Psaier & Sommer: Sunday Watch NFL Week 9

Eine Vorschau auf den neunten NFL-Spieltag 2020 mit den Takes von Fabian Sommer und Thomas Psaier zu ausgewählten Spielen.

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Lesezeit: 7 Minuten

Thomas und Fabian kommen beide jeweils mit 2-1 im Gepäck aus NFL-Woche 8. Aus Thomas’ Sicht ist der Upset der Dolphins gegen die Rams gelungen, auch die Saints haben sich letztendlich in Chicago durchgesetzt. Einzig die Browns waren dann doch das “schlechtere Mittelmaß”. Für Fabian waren die Steelers auswärts bei den Ravens erfolgreich und auch Russell Wilson durfte gegen die 49ers cooken. Der Loser waren die Titans, denn die hatten alles andere als ein Feel-Good-Game.

Russell-Wilson-Express: Kein Halt in Buffalo

Sommer: Seattle Seahawks @ Buffalo Bills (Sonntag, 19 Uhr)

Die Seahawks müssen 3.400 Kilometer durch das Land fliegen, um in Buffalo an der Ostküste ein frühes NFL Road Game zu Spielen – die Körperuhr der Hawks wird beim Kickoff auf 10 Uhr morgens stehen. Das ist aber auch der einzige Vorteil für die Bills. Ansonsten schauen wir hier eigentlich auf ein Matchup, das die Seahawks über 60 Minuten dominieren sollten.

Nach einem hervorragenden Saisonstart fällt das Zwischenfazit zu den Bills sehr nüchtern aus. Trotz 6-2-Record steht ein negatives Point Differential von -1 zu Buche. Josh Allen wurde in den vergangenen Wochen auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.

Die Passing Offense der Seahawks ist fulminant und die Bills-Defense hat uns bisher keinen Grund zur Annahme gegeben, dass sie Russell Wilson stoppen können. Die Cardinals haben CB Patrick Peterson auf DK Metcalf abgestellt – Tyler Lockett hat mit einer Statline von 15-200-3 gekontert. Zuletzt gegen San Francisco? CB Jason Verrett hat Lockett in Schach gehalten, dafür legte Metcalf 12-161-2 auf. Auch wenn die Bills einen der beiden mit CB Tre’Davious White im Zaum halten, wird der andere die gegnerische Defense auseinandernehmen. Es hilft enorm, zwei Elite-Receiver zu haben

Ich glaube nicht, dass Josh Allen in der Lage sein wird, mit Russell Wilson mitzuhalten. Die Seahawks-Defense bekommt medial ihr Fett weg, aber Platz 19 in EPA/Play liest sich gar nicht so schlecht. Rank 21 in DVOA auch nicht. Dazu sei gesagt, dass SS Jamal Adams nach fünf Spielen Abstinenz zurückkommt und DE Carlos Dunlap sein Debüt gibt. Es wird schwer für Josh Allen und die Bills. Die Seahawks setzen sich mit zwei Scores durch.

Shootout in Inglewood

Sommer: Las Vegas Raiders @ Los Angeles Chargers (Sonntag, 22.05 Uhr)

Punkte, Punkte, Punkte. Die können wir in diesem AFC West Matchup erwarten. QB Justin Herbert ist meiner bescheidenen Meinung nach The Real Deal. Seitdem er in Woche 2 plötzlich übernommen hat, kommt die Offense durchschnittlich auf 0.19 EPA/Dropback, gut für Platz 12 in der NFL. In puncto Completion Percentage Over Expectation (CPOE) stehen die Bolts auf Rank 6 (+4.13%). Die Success Rate (EPA > 0) von 49.8% ist leicht unter Ligadurchschnitt – somit deuten die Zahlen auf wenig Konstanz, aber viele Big Plays hin.

Die letzten vier Wochen haben die Chargers jeweils mindestens 27 Punkte erzielt und hatten jedes Mal eine 16-Punkte-Führung, die verspielt wurde. Wenn wir alle Plays herausfiltern, die zwischen einer Win-Probability-Range von 5 bis 95 Prozent liegen, also ein neutrales Gamescript, steht Herbert seit Woche 5 auf Rank 4 in EPA/Dropback. 

Die Raiders-Defense ist fast die schlechteste der Liga, ob nach EPA/Play (#31) oder DVOA (#31). Jetzt haben sie für diese Woche noch DT Maurice Hurst verloren, der bisher mit Abstand das beste Pass Rushing Grade laut Pro Football Focus für Vegas aufweisen konnte. Die Chargers werden viele Punkte aufs Board zaubern. Die Raiders jedoch auch.

Die Offense von Las Vegas ist seit Beginn der letzten Saison ziemlich gut aufgelegt, solange sie nicht gegen eine gute Defense spielen. Die Chargers sind zuletzt jedes Mal defensiv kollabiert und bringen über die Saison auch bestenfalls überdurchschnittliche Effizienz-Metriken aufs Board. Unter der Woche wurde Slot-Cornerback Desmond King nach Tennessee getradet – bis dato das beste Coverage-Grade. DE Joey Bosa wird aller Voraussicht nach mit einer Gehirnerschütterung ausfallen. Shootout-Potenzial.

Coverage Matters

Sommer: Miami Dolphins @ Arizona Cardinals (Sonntag, 22.25 Uhr)

Die Dolphins-Defense ist ein spannender Use-Case für den NFL Analytics-Bereich. Denn diese Defense wurde basierend auf den großen Moves von hinten nach vorne gebaut. CB Xavien Howard hat eine fette Extension bekommen, CB Byron Jones wurde für viel Geld aus Dallas gelotst. In der ersten Draft-Runde wurde CB Noah Igbinoghene gedraftet. Die Front Seven wurde primär mit preiswerten Free Agents verstärkt – Pass Rush sollte über Scheme kommen. Nach Woche 8 steht die Dolphins-Defense auf Platz 3 in Pass DVOA und 2 in EPA/Dropback. Und dabei haben sich Howard und Jones zu Beginn der Saison noch mit Verletzungen herumgeplagt, und dabei ist Igbinoghene ein Grünschnabel. Seit Woche 4 dominiert diese Defense die Liga.

Die Cardinals-Offense sollte gegen die Pass Defense von Brian Flores erhebliche Probleme haben und könnte eher den Weg auf dem Boden, gegen eine äußerst suspekte Rush Defense suchen. Dadurch würden sich einige Möglichkeiten für Tua Tagovailoa und die Offense ergeben, selbst wenn diese nur eine geringe Steigerung gegenüber letzter Woche zeigt. Das Game Script war gegen die Rams so grandios und Aaron Donald so stark, dass OC Chan Gailey und Tua einfach nicht viel tun mussten – in seinem allerersten NFL-Spiel nach Hüftverletzung, wohlbemerkt. Diese Woche kann das schon ganz anders aussehen. Oder auch nicht. Die Defense könnte ihnen aber einige Chancen geben.

Die Dolphins haben hier aufgrund ihrer Defense und Wundertüte Tua Chancen, auswärts die Cardinals zu besiegen.

Ravens back on Track

Indianapolis Colts – Baltimore Ravens (Sonntag, 19:00 Uhr)

Colts und Ravens stehen beide bei 5-2 Bilanz und können einen Sieg gut gebrauchen um mit der Divisions-internen Konkurrenz (Titans 5-2, Steelers 7-0) Schritt zu halten. Ich denke, dass dies eine Art „Spiel der Wahrheit“ für unsere Einschätzung der Indianapolis Colts werden sollte.

Indy hat zwar ein sehr gutes Punktverhältnis, aber gegen einen richtig schwachen Schedule: Siege nur gegen Vikings, Jets, Bears, Bengals und Lions, dafür Niederlagen gegen Jaguars (!) und Browns. Die Colts-Defense ist an #4 nach EPA/Play gerankt, aber die Vikings waren noch die beste Offense in diesem Schedule, und das ist #13 nach EPA/Play.

Die Ravens haben die seit Monaten schwelenden, nagenden Fragen in der Passing-Offense („Kann Lamar Jackson auch mal ein paar Spiele mit seinem Arm tragen?“) bislang nicht positiv beantworten können, doch es langte trotzdem meistens locker, und selbst zuletzt gegen Pittsburgh hätte es gereicht, wenn Jackson nicht gleich vier Turnovers produziert hätte. Anders: Die Ravens sind bei allen Problemen weiter komplett genug um auch mit starken Gegnern mitzuhalten – selbst ohne perfekte eigene Leistung.

Was uns zu obiger Frage nach der Validität der Colts bringt. In der Passing-Defense geht es für Indy darum, die durchaus immer wieder vorhandenen Big-Plays der Ravens zu verhindern. Die Rushing-Defense, an #6 nach EPA/Run klassiert, sieht ihre bislang größte Herausforderung der Saison. Selber laufen gegen die Ravens war diese Saison bis jetzt so gut wie unmöglich (-0.20 EPA/Run, #2) und im Passspiel muss QB Philip Rivers einem Blitz-Festival sondergleichen widerstehen.

Für die Colts ist eine schnelle Führung essenziell, denn einen Rückstand wird man mit Rivers‘ zu Interceptions neigendem Spielstil nicht so einfach aufholen. Dasselbe gilt natürlich in abgeschwächter Form auch für Baltimore – aber die Ravens sind in fast allen Mannschaftsteilen einen Tick besser aufgestellt.

Upset-Alert in Tennessee

Tennessee Titans – Chicago Bears (Sonntag, 19:00 Uhr)

Das Duell der beiden “Frauds“, wenn man Analytics glaubt: Tennessee ist nach zwei Niederlagen 5-2 und hat keine Defense. Chicago ist nach zwei Pleiten in Folge 5-3, hat aber keine Offense. Entsprechend haben wir hier ein Stärke-vs-Stärke und Schwäche-gegen-Schwäche Duell.

Die Titans-Offense hat auf den ersten Blick einige klare Vorteile: Sie ist die #1 nach EPA/Play in der NFL, und die beiden WRs A.J. Brown und Corey Davis treffen auf etwas suspekte Cornerbacks: Kyle Fuller, der sich fast immer links aufstellt, und Jaylon Johnson, der fast nur rechts spielt. Beide DBs sind tendenziell Gegenspielern von so einem Kaliber nicht gewachsen.

Aber: QB Ryan Tannehill hat in den letzten Wochen zunehmend wie der Quarterback ausgesehen, bei dem langsam die prognostizierte Regression einschlägt – und jetzt muss er hinter einer Offensive Line ohne NFL-taugliche Tackles spielen. Gegen Khalil Mack und Co! Das kann hässlich werden.

Auf der Gegenseite haben auch die Bears eine problematische O-Line, doch diese trifft auf eine Titans-Front, die schon die ganze Saison Probleme hat Druck zu erzeugen (#16 nach Pass-Rush-Win-Rate, letzte Woche null QB-Hits in 40 Versuchen gegen Cincinnatis Katastrophen-Line). QB Nick Foles spielt eine bis jetzt schwache Saison, doch ein Foles ohne Druck ist jederzeit zu einem passablen NFL-Spiel in der Lage.

Chicago hat in WR Allen Robinson gegen CB Malcolm Butler ein überlegenes Matchup auf Receiver. Ohne Robinson könnten die Bears hier klarerweise einpacken, aber wenn die von Mack angeführte Defense Tannehill einheizt und Foles ohne viel Druck auf Robinson gehen kann, dann kann das Spiel schnell kippen. Soll ich mich wirklich trauen? Ja, ich mache es: Upset, Bears gewinnen.

Unterschätzte Saints, überschätzte Bucs

Tampa Bay Buccaneers – New Orleans Saints (Sonntag/Montag, 02:20 Uhr)

The Big One in der NFC South. Die 6-2 Buccaneers müssen zuhause unbedingt einen „Sweep“ der Saints (5-2) verhindern um nicht in der Division schon faktisch eineinhalb Spiele in Rückstand zu geraten. In Woche 1 gewannen die Saints im Superdome 34-23, doch das Spiel war mehr von Defenses geprägt als dieser Endstand vermuten ließe.

Tampa Bay ist für viele das, was New Orleans eigentlich sein sollte: Das kompletteste Team der NFL. Ich bin da noch skeptisch. Die Bucs-Offense lebt vor allem von Momenten. Sie verschenkt zu viele Early-Downs und verlangt von QB Tom Brady dann Wunder in 3rd Downs.

Am Sonntag debütiert wohl WR Antonio Brown im Bucs-Trikot, und er ist eine willkommene Verstärkung für einen verletzungsgeplagten und bis jetzt etwas enttäuschenden Receiver-Corps. Brown gilt als Brady-Spezl und wird wohl viele Targets sehen. Aber Chris Godwin kann wenn, dann nur eingeschränkt spielen – und schon riskiert die Offense wieder ins Stocken zu geraten.

Für die Saints ist es das erste zweite Saisonspiel im Freien und QB Drew Brees wird mit Schulterproblemen gelistet. Es wird trotzdem keinen Einsatz von Ex-Bucs-QB Jameis Winston geben, aber es ist auch fraglich ob Brees so schwer gehandicapt sein wird. Denn New Orleans kriegt zum einen WR Emmanuel Sanders von der Covid-Liste zurück. Zum anderen sollte die Offense Line auch gegen die mächtigen Pass-Rusher Pierre-Paul/Barrett gegenhalten.

Und zum dritten weiß Head Coach Sean Payton wie nur wenige andere Offense-Coaches, Mismatches beim Gegner zu kreieren und auszuschlachten. Das ist nicht immer konventionell, wie gerade seine von einem Runningback (Alvin Kamara) getragene Offense zeigt. Kamara gegen die Coverage-„Liability“ LB Devin White? Könnte interessant werden.

Die Saints fühlen sich leicht unterschätzt, die Bucs leicht überschätzt an. Das Spiel läuft auf eine äußerst knappe Entscheidung hinaus. Müsste ich tippen, wäre es New Orleans, aber es wird maximal ein Score Differenz.

3 KOMMENTARE

  1. Schöner Artikel, nur eine kleine Anmerkung. Die Saints hatten schon ein Spiel im Freien, letzte Woche in Chicago.

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