Am runden Tisch: Unsere Experten blicken auf die Big Ten

Die Big Ten Conference legt heute los! Ein Roundtable mit Fragen zu fast allen Mannschaften in dieser ehrwürdigen ältesten Power-Conference im College Football.

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Lesezeit: 14 Minuten

Die beiden Top-Programme der Big Ten Conference haben wir schon gesondert abgehandelt: Ohio State Buckeyes von Julian Barsch und die Michigan Wolverines von Jan Weckwerth. Die beiden beantworten heute auch noch die brennnendsten Fragen im Vorfeld der anderen Mannschaften.

Also legen wir los!

#1 Die Big Ten hat sich nach langem Hin und Her dann doch noch entschieden, eine Saison durchzuziehen. Denkst du, dass die Conference langfristig eher von der Entscheidung profitieren (sie spielen!) oder leiden (Zick-zack-Kurs) wird?

Julian Barsch: Das ist natürlich nur schwer zu beurteilen. Für Big Ten Commissioner Kevin Warren könnte es bei der nächsten hitzigen Entscheidung kritisch werden. Abseits davon glaube ich eher, dass man schon bald überhaupt nicht mehr darüber sprechen wird. Es stehen häufig große Themen im Raum und es wird erwartet, dass diese noch Monate danach thematisiert werden. In den meisten Fällen ist dem aber nicht so.

Jan Weckwerth: Insgesamt bin ich mit der Außenwirkung der Big Ten nicht glücklich. Was man aber (leider) sagen muss: Die Entscheidung für eine Herbstsaison wird sich wohl zumindest mittelfristig als positiv erweisen. Die vielen Brüche zwischen Fans, Spielern, Eltern, entscheidenden Gremien und NCAA, die durch die Absage bzw. Verschiebung an die Oberfläche geraten sind, wurden nun zumindest oberflächlich gekittet. Es wäre sicherlich noch über Jahre diskutiert worden, hätte man als einzige Power 5-Conference (oder auch gemeinsam mit der Pac-12) die Saison verschoben. Mit vollkommen unklaren Konsequenzen.

Eastern Division

#2 Penn State tritt in den letzten Jahren ein wenig auf der Stelle: Sehr gut, aber zur absoluten Spitze wie Ohio State reicht es einfach nie. Kann der neue OffCoord Kirk Ciarrocca Abhilfe schaffen und mithelfen, den Gap nach oben zu verkleinern?

Julian Barsch: In dieser Saison kann er das nicht. Allerdings liegt das weniger an ihm und mehr am Kader. Ich sehe mit Sean Clifford als Quarterback und dem Verlust an Skill Position-Spielern nicht, dass sie eine explosive Offense stellen können, wie Minnesota es vergangene Saison getan hat. Die Running Backs werden weiterhin stark sein, trotz des Ausfalls von Journey Brown. Doch gerade die Wide Receiver machen mir dabei Sorgen. Um diese Gap nach oben zu verkleinern, braucht es die beste Version von Penn State. Die sehe ich mit dem aktuellen Kader einfach nicht.

Jan Weckwerth: Ich finde nicht, dass Penn State wirklich auf der Stelle tritt. In den vergangenen Saisons mussten sie jeweils ihre Schlüsselspieler ersetzen und blieben dennoch ohne Rebuild konkurrenzfähig. Ich war bekanntermaßen nicht der größte Freund des Schemes der beiden vorherigen OCs Joe Moorhead und Ricky Rahne, das mit gerade im Laufspiel schematisch zu unflexibel wirkte.

Ciarrocca präferiert eine auf den ersten Blick nicht unbedingt spektakuläre Offense mit Fokus auf Zone Running, aus der heraus mit Playaction und RPOs regelmäßig tiefe Shots genommen werden. Sein System ist Quarterback-freundlich, von daher könnte es dem eher durchschnittlichen QB Sean Clifford entgegenkommen. Für den ganz großen Wurf wird es voraussichtlich aber nicht reichen, dazu fehlen abgesehen von Star-TE Pat Freiermuth die Waffen im Passspiel.

#3 Die Michigan State Spartans standen 2019 am Ende eines langen, erfolgreichen Zyklus. Headcoach Mark Dantonio trat am Ende der Saison zurück. Der neue ist der ewige, und doch noch nicht einmal 50 Jahre alte Mel Tucker, der zuletzt eine steile Karriere hinlegte. Tucker ist Defense-Spezialist – aber bräuchte es in East Lansing nicht eigentlich einen Offense-Guru um eine seit vielen Jahren verwaisten Angriff neu zu beleben?

Julian Barsch: Grundsätzlich stimmt das, allerdings muss man die Offensiv-Power ja nicht zwingend vom Head Coach bekommen. Mel Tucker war Teil des Defensiv-Stoffs von Championship Teams bei Ohio State und Alabama. Das ist wertvolle Erfahrung, die Michigan State gut tun wird. Es wird dann wohl eher am neuen Offensive Coordinator Jay Johnson und einem neuen Quarterback liegen. Bisher konnte sich kein Quarterback wirklich durchsetzen. Es könnte also gut sein, dass man wieder auf das Running Game und den hervorragenden RB Elijah Collins vertraut.

Jan Weckwerth: Aus meiner Sicht wäre ein offensiv geprägter Coach sinnvoll gewesen. Nichts gegen Tucker, aber der Unterschied zwischen Offense und Defense wurde bei den Spartans immer grotesker (nach SP+ Metriken 2019: Offense #91, Defense #13), so dass man sich hier vielleicht eine aufregendere Verpflichtung gewünscht hätte. Zumindest hätte ja die Chance bestanden, einen prominenten Offensive Coordinator mit der vollen Kontrolle über diese Offense zu locken. Tucker entschied sich allerdings, aus Colorado seinen OC Jay Johnson mitzunehmen. Also eine eher „kleine“ Lösung.

Da das Roster der Offense nicht die ganz großen Sprünge verspricht und zudem die Defense komplett umgebaut wird, da sich Tuckers und Dantonios Schemes nicht ähneln, ist mit einer absoluten Übergangssaison zu rechnen.

#4 Indiana schaffte letztes Jahr aus dem Quasi-Nichts den Sprung zur überraschenden 8-5 Bilanz. Die wichtigsten Spieler sind noch da, aber der Offensive Coordinator hat das Team verlassen. Ein Knackpunkt? Oder sichert der zuletzt auf breiter Basis gut aufgestellte Kader gut gegen einen Absturz ab?

Julian Barsch: Natürlich ist das nicht zwingend gut für die Kontinuität, allerdings war die Indiana Offense vergangene Saison auch alles andere als explosiv. Für mich liegt es am Ende vor allem an der Entwicklung des nun komplett fitten Michael Penix Jr. Der Quarterback ist einer der spannendsten Spieler der Big Ten und wird mit seiner Mobilität und Armstärke wieder für tolle Momente sorgen. Er muss den nächsten Schritt machen. Damit wird es für Indiana auch wieder gut laufen.

Jan Weckwerth: Für mich war die Bilanz nicht so überraschend, da ich die Hoosiers seit Jahren höher einschätze, als sie dann meist gelandet sind. OC Kalen DeBoer wurde bereits nach einem Jahr wieder abgeworben (zu seinem vorigen Team Fresno State, dieses Mal als Head Coach). HC Tom Allen beförderte den jungen Nick Sheridan zum OC. Hierin sehe ich weniger Probleme.

Im Gegenteil: Ich schätze das Potenzial sogar als noch höher ein. Primärer Grund ist QB Michael Penix, dem ich ein wahnsinnig hohes Potenzial bescheinige. Penix ist ein spektakulärer dual-threat Quarterback mit starkem Arm, der Plays aus dem Nichts kreieren kann. Leider hatte er immer wieder Rückschläge durch Verletzungen. Bleibt er fit, ist ganz viel drin.

Denn das Team ist auch ansonsten hervorragend aufgestellt, vor allem in zwei Bereichen: zum einen dem Passspiel um dem flinken Slot-WR Whop Philyor und dem starken all-around TE Peyton Hendershot. Zum anderen der Secondary mit CB Tiawan Mullen, meiner Ansicht nach ein potenzieller Breakout Player, sowie CB/S Jamar Johnson und CB Reese Taylor. Schade, dass mein alter Mancrush Marcelino Ball, der die LB/S-Rolle namens HUSKY einnimmt, mit Kreuzbandriss ausfällt.

Dazu hat man mit Stevie Scott einen Runner mit den Maßen von Derrick Henry, der gegnerischen Verteidigungen im wahrsten Sinne des Wortes weh tun kann.

#5 Streitbare Coaches bei den beiden Divisions-Nachzüglern Maryland (Mike Locksley) und Rutgers (Greg Schiano). Schaffen es die beiden, ihre mit zahlreichen Incoming-Transfers aufgepeppten Spielerkader zu wettbewerbsfähigen Mannschaften zu formen?

Julian Barsch: Eigentlich sollte genau das bei beiden Teams möglich sein. Maryland ist nach der Menge an 4- und 5-Stars sogar in der oberen Hälfte der Big Ten anzuordnen, was das Talent angeht. Die Entwicklung ist in beiden Fällen sicherlich eher positiv, doch man spielt in einer der härtesten Divisions im College Football. Mit Minnesota, Penn State, Ohio State, Indiana und Michigan ist man in fünf von acht Spielen klar unterlegen. Es würde mich wundern, wenn sie mehr als drei Spiele gewinnen. Das gleiche gilt für Rutgers. Der Schedule ist leichter, das Team aber auch weniger talentiert. Ein reiner Big-Ten-Schedule ist da nicht ideal, um eine positive Entwicklung einzuleiten.

Jan Weckwerth: Maryland sehe ich da in der besseren Position. Die Terps haben ein Jahr Vorsprung im Rebuild und ein besseres Gerüst. Zudem hat Locksley exzellent recruitet, unter anderem konnte man sich einen seltenen 5-star mit WR Rakim Jarrett sichern. Auf Receiver und in der Secondary wird man voraussichtlich gut aufgestellt sein, in den Trenches gibt es dagegen noch gewaltige Lücken. Potenzial ist im Team vorhanden, allein durch die beiden hochgehandelten Quarterbacks Lance LeGendre (bekannt aus der Serie QB1) und Taulia Tagovailia (bekannt, weil Tuas Bruder).

Schiano hat eine Mammutaufgabe vor sich. Rutgers war in den letzten Jahren eines der schlechtesten Power-5 Teams überhaupt. Gerade die Offense war brutal mies. Hier muss er erst einmal mit einem passablen Runner (Isaih Pacheco) und einem passablen Receiver (Bo Melton) auskommen, viel mehr ist nicht da. Vielleicht kann Nebraska Transfer QB Noah Vedral ja überraschen. Schianos Spezialgebiet Defense sieht etwas besser aus (insbesondere die Linebacker-Unit), hier könnten eventuell schon jetzt leichte Fortschritte erkennbar sein. Dennoch wird es zunächst darum gehen, die Saison nicht sieglos abzuschließen.

Western Division

#6 Wisconsin ist eine immergleiche Geschichte: Massive Offensive Line, zweitausend Rushing-Yards, sehr gute Defense, Gewinn der Western Division, chancenlos im Big-Ten-Finale. Was wird diesmal anders?

Julian Barsch: Erstmal ist das ziemlich genau das, was ich auch dieses Jahr erwarte. Wer kann das ändern? Redshirt Freshman Quarterback Graham Mertz. Als enorm talentiertes Prospect kam er 2019 zu den Badgers und wird nun starten, da Senior Jack Coan verletzt ist. Coan war durchaus solide, aber Mertz hat das notwendige Upside. Natürlich stellt es für die Badgers auch ein größeres Risiko dar. Doch mit Mertz hat man nun endlich den Typ Spieler auf der wichtigsten Position, um den nächsten Schritt zu machen. Ob es am Ende für mehr reicht, bleibt abzuwarten.

Jan Weckwerth: Letzte Saison waren‘s sogar über 3.000 Rushing Yards.

Im Ernst, viel wird sich da nicht verändern. Wisconsin hat ein fixes System in Offense und Defense entwickelt, das es den Badgers erlaubt, trotz infrastruktureller Nachteile im Recruiting mit den besten Teams des Landes zumindest mitzuhalten. Auch wenn es langweilig erscheint, sollte man da unbedingt den Hut ziehen.

Was sich ändern wird: Ohne Jonathan Taylor wird das Laufspiel weniger spektakulär und weniger effizient. Vielleicht öffnet sich die Pass-Offense mit dem neuen QB Graham Mertz etwas, der als großes Talent gilt. In der Defense muss quasi der gesamte Passrush der Linebacker ersetzt werden. Das ist deswegen besonders wichtig, da die Cornerbacks vielleicht nicht ganz so stark besetzt sind.

Die Badgers haben wie schon die letzten Jahre starke Konkurrenz in einer recht ausgeglichenen Big Ten West, insbesondere durch Minnesota und Iowa. Könnte richtig eng werden.

#7 Minnesota war eine der ganz großen Storys der letzten Saison – die Aufbauarbeit von Headcoach P.J. Fleck zeigte Früchte! Nun sind zwar drei der wesentlichsten Erfolgsfiguren – oben schon diskutierter OffCoord Ciarrocca, WR Tyler Johnson und S Antoine Winfield – weg, aber das fette QB/WR-Duo Tanner Morgan und Rashod Bateman ist noch da. Reichen diese beiden Jungs, um diesmal die West-Division zu holen?

Julian Barsch: Sie werden zumindest wieder darum mitspielen. Ende November geht es gegen Wisconsin und bis dahin muss man schauen, dass keine Partien unnötig abgegeben werden. Johnson kann nicht so einfach ersetzt werden, allerdings ist Bateman deutlich talentierter und einer der besten fünf Wide Receiver im College Football. Daran soll es also nicht scheitern. Tanner Morgan war mit 10,2 Yards per pass attempt ganz oben mit dabei und muss die Leistung nur wiederholen, um die Golden Gophers wieder in Reichweite zu bringen. Am Ende werden potentiell Nuancen darüber entscheiden, ob sie im Big Ten Finale spielen werden.

Jan Weckwerth: Sie sind auf jeden Fall der gewichtigste Grund für den Erfolg. Ich glaube, dass die Offense nicht zu deutlich abfallen wird. Im Zone Running, das in dieser Offense wohl weiterhin die Basis sein wird, könnten die Gophers noch effektiver sein. Die O-Line blieb zusammen und dürfte sich verbessert haben. RB Mo Ibrahim hielt ich eh für den besten im letztjährigen RB-Committee. Mit WR Chris Autman-Bell hat man einen talentierten Nebenmann für Bateman, auch wenn der ein anderer WR-Typ als Johnson ist.

Die Defense wird größere Probleme haben, an die Leistungen der letzten Saison anzuknüpfen. Winfield und seine regelmäßigen Big Plays werden extrem fehlen. Immerhin hat man zwei starke Cornerbacks mit Coney Durr und Benjamin St-Juste, die DC Joe Rossi erlauben, öfter Man Coverage zu spielen, um den fehlenden Passrush mit Blitzes auszugleichen.

Die Gophers sind auf jeden Fall ein heißer Kandidat für die Big Ten West-Krone.

#8 Kommen wir zu einer konstanten Größe: Iowa Hawkeyes. Stets gut, nur selten exzellent. Dieses Jahr gab es mächtig Zoff um Fehlverhalten von Coaches gegenüber schwarzen Spielern. Inwieweit überschattet das die sportlich eigentlich solide Arbeit von Headcoach Kirk Ferentz?

Julian Barsch: Das Thema kam ja dieses Jahr bei einigen Teams auf und bisher hat man nicht das Gefühl, dass es große Auswirkungen auf die sportliche Leistungen hat. Auch wenn ich mir an der Stelle stärkere Konsequenzen für das Fehlverhalten wünschen würde, bleibt dann doch häufig viel gleich. Sportlich sehe ich Iowa wieder im oberen Bereich der West, aber nicht auf einem Level mit Wisconsin oder Minnesota.

Jan Weckwerth: Ich habe dazu bereits eine längere Einschätzung vorgenommen.

In kurz: Stark. Zwar haben die meisten Spieler betont, dass Ferentz selbst an derartigen Aktionen nicht beteiligt war (sein Sohn und OC Brian Ferentz allerdings schon). Das Problem liegt jedoch schon in der Iowa Culture begründet, die er dort implementiert hat, da diese implizit einen Idealtypen zeichnet, der sich eben an weißen Spielern aus dem amerikanischen Mittelwesten orientiert. Es geht hierbei ja nicht nur um rassistische Kommentare und weiteres diskriminierendes Fehlverhalten, sondern um ein Klima, in der sich schwarze Spieler nicht wohl fühlen können, da sie sich immerzu verstellen müssen, um nicht schon wegen ihrem Auftreten (Frisur, Körperschmuck, Musikgeschmack etc.) als Problemfall zu gelten.

Immerhin ein kleiner Lichtblick: Einige Aussagen von Ferentz lassen darauf hoffen, dass er das Problem zumindest ansatzweise verstanden hat.

#9 Nebraska ist seit der Ankunft (Rückkehr?) von Publikumsliebling Scott Frost als Headcoach immer ein „team to watch“: Ehemaliger Gigant, der im Recruiting nicht mehr mit der heutigen Elite mithalten kann, und damit beständig daran scheitert, an alte Zeiten anzuknüpfen. Frosts erste beiden Jahre waren mit 9-15 durchwachsen. Was braucht es jetzt zum Durchbruch? Reicht eine Leistungsexplosion von QB Adrian Martinez, und ist die überhaupt wahrscheinlich?

Julian Barsch: Adrian Martinez war eine enorme Enttäuschung, was dazu führt, dass er sich dieses Jahr recht schnell auf der Bank wiederfinden könnte. Backup QB Luke McCaffrey gilt bereits jetzt als 1b und wird in jedem Fall Snaps sehen. Mittlerweile sollte man sich wahrscheinlich davon verabschieden, dass es eine schnelle Leistungsexplosion geben wird. Wenn man 2021 schon mit einbezieht steht Nebraska das fünfte Jahr in Folge in der Top 25 in den Recruiting Rankings. Aktuell denke ich einfach, dass es Zeit brauchen wird, man aber in den kommenden Jahren wieder zur erweiterten Spitze der Big Ten gehören wird. Dafür ist Recruiting ein zu guter Indikator im College Sport.

Jan Weckwerth: Durchwachsen ist nett ausgedrückt für ein Team, das jahrzehntelang keine Erfahrungen mit negativen Bilanzen hatte. Seien wir ehrlich: Die ersten zwei Saisons unter Frost verliefen enttäuschend, da nützt langsam auch der Verweis auf seinen Vorgänger Mike Riley nicht mehr. Die Offense ist (noch) nicht auf die Gegebenheiten in der Big Ten eingestellt. Die Defense ist ein einziger Problemfall. Ich sehe dieses Jahr noch keine Chance auf einen Durchbruch – doch wenn, dann wird der wahrscheinlich mit Martinez zusammenhängen (müssen). Der spielte eine hervorragende Freshman-Saison 2018, enttäuschte 2019 aber auf ganzer Linie mit fürchterlichem Verhalten in der Pocket und hanebüchenen Entscheidungen. Nichtsdestotrotz verfügt er über ein verdammt hohes Potenzial. Kann er es ausschöpfen? Immerhin hat er mit WR Wan’Dale Robinson einen echten Playmaker zur Verfügung.

Zu einem Durchbruch würde aber auch eine zumindest passable Verteidigung gehören. Doch da sehe ich gerade gegen den Lauf, im Passrush und allgemein in der Front 6/7 schwarz.

#10 Purdue: Bitte Lobeshymne auf „Offensive Weapon“ Rondale Moore! Geht er im nächsten Draft in der 1ten Runde?

Julian Barsch: Rondale Moore ist unglaublich spektakulär und wir dürfen uns alle freuen, dass wir ihn nun nach seiner Verletzung 2019 wieder im Jersey der Boilermakers sehen dürfen. Mit der ersten Runde bin ich mir aktuell nicht zu 100 Prozent sicher. Das liegt an zwei Aspekten: Die nächste Wide Receiver-Klasse wird ähnlich tief sein, wie die letzte. Dazu kommt, dass wir nicht wissen, wo Moore nach seiner Verletzung steht. Das wird er beweisen müssen. Entwickelt er sich noch mehr zu einem kompletten Receiver oder bleibt er eine explosiver All-Purpose-Waffe, der viel den Ball im freien Raum bekommen soll? Das werden wir in den kommenden Monaten sehen.

Jan Weckwerth: Moore ist ein Naturphänomen, und das trotz (oder gerade wegen?) seiner Maße von 5‘9 und 180 Pounds. Er verfügt über eine Kombination von Top-Speed, Weltklasse-Quickness und herausragenden, ansatzlos eingesetzten Moves, wie ich es in der Form selten erlebt habe. Dazu kommt eine kaum fassbare Power, die in diesem kleinen Körper steckt. Man spricht hier bei anderen Positionen gerne von „core strength“. Moore kann also nicht nur Tackles ausweichen, sondern auch durch sie hindurchlaufen. Daher kann er ebenfalls bei Handoffs jeglicher Art eingesetzt werden. Mit diesem Skillset ist er wenig überraschend ein exzellenter Returner.

Der Satz „kann bei jeder Ballberührung einen TD machen“ wird viel zu inflationär verwendet. Bei Moore passt er.

Vom Skillset ist Moore für mich ein glasklarer 1st round Receiver. Allerdings schlug er sich zu oft mit kleineren und größeren Verletzungen herum, die gerade bei einem so kleinen Frame Fragezeichen aufwerfen werden. Es wäre also in mehrerer Hinsicht sinnvoll, wenn er diese Saison verletzungsfrei absolvieren könnte.

#11 Northwestern stürzte 2019 ab. Jetzt versucht Pat Fitzgerald mit „Masse statt Klasse“ auf der Quarterback-Position (gleich fünf mögliche Starting-Optionen) das gigantische Offensiv-Problem zu lösen. Gibt es also Hoffnung?

Julian Barsch: Der Schedule lässt tatsächlich etwas Hoffnung zu. Partien gegen Maryland, Nebraska, Purdue, Michigan State und Illinois können immer gewonnen werden. Es ist aktuell nur einfach eine Wundertüte. Man hat ja die Entwicklung der letzten Jahr auch überhaupt nicht vorhersagen können. Daher will ich mich dieses Jahr auch überhaupt nicht festlegen.

Jan Weckwerth: Ich schätze HC Fitzgerald sehr, aber nein, noch ist es nicht so weit. Ich vermute übrigens stark, dass der Indiana Transfer Peyton Ramsey starten wird, nachdem der hochgehandelte (und ehemalige 5-star) Clemson Transfer Hunter Johnson letzte Saison so maßlos enttäuschte.

Das Problem der Offense liegt jedoch tiefer: ein durchschnittliches Laufspiel, eine wacklige O-Line (in der der mit Abstand beste Spieler, OT Rashawn Slater, nun auch noch Opt Out & Draft gewählt hat) und ein wenig explosives Receiving Corps. In den Jahren zuvor hatte es Fitzgerald geschafft, mit einer solchen klein-klein Offense zumindest genügend zu produzieren, doch dann müssen alle Räder ineinandergreifen. Das sehe ich hier noch nicht. Aber vielleicht bringt der neue OC Mike Bajakian (nebenbei der erste Coordinator-Wechsel seit 12 Jahren!) ein wenig frischen Wind rein.

#12 Kommen wir zu „the beard“: Lovie Smith, Headcoach von Illinois. Wie ist Smiths bisherige Aufbauarbeit bei diesem in den letzten Jahrzehnten oft hoffnungslosen Programm zu bewerten, und können die Fighting Illini 2020 erneut an einer positiven Saisonbilanz kratzen?

Julian Barsch: Ja, die Entwicklung ist positiv. Ich glaube aber nicht an eine Bilanz von 0.500 oder mehr. Für Illinois wäre das eine schöne Sache und das würde mich persönlich auch freuen. Bei dem Schedule sind drei Siege meiner Meinung nach aber das Maximum. Die Kombination aus QB Brandon Peters und WR Josh Imatorbhebhe müsste sich dafür nochmals verbessern. Außerdem profitierte man in 2019 stark von den sechs defensiven Touchdowns. Damit lag mit App State auf Platz eins in der FBS: 13,64 Prozent der eigenen Touchdowns kamen durch die Defense. Das ist keine verlässliche Basis für die anstehende Spielzeit.

Jan Weckwerth: Zunächst ließ sich die Aufbauarbeit gar nicht gut an, und gerüchteweise stand Smith ja auch schon kurz vor dem Aus. Dann folgte die 2019er Saison, mit der in dieser Form wirklich niemand rechnen konnte. Dafür gebührt ihm großer Respekt.

Ich bleibe aber skeptisch, ob eine ausgeglichene Bilanz in dieser Saison drin ist. Immerhin: Die Illini werden voraussichtlich eine erfahrene und starke O-Line sowie ein sehr interessantes Receiving Corps stellen, in dem WR Josh Imatorbhebhe und eine extrem tiefe TE-Unit herausragen könnten. Leider genügt QB Brandon Peters wohl nicht für höhere Ansprüche. Die Defense zeigte größere Probleme gegen den Lauf, hier kommen nun noch Fragezeichen im Passrush hinzu. Letzte Saison war man extrem opportunistisch in punkto Turnover, aber ob sich das wiederholen lässt?

Big Ten Conference

#13 Die Big Ten hat üblicherweise extrem viel Draft-Talent über ihre Felder laufen. Wer ist außerhalb der Talentschmiede Ohio State und Rondale Moore der interessanteste Offensiv- und Defensivspieler in dieser Conference?

Julian Barsch: Das ist offensiv ganz klar Rashod Bateman für mich. Der WR der Golden Gophers steht nochmal höher auf meinem Board als Moore und könnte mit einer hervorragenden Saison sogar Ja’Marr Chase als WR1 herausfordern. Dafür braucht es aber natürlich schon tolles Tape.

Leider wird er nicht spielen, aber Penn State LB Micah Parsons spielt natürlich ebenfalls auf einem hervorragenden Level und ist ein klarer Kandidat für die erste Runde. Die Penn-State-Defense wird ihn stark vermissen.

Als zweiten Penn State-Spieler möchte ich dann noch TE Pat Freiermuth erwähnen. Zwar ist der als Receiver nicht ganz auf dem Niveau eines Kyle Pitts von Florida, kann dafür aber mit seiner Vielseitigkeit als etwas kräftigerer Spieler überzeugen.

Zwar freut mich das als Buckeyes-Fan nie, aber das Team aus dem Norden hat natürlich auch spannende Prospects. Da würde ich vor allem DE Kwity Paye hervorheben. Mit seinen Maßen und der Freak-Athletik gehört er definitiv in die Debatte für die erste Runde.

Jan Weckwerth: Offensiv würde ich hier auf jeden Fall zuerst den von dir schon angesprochenen WR Rashod Bateman nennen: eine vertikale Waffe, die sich mehr mit Route Running als mit Speed Separation sichert und dazu exzellente Ball Skills (Body Control, Hands) für spektakuläre Highlight-Catches mitbringt? Yes, please. Ansonsten dürfte Penn States TE Pat Freiermuth ein absoluter Top-Prospect werden. Den Spitznamen „Baby Gronk“ hat er sich in einigen Plays zurecht verdient.

Da du „über ihre Felder laufen“ geschrieben hast, fällt Penn States Monster-LB Micah Parsons, der den Opt Out gezogen hat, wahrscheinlich raus, oder?

Abgesehen von Parsons und einem Buckeyes-Defender gibt es noch nicht den Über-Prospect in der Defense, aber einige Spieler, die dafür sehr gute Anlagen mitbringen: etwa Penn States hochtalentierter, aber noch sehr roher DE Jayson Oweh (Ex-Basketballer), die beiden Wolverines DEs Kwity Paye und Aidan Hutchinson (von denen ich aktuell ersteren höher einschätzen würde), meinen kleinen Favoriten LB Cam McGrone vom selben Team, der dafür aber noch disziplinierter agieren müsste. Einige weitere spannende Spieler (wie Indianas CB Tiawan Mullen) sind ja noch nicht draftberechtigt. Hier kann sich auch noch ein ganz anderer Spieler im Saisonverlauf herauskristallisieren.

#14 Kommen wir zu den Tipps: Wer darf sich im Conference-Finale von den Ohio State Buckeyes abschießen lassen? Es wird doch Ohio State, oder?

Julian Barsch: Ich muss keine Fanbrille aufsetzen, um überzeugt sagen zu können, dass Ohio State der klare Favorit sein muss. Wenn sie das Rennen mit dem Kader nicht machen, ist das eine herbe Enttäuschung für das Team und die Fans. In der West erwarte ich ein knappes Rennen zwischen Wisconsin und Minnesota. Die Badgers setzen sich durch, verlieren in Indianapolis aber deutlich gegen die Buckeyes.

Jan Weckwerth: Die Big Ten West ist in den letzten Jahren zusammengerückt. Es gibt weder einen glasklaren Favoriten noch ein Team a la Rutgers, was hoffnungslos hinterherhinkt. Dennoch tippe ich hier konservativ auf Wisconsin. Die Saison zieht sich noch mehr in den Winter hinein, da könnte sich der physische Spielstil auszahlen. Minnesota und Iowa haben ebenfalls Chancen.

Und ja, die Big Ten wird mal wieder von Ohio State gewonnen. Keine Überraschung hier.

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Thomas Psaier
Football-Blogger seit 2010. Allesfresser in NFL und College Football.
Jan Weckwerth
College Football- und Draft-Veteran. Podcaster. Sportromantiker. Running game still matters.
Julian Barsch
Alles rund um die Themen College Football, NFL Draft und Recruiting. Host des Saturday Kickoff-Podcasts. Fan der Ohio State Buckeyes.

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