Das Quarterback Memo – Taysom Hill für Dummies

Was wir aus Taysom Hills Debüt lernen können und wie Brain Flores seine Quarterback-Situation gehandelt hat.

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Die letzte Woche war eine der kurioseren in NFL-Land. Nachdem wir alle uns schon gespannt auf die Jameis-Winston-Experience vorbereitet hatten und philosphiert wurde, inwiefern Sean Payton sein System verändern würde, kam alles anders. Allzweckwaffe Taysom Hill sollte seinen ersten Start als NFL-Quarterback bekommen. Den bekam er und die Ergebnisse… nun ja, die Ergebnisse hängen ganz davon ab, welche Erwartungen man vorher hatte. Lasst uns die Sache doch angehen, wie in diesen lustigen Entscheidungsbüchern in der Grundschule.

  • Hättet ihr lieber Jameis Winston gesehen, weil dieser 30-jährige Quarterback mit mehr Tackles als Completions eh nichts weiteres als ein glorifizierter Gadget Guy ist, lest bitte Part A.
  • Wenn ihr Taysom Hill für den nächsten Steve Young hieltet, lest bitte Part B.
  • Wenn ihr keine wirklichen Erwartungen hattet und nur von dem gut ausschauenden Box Score überrascht seid, lest bitte Part C.

a) Taysom Hell?

Wer dachte, die erste Performance von Hill würde in einer totalen Katastrophe enden, bei der Winston spätestens im vierten Quarter übernimmt, lag falsch. Er sah gerade zu Beginn nicht immer sicher aus, hatte aber das absolute Vertrauen seines Coaches. Denn anstatt übermäßig lauflastig zu agieren oder Hills Athletik als Mittelpunkt der Offensive zu nutzen (man blicke nur zurück auf meine Erwartungen letzte Woche), sah der Gameplan recht konventionell aus. Beim ersten offensiven Play ein Rollout Pass, dann ein Lauf von Latavius Murray und bei 3rd&short ein Play-Action Fake. Kein großer Unterschied zu den Plays, die normalerweise für Drew Brees gecallt werden.

Zu gut Deutsch: Taysom Hill ist mehr als nur ein Spielzeug Paytons, ein Trollversuch, um die Divisionsrivalen zu blamieren. Taysom Hill ist ein Quarterback. Und auch wenn viele seiner Aktionen Abzüge in der B-Note bekamen, hielt er die Offensive auf Kurs. Die meisten seiner Completions waren kurze Pässe zu offenen Receivern, die vermutlich die meisten Passer auf einem NFL Roster machen können, doch einige Spielzüge zeigten mehr. Das eingebundene Video von Seth Galina zeigt, wie Hill Informationen verarbeitet und unter Druck und spät im Down einen anspruchsvollen Ball zu Michael Thomas anbringt. Das ist bei weitem nicht selbstverständlich und deutlich mehr, als ich persönlich erwartet hatte. Lest weiter im Fazit.

b) Reinkarnation von Steve Young?

Wer schon vorher vom mobilen Ex-BYU-Passer begeistert und ein Fan von dessen üppiger Vertragsverlängerung war, den möchte ich etwas bremsen. Hill brachte grundsätzlich viele Pässe an den Mann, doch der Weg dahin war öfters mal ein holpriger. Viel zu oft zögerte er bei offenen Receiver zu lange und machte deren Job deutlich härter als nötig – Antizipation war ein Problem. Dazu kommen eine Anzahl an absolut wilden Plays, die gut und gerne mal nach hinten losgehen könnten.

Angefangen bei dieser Post-Route zum offenen Emmanuel Sanders… der milde ausgedrückt als Arm Punt endet. Ein Fair Catch wäre hier angebracht gewesen. Dazu kommt eine gedroppte Interception im zweiten Drive des Spiels, wo er in der Redzone LB Michael Walker komplett übersieht und nur von Glück reden kann, dass der Pass nicht in die andere Richtung gegangen ist.

Und ohne die ganzen positiven Aspekte von Hills Auftritt schlechtzureden: die Situation für ihn hätte idealer kaum sein können. Die Falcons haben eine der schlechtesten Pass Defenses der Liga, die Saints konnten ein Großteil des Spiels mit einer Führung im Rücken spielen und Atlanta hatte null Möglichkeiten, sich auf Hill einzustellen. Quarterback in der NFL zu spielen ist hart, aber ohne großen Druck Kurzpässe mit Play-Action zu werfen… weniger hart. Es wird zumindest deutlich mehr solcher Auftritte gegen bessere Gegner brauchen, um ihn eine legitime Option für die Post-Brees-Saints zu machen. Lest weiter im Fazit.

c) Boxscore sah okay aus, oder?

18/23 für 233 Yards, dazu 10 Carries für 51 Yards und zwei Touchdowns – das sieht tatsächlich okay aus. Wenn wir uns aber den Box Score mit den etwas aussagekräftigeren Statistiken auf rbsdm.com anschaut, relativiert sich das etwas. Seine Leistung am Boden war mit 0,48 EPA/Play höchst effektiv und das trotz seines Fumbles. Gerade in der Redzone gibt er den Saints eine völlig andere Dynamik als Drew Brees, nicht umsonst fanden seine Kurzausflüge aufs Feld gerne in dem Bereich des Felds statt. Als Passer jedoch sehen 0,04 EPA/Play mau aus. Die drei genommenen Sacks warfen die Saints weit zurück.

Insgesamt werfen Advanced Metrics aber ein positives Licht auf Hills Performance. PFF-Passing-Grade von 81,1 – das kann sich sehen lassen. Die geringe Stichprobengröße ist hier natürlich ein Faktor. Lest weiter im Fazit.

Fazit

Je nachdem wie man vor dem Spiel zu Taysom Hill stand, wird man vermutlich auch zu den zukünftigen Auftritten stehen. Worauf können wir uns denn nun einigen?

Zuallererst verdient Sean Payton ein weiteres mal höchste Anerkennung. Dieses Hill-Ding ist auf seinem Mist gewachsen und die Leistung gegen Atlanta wird eine absolute Genugtuung sein. In Zukunft werden schwierigere Aufgaben kommen, bei denen Hill auch mal Rückstände aufholen muss. Für’s Erste hat er meine Erwartungen übertroffen.

Tua im vierten Start gebencht

Und das ist völlig okay so. Nachdem der Rookie Quarterback in seinen ersten drei Career Starts stets kräftige Unterstützung von Defensive und Special Teams bekam, lief’s gegen die Denver Broncos schlechter. Nachdem er die Dolphins früh im Spiel durch einen guten Pass zu Davante Parker in Führung brachte, ging nichts mehr. Tagovailoa konnte die Offensive nicht bewegen, wurde sechs mal gesackt und noch öfter gehittet. Gegen Anfang des letzten Quarters stand dann irgendwann Ryan Fitzpatrick auf dem Feld und die Verwirrung war groß. Tua hatte einen Hit in die Beinpartie bekommen, stand aber recht entspannt an der Seitenlinie. Eine offizielle Mitteilung des PR-Teams der Dolphins zu einer möglichen Verletzung gab es auch nicht.

Jedenfalls, Fitzpatrick kam rein, stand sogar kurz vor einem möglichen Ausgleich in letzter Sekunde, nur um doch akrobatisch von S Justin Simmons gepickt zu werden. Nach dem Spiel stellte Head Coach Brian Flores klar: Tagovailoa war nicht verletzt, er war nur nicht gut. Fitzpatrick gab seinem Team die bessere Chance auf einen Sieg, deshalb durfte er ran. Starter fürs nächste Spiel bleibt jedoch der Rookie.

Diese Entscheidung kann man auf zwei verschiedene Arten auslegen. Zum einen der rein sportliche Aspekt, der offensichtlich ist. Miami ist im Playoff-Rennen und wenn der Rookie Quarterback es nicht bringt und man einen der besten Backups der Liga hat, wieso nicht diesen Strohhalm ergreifen?
Das hat jedoch den lästigen Nebeneffekt, ungeliebte Türen zu öffnen. Welches Signal sendest du damit an deinen jungen Passer? Was, wenn Fitzpatrick dir dieses Spiel auf einmal gewonnen hätte? Was, wenn Tua nächste Woche wieder Probleme hat, das Spiel aber noch in Reichweite ist? Bringst du dann Fitzmagic?

Beides valide Punkte, ich halte die Entscheidung von Flores für vertretbar. Bei den Dolphins und Eagles sieht man derzeit zwei drastisch unterschiedliche Ansätze, wie man ein Schwächeln seines Starters angehen kann. Philadelphia hält an Carson Wentz fest, komme was wolle. Egal wie hilflos er auf dem Platz wirkt, egal wie viele Interceptions er wirft – Doug Pederson setzt ihn nicht auf die Bank. Der sagte neulich in einer Pressekonferenz, ein Benching würde ein falsches Signal an die Mannschaft senden. Dazu wird er im Hinterkopf haben, wie sich QB-Wechsel auf die Zukunft der Franchise und besonders Wentz’ Selbstvertrauen auswirken könnte.

Doch wenn du deinen Passer als mental so fragil ansiehst, dass ihn ein Benching langfristig aus der Bahn werfen könnte, sollte er dann wirklich dein Franchise Player sein? Quarterbacks müssen auf dem Platz ein schlechtes Gedächtnis zeigen, die schlechten Aktionen vergessen und sich aufs nächste Play fokussieren. Brain Flores traut Tagovailoa zu, dasselbe mit dem Broncos-Spiel zu tun. Mund abputzen, nach vorne schauen. So arbeitet man mit einem Erwachsenen, Doug Pederson behandelt Wentz wie einen Teenager.

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