Psaier & Sommer: Sunday Watch NFL Week 8

Eine Vorschau auf den achten NFL-Spieltag 2020 mit den Takes von Fabian Sommer und Thomas Psaier zu ausgewählten Spielen.

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Lesezeit: 8 Minuten

Das Fazit zu unserem Takes vor dem siebten NFL-Spieltag fällt einmal mehr gespalten aus.

Thomas lag technisch gesehen dreimal daneben: Das 45-20 der Buccaneers war nicht nur ein Sieg, sondern geht als Kantersieg durch. Die Patriots hatten keine Chance gegen aufgedrehte 49ers. Und im wilden Sunday Night Game “fühlte” sich Seattle nur wie das mit 10 Punkten bessere Team an. Warum die Cardinals am Ende gewannen, wusste so recht keiner.

Fabian lag technisch gesehen mit dem Lions-Sieg richtig, auch wenn das eine verdammt knappe Kiste war. Auch die Chargers haben ihre Blitze aufkommen lassen. Bei den Titans und Steelers ist irgendwie kein Express so wirklich richtig ins Rollen gekommen.

Tua Erfolgreiches

Psaier: Miami Dolphins – Los Angeles Rams (Sonntag, 19.00 Uhr)

Es ist das Spiel, bei dem alle Augen auf das Debüt von Dolphins-QB Tua Tagovailoa als NFL-Starter gerichtet sind! Tua übernimmt heute nach der spielfreien Woche vom bisherigen Starter Ryan Fitzpatrick – und trifft jetzt auf eine gefinkelte Rams-Defense.

Die Vorzeichen für einen gelungenen ersten Start-Einsatz sind auf den ersten Blick eher schlecht:

  • Miamis Offensive Line ist im unteren Drittel der NFL in Pass-Blocking gerankt, bei ESPNs Pass-Rush-Win-Rate gar nur an #30. Das Problem wurde bis jetzt dadurch entschärft, dass Fitzpatrick sehr schnell geworfen hat (im Schnitt nach 2.4 Sekunden)
  • Diese Offense Line trifft jetzt auf den besten Interior-Passrusher in DT Aaron Donald. C Karras und OG Kindley werden mehr als alle Hände voll zu tun haben.
  • Die Rams-Defense glänzt mit versteckten Coverages, die vor dem Snap was anderes andeutet, als sie nach dem Snap offenbart. Gerade für junge Quarterbacks sind solche Tricksereien von DefCoord Brandon Staley ein Hexenwerk.
  • Miami hat nur einen wirklich guten Wide Receiver in DeVante Parker; die Rams haben einen sehr guten Cornerback als Manndecker in Jalen Ramsey.

Doch ich sehe trotzdem Upset-Potenzial! Zum einen ist es ein Cross-Country-Spiel für die Rams, und das obendrauf zur Mittagszeit (für Westküstenteams also quasi ein 10-Uhr-morgens-Spiel) nach einem Monday Night Game, auswärts bei einem Gegner, der letzten Sonntag spielfrei hatte.

Die Rams-Offense selbst ist nicht immer die stabilste, gerade weil QB Jared Goff noch immer bei jedem Anzeichen von Druck in die Bredouille gerät – und die Miami-Defense ist nicht nur exzellent gecoacht, sondern hat auch kein Problem, Druck zu schicken.

X-Faktor Tua

Und dann ist da noch Tua als X-Faktor selbst. Über Tua wissen wir eins: Keine neue Situation ist zu groß für ihn. Seine Autorität ist für einen so jungen Spieler einzigartig, und der hochgelobte Offense-Trainerstab der Dolphins wird gar nicht in Verlockung kommen, die eher mäßige Run-Defense der Rams (#18 in DVOA) zu testen, um Tua mit Early-Down-Rushing zu „unterstützen“, sondern Tua sofort von der Leine lassen.

Bei allem Katastrophenpotenzial durch oben geschilderte Umstände: Ich wette nicht gegen Tua. Miami wird vielleicht nicht sofort die ganz tiefen Pässe auspacken, aber Tua mit einem Scheme versorgen, mit dem er ein erfolgreiches Debüt absolvieren kann.

Browns sind besseres Mittelmaß als die Raiders

Psaier: Cleveland Browns – Las Vegas Raiders (Sonntag, 19.00 Uhr)

Es ist das Duell zweier noch nicht über alle Zweifel erhabenen AFC-Mittelklasseteams: Die mit 5-2 Bilanz leicht überschätzten Browns gegen die Raiders, die nach dem Überraschungserfolg gegen Kansas City vor ein paar Wochen mittlerweile wieder geerdet sind und bei 3-3 stehen.

Die Wetten in diesem Spiel stehen gut, dass die Browns hier den sechsten Saisonsieg auflegen können. Clevelands neu formierte Offense mag gegen die NFL-Granden wie Baltimore oder Pittsburgh noch abgeschmiert sein, doch Defenses vom Kaliber der Raiders haben die Browns bislang mühelos abgeschossen.

Las Vegas hat mit 34% Pass-Rush-Win-Rate einen der saftlosesten Pass-Rushes in der NFL. Die Defense blitzt kaum, hat trotzdem miese Coverage vor allem bei den vielkritisierten Linebackers, einer der bekanntesten Cornerbacks in Damon Arnette ist noch auf der Covid-Liste und gegen den Lauf ist man offen wie ein Scheunentor (#30 nach EPA/Run).

Keine guten Voraussetzungen gegen ein Offensiv-System, das selbst mit einem QB Baker Mayfield fern der Hochform über 28 Punkte pro Spiel (gegen die „normalen“ non-Pittsburgh und non-Baltimore Defenses im Schedule sogar über 37 Punkte pro Spiel) scort. Die Browns haben alle Voraussetzungen, um souverän zu gewinnen:

  • Eine dominante Offense Line mit starkem Run-Game
  • Starke Tight Ends, um die Spielfeldmitte zu kontrollieren
  • Ein Scheme, in dem Receiver nach Play-Action häufig frei stehen
  • Einen EDGE Myles Garrett, der die Sollbruchstelle auf Offensive Tackle bei den Raiders ausnutzen kann
  • Und einen CB Denzel Ward, um die gefährlichste Waffe beim Gegner, Henry Ruggs, zumindest teilweise zu kontrollieren

Las Vegas würde ein überirdisches Spiel von TE Darren Waller im Slot und einen ungewöhnlich aggressiven QB Derek Carr brauchen, um da mitzugehen. Not gonna happen.

Brees > Bears

Psaier: Chicago Bears – New Orleans Saints (Sonntag, 22.05 Uhr)

Die Chicago Bears wurden am Montag von den Rams ordentlich gestutzt und verloren nicht unerwartet deutlich 10-24. Erschreckend war dabei vor allem die extrem leblose Performance der Nick-Foles-Offense – mit einem besseren Quarterback hätte man die Partie durchaus gewinnen können!

Dass eine unterirdische Leistung in einem Spiel eine starke Performance im nächsten nicht ausschließt, hat Foles zur Genüge bewiesen. Er gilt als wechselhaftester Quarterback in der NFL. Doch seien wir mal ehrlich: Können wir wirklich guten Gewissens einen Bears-Sieg gegen die New Orleans Saints erwarten?

Die Saints sollten gegen die hoffnungslose O-Line der Bears die Line of Scrimmage kontrollieren. Chicago versuchte zuletzt, um das Problem herumzuarbeiten und schneller zu werfen, aber Foles ist nicht der richtige Spielertyp dafür. Er hält den Ball zu lange und ist ohnehin nicht mobil genug.

Gute Receiver gibt es in Chicago abseits von WR Allen Robinson nicht, und der ist im Concussion-Protocol. Ohne saubere Pocket und ohne die einzige nennenswerte Anspielstation könnte sogar die bis jetzt enttäuschende Saints-Defense (#28 nach EPA/Play) endlich einmal auftrumpfen.

Und dann ist da noch das bisherige Sorgenkind, die Saints-Offense. Die hat in den letzten Wochen zu sich gefunden. QB Drew Brees geht zwar rekordverdächtig selten tief und wirft mit 5.8 Air-Yards/Versuch die kürzesten Pässe der NFL. Doch das ungewöhnlich stark auf Yards-nach-dem-Catch fokussierte Offense-Schema von Sean Payton und Brees’ nach wie vor exzellente Präzision haben diesen Knackpunkt mittlerweile im Griff.

Chicagos Defense ist eine der besten in der NFL, doch ihre Stärke (der Pass-Rush) wird durch Brees’ schnellen Release neutralisiert. Außerdem verspricht es, am Sonntag die Rückkehr von zumindest einem der beiden Star-Receiver Michael Thomas und Emmanuel Sanders zu geben. Ich würde einige Jetons auf einen Auswärtssieg der Saints in Windy City wetten.

Ungeschlagene Steelers – auch weiterhin

Sommer: Pittsburgh Steelers @ Baltimore Ravens (Sonntag, 19 Uhr)

Die Baltimore Ravens stehen zwar bei 5-1, aber sie sind performance-technisch nicht das Team – speziell offensiv – das wir vor dieser Spielzeit erwartet haben. Gerade die Passing Offense dümpelt seit Wochen im unteren Bereich der Liga umher. Auch das Run Game zeigt gegenüber den Knaller-Werten aus 2019 eine kleine aber feine Regression nach unten. Die Interior der Offensive Line spielt ohne RG Marshal Yanda nicht sonderlich gut. Rookie-RG Tyre Phillips ist noch nicht so wirklich in der NFL angekommen. Defenses blitzen Lamar Jackson mittlerweile sehr gerne in Empty und stellen Scramble-Lanes besser zu. Es mangelt am klassischen Nummer-1-Receiver, nach Marquise Brown wird es sehr dünn.

Ist die Ravens-Offense vom Potenzial her besser, als bisher gezeigt? Absolut. Aber können sie in ihrer Bye-Week all die Probleme beheben? Ich wage es zu bezweifeln. Die Wahrheit liegt im restlichen Verlauf der Saison wohl irgendwo in der Mitte.

Baltimore trifft nun auf die stärkste Defensive Line der Liga von Pittsburgh, die den Ravens das Run Game erschweren wird. Die Steelers haben insgesamt eine starke Pass Defense, sind aber in ihrer Secondary angreifbar. Nur haben Lamar Jackson und Co. in den letzten Wochen nicht gerade gezeigt, dass sie diese Schwächen rigoros ausnutzen können. Die Ravens-Offense wird sich schwer tun.

Baltimores Defense ist in dieser Saison ebenfalls wieder bärenstark aufgelegt, hat sich in der Run Defense verbessert und wurde zuletzt mit DE Yannick Ngakoue verstärkt. Über hochfrequentiertes Blitzen (#1 Blitz-Rate der Liga) zwingen sie gegnerische Quarterbacks zu schnellen – und fehlerhaften – Entscheidungen. Die Offense der Steelers ist auf Kurzpassspiel ausgelegt, QB Ben Roethlisberger kriegt den Ball innerhalb von 2.18 Sekunden aus der Hand, die schnellste Zeit der Liga. Sie wollen ihre WRs Diontae Johnson, JuJu Smith-Schuster und Chase Claypool über kurze Passe im Raum einsetzen, so dass diese Yards nach dem Catch sammeln. Auf dem Papier eine gute Strategie gegen die Ravens-Defense.

Diese beiden Teams sind ebenbürtig und die Steelers sollten mit dem besseren Passing Game auftrumpfen. Upset alert.

Feel-Good Game für die Titans

Sommer: Tennessee Titans @ Cincinnati Bengals (Sonntag, 19 Uhr)

Gegen die Defense der Steelers war lange Zeit Ebbe, auch weil die Titans wie Sturköpfe lange mit Derrick Henry für minimalen Raumgewinn auf frühen Downs in eine Mauer rannten. In dieser Woche wartet mit den Cincinnati Bengals der perfekte Feel-Good-Gegner. Denn die Titans werden in der Lage sein, mindestens durchschnittlich effizient zu laufen. Cincys Defense ist in allen Belangen unterdurchschnittlich (#26 in Pass DVOA, #21 in Rush DVOA) und hat zuletzt einige Pfeiler in der Defensive Line verloren, wie etwa D.J. Reader oder Carlos Dunlap.

Ich habe keinen Zweifel daran, dass Ryan Tannehill über die Luft erfolgreich sein wird und Derrick Henry über den Boden. Durch die “Run-First”-Einstellung der Titans braucht Arthur Smith meiner Meinung nach ein gewisses Maß an Lauf-Effizienz, um in einen Rhythmus mit dem Play-Calling zu kommen. Wenn der Wind nicht hochgradig viel bläst, sollten wir nicht viele Punts der Titans sehen.

Auf der anderen Seite steht Joe Burrow, der gemessen an den Umständen eine ziemlich gute Rookie-Saison spielt. Doch in dieser Woche muss die ohnehin schon schlechte Offensive Line noch auf die beiden besten Akteure verzichten: LT Jonah Williams und C Trey Hopkins. Auch wenn Tennessee nur einen sehr mageren Pass Rush zustande bringt, wird das aus Burrow-Sicht ein extrem schweres Spiel. Denn wenn die Titans mit ihrer Offense rollen, wird die Offense der Bengals eindimensionaler und es lastet noch mehr Druck auf dieser Offensive Line.

Alles in allem bietet Burrow mit seinen Waffen gegen diese unterdurchschnittliche Titans-Defense immer die Möglichkeit, noch spät zu punkten. Aber bei einem standesgemäßen Spielverlauf erwarte ich, dass die Titans sich hier durchsetzen und mindestens 30 Punkte aufs Board zaubern.

Let Russ Cook

Sommer: San Francisco 49ers @ Seattle Seahawks (Sonntag, 22.25 Uhr)

Die Seahawks haben in Arizona mit drei Minuten auf der Uhr einen Vorsprung von 34-24 gehabt. Nur wegen eines äußerst dummen Fehlers von Benson Mayowa während eines Field Goals bei 4th & 12 haben die Seahawks diese Partie noch abgegeben. Auch vorher hätten gut und gerne schon 41 oder gar 44 Punkte drin sein können. Ohne diese Flagge auf 4th & 12 reden wir hier über die ungeschlagenen Seahawks.

Die “Let Russ Cook”-Bewegung war erfolgreich. Die Seahawks haben auf Early Downs in neutralen Spielsituationen die höchste Pass Rate der Liga. Die Defense der 49ers sah jüngst gegen die Rams und Patriots ziemlich gut aus, zeigte über die Saison aber keine brachiale Effizienz gegen den Pass. Auch tun die vielen Injuries immer noch weh. Gegen den Pass stehen sie auf #13 in Pass DVOA und #13 in EPA/Dropback. Inklusive Spielen gegen Daniel Jones, Sam Darnold, Carson Wentz und einer mauen Patriots-Offense. Gegen den Lauf sind die Niners bockstark, hatten zuletzt aber den Vorteil, dass die Rams und Pats jeweils 59% Runs auf Early Downs gecallt haben und es dem Gegner einfacher machten.

Dadurch, dass RB Chris Carson und eventuell auch RB Carlos Hyde nicht dabei sind, bleibt den Seahawks gar nichts anderes übrig, als ihrer hohen Pass Rate treu zu bleiben. Damit sollten sie gegen San Francisco erfolgreich sein und früh und oft scoren. Das befördert Jimmy Garoppolo und die Passing Offense ohne WR Deebo Samuel in eine unangenehme Situation, denn die Pass-Maschinerie der Niners kam diese Saison noch nicht so sehr ins Laufen. HC Kyle Shanahan versucht es über den Lauf und kurze Pässe hinter die Line of Scrimmage. Tiefe Bälle und Pässe outside the numbers sind in der Offense weitestgehend Mangelware.

Die Seahawks-Defense bekommt öffentlich viel Kritik, aber gegen den Lauf ist es nach sämtlichen Effizienz-Metriken so gerade eben sogar eine Top-10-Unit. DT Damon Harrison könnte schon Sonntag zum Team stoßen, der beste Run-Defender der letzten Dekade. Ein fitter Safety Jamal Adams wäre eine Zugabe gegen den Lauf und gegen kurze Pässe.

Ihr seht, worauf ich hinaus möchte. Ich erwarte hier einen klaren Heimsieg der Seahawks, mit vielen Punkten der Offense. Dass Jimmy Garoppolo hier toe to toe geht, kann ich mir nicht vorstellen.

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Thomas Psaier
Football-Blogger seit 2010. Allesfresser in NFL und College Football.
Fabian Sommer
Sportwetten. Analytics. Podcaster. Die Quote steht über allem.

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