Das Quarterback Memo: als Rookie gepeakt?

In Week 6 war wieder einiges los an der Spielmacher-Front. Diesmal im Quarterback Memo: ein neuer Starter in Miami und ein großes Fragezeichen in Cleveland.

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“Am Wochenende haben wir gesehen, wieso die Packers mit Jordan Love einen Nachfolger für Aaron Rodgers gedraftet haben…” Das sind Töne, die ich heute garantiert nicht anschlagen werde. Ich bin kein Diplom-Statistiker, aber ich verstehe das Prinzip der Sample Size. Ein schlechtes Spiel von Aaron Rodgers gegenüber vier sehr guten – hier ist Zurückhaltung angesagt. Eine etwas umfangreichere Stichprobe haben wir hingegen bei einem anderen Kandidaten…

Baker Mayfield – in Jahr drei auf dem absteigenden Ast?

Und weiter geht’s mit meinem wöchentlichen Overreaction-Ritual, einen angeschlagenen Quarterback nach einer schwachen Leistung direkt metaphorisch zu beerdigen. Insofern könnte sich dieser Part ähnlich wie der Garoppolo-Absatz vergangene Woche lesen. Jimmy G hatte Knöchel, Baker hatte Rippen. Jimmy wurde “zu seinem eigenen Schutz” auf die Bank verbannt, Baker wurde ebenfalls “zu seinem eigenen Schutz” gebencht. Ein schlechtes Spiel hat jeder mal, also wieso Panik schieben?

Weil es eben nicht nur ein schlechtes Spiel war. Auch in der vierwöchigen Siegesserie der Browns wirkte Mayfield selten gefestigt in seinen Aktionen, teilweise gewann Cleveland eher trotz statt wegen ihm. Am deutlichsten wurde dies in Week 5, als er mit übermäßig riskanten Würfen krampfhaft versuchte, die Colts im Spiel zu halten. Mayfield sollte eigentlich gut ins System seines Cheftrainers Kevin Stefanski passen, da auch am College schon viele seiner besten Aktionen aus dem Lauf und außerhalb der Pocket entstanden. Das trifft soweit auch zu. Problem ist jedoch: Alles andere funktioniert überhaupt nicht.

Stefanski macht bisher einen hervorragenden Job darin, seinem Quarterback das Leben leicht zu machen. Viele Rollouts, bei denen Mayfield offene Receiver in der Flat hat. Viel Play Action, viel Motion, viel Misdirection – alles, um Quarterback-unabhängige Yards zu kreieren. Plays, bei denen Mayfield nicht die Welt retten muss, sondern nur eines vieler Rädchen im System ist. Wenn das jedoch nicht funktioniert und die Offensive 3rd & Longs nicht vermeiden kann, stehen die Browns vor einem Problem.

Momentan ist der 25-Jährige nicht in der Lage, eine normale Dropback-Offensive zu steuern. Bei Oklahoma musste er nicht in einem rhythmischen System spielen, das macht sich jetzt bemerkbar. Schaut euch obenstehendes Video zu Bill Walshs West-Coast Offense und besonders dem Segment zur Fußarbeit seiner Quarterbacks an. Jeder Spielzug – ob under Center oder aus der Shotgun – hat seinen eigenen Drop, der exakt an das Timing der Passrouten der Receiver gekoppelt ist. Ist der Spielmacher bei seinem letzten Schritt in der Progression angekommen, sollte seine erste Anspielstation offen sein. Nur dann. Moderne Defensiven sind so diszipliniert und gut gecoacht, dass Receiver nicht offen bleiben. Die Passing Windows sind klein und sobald die Fußarbeit des Passers nicht chirurgisch exakt ist, werden diese noch kleiner. Gute Fußarbeit lässt Quarterbacking einfach aussehen – bei Mayfield sieht’s derzeit sehr schwer aus.

Ein weiteres Problem: Es ist für Defensiven zu einfach, ihm Fallen zu stellen. Bestes Beispiel ist sein Wurf, der im Pick Six von Minkah Fitzpatrick endete. Die Steelers zeigen ihm 2-Man, also Manndeckung mit zwei tiefen Safetys. Er erkennt die Coverage richtig und stellt sich darauf ein, ein gutes Matchup seines TE Austin Hooper gegen CB Cameron Sutton bei einer In-Breaking-Route zu haben. Wegen den tiefen Safetys hat Sutton keine Hilfe und weil er Outside Leverage hat, also etwas weiter außen als Hooper positioniert ist, hat der Tight End den natürlichen Vorteil.

Kurz vor dem Snap zeigen die Steelers ihre wahren Intentionen. Fitzpatrick rollt runter, der andere Safety spielt die Mitte des Feldes. Cover-1 Rubber statt 2-Man. Fitzpatrick kann als freier Verteidiger agieren, antizipiert die Route und trägt den Ball in die Endzone. Mayfield hatte sich auf seinen Pre-Snap Read verlassen und diese Vermutung nach dem Snap nicht kontrolliert.

Natürlich ist die Saison noch lang und Mayfield ist noch dabei, sich an Stefanskis System zu gewöhnen. Aber solche Fehler dürfen einem Starting Quarterback in der NFL einfach nicht passieren. Dass er in seinem dritten Jahr ist und sich seit seiner fantastischen Rookie-Saison stetig verschlechtert hat, gibt ebenfalls Anlass zur Sorge. Wenn Cleveland dieses Jahr in den Playoffs mitspielen will, muss Baker seinen Teil dazu beitragen. Sonst endet er als weiteres Fragezeichen der meistgehypten Draft-Klasse des vergangenen Jahrzehnts. Es ist ihm zu wünschen, dass er nicht in ähnliche Gefilde wie Sam Darnold oder gar Josh Rosen abrutscht.

Dolphins befördern Tua

Am Dienstagabend ging Adam Schefter mit der Nachricht an die Öffentlichkeit, dass die Miami Dolphins nach ihrer Bye Week mit Tua Tagovailoa als Starter weitermachen. Der Rookie hatte im Zuge des Blowouts gegen die New York Jets seine ersten Snaps in der NFL gesehen und soll trotz eines Records von 3-3 übernehmen. Ich halte das für eine gute Entscheidung.

Ohne Frage ist die Situation bitter für den bisherigen Starter Ryan Fitzpatrick. Der ewig wilde Veteran hatte bisher gut aufgespielt und seinem Trainerstab eigentlich keinen Grund gegeben, ihn auf die Bank zu verdammen. Doch die Dolphins wollen ihren Erstrundenpick nicht nur im Training, sondern auf dem Feld sehen – dafür muss er spielen. Insofern halte ich es für fair, in dieser Situation ehrlich mit allen Beteiligten umzugehen, anstatt auf das erste schlechte Spiel von Fitzmagic zu warten und das als Vorwand zu nehmen, Tua dann ins kalte Wasser zu schmeißen. Zu viele Teams wählen diese billige und leicht zu durchschauende Masche. Brian Flores, Head Coach der Dolphins, hat die respektvollere Route gewählt.

Ob Tua den 2020er-Dolphins aktiv weiterhilft? Fraglich. Rookie-Quarterbacks sind in der Regel eher Slowstarter und es ist gut möglich, dass er zu Beginn schlechter performt als Fitzpatrick. Doch das wäre kurzfristig gedacht. Langfristig ist es die richtige Wahl, Tagovailoa die wichtige Spielerfahrung zu geben. Nur so können die Verantwortlichen in Miami herausfinden, was sie in ihm haben. Der Supporting Cast könnte schlechter sein und besonders wichtig: Tua kommt in eine Situation, in der es für sein Team noch um etwas geht. Nicht erst gegen Ende einer Saison, in der alle Playoffchancen begraben sind und die Luft raus ist. Ich bin gespannt.

Und sonst so?

Langsam und mit kleinen Schritten, aber immerhin. Carson Wentz scheint sich bei den Philadelphia Eagles aus seinem Tief herauszukämpfen und hat sich in den vergangenen beiden Wochen trotz weiterhin fragwürdiger Stats merklich verbessert. Noch sieht lange nicht alles gut aus, aber er beißt sich durch.

Auch sehr gespannt bin ich auf Derek Carr gegen die ball-hawking Secondary der Tampa Bay Buccaneers. Zu Saisonbeginn viel kritisiert, machte er vor der Bye Week der Las Vegas Raiders ein grandioses Spiel gegen Kansas City. Untypisch viele tiefe Pässen, dazu überraschend ruhig unter Druck. Mal schauen, was er und sein Head Coach Jon Gruden noch so aufs Parkett zaubern.

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