Three and Out: Week 10

Der etwas andere Rückblick auf den 10. Spieltag der NFL-Saison 2020.

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Die NFL ist eine Liga der schillernden Figuren, der starrköpfigen Funktionäre und des kunterbunten Spektakels. Zum Abschluss des Spieltags blicke ich Woche für Woche einordnend und nicht immer ganz ernst gemeint auf drei der Augenroll-Momente, Mundsperrangelweitoffen-Highlights und Kopfkratzer-Szenen. Three and Out, Week 10 – let it begin!

Halt, stopp – kurzer Einschub zum Start: Nach Week 8 habe ich die besten Schauspielleistungen der NFL-Geschichte gelistet. Seit Sonntag gibt’s einen neuen heißen Anwärter auf den Academy Award: Linebacker Myles Jack von den Jacksonville Jaguars.

#1: Hail Murray und andere Stoßgebete

Mein Kollege Thomas Psaier hat sich auf seinem Blog am Dienstagmorgen bereits ausführlich mit Kyler Murrays Hail Mary und dem ganzen Drumherum beschäftigt. Dem ist nichts hinzuzufügen. Es war nicht das (!; weil “das Ave Maria”) erste Hail Mary und es wird auch nicht das letzte gewesen sein. Aber man könnte sich ja trotzdem mal anschauen, welche spektakulären oder skandalösen Hail Marys es in der NFL-Geschichte schon so gab. Ihr ahnt es – eine Liste:

  • Dickes Brett gebohrt: Als die Wrangler-Jeans ihm noch nicht die Luftzufuhr zum Gehirn abschnürte, war Brett Favre sogar mal ein guter Quarterback, der ein Spiel per Wurf in den Schlusssekunden entscheiden konnte. Minnesota Vikings vs. San Francisco 49ers – zwölf Sekunden auf der Uhr, 3rd & 3 an der gegnerischen 32. Favre wirft flach und kräftig, am hinteren Ende der Endzone fliegt Greg Lewis in den Ball hinein, setzt erst den linken, äußeren Fuß mit einem Millimeter Abstand parallel zur Linie in die Endzone, zieht dann die Zehenspitzen des rechten Fußes hinterher. Touchdown.
  • Fail Mary: Golden Tate ist ein gemeinespfiffiges Kerlchen. Vielleicht hat er das sich irgendwann mal angeeignet, weil er nie der Größte war und nie der, der am höchsten springen kann. Beide Attribute sind recht gut geeignet, wenn man bei einem Hail Mary am Ende mit dem Ball in den Händen auf dem Boden landen will. Wenn man sie nicht hat, dann schubst man einmal hier, hakt sich dort beim Fangenden ein und kreiert so den perfekten Simultan-Catch, mit dem die damaligen Ersatz-Schiedsrichter (NFL-Refs waren im Gehaltsstreik) komplett überfordert sind.
  • Der doppelte Rodgers: Regular Season 2015, Uhr eigentlich abgelaufen (zusätzlicher Spielzug, weil Defensive End Devin Taylor Quarterback Aaron Rodgers ins Gesichtsgitter gegriffen hatte), Ball an der eigenen 39, die Detroit Lions führen mit 23:21. Aaron Rodgers wirft die Bogenlampe, Richard Rogers fängt sie in der Endzone. Miracle in Motown – oder eben doppelter Rodgers. Auch, weil der Spielmacher das Kunststück ein Jahr später gegen die Arizona Cardinals wiederholte. (Und in der gleichen Saison in den Playoffs zum Ende der ersten Halbzeit gegen die New York Giants erneut.)
  • Jacoby-Jones-Wochen: Den meisten Fans ist JJ wohl noch in Erinnerung für seinen Kickoff-Return und den verrückten Touchdown-Catch-and-Fall-and-Run in Super Bowl XLVII. Dabei wäre es beinahe gar nicht dazu gekommen. Nur Dank freundlicher Unterstützung der Broncos-Verteidiger Rahim Moore und Tony Carter – oder weil die zwei Herren bei -11 Grad Celsius in Denvers Höhen wohl eingefroren waren – fing Jones einen 70-Yard-Pass von Joe Flacco und trug ihn unberührt in die Endzone. Die Baltimore Ravens sollten das Duell in der Divisional Round später per Field Goal in der zweiten Overtime gewinnen.
  • “After further review”: 1983 gab es ganz offensichtlich noch keinen Videobeweis, denn sonst wäre dieser Touchdown wohl ziemlich schnell wieder von der Anzeigetafel verschwunden gewesen. Letzte Chance für die Atlanta Falcons im Spiel gegen die San Francisco 49ers (schon wieder die Niners): das Ave Maria von Steve Bartkowski auf Billy “White Shoes” Johnson – naja, irgendwie, über Umwege. Bartkowskis Pass kam schon einige Yards vor der Endzone runter, aber aus einem Kuddelmuddel von Händen ploppte er plötzlich Johnson in die Hände. Der Mann mit den weißen Schuhen war gefasst genug, um sich schnurstracks Richtung Endzone bewegen, in die er dann hineinfiel. Der Hauptschiedsrichter wusste nicht so recht, was er damit anfangen sollte. Der Side Judge dahinter, der eigentlich keinen guten Blick auf die Situation haben konnte, signalisierte den Touchdown. Übrigens: Die erste Form eines Videobeweises wurde in der NFL drei Jahre später eingeführt. Aber mit dieser Aufnahmequalität wäre der Touchdown selbst heute nicht zurückgenommen worden.

Amen.

#2: Wendung der Wendung der Wendung

Als Anhänger der Seattle Seahawks habe ich die Angelegenheit um die zwei Cornerbacks Quinton Dunbar und DeAndre Baker (New York Giants) in der abgelaufenen Offseason permanent verfolgt. Am Montag wurde nun die x-te Wendung in einem der kuriosesten und undurchsichtigsten Fälle der NFL-Geschichte öffentlich – und wieder hat sie niemand kommen sehen.

Die Geschehnisse im Schnelldurchlauf:

14. Mai 2020: Das Miramar Police Department in Florida spricht einen Haftbefehl gegen Baker und Dunbar aus. Den zwei Spielern wird mehrfacher bewaffneter Raubüberfall am Vortag vorgeworfen, Baker zusätzlich schwere Körperverletzung in vier Fällen. TMZ berichtet als erstes über die Sache. Angeblich hatten sie bei einer Party beim Glücksspiel viel Geld verloren und wollten es sich nun zurückholen. Das zumindest ist die erste Version mehrerer Zeugen. Rund 12.000 US-Dollar Bargeld und zudem 61.000 US-Dollar an Uhren und Schmuck sollen gestohlen worden sein.

15. Mai 2020: WENDUNG 1 – Einen Tag später behauptet der Anwalt Dunbars, Michael Grieco, vereidigte Zeugenaussagen vorliegen zu haben, die Dunbar entlasten. Eine ähnliche Aussage erhält die Staatsanwaltschaft auch von Bakers Anwalt. Tags darauf stellen sich Dunbar und Baker dennoch der Polizei und zeigen sich kooperativ. Einen weiteren Tag später kommen beide auf Kaution frei.

7. Juli 2020: Dunbar zieht in seinem Fall einen zweiten Anwalt, Michael D. Weinstein hinzu. Klärung ist bislang aber nicht in Sicht.

10. Juli 2020: Dem Gesuch Dunbars, zum Training Camp nach Seattle reisen zu dürfen, wird stattgegeben.

11. Juli 2020: WENDUNG 2 –Bei einer Durchsuchung tauchen Videos und Screenshots auf, die Dunbars Anwalt Grieco vermeintlich bei der Bezahlung von vier Zeugen zeigen. Sie sollen insgesamt rund 55.000 US-Dollar entgegengenommen haben, damit sie ihre Version der Geschichte ändern. Grieco zieht sich vom Fall zurück.

27. Juli 2020: Beide Spieler landen auf der Commissioner’s Exempt List von Roger Goodell.

7. August 2020: WENDUNG 3 –Der Staatsanwalt von Broward County lässt überraschend die Anklage gegen Dunbar fallen, obwohl es offenbar Beweise für eine Bestechung gibt und zitiert kurioserweise die nicht ausreichende Beweislage als Grund. Baker hingegen wird weiterhin vierfacher Raubüberfall mit einer Feuerwaffe vorgeworfen. Ihm drohen zehn Jahre Gefängnis.

8. August 2020: Die NFL nimmt Dunbar von der Ausnahmeliste. Er kann nach seinen Coronatests zum Team stoßen. Rund eine Woche später trainierte er erstmals mit den Seahawks.

8. September 2020: WENDUNG 4 – Neue Textnachrichten tauchen auf, die Dunbar vermeintlich nun doch auch wieder belasten sollen. Sie bleiben laut Dunbars neuem Anwalt Michael Grier jedoch ohne Konsequenzen, weil der Name des Beschuldigten im Beweismaterial nirgends direkt auftaucht. Am gleichen Tag trennen sich überdies die Giants von Baker.

14. November 2020: Offenbar ziehen mehrere Zeugen, die Baker zuerst belastet hatten, nun ihre Aussagen zurück. Bakers Anwalt Bradford Cohen hatte bereits vorher Zweifel an den Zeugenaussagen geäußert, da diese wohl nicht übereinstimmten. Baker hatte in diesem Zusammenhang auf Anraten seines Anwalts zuletzt den Lockvogel gespielt, um die Erpressungsversuche zu enttarnen.

16. November 2020: WENDUNG 5 – Nun lässt die Staatsanwaltschaft auch die Anklage gegen Baker fallen. Am Montag wird zudem ein Anwalt festgenommen, der im Namen von drei Zeugen des Falles offenbar versucht hatte, Baker zu erpressen. Der besagte Anwalt, William Dean, bot Baker demnach an, er könne jedem seiner Klienten 266.000 US-Dollar zu bezahlen, damit die ihn entlasten.

17. November 2020: Laut Paul Schwartz von der New York Post sind die Kansas City Chiefs, Cincinnati Bengals, San Francisco 49ers und Jacksonville Jaguars an einer Verpflichtung Bakers interessiert. Er ist Stand jetzt noch auf der Ausnahmeliste des Commissioners.

Mehrfach hat sich über Monate hinweg die Lage für Dunbar und Baker geändert. Selbst nach fallengelassener Anklage hat man das Gefühl, noch nicht die ganze Wahrheit zu kennen und erwartet jederzeit eine weitere Wendung. Auch wenn die zwei Spieler Stand jetzt mit einem blauen Auge davongekommen sind, der Image-Schaden bleibt. Moral von der Geschichte: Die Unschuldsvermutung fährt unter Fans oft einen Schlingerkurs.

#3: Schwarz-weiß gestreifter Vorblocker

Wenn sonst kein Mitspieler als Blocking-Support in der Nähe ist, dann… bringst du halt den Schiri ins Spiel. So geschehen beim Heimspiel der Green Bay Packers gegen die Jacksonville Jaguars. Auf dem Weg in die Endzone muss Wide Receiver Marquez Valdes-Scantling einen Umweg nehmen, weil der Pass von Aaron Rodgers zu kurz ist. Dabei stellt er sich den Referee durch seinen Laufweg so, dass der gleich zwei Verteidiger ausschaltet.

Im Fußball ist der Schiedsrichter seit 2019 nicht mehr “Luft”, wenn er den Ball berührt. Im American Football scheint diese Regelung indes noch nicht angekommen zu sein. Zebras auf Kollisionskurs – ein Drama in mehreren Akten:

  • Shonn Green rennt durch den Ref hindurch. Immerhin schafft hier der Schiedsrichter das, was vor ihm keinem Spieler der Miami Dolphins gelang: Green zu berühren. Wenn auch unfreiwillig. P.S.: Ja, das scheint tatsächlich das beste Video der Szene aus dem Jahr 2011 zu sein. Da war das Internet wirklich noch nicht so fortgeschritten.
  • Big Ben verwechselt die Streifen. Ja, die Outfits der Pittsburgh Steelers und das der Schiedsrichter sehen sich ähnlich. Aber so ähnlich dann auch wieder nicht.
  • Mittendrin statt nur dabei. Dieser Unparteiische dachte sich in weiser Voraussicht wohl, dass er von ganz unten im Haufen am besten bestimmen kann, wer den Fumble nun erobert hat.
  • Zu viel Mario Kart gespielt. Hier bekommt der Satz “Seinen Hut in den Ring werfen” eine neue Bedeutung. Der Ring ist in diesem Fall die Endzone und das Opfer heißt Kevin Ogletree. Der Täter: Replacement Ref in der Saison 2012. Irgendwo hatten wir das heute schon einmal.
  • ReferFlea Flicker. Joseph Horn tobte. Der Flea Flicker seines Quarterbacks Aaron Brooks hatte so gut funktioniert, bis plötzlich der Schiedsrichter wenige Meter vor der Endzone kurzum die Carolina Panthers rettete. Verständlicherweise gab’s dafür keine Flagge, denn es war ein Hit mit perfektem Timing.

Welche Momente haben euch staunend zurückgelassen, irritiert, zum Lachen gebracht? Diskutiert mit uns in den Kommentaren.

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