt. Auf der anderen Seite wäre meinem 24-Jährigen Ich das ziemlich peinlich gewesen, wenn meine Mutter sich öffentlich über meinen Arbeitgeber (in dem Fall die NFL) beschwert hätte. Als mündiger Anführer meines Teams (in dem Fall die Broncos) hätte ich das schon selbst übernehmen wollen. Auf der einen Seite hat Laura Lock vielleicht nicht ganz unrecht mit dem, was sie da über die fehlende klare Linie der Liga bei Bestrafung von Fahrlässigkeit sagt. Auf der anderen Seite kennt auch sie die Regeln und erzählt mit ihrem Tweet keine neue “Wahrheit”, um die wir nicht auch so schon alle wussten. Deshalb hinterlässt der Text ein wenig den üblen Beigeschmack einer privilegierten Person, die mit First-World Problems zu kämpfen hat.

Ich wäre sauer gewesen auf meine Mutter, wenn sie so etwas ohne mein Wissen gepostet hätte. Ich hätte sie gebeten, es nicht zu tun, falls sie mich vorher gefragt hätte. Gerade in der Pubertät hätte ich mir in dem Zusammenhang vermutlich große Sorgen gemacht, anschließend im Freundeskreis als Muttersöhnchen da zu stehen. Aber aus der sollte Drew Lock ja seit ein paar Monaten raus sein – und sich besser mit Taten gegen die Kansas City Chiefs zurückmelden als mit Worten.

An der Stelle noch ein paar kurze Gedanken zu ein paar NFL-Müttern:

  • 2014 stand ich im Lumen Field (damals noch CenturyLink Field) am Spielfeldrand. Plötzlich neben mir: Momma Lynch und Momma Sherman. Ich bin hier natürlich biased, aber beim Anblick der beiden Damen ging mir einfach das Herz auf. Wie sie da auf dem Kunstrasen standen, sich einen Kuss von ihren Söhnen abholten und ihnen dann beim Aufwärmen zu sahen. Wie sie geduldig jedem Fotowunsch nach kamen. Und wie sie sichtlich Spaß hatten umgeben von 12s. Man kauft es ihnen einfach ab, wenn man Videos wie dieses hier sieht. Ich gebe zu: Auch ich fragte die beiden Mütter nach einem Foto, vergaß in meiner Aufregung aber, die Kamera auf Automatik umzustellen. Ergebnis: ein Foto ohne Inhalt. Blöderweise fiel mir das aber erst beim Verlassen des Spielfelds auf – und lustiger Weise bekam Delisa Lynch Wind davon, weil sie direkt neben mir in die Katakomben lief. Also krallte sie sich flink Beverly Sherman und wir versuchten es erneut. Im schlecht belichteten Unterbau des Stadions aktivierte die Automatik diesmal den Blitz. Freunde, glaubt mir – das Foto bleibt unter Verschluss.
  • Aus neutraler Sicht gibt’s nur eine Wahl für “Beste Spielermama der Liga”: Sabrina Greenlee.
https://www.youtube.com/watch?v=JpwMabPt0oU

Und zum Abschluss: Ihr wusstet sicher alle genau wie ich, dass es die PFPMA – die Professional Football Players Mothers Association – gibt, oder? Vorsitzende ist übrigens Gwendolyn V. Jenkins, die Mama von Malcolm Jenkins. Mich erinnert diese Organisation so ein kleines bisschen an mein Englisch-Schulbuch von vor gefühlt 33 Jahren und MADD – Mothers Against Drunk Driving. Und wenn PFPMA nur annähernd so sinnvoll ist wie MADD, dann bin ich ein Fan.

#3: Aushilfs-Quarterbacks

Und plötzlich war kein Quarterback mehr da. Drew Lock – raus. Brett Rypien – raus. Blake Bortles – raus. Jeff Driskel – auch raus. Und eher suboptimal: die positiv auf Covid-19 getestete Kontaktperson der anderen Spielmacher. Man könnte meinen, es passiert zum allerersten Mal in der NFL, dass einem Team die Quarterbacks ausgehen. Durch Corona ist eben alles anders in dieser verrückten Saison 2020. Stimmt aber nicht ganz!

Wide Receiver Kendall Hinton ist tatsächlich nicht der erste Nicht-Quarterback, der für mehr als ein paar Snaps und nicht aus Trick-Play-Gründen auf der Spielmacher-Position zu finden war. Am Sonntag sprang er von der Practice Squad ohne eine einzige Trainingseinheit und mit nur wenig Erfahrung als Backup-Quarterback am College (Wake Forest) ins kalte NFL-Wasser. Dafür gebührt ihm unser aller größter Respekt.

Diesen Respekt haben Hinton bereits seine Mitspieler bei den Denver Broncos gezollt. Deshalb können wir uns nun der wichtigen Frage widmen, wann es einen Nicht-Quarterback-Quarterback schon einmal gab? Ich habe fünf Beispiele gefunden:

  • RB Tom Matte, Baltimore Colts, 1965: Johnny Unitas, zu diesem Zeitpunkt MVP, verletzte sich im drittletzten Saisonspiel am Knie. Sein Backup Gary Cuozzo kugelte sich eine Woche später die Schulter aus. Und weil die Colts keinen zusätzlichen Backup im Kader hatten, musste eben Matte auf Matte. So auch eine weitere Woche später, als er mit 99 Rushing-Yards und und zwei Completions die Rams besiegte und sein Team in gute Playoff-Position brachte.
  • RB Brian Mitchell, Washington R*, 1990: Ein Return-Rekordhalter als Quarterback? Yup. Im legendären “Body Bag Game” kam Runningback Mitchell – einst Spielmacher an der University of Southwestern Louisiana – für Jeff Rutledge und Stan Humphries aufs Feld. Die weiteren Washington-Quarterbacks Mark Rypien (verletzt; Onkel vom oben genannten Brett) und Gary Hogeboom (inaktiv) fehlten da bereits. Mitchells Bilanz: 3/6, 40 Passing-Yards, 1 Rushing-Touchdown. Kurz darauf wurde die Third-Quarterback Rule eingeführt.
  • WR Freddie Solomon, San Francisco 49ers, 1978: Im Herzen wollte der einstige College-Spielmacher immer NFL-Quarterback werden. Stattdessen fing er sich aber als Wide Receiver in die Geschichtsbücher – und bekam dann doch noch seine Chance, als Werfer zu glänzen. Starter Steve DeBerg und sein Backup Scott Bull verletzten sich. Der Notfall-Ersatz und Defensive Back Bruce Threadgill (einst Quarterback in Kanada) spielte zu diesem Zeitpunkt mit Schiene wegen einer gebrochenen Hand. Als er ohne die aus der Kabine kam und seine beiden Passversuche in Interceptions endeten, war Solomons Zeit endlich gekommen. Der einst gefeierte Option-Quarterback (College) erlief 42 Yards und einen Touchdown und passte für 85.
  • S Tony Dungy, Pittsburgh Steelers, 1977: Immer wieder die gleiche Story: Der Starter (Terry Bradshaw) verletzt sich, der Backup (Mike Kruczek) auch. So kam der damalige Rookie-Safety im vierten Quarter zum Einsatz. Er legte den Grundstein für die Hall-of-Fame-Karriere als erster Spieler überhaupt, der in einem Spiel eine Interception fing und eine warf.
  • P Tom Tupa, New York Jets, 1999: Einen solchen Punter würden sich die Jets heute wohl wünschen. Tupa kam aufs Feld, als bei Starter Vinny Testaverde die Achillessehne riss. In Johnny-Hekker-Manier und in Fußballschuhen warf er zwei Touchown-Pässe. Aber das war noch lange nicht alles an diesem verrückten Tag im September.

Fourth-Down Conversion: Missed by a mile

Ist das noch Journalismus? Okay, diese Frage könnte ich auch mir selbst stellen, wenn ich alle paar Wochen dieses Three and Out veröffentliche. Und auch hier wäre die Antwort wohl: Joa, die Rechercheleistung ist zumindest erkennbar.

Stichwort Recherche: Steven Ruiz von USA Today hat sich die Mühe gemacht, alle von FOX NFL in den TV-Übertragungen veröffentlichten Spieler-Cartoons zu suchen und sie zu einer urkomischen Datenbank zusammenzufügen. Am Ende dieser 123-Bilder-Liste (inzwischen 124, weil Ruiz zunächst den Moustache-Gio vergessen hatte) stellt man sich drei Fragen: Warum? Wo nimmt der Autor die Zeit her? Und was rauchen die Künstlerinnen und Künstler, die die Grafiken erstellt haben?

Vielleicht bekommen wir nie die Antworten auf diese weltbewegenden Fragen. Ist aber auch egal, denn der Artikel liefert entschädigendes Material. Von einem Nicolas Cage ähnelnden Aaron Rodgers über den Dalai Lama im NFL-Trikot bis hin zur besten Bildunterschrift aller Zeiten unter dem Antlitz von Chicagos Runningback David Montgomery:

“He’s got the feet of Saquon Barkley, the vision of Le’Veon Bell, the strength of Ezekiel Elliott, the athleticism of Sony Michel … and the jawline of a Bears fan.”

Bissiger Stoff!

Welche Momente haben euch staunend zurückgelassen, irritiert, zum Lachen gebracht? Diskutiert mit uns in den Kommentaren.

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