Coaches Corner – NFL Woche 14

NFL aus der Perspektive der Head Coaches: Spannende In-Game-Entscheidungen vom 14. NFL-Spieltag der Saison 2020/21 unter der Lupe!

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Nach zwei Stress-bedingten Ausfällen kehrt der Coaches Corner der Lead Blogger zurück! Florian wird sich mit der der Pass Interference gegen die Vikings und Arians 18-Yards-FG-Attempt auseinandersetzen. Bei Thomas dreht sich alles um den Knaller im MNF: Ravens @ Browns! Ja – wir können auch loben!

Pass Interference, Untimed Down von der 1 – Field Goal?!

Es steht 14-6, die Bucs haben den Ball. Mit auslaufender Uhr lässt Bucs Coach Bruce Arians seinen gar nicht so nudelarmigen Quarterback Tom Brady eine Hail Mary in Richtung Enzone auf Gronk werfen. Die Refs geben zum Entsetzen aller Minnesota-Fans eine Pass Interference gegen die Vikings. Es gibt ein untimed Down an der 1 Yard Linie. Ob der Call der richtige war, sei an dieser Stelle einmal dahingestellt, damit wird sich vielleicht unser Jonas im nächsten Couch Referee beschäftigen.

Der Buccaneers-Head-Coach musste sich also nun zwischen einem Field Goal und dem Ausspielen des Versuchs entscheiden. Er wählte das Field Goal und stellte damit auf 17-6. Was bei mir und vielen anderen Bucs-Fans zunächst Zornesfalten auf die Stirn trieb, ist für den Arians-Kenner keine Überraschung. Und auch Ben Baldwins 4th-Down-Bot (ja, es war kein 4th Down, aber mit dem untimed Down eine vergleichbare Situation) plädiert für das Field Goal.

Aber was ist der treibende Faktor, warum der Field-Goal-Call des Bucs-Coaches laut analytischem Model die bessere Entscheidung ist? Zunächst einmal berücksichtigt das Modell den Vegas-Spread. Es schaut also, wie sehr das Team in Ballbesitz favorisiert ist, bzw. als Underdog gilt. Die Bucs gingen mit einem Handicap von -7 ins Spiel, waren also ein relativ deutlicher Favorit. Dieser Fakt gepaart damit, dass die Bucs den ersten Drive der zweiten bekamen führt dazu, dass die Siegwahrscheinlichkeit bereits am Ende von Q2 fast bei 90% lag. In diesem Bereich ist der Gewinn durch das Ausspielen des Versuchs so marginal, dass das Modell oftmals das Field Goal präferiert.

Selbstverständlich kann man darüber streiten, ob eine 8-Punkte-Führung wirklich so uneinholbar scheint, wie sich 89% Siegwahrscheinlichkeit anhören. Auch das Modell spuckt mit 0.9% Vorteil für das Field Goal keine eindeutige Empfehlung aus. Überrascht hat es mich trotzdem, denn wäre ich ein NFL-Coach, hätte ich aus dem Bauch heraus vermutlich gesagt: “Go for it!”

Vorgezogenes Silvester: Kevin Stefanski, John Harbaugh und ihr Coaching-Feuerwerk

“Go for it” ist eine perfekte Überleitung zu Teil 2. Das Monday Night Game Cleveland Browns – Baltimore Ravens (Endstand 42:47) war das bisher spektakulärste NFL-Spiel der Saison. Nicht nur ging es hin und her mit neun Scoring-Drives in zwölf Angriffsserien nach der Halbzeit, mehreren Führungswechseln und der Entscheidung in allerletzter Sekunde. Nein: Es war auch eines der am besten gecoachten Spiele, an die ich mich erinnern kann.

Ravens-Head Coach John Harbaugh hatte nicht Unrecht, als er seinem unterlegenen Kollegen, dem Browns-Rookiecoach Kevin Stefanski noch am Feld ins Ohr flüsterte: „You guys are awesome“. Doch Harbaugh hätte anstatt dem „you“ gut und gerne auch das „we“ einsetzen können. Denn das Spiel war ein vorgezogenes Feuerwerk. Ein Coaching-Feuerwerk – quasi NFL-Silvester vor Anbruch einer neuen Zeit!

Zunächst das Wichtigste: Beide Offenses zündeten über weite Strecken aus vollen Rohren, und die Coaches blieben immer auf dem Gaspedal. Die Ravens blieben mit etwas über 50% Early-Down-Rushing recht lauflastig, doch das ist kein Problem, wenn die Offense getrieben von dem fantastischen Counter-Bash-Play fast 8 Yards/Carry erläuft und ein QB Lamar Jackson in Hochform über 100 Scramble-Yards serviert.

Cleveland war dagegen ungewöhnlich passlastig (43 Early-Down-Pässe zu nur 23 Läufen), doch die Verteilung war gemessen am Output nahezu perfekt. Die Browns brauchten gegen eine der besten Defenses in der NFL keine Hilfe von Big-Plays, sondern sezierten mit einem bunten Mix aus verschiedenen Formationen, Boots, Laufspiel und Gadget-Plays etliche lange Drives über die Mitteldistanzen.

Beide Offenses spielten darüber hinaus hohe Play-Action Quoten (Cleveland 27%, Baltimore 30%) und die Ravens bereiteten mit Jet-Motions immer wieder numerische Überlegenheit im Laufspiel vor.

Beide Offenses spielten schon in der ersten Halbzeit auf Sieg. Die Ravens bekamen eine Minute vor der Halbzeit den Ball zu-gepuntet und scorten innerhalb von 31 Sekunden den Touchdown. Mit nur mehr 30 Sekunden auf der Uhr übernahmen die Browns und versuchten mit drei Pässen den Konter. Der Drive endete in einer „Hail Mayfield“, die gut und gerne 70 Meter durch die Luft flog, aber ein paar Yards überworfen war.

Die 4th Downs

Selten, nein: fast nie, gibt es in der NFL ein Spiel, in dem die Coaches jede einzelne 4th-Down-Entscheidung versenken. Cleveland vs. Baltimore war so eines: Es gab zwölf 4th Downs – und jedesmal haben die Coaches den nach Ben Baldwins Calculator richtigen Move gemacht. Eine Auswahl:

  • 4th & 4 Browns im ersten Viertel an der BAL 34. Die Browns spielten aus und bekamen durch eine Defense-Strafe ein 1st Down geschenkt.
  • 4th & 4 Browns im dritten Viertel an der eigenen 46 mit 14 Punkten Rückstand: Wieder spielten die Browns aus. Wieder waren sie erfolgreich.
  • 4th & 3 Browns im vierten Viertel an der BAL 21. Es war im gleichen Drive wie beim vorigen 4th Down. Cleveland spielte wieder aus, verwertete und scorte kurz danach den Anschluss-TD.
  • 4th & 5 Ravens an der 2-Minute-Warning bei 34-35 Rückstand an der gegnerischen 44. Ausspielen war natürlich die richtige Entscheidung, und Lamar Jackson kam gerade rechtzeitig von seinem Bizarro-Trip in die Umkleidekabine zurück, um nach kurzem Rollout den völlig offenen WR Hollywood Brown zum Touchdown zu bedienen.

Analytics empfiehlt, die meisten 4th Downs bis 4th & 5 auszuspielen. In der Praxis aber sieht man eine solche Latte an wie selbstverständlich durchgezogenen „4th and a handful“ fast nie. Vielleicht eines oder zwei. Aber praktisch nie jedes.

Two Point Conversion nach Lehrbuch

Seit Scott Hanson es im Redzone-Kanal so prominent platzierte, ist in den USA einem breiteren Publikum bekannt, was Analytics-Kreise seit vielen Jahren propagieren: Scort man gegen Spielende bei 14 Punkten Rückstand einen Touchdown, um auf 8 Punkte Rückstand zu verkürzen, ist die Two-Point Conversion der richtige Move.

Die Logik dahinter ist eine simple: Zweimal Touchdown und Extrapunkt gleichen das Spiel maximal aus und bringen das Spiel nur in die Overtime, wo ein Münzwurf über das erste Ballrecht entscheidet, und damit wer von 50/50 auf 60/40 springt.

Doch eine geglückte Two-Point Conversion mit Verkürzen des Rückstands von 14 auf 6 Punkte bringt die Chance, anschließend mit Touchdown und Extrapunkt das Spiel „in regulation“ zu entscheiden. Eine missglückte Two Point Conversion bedeutet 8 Punkte Rückstand. Mit TD plus Conversion reicht es noch immer zur Overtime.

Bei einer geschätzten Conversion-Rate von 50% ist die Mathematik selbst bei angenommenen 100% Verwertungsquote eines Extrapunkts (realistisch sind sogar nur 94%) eine simple:

  • Two Point Conversion beim ersten Mal = 62.5%
  • Extrapunkt beim ersten Mal = 50%

Eine Two Point Conversion nach dem ersten Touchdown erhöht die Siegchance also um 12.5%.

Warum ich das schreibe? Weil Browns-Coach Stefanski genau diesen Move versuchte, als Cleveland bei 20-34 Rückstand mitten im Schlussviertel die Conversion anstatt den Extrapunkt versuchte. Stefanski war längst nicht mehr der erste Coach mit diesem Move, der in den letzten Monaten Schule gemacht hat (Analytics wins!).

Aber dass er es durchzog, zeigt, wie ernst es die Browns mit ihrer prozessorientierten Entscheidungskultur meinen. Cleveland wurde belohnt, weil Baker Mayfields Pass in die Hände von Donovan Peoples-Jones abgefälscht wurde. Es war das Glück des Tüchtigen.

Der eine kleine Makel

Weil wir zwar gerne loben, uns aber doch nicht ganz von grumpy young men lösen können, finden wir selbst in dieser fantastischen Partie noch das Haar in der Suppe. Wenn es eines zu kritisieren gab, dann, dass die Browns in der Crunch-Time zu schnell den Ausgleich scorten.

Die Browns hatten mit 70 Sekunden auf der Uhr ein 1st Down an der Baltimore 22. Die Ravens hatten schon zwei ihrer drei Timeouts gezogen. Spielstand war 42-35. Cleveland brauchte den Touchdown – aber idealerweise so spät wie möglich. Die ESPN-Kommentatoren waren noch am Beschwichtigen („play it slow, no need to take the deep shot“), als RB Kareem Hunt Mayfields Screenpass schon in die Endzone trug.

Der Ausgleich ließ den Ravens 64 Sekunden Zeit, um mit einem Timeouts in Fieldgoal-Reichweite für Justin Tucker zu kommen. Das Unterfangen gelang – und Jackson führte die Offense im einzigen passlastigen Ravens-Drive des Tages weit genug das Feld hinunter um ein 55 Yards Field Goal zu schießen. Der mutmaßlich beste Kicker aller Zeiten versenkte, ohne mit der Wimper zu zucken zum spektakulären Sieg.

Doch lass diesen einen kleinen Kritikpunkt nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieses Spiel nicht nur spannend, sondern auch fantastisch gecoacht war. Wären alle Spiele so wie dieses, bräuchte es keinen Coaches Corner.

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Florian Schmitt
Passionierter Titans Fan und Lead Blogger der ersten Stunde. Analytics-Nerd und Liebhaber des Passing Games. Fantasy Football Enthusiast und Graphics-Guy.
Thomas Psaier
Football-Blogger seit 2010. Allesfresser in NFL und College Football.

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