Das Quarterback Memo – Eigendiagnose

Von umstrittenen 2nd-Year QBs, zu weniger umstrittenen Quarterbacks, zu geforderten Backups.

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Das Quarterback Memo musste aus privaten Gründen ein paar Wochen pausieren, jetzt sind wir stärker zurück als jemals zuvor (auch wenn ich Regelmäßigkeit nicht garantieren kann). Wir schauen uns zwei Spielmacher aus einem der unscheinbareren der Abendspiele an, Broncos @ Raiders.

Locked out of Heaven

Starten wir mit leichter Kost, einer Low-Hanging-Fruit, die wir nur abpflücken müssen. Drew Lock ist nicht der Franchise-Quarterback, den sich Broncos Fans vor der Saison erhofft hatten. Als der 2019er Zweitrundenpick vergangenes Jahr in fünf Spielen zum Zuge kam, sah er… talentiert aus. Das physische Talent unbestreitbar vorhanden, doch in einem höchst geschemten System waren die mentalen Anforderungen auch nicht sonderlich hoch. Viel Quick Game, viel Play Action, insgesamt viele Konzepte, bei denen Lock entweder einen klar definierten Read hatte, oder nur eine Hälfte des Felds bearbeiten musste.

Und selbst da waren die Resultate eher gemischter Natur. Aus einer sauberen Pocket sah er solide bis gut aus, unter Druck katastrophal. Dieses Jahr sieht’s ähnlich aus, nur dass seine Leistungen sogar nachgelassen haben, wenn er genug Zeit bekommt. Ergebnis: Bottom-3 in allen relevanten Statistiken. Schauen wir konkret auf seine Vier-INT-Performance gegen Las Vegas am Sonntag. Es war exakt so schlecht, wie es sich anhört. Nicht eine seiner vier Interceptions ging nicht auf seine Kappe oder könnte mit dem Versagen eines Mitspielers schöngeredet werden. Im Gegenteil, seine Tendenz an Reads festzuhalten, die ganz offensichtlich nicht offen sind, hätte seinem Team noch durchaus mehr wehtun können. Das meine ich im übertragenen Sinne – durch noch mehr Turnover – aber auch wortwörtlich. Solche Hospital Passes in Double Coverage sind ein Patentrezept für ein verletztes Receiving Corps.

Und nicht nur die Entscheidungsfindung ist ein Problem. Accuracy ist wacklig, Lock bewegt sich nicht sicher in der Pocket. Er ist legitim einer der schlechtesten NFL Quarterbacks dieses Jahr. Ihn zu benchen wäre natürlich unsinnig, doch wenn die Broncos am Ende der Saison mit einem Top-5 Pick dastehen, sollten die Überlegungen nicht lange dauern. John Elway zog ihn nicht in den Top-10, nicht mal in der ersten Runde – sein Coach war von Beginn an nicht der größte Fan. So beginnt die Suche nach dem nächsten weißen big-armed 6’6 Quarterback ohne Mobilität, der Denver gen Football-Himmel führen soll (ich hoffe jemand versteht die Bruno Mars Referenz). Names to remember: Mac Jones, Alabama. Kyle Trask, Florida.

Wieso bin ich Derek Carr Zweifler?

Während angesprochener Partie überkam mich ein weiterer Gedanke, ein Thema das mich bereits die gesamte Saison begleitet. Wieso halte ich noch immer so wenig von Derek Carr? Er ist seit einigen Jahren in der Liga, war bis auf seine Rookie Saison nie wirklich schwach und bringt alles mit, was man sich von einem Quarterback wünscht. Guter Athlet, einer der akkuratesten Passer der Liga, vermeidet Turnover… Weshalb also sträubt sich alles in mir, wenn Leute Carr als Franchise QB bezeichnen? Lasst uns Ursachenforschung betreiben.

Es ist nicht die Sache mit seinem Bruder, um es vorwegzunehmen. Ich kenne David Carr nur als semi-unterhaltsamen TV-Experten, nicht aber als First Overall Bust bei den Houston Texans. Insofern fahre ich kein Risiko in der Hinsicht vorbelastet zu sein. Nein, vermutlich ist mein Misstrauen teilweise auf Carrs beinahe-MVP-Saison zurückzuführen, die 2016 nur durch eine Verletzung verhindert wurde. Keine Frage, er spielte eine gute Saison, aber MVP-würdig war sie bei weitem nicht. Um seine Probleme unter Druck zu maskieren, bauten die Raiders eine massive Offensive Line um auf. Resultat: Die mit Abstand geringste Pressure Rate aller Quarterbacks und eher Checkdown Charlie als Deep Ball Jameis.

In den kommenden Jahren ließ die Line nach, seine Probleme nahmen aber zu. Obwohl er einer der besten Deep Thrower der Liga war, frustrierte Carr Fans und Coaches mit seiner ständigen Tendenz den Ball bei 3rd Down eher mal zum Running Back zu werfen, als in Richtung Sticks. Risiko zu vermeiden ist grundsätzlich nichts schlechtes, aber es kann der eigenen Offensive auch schaden, wenn man Big Play Potential verschenkt. Gerade dieses Manko schleppt er nun schon seit einigen Jahren mit sich herum. Dieses Jahr scheint endlich alles anders.

Gecoacht von Jon Gruden gehört der 29-Jährige zu den effizientesten Quarterbacks der Liga, aus mehreren Gründen. Er ist noch immer kein sonderlich aggressiver Downfield Passer, aber ein Sprung von #30 auf #21 in Air Yards per Attempt macht schon einen Unterschied. Auch sonst wirkt Carr weniger überbesorgt auf dem Feld und reizt auch mal Plays aus, bei denen er zuvor den Throwaway gewählt hätte. Addiert das zu seinen anderen unbestrittenen Qualitäten und du bekommst einen Top-10 Quarterback.

Aber, natürlich muss ein aber kommen. Die Sample Size für seine Performance auf so einem Level ist nicht groß und es ist fraglich, ob er das diese Saison durchhält. Dazu kommt, dass das Coaching von Jon Gruden Carrs Job unbestreitbar einfacher macht, als den anderer Quarterbacks. Sollte ich meine Bedenken fallen lassen, oder bleiben wir im wait-and-see Modus? Eure Entscheidung.

Das Backup Karussell

Wir bekommen es, wir bekommen unsere verdiente Portion Jameis für dieses Jahr! Drew Brees wird mit multiplen Rippenbrüchen ein paar Wochen fehlen und so darf ein Backup ans Werk, dessen Spielstil unterschiedlicher nicht sein könnte. Brees im hohen Alter eher der präzise überlegte Game Manager, der mit gutem Ball Placement seinen Receivern Yards nach dem Catch ermöglich. Winston der wilde Gunslinger, der nach nichts anderem als der Downfield Completion sucht. Ob zu Mit- oder Gegenspieler ist da zweitrangig. Kann er sich unter dem Quarterback Whisperer Sean Payton weiterentwickeln und wie wird die Saints Offense überhaupt aussehen? Weiter Ball Control oder doch einen Tacken aggressiver?

Ein weitaus weniger bekannter Backup muss in Carolina einspringen. Teddy Bridgewater wird wegen einer Verletzung die Partie am Sonntag verpassen, ran darf XFL-Legende P.J. Walker. Die XFL hielt sich wegen der Pandemie nicht lange, aber Walker war unbestritten der beste Spielmacher der Liga. Akkurater, ziemlich mobiler Spieler. Erwartungen hab ich realistischerweise keine, Hoffnungen aber schon. Gerade nach dem, was uns AAF-Star Garrett Gilbert neulich aufs Gridiron gezaubert hat.

Update: Sean Payton lässt entgegen weitläufiger Erwartungen nicht Winston starten, sondern Taysom Hill. Wie weit der mit seinen 18 Regular Season Passversuchen die Saints bringen wird, ungewiss. Meine Hoffnung: irgendeine fancy Triple-Option-ähnliche Offense, die wie die Wildcard damals bei den Dolphins die Liga für drei Wochen revolutioniert.

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James Wiebe
Podcaster. Fan von NFL, CFB und jeder zukünftigen Spring-Football-Liga. Ewiger Dante-Pettis-Believer.

4 KOMMENTARE

  1. Bei Carr bin ich ganz bei dir. Man traut dem Braten nicht so ganz. Würde Goff und Jackson (mit Abstrichen wegen der Athletik) in demie gleiche Schublade packen. Ist das Scheme erstmal entschlüsselt, kommt nicht mehr so viel. Sah man ja beim SB-Run der Rams schon zum Saisonende und bei den Ravens dieses Jahr. Ich würde tippen, dass die Raiders spätestens nächstes Jahr auch große Probleme bekommen werden, wenn man sich in der Offseason erstmal wieder drauf vorbereiten kann. Und welcome back. 😉

    • Ich würde Goff vermutlich auch etwas über Carr sehen, aber sie sind beide Kategorie Quarterback. Exzellent, wenn sie in einem funktionierenden System spielen und das Game Script in ihre Richtung läuft.

      Lamar sehe ich tatsächlich doch ein gutes Stück über beiden sehen. Ich bin mir sicher, dass er auch seinen Anteil an der momentanen Ravens-Flaute hat, aber grundsätzlich habe ich viel Vertrauen in sein Skill-Set – auch als Passer. Aber sicher ein gutes Thema für zukünftige Artikel.

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