Three and Out: Week 8

Der etwas andere Rückblick auf den 8. Spieltag der NFL-Saison 2020.

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Die NFL ist eine Liga der schillernden Figuren, der starrköpfigen Funktionäre und des kunterbunten Spektakels. Zum Abschluss des Spieltags blicke ich Woche für Woche einordnend und nicht immer ganz ernst gemeint auf drei der Augenroll-Momente, Mundsperrangelweitoffen-Highlights und Kopfkratzer-Szenen. Three and Out, Week 8 – los geht’s!

#1: And the Oscar goes to… Javon Kinlaw

Die Liste der American-Football-Spieler, die nach ihrer aktiven Karriere in die Schauspielerei gegangen sind, ist lang. Dwayne Johnson, Burt Reynolds, Merlin Olsen, John Matuszak, Alex Karras, Jim Brown, Carl Weathers, Lyle Alzado, Bob Golic, John Amos, Bill Goldberg, Brian Bosworth, Terry Crews, Fred Dryer, Rosey Grier, Joe Namath, Ed Marinaro, Fred Williamson, O.J. Simpson, Bubba Smith, John David Washington, Mike Henry, John Kimbrough, Roman Reigns und Don Meredith – sie alle standen nach ihrer Zeit auf dem Spielfeld vor der Kameralinse. Mehr oder weniger erfolgreich.

Denn Quantität ist bekanntlich nicht gleich Qualität. Nach diesem Wochenende könnte die Liste noch länger werden – und einen Hochkaräter hinzugewinnen. Defensive Tackle Javon Kinlaw von den San Francisco 49ers verkaufte am Sonntag einen Schubser von Damien Lewis, Right Guard der Seattle Seahawks, so gut, dass man im Nachhinein Lewis Superkräfte attestieren mag – und Kinlaw ein paar Hundert Kilometer südlicher die Küste runter nach Hollywood stecken will.

Werfen wir einen Blick in die Geschichtsbücher, um die besten Schauspielleistungen der NFL zu finden. Denn nicht nur im Fußball gibt es da immer wieder Szenen mit Fremdscham-Potenzial. Hier kommt unsere Albert-Streit-Norbert-Meier-Gedächtnis-Liste in der Football-Version:

  • Eigentlich sollten wir uns an Wide Receiver Jerome Simpson von den Cincinnati Bengals für seinen Flip an Heiligabend 2011 erinnern. Aber dieser Flop war auch nicht schlecht. Was die beiden Szenen gemeinsam haben? Simpson zeigt, dass er fliegen kann:
  • Das Experiment mit dem Videobeweis bei Pass Interference hat die NFL nach einem Jahr und viel Streit und Chaos direkt wieder eingestellt. In dieser Szene hätte sich Tight End Jimmy Graham, damals noch bei den New Orleans Saints, den Review aber vermutlich gewünscht. Perrish Cox von den San Francisco 49ers verkauft den Schubser oscarreif, die erfolgreiche Hail Mary wird annulliert. Graham würde später sagen: “Das war definitiv kein Push-Off. Ich lief das Feld runter und sagte mir dabei, dass ich nicht schubsen darf, sondern einfach hoch springen und den Ball fangen muss. Gegenspieler halten mich überall auf dem Feld. Aber sobald ich einmal jemanden mit zwei Fingern berühre, ist es eine Strafe gegen mich. Aus diesem Grund habe ich mit Basketball aufgehört.” Immerhin siegten die Saints am Ende trotzdem – per Field Goal in der Overtime.
  • Und weil der Fußballer-Vergleich so beliebt ist, darf natürlich auch ein Kicker in dieser Liste nicht fehlen. Joe Nedney hatte für die Tennessee Titans in der Divisional Round der Postseason 2002 das Sieger-Field-Goal auf dem Fuß. Als er merkte, dass sein Kick das gelbe Tor verfehlen würde, nahm er den Kontakt von Dewayne Washington – ob es jetzt einer war oder nicht – und die daraus resultierende “Running into the kicker”-Strafe dankend an, mimte den sterbenden Schwan und verwandelte dann im zweiten Versuch. Nedney war erlöst (er hatte zum Ende der regulären Spielzeit bereits den Siegschuss vergurkt und traf nun im dritten Anlauf endlich). Die Titans erreichten das AFC Championship Game, scheiterten dort aber an den Oakland Raiders.

#2: Der Handballer im Footballer

Überspringen wir die Debatte darüber, ob Football eigentlich Handball heißen sollte und reden lieber direkt über die Schönheit des Spiels mit dem falschen Namen. Als Handballer habe ich eine recht klare Vorstellung davon, wie ein “Underarm Throw”, ein Unterarmwurf, aussehen muss. (Auch wenn er nie meine Stärke war und deshalb nie so aussehen wird, wie er aussehen soll.) Der Zeitz’sche Hammer war mir und meinem Spaghetti-Arm nicht vergönnt, daher nehme ich ein anderes Beispiel als Vorlage:

Tauchen wir da mal ganz tief ein in die Analyse. American Football hat meiner Meinung nach ein recht unpräzises Verhältnis zum Unterarmwurf. Jüngstes Beispiel: Quarterback Patrick Mahomes baut im Spiel gegen die New York Jets mit einem Unterhand-Flip/Kegler/Pitch auf Tight End Travis Kelce die Führung der Kansas City Chief aus. Viel Wurf – wie viele Social-Media-Kanäle die Aktion betitelten – ist da nicht zu sehen, wenn wir ehrlich sind:

Einen Unterarmwurf der Marke Steinschleuder produzierte einst Brett Favre für die Green Bay Packers, als er noch nicht durch heuchlerische, völlig weltfremde Tweets auffiel. Dieses Kunstwerk hier ist schon eher ein Kunstwurf:

Und dann wär da noch der “Schaut mal, ich treffe den Korb auch ohne hinzusehen”-Bagger, der in der High-School-Szene offenbar als “Bouquet Pass” bekannt ist, weil der Ball wie ein Brautstrauß geworfen wird. Die Fang-Rate liegt gefühlt bei 100 Prozent. Mindestens. Die Scheidungsrate vermutlich bei 0 Prozent. Stichprobe: diese drei Sequenzen:

Abschließend, ganz wichtig: den Unterarmwurf bitte nicht mit dem Seitarmwurf verwechseln. Ein Musterbeispiel hiervon hat Twitter-Trottel (und Cowboys-Quarterback) Ben DiNucci für uns parat:

#3: Zeitspiel von Pete Carroll

Der Head Coach der Seahawks ist nicht der erste Trainer, der für schlechtes Zeitmanagement kritisiert wird und gewiss auch nicht der letzte. Am Sonntag kurz vor Ende der ersten Halbzeit wartete Carroll – sein Team hatte die Niners gerade mit etwa 1:40 auf der Uhr bei 2nd & 7 an deren 33 sechs Yards zurückgedrängt – geschlagene 24 Sekunden, ehe er sich fürs Timeout entschied.

Dass er eine Auszeit nahm, war in diesem Augenblick nicht einmal der Streitpunkt. Der Zeitpunkt hingegen schon. Carroll hatte mehrere klare Optionen: 1) Die Uhr laufen lassen und hoffen, dass seine Defense hält. Dann bleiben immer noch rund eine Minute und drei Timeouts für die Offense. 2) Die Uhr direkt anhalten, um seinem Team bei einem Ballwechsel noch so viel Zeit wie möglich zu geben (plus zwei Timeouts). Der Cheftrainer entschied sich für ein Zwischending: 24 Sekunden grübeln verschwenden, dann doch das Timeout nehmen, um mickrige 16 Sekunden zu retten und dafür ein Timeout in den Wind zu blasen.

Für eine taktische Maßnahme jedenfalls (beim anschließenden Third Down sackte Linebacker Bobby Wagner 49ers-Quarteback Jimmy Garoppolo und forcierte den Punt) hätte es auch eine Auszeit direkt zu Beginn der Play-Uhr getan.

Hier ein paar Vorschläge, was in diesen 24 Sekunden bis zum Stopp der Uhr in Carrolls Kopf vorgegangen sein könnte:

  • Reicht es noch für einen frischen Kaugummi vor der Halbzeitpause?
  • Wo ist Geno Smith? Ich habe zwei vernünftige Optionen, kann mich nicht entscheiden und brauche jemanden, der mir beim Münzwurf hilft.
  • Die Erfolgsformel für einen No-Huddle-Drive Russell Wilsons basiert auf exakt 21 Sekunden Restzeit. Wenn die 49ers jetzt mit X Plays noch Y Zeit von der Uhr nehmen bevor sie punten, dann komme ich auf diese 21 Sekunden. Lasst mich kurz ein Timeout nehmen, um das genau zu berechnen.
  • Muss ich meine Maske auflassen, wenn ich das Timeout beim Schiedsrichter anzeige?
  • Wie mache ich der Öffentlichkeit kryptisch und nicht zu aufdringlich klar, dass ich Marshawn Lynch zurückholen will? 24 Sekunden von der Uhr nehmen.
  • Kann ich ein Spiel im ersten Quarter gewinnen? Oder kann ich ein Spiel im zweiten Quarter gewinnen? Kann ich ein Spiel im dritten Quarter gewinnen? Aber kann ich ein Spiel im viert… Timeout bitte, ich muss das kurz zu Ende denken!

Mein Carroll-Apologeten-Absatz: Wir sahen in dieser Szene das Spielfeld nicht. Die Seahawks könnten mit zu vielen Spielern auf dem Kunstrasen gestanden und deswegen eine Auszeit genommen haben. Das war so in der Übertragung nicht zu erkennen. Nur das wäre eine logische Erklärung für das, was sich da am Sonntag kurz vor der Halbzeitpause im CenturyLink Field abspielte.

Welche Momente haben euch staunend zurückgelassen? Diskutiert mit uns in den Kommentaren.

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