NFL Thesen-Rückblick Nummer 1

Vor der Saison haben einige von uns zu bestimmten Thesen Stellung bezogen. Nun wollen wir, nachdem etwas mehr als die halbe Saison gespielt ist, mal zurückblicken. Wo haben sich unsere Aussagen bestätigt? Wo haben wir komplett daneben gegriffen?

Im ersten Rückblick blicken wir auf 8 Thesen aus 4 Divisionen zurück. Wie waren die Einschätzung zu Joe Burrow? Was ist mit der stotternden Ravens-Offense? Wie sieht es mit der Seahawks-Defense aus und was macht die Saints Offense? Auf diese und andere Themen blicken wir im Folgenden zurück. Thesen der AFC North, NFC West, AFC West und NFC South stehen auf der Thementafel.

Wie stehen wir heute zu den Aussagen der Saisonvorschau?

AFC North: “Joe Burrow ist der zweitbeste Quarterback der AFC North.”

Thomas: Da haben sich die Kräfteverhältnisse noch nicht entscheidend verändert – außer, dass die vier QB-Starter knapper beisammen sind als vielleicht angenommen. Jackson hat seit Wochen Probleme, Roethlisberger ist ein schmuckloser Ballverteiler geworden, Baker hat seine Auf und Abs – und Burrow macht sich richtig gut, wenn wir auch seinen wahren Wert wohl erst abschätzen können, wenn die Offense-Line-Probleme nächstes Jahr behoben sein werden.

Jonas S.: Vor der Saison habe ich das Statement noch für ziemlich optimistisch gehalten. Mittlerweile kann man aber problemlos dafür argumentieren. Burrows Effizienz liegt im Moment auf einem ähnlichen Niveau wie Big Ben. Zudem hat Lamar Jackson als Passer stark abgebaut und ist auch als Rusher nicht mehr annähernd so spektakulär wie in der vergangenen Saison.

Florian: Vor der Saison habe ich bei dieser These zu Papier gegeben, dass Burrow wohlmöglich der schlechteste Quarterback der AFC North sein könnte – in erster Linie weil ich viel von seiner Konkurrenz hielt. Müsste ich jetzt ranken, stünde er an 1. PFF sieht ihn ebenfalls knapp vor Ben und Lamar und ein gutes Stück vor Baker.

Martin: Ich habe das Gefühl, in einem Jahr könnte diese Aussage schon als Ketzerei deklariert werden. Er ist auf jeden Fall auf dem Weg, der beste Quarterback der AFC North zu werden. Oder ist er es schon?

AFC North: “Um die drohende Regression abzufangen, hätten die Ravens mehr in ihren Receiving Corps investieren müssen.

Thomas: Habe ich immer gesagt und bestätigt sich in diesen ersten Wochen fast aufs Haar. Die Ravens hatten zwei Optionen: In Receiver investieren und mit mehr 11-Personnel zu spielen. Oder in Tight End zu investieren und weiter mit viel Heavy-Personnel zu spielen. Sie scheinen sich für einen Mittelweg entschieden zu haben – und das Zwischenresultat ist mäßig, to say the least.

Jonas S.: Dieses Problem zeigt sich noch stärker als vermutet. Vor der Saison wurden besonders die Packers für dieses Versäumnis kritisiert. Die Ravens hätten es aber wohl noch nötiger gehabt.

Florian: Hier habe ich zugestimmt und es scheint gut gealtert zu sein. Regression hit (teilweise) hard. Nicht umsonst ist Dez jetzt ein Raven!

Martin: Lamar Jackson lässt als Passer alles vermissen, was er letztes Jahr noch auf das Feld gebracht hat. Marquise Brown verdient unser Mitleid, so offen wie er doch immer ist. Trotzdem kommen die Bälle nicht bei ihm an. Aber die Ravens gewinnen weiter.

NFC West: “Die Seahawks haben sich klammheimlich eine Top-5 Secondary zusammengekauft.”

Thomas: Sieht bisher nicht danach aus, aber da spielen mehr Faktoren mit rein als nur die Secondary: Jamal Adams war lange verletzt und muss nun notgedrungen als Blitzer abgestellt werden um den horrenden Pass-Rush zu kaschieren. Das geht auf Kosten seines „wahren Werts“. Unter diesen Umständen muss man momentan konstatieren: Ja, hat im Sommer gut geklungen – aber auf dem Platz bislang definitiv keine Top-5 Unit.

Maximilian: Sie könnten kaum weiter weg sein – Platz 26 nach Pass-EPA/Play. Da hilft auch nicht, dass die Laufverteidigung hält, denn kaum ein Team (außer wohl die Seahawks von 2019 selbst) würde diese Stärke attackieren, während die Schwachstelle woanders sperrangelweit offen steht.

Zur Erinnerung: Ich hatte drei Bedingungen gestellt für eine Top-5-Nominierung: 1) Nickel klickt, 2) Dunbar integriert sich, 3) Pass Rush steigert sich. Erfreulich ist, dass die Seahawks ihren Nickel-Cornerback gefunden haben – oder hatten. Marquise Blair machte in eineinhalb Spielen bis zur Knieverletzung einen guten ersten Eindruck. Und selbst danach ging Seattle nicht weg von der Nickel-Formation. Ugo Amadi und später D.J. Reed waren zwei der wenigen Lichtblicke in einer Secondary mit viel Schatten. Das Problem ist nur, dass die Defensive der Seahawks nicht an Base oder Nickel scheitert, sondern am Gesamtkonzept, an Blitz oder kein Blitz und an Man oder Zone.

Zu Beginn der Saison schien der Blitz die einzige Möglichkeit zu sein, den Pass Rush überhaupt in Gang zu bekommen. Auf Kosten der Passverteidigung, die schwer unter der Druck-Flaute an der Line of Scrimmage litt und mit ihrer weichen Coverage-Einstellung vor sich Räume offen ließ, um Big Plays zu verhindern.

Inzwischen hat sich der Pass Rush – auch Dank Trade-Neuzugang Carlos Dunlap – stabilisiert. Weil die Seahawks ohne Blitz mehr Druck ausüben als mit, sollte Seattle sich von seiner riskant-aggressiven Strategie (mit über 50 Prozent Blitz) verabschieden und die Secondary stabilisieren. Auch wenn das bedeutet, Jamal Adams langweiliger einzusetzen und seltener den Quarterback jagen zu lassen (CC: Gregg Williams). Apropos Secondary stabilisieren. Das hat durch die Verpflichtung von Cornerback Quinton Dunbar nicht funktioniert. Dunbar spielt einen extrem passiven Stil (primär bedingt durch eine Knieverletzung), der ihm und seinen Kollegen den Spitznamen “Region of Room” in Anlehnung an die legendäre Seahawks-Secondary eingebracht hat.

Zwei kleine Hoffnungsschimmer gibt’s neben dem verbesserten Pass Rush (sofern die Seahawks in der NFC West nicht durchgereicht werden): Eagles, Giants, Jets, WFT – der Spielplan meint es von Week 12 bis Week 15 gut mit Seattle. Und irgendwann muss das mit dem Verletzungspech auch vorbei sein, oder? (Looking at you, 49ers.) Griffin, Dunbar, Diggs und Adams standen zwei Spiele miteinander auf dem Feld. Man wünscht ihnen die Chance, sich als gesunde, eingespielte Einheit zu präsentieren. 

Martin: Sollte das stimmen, verstecken sie diese aber ganz schön.

AFC West: “Jon Gruden baut seine Offense nicht für Derek Carr, sondern dessen Nachfolger.”

Maximilian: Carr steuert die Raiders bislang von Kritikern relativ unangetastet durch die NFL-Saison. Konkreter heißt das: Er spielt seine beste Saison überhaupt in der NFL, besser als 2016. Ich ging davon aus, dass John Gruden seinen Quarterback mit Hilfe von Rookie Henry Ruggs zu mehr Tiefpassmut animieren wollte. Bislang spielt sich aber eher Nelson Agholor als bester Neuzugang für Las Vegas in den Vordergrund. Klar, Carr kocht lange nicht auf Russell Wilsons Level, doch die Raiders tasten sich trotz Receiver-Ausfällen und angeknockter O-Line an einen passlastigeren Ansatz heran. Derek Carr steht in dessen Mittelpunkt.

Florian: Derek Carr ist… gut? Vor der Saison schrieb ich zur These “go big or go home”. Scheinbar hat Derek die Sieben-Meilen-Stiefel geschnürt und marschiert in Richtung Playoffs – auch weil er den Deep Ball vermehrt für sich entdeckt hat. Stand jetzt heißt der 2021-QB in Vegas ziemlich sicher Derek Carr.

NFC South: “Teddy Bridgewater ist der fünftbeste Quarterback der NFC South.”

Thomas: Da würde ich weiterhin mitgehen. Teddy war ganz okay, aber Matt Ryan ist noch immer Matt Ryan, Drew Brees hat sich schnell gefangen, Tom Brady ist auch mit 43 noch eine Wucht – und Jameis Winston hat kaum gespielt.

Jonas S.: Dieser These habe ich schon vor der Saison widersprochen und Teddy hat mich in der ersten Saisonhälfte bestätigt. Er spielt nicht spektakulärer aber effizient. Bridgewater liegt mit 0.213 EPA/Play im oberen Ligamittelfeld.

Jessica: Winston lässt sich nicht bewerten, aber Bridgewater hat sich als Starter etabliert und kann ganz sicher an Nummer 4 geranked werden. Für mehr reicht es in dieser Division leider nicht, in anderen wäre er sicher höher platziert.

Martin: Meine Aussage in der Preview war, dass Bridgewater klar die Nummer 4 in der Division ist. Dies hat er auch bewiesen. Brady, Brees und Ryan sind von der Klasse her einfach besser, auch wenn gerade Brees und Ryan zwischendurch Spiele geliefert haben, wo Bridgewater weitaus besser aussah. Dennoch: Lasst uns nicht verrückt werden. Er steht über Winston und schaffte es, der Passing Offense der Panthers ohne McCaffrey Leben einzuhauchen und seinen Stempel aufzudrücken. Selbst sein Deep Passing war auf einmal vorhanden, die Connection zu Robby Anderson scheint extrem zu stimmen und auch mit DJ Moore klappt es immer besser.

NFC South: “Wenn jemand trotz einer Corona-Offseason eine funktionierende Offense auf die Beine stellen kann, dann ist es Sean Payton.

Thomas: Bestätigt. Wie die Saints um zahlreiche Verletzungsprobleme und einen Noodle-Arm von Brees herum so schnell eine effiziente Offense gebaut haben, wird nicht genug gewürdigt.

Jonas S.: Diese These hat sich zu 100% bestätigt. Brees hat offensichtliche Limitierungen bei seiner Armstärke, doch Payton steuert mit der Offense zielsicher um die Probleme herum.

Jessica: Gerade die langwierige Thomas-Verletzung beweist es eigentlich. Die Saints funktionieren dennoch, gerade wenn man auch den immer stärker sichtbaren Decline von Brees dazurechnet. Zwei große Einschränkungen und dennoch läuft es.

Martin: Wie soll man das eigentlich jetzt noch beurteilen. Michael Thomas war ein absoluter Magnet im Pass-Spiel der Saints und brach direkt zu Beginn der Saison weg. Danach ging das Spiel eigentlich nur über Kamara, der aus irgendeinem Grund immer noch von Linebackern gecovered wird. Kamara hat die Offense am Leben gehalten.

NFC South: “2020 ist die vorerst letzte Titel-Chance der Saints.

Jonas S.: Die Saints haben ohne Frage eine große Titelchance. In der NFC sind echte Contender bis jetzt nicht wirklich in Erscheinung getreten. Nach der Saison wird der Kader jedoch stark umgebaut werden müssen. An Titel ist dann vorerst nicht mehr zu denken.

Jessica: Jetzt könnte man mit Blick auf die vorherige These sagen, Payton wird auch ein umgekrempeltes Team wieder funktionieren lassen – aber das ist dann doch weit in den Sternen. Aktuell sind die Saints aber ein Contender, solange das herumdoktorn dauerhaft funktioniert. Für eine eindeutige Favoritenrolle in der NFC ist mir das zu schwammig, aber die Chance ist da.

Martin: Es sieht gerade nicht danach aus. Aus zwei Gründen: Die Saints wirken nicht so konstant gut, wie letztes Jahr & die Saints zeigen junge Spieler, die auch nächstes Jahr viel Impact haben werden. Die Defense sieht auch für das kommende Jahr auf dem Papier sehr gut aus. Einzige Frage ist eigentlich Drew Brees. Doch scheinen die Saints selbst Schwächephasen von Brees auffangen zu können.

NFC South: “Bruce Arians und Byron Leftwich sind größere Risikofaktoren für den Erfolg der Bucs als ein möglicher Decline von Brady.

Thomas: Ich schrieb im Sommer „Nein“ und bin jetzt eher beim „Ja“. Die Bucs spielen die Arians-Offense, nicht die Brady-Offense. Aber die Offense scheint eher wegen Brady zu funktionieren als wegen Arians und Leftwich: Zu viel Early-Down-Running, zu wenig Play-Action, zu wenig Bewegung, zu viel Verlass auf gelungene 3rd Downs. Es ist eine statische Offense, die zwar nicht „schlecht“ ist – aber bei dem Personal durchaus noch effizienter spielen könnte!

Jonas S.: Auch diese These hat sich bis jetzt bestätigt. Arians und Leftwich haben ihre Offense noch nicht ausreichend auf Brady angepasst. Das führt immer wieder auch zu ungewohnten Fehlern des Quarterbacks. Besonders das Rückspiel gegen New Orleans hat das schonungslos offengelegt.

Jessica: Meine Aussage zu dieser These war, dass es eine gemeinsame Basis benötigt…die fehlt hier. Die Bucs sind zwar im Playoff-Rennen, aber irgendwie denke ich mir, dass da mehr möglich wäre. Der Brady-Decline ist jedenfalls nicht zu erkennen, an ihm liegt es nicht.

Martin: Passend zum vergangenen Spieltag kommt die Review nun. Bislang sah Brady sehr stark aus. Und mit ihm Tampa Bay auch. Das Konstrukt scheint zu funktionieren und etwaige Risiken scheinen gut verwaltet worden zu sein. Jetzt ist der größte Risikofaktor wohl Antonio Brown.

Schreibe eine Antwort

Scheibe deinen Kommentar
Sag uns deinen Namen