Psaier & Sommer: Sunday Watch NFL Week 12

Eine Vorschau auf den 12. NFL-Spieltag 2020 mit den Takes von Fabian Sommer und Thomas Psaier zu ausgewählten Spielen.

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Lesezeit: 7 Minuten

Vieles von dem, was wir im letzten Sunday-Watch zu NFL-Woche 11 geschrieben haben, war nahe dran. Trotzdem waren nur drei der insgesamt sechs Takes wirklich richtig. Uns wurde zum “Verhängnis”, dass die Vikings und Buccaneers dann doch knapp gegen Dallas bzw. die Rams verloren – und dass die Chiefs sich bei ihrem Sieg gegen Las Vegas schwerer taten, als prognostiziert.

Was hat der morgige Spieltag (außer weiteren Corona-Diskussionen) zu bieten? Antworten wollen wir noch keine geben – nur Prognosen.

Letdown-Gefahr für die Raiders

Psaier: Atlanta Falcons – Las Vegas Raiders (Sonntag 19:00 Uhr)

Die Las Vegas Raiders haben letzten Sonntag mit ihrer couragierten Leistung in der knappen Niederlage gegen Superbowl-Topfavorit Kansas City landesweit großen Respekt geholt. Mit 6-4 Record sind sie für viele ein klarer Playoff-Kandidat. So wie QB Derek Carr und seine Armada nicht bloß gegen die Chiefs aufgetreten sind, ist das auch nachvollziehbar.

Doch das Auswärtsspiel in Atlanta fühlt sich wie eine potenzielle Falle an: Eine Woche nach einem emotionalen und knapp verlorenen Divisionsspiel geht es jetzt Cross-Country gegen einen Gegner aus der NFC.

Die Falcons wurden letzte Woche von den Saints förmlich vorgeführt und stehen bei 3-7. Playoff-Träume sind längst ausgeträumt, aber ich sehe einen Weg zum Upset. Der führt natürlich darüber, dass QB Matt Ryan eine wesentlich ruhigere Pocket als zuletzt bekommt und seine Receiver Julio Jones und Calvin Ridley gegen die jungen Cornerbacks der Raiders bedienen kann. Jones und Ridley sind beide in den Top-10 nach Yards pro gelaufener Route. Jones ist nicht ganz fit, aber selbst auf einem Bein dürfte er einen Damon Arnette zum Frühstück verspeisen. Ridley ist schon jetzt ein veritabler Nachfolger, wenn der bald 32-jährige Jones irgendwann in Rente geht.

Las Vegas lebt von Carr, starken Pass-Designs und der tiefen Bedrohung durch den allerdings selten angespielten WR Henry Ruggs. Natürlich denkbar, dass die Raiders einen Shootout mitgehen können. Aber bei den Raiders besteht noch immer die Gefahr von zu viel Laufspiel – und damit spielt man Atlantas Defense unfreiwillig in die Karten. Atlanta gelingt der Bounceback.  

Cleaner Colts-Sweep

Psaier: Indianapolis Colts – Tennessee Titans (Sonntag 19:00 Uhr)

Der Divisionskracher in der AFC South! Beide sind 7-3 und brauchen einen Sieg. Vor nicht einmal drei Wochen gewannen die Colts das Hinspiel am Ende deutlich mit 34-17. Das Ergebnis war klarer als der Spielverlauf. Die Partie stand lange auf der Kippe und wurde letztlich durch ein paar massive „Swings“ (geblockter Punt, gedroppter langer TD von A.J. Brown) in Richtung Indy entschieden.

Indianapolis überzeugte damals mit konstant aggressiver offensiver Herangehensweise. Head Coach Frank Reich blieb auch nach mehreren gescheiterten 4th Downs auf dem Gaspedal und wurde am Ende für seinen Mut belohnt. Die Colts fühlen sich damals wie heute wie die „komplettere“ Mannschaft an. Es gibt prinzipiell zwei wesentliche Mis-Matches, die für Indianapolis sprechen.

Zum einen ist da die wuchtige Colts-Front Seven gegen eine Tennessee-O-Line, die zu den mittlerweile schwächsten in Pass-Protection zählt. Auf beiden Tackle-Positionen herrscht mittlerweile blanke Not: Letzte Woche ging sogar Backup-Tackle Ty Sambrailo für den Rest des Jahres runter. Vom in der ersten Runde gedrafteten Rookie OT Isaiah Wilson sieht man weiterhin nix, weswegen wohl David Quessenberry den Blindside-Protector geben wird.

Dass Indy auf DT DeForest Buckner (Covid-Liste) wohl verzichten muss, ist bitter – aber andererseits könnte das die Lauf-Fetischisten im Titans-Trainerstab auch einladen, noch stärker auf Henry über die Mitte zu setzen. Mehr Laufspiel ist ein Gewinn für die Colts-Defense. Die ist so nebenbei auch „hinten“ in ihrer Zone-Coverage solide genug, um die meisten Crossing-Routen der Receiver einigermaßen zu neutralisieren.

Das andere Mis-Match betrifft den unspektakulären, aber durchaus effizienten Skill-Player Corps der Colts gegen die waidwunde Titans-Defense. Seit in den letzten Wochen auch Michael Pittman den Sprung zum ernsthaften Starting-WR gemacht hat, ist das Colts-Arsenal noch einmal breiter geworden. Philip Rivers müsste schon ein extrem fehleranfälliges Spiel bestreiten.

Auch wenn Division-„Sweeps“ bei so ähnlich gematchten Teams selten sind, gehe ich hier mit den Colts.

Belichick gegen Kyler und Hopkins

Psaier: New England Patriots – Arizona Cardinals (Sonntag 19:00 Uhr)

Upset-Alert! Die Patriots (4-6) mögen nach der Pleite gegen Houston letzten Sonntag aus dem Playoff-Rennen so gut wie eliminiert sein, doch es ist nicht schwierig, sich gegen die Arizona Cardinals (6-4) einen Weg zum Sieg auszumalen.

Arizona hat zwar eine Top-10 Offense nach EPA/Play, doch diese Offense ist stark von den läuferischen Fähigkeiten des QBs Kyler Murray sowie dem dominanten WR1 DeAndre Hopkins abhängig. Die Belichick-Defense ist dieses Jahr eine der schwächsten in der NFL – aber immer für einen schematischen Kniff gut. Und Belichick war schon vor seiner Dynasty in New England dafür berühmt, seinen Defense-Gameplan darum zu bauen, des Gegners Top-Waffe zu stoppen.

Theoretisch klingt das wie eine Entscheidung zwischen Murray und Hopkins. Doch nachdem nun die Gefahr besteht, dass Murray mit seiner lädierten Schulter als Rusher gedrosselt wird (vor 10 Tagen nur 3 designte Runs), kann sich Belichick auf Hopkins fokussieren. Die Outside-Cornerbacks der Pats, Stephon Gilmore und J.C. Jackson, sind trotz gelegentlicher Schwächephase weiter große Nummern – und es würde nicht überraschen, wenn Belichick dem jeweiligen Gegenspieler von Hopkins Safety-Hilfe over the top zur Verfügung stellt, bis hin zu „echten Double-Teams“. Die Receiver hinter Hopkins erschrecken bei aller Bewunderung Belichicks für die Karriere des Larry Fitzgerald niemanden.

Natürlich baut so ein Gameplan darauf, dass Murray nicht schon wieder bei 100% ist. Denn dann hätte Belichick mit Man-Coverage und Double-Team ein massives Problem. Ich erwarte aber, dass er Kyler so oder so zwingen wird, die Pats aus der Pocket heraus mit seinem Arm zu schlagen.

Addiere mit dazu, dass New Englands laufstarke Offense auch im Passing-Game besser geworden ist (letzte vier Wochen #5 nach EPA/Pass) und die beiden Einser-Receiver Jakobi Meyers und Damiere Byrd mit ihrer hasenfüßigen Beweglichkeit schwierige Gegner für die physischen, aber fußlahmen Cornerback-Bolzen der Cards, Peterson und Kirkpatrick, und wir haben alle Zutaten für einen Patriots-Heimsieg.

Duval erstrahlt im allerschönsten Brown

Sommer: Cleveland Browns @ Jacksonville Jaguars (Sonntag 19:00 Uhr)

Es ist schon kurios. Die Browns hatten jetzt drei Spiele am Stück zu Hause, gegen die Raiders, Texans und Eagles. Eigentlich ein klarer Vorteil, doch das Wetter machte dem Team von HC Kevin Stefanski stets einen Strich durch die Rechnung. Brutale Windböen, monsunartiger Regen – die Bedingungen waren nicht dazu geeignet, ein ordentliches Passing Game aufzuziehen. Deshalb sollte man die Leistungen der vergangenen Wochen nicht auf die Goldwaage legen.

In Duval sind weniger als 10 mph Wind und weniger als 50 Prozent Regenwahrscheinlichkeit angesagt, bei sommerlichen Temperaturen. Ein Paradies für die Brownies. Und es geht gegen einen Gegner, der arg gebeutelt ist. Auf QB startet Mike Glennon, LG Andrew Norwell und WR-Star DJ Chark fallen aus. WR Chris Conley ebenso, WR Laviska Shenault kehrt zurück. Das negiert die defensiven Ausfälle von DE Myles Garrett (COVID) und CB Denzel Ward auf der anderen Seite. Dass Glennon hier mit limitiertem Waffenarsenal ein Feuerwerk abfackelt, sei zu bezweifeln.

Das große Lazarett gibt es in der Defense der Jaguars zu bestaunen. Mit DE Josh Allen fehlt den Jags der mit Abstand beste Pass Rusher. In der Secondary fallen womöglich vier Starter aus, unter anderem die Cornerbacks Sidney Jones und CJ Henderson – dort werden wir Akteure aus dem Practice Squad sehen. Cleveland sollte hier in der Lage sein, den Ball nach Belieben zu bewegen – ob auf dem Boden oder durch die Luft. 30 Punkte sind aus Sicht der Brownies locker drin, das sollte für einen klaren Sieg mit mindestens 10 Punkten Unterschied reichen.

Die Chargers chargern diesmal nicht

Sommer: Los Angeles Chargers @ Buffalo Bills (Sonntag 19:00 Uhr)

Schaut man sich die spiegelverkehrten Records dieser beiden Teams an – Bolts bei 3-7, Bills bei 7-3 – dann könnte man eine große Diskrepanz vermuten. Doch betrachtet man die letzten Spiele und gewisse Effizienzmetriken, wird höchstens ein kleiner Vorteil für die Bills deutlich. Beide Teams haben zurzeit eine eher unterdurchschnittliche Defense, kaum ein Run Game und verlassen sich beide auf Big Plays ihrer Quarterbacks. Seit Woche 5 stehen die Bolts auf Rang 10 in EPA/Dropback, die Bills auf Rang 17.

Die Bills müssen ohne ihren WR2 John Brown auskommen und das könnte wehtun. In den Partien ohne ihn gegen die Titans, Spiel 2 gegen die Jets und Halbzeit zwei gegen die Rams kam die Offense ein ums andere Mal ins Stocken. Brown kann mit seinem tiefen Speed die gegnerischen Linien auseinanderziehen und so Raum für alle anderen Receiver kreieren. Bei den Chargers ist CB Casey Hayward nicht am Start, doch Chris Harris könnte nach Verletzungspause sein Comeback geben. Es würde mich nicht verwundern, wenn wir gegen den Pass Rush um Joey Bosa keine Paradeleistung von Josh Allen sehen.

Justin Herbert kann darüber hinaus aus den Vollen schöpfen und die wackelige Bills-Defense mit Keenan Allen, Mike Williams und Hunter Henry bespielen. Hier erwarte ich grundsätzlich wenig Gegenwehr. Die zurzeit „heißere“ Offense aus Los Angeles setzt sich durch und sorgt für einen Upset.

Don’t Blitz Mahomes

Sommer: Kansas City Chiefs @ Tompa Bay Buccaneers (Sonntag 22:25 Uhr)

Es sieht so verlockend aus, hier an einen Heimsieg zu denken. Die Bucs sollten nach einer weiteren Prime-Time-Pleite gegen die Rams hier bis in die Haarspitzen motiviert sein. Jedoch geht es gegen den amtierenden Super Bowl Sieger mit dem zurzeit besten Quarterback der Liga – Pat Mahomes. Dazu haben die Chiefs alle verfügbaren Spieler an Bord. Das kann man von den Bucs wiederum nicht sagen. Auf LT könnte Donovan Smith ausfallen, auf LG All-Pro Ali Marpet zum dritten Mal infolge. Auch C A.Q. Shipley, der zuletzt den Premium-Backup gegeben hat, fällt für die gesamte Saison aus. Das Alles gegen eine Defensive Line um den genialen DT Chris Jones, die hier imstande sein müsste, gute Pressure auf Brady auszuüben.

Der Cardinals Coaching Staff um Bruce Arians und Byron Leftwich haben immer noch nicht herausgefunden, wie sie all ihr individuelles Talent gescheit in Szene setzen. Auf 1st Down in neutralen Spielsituationen callen die Bucs 51% Runs, die elftmeisten der Liga. Und das, obwohl sie auf diesen Downs nur für magere -0.17 EPA/Play laufen – Rang 24 aller Offenses. Dazu sieht man viele überflüssige Pässe auf RB Leonard Fournette, der alles andere als ein Christian McCaffrey ist. Dadurch befindet sich Tom Brady zu oft in schwierigen Situationen auf 2nd und 3rd down. Die Routenkonzepte sind zumeist vertikal ausgelegt und fordern den Quarterback umso mehr heraus. Das könnte mit einer wackeligen Offensive Line in dieser Woche wieder genauso aussehen. Das Receiver-Trio Mike Evans, Chris Godwin und Antonio Brown verhungert in dieser Offense viel zu oft.

Die Defense der Bucs spielt ohne CB Jamel Dean (Concussion) und ist im Scheme von DC Todd Bowles sehr aufs Blitzen fokussiert. Das Problem hierbei: Patrick Mahomes hat gegen den Blitz ein PFF-Passing-Grade von 87.6 und eine Completion Percentage (Adjusted) von knapp 80% – man kann ihn einfach nicht blitzen. Das könnte den Bucs zum Verhängnis werden. Die Chiefs setzen sich hier mit mehr als einem Field Goal durch.

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