Psaier & Sommer: Sunday Watch NFL Week 6

Eine Vorschau auf den sechsten NFL-Spieltag 2020 mit den Takes von Fabian Sommer und Thomas Psaier zu ausgewählten Spielen.

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Lesezeit: 7 Minuten

“Den Nagel auf den Kopf getroffen” wäre eine geeignete Phrase für die NFL-Takes aus der letzten Woche. Thomas hat eine Lehrstunde für Joe Burrow prophezeit und die Bengals-Offense hat mit Ach und Krach drei Punkte zustande gekommen. Die Texans haben sogar genau 30 Punkte erzielt. Fabian hatte mit dem Upset Alert im Giants/Cowboys-Spiel einen guten Riecher – es hing alles am letzten Field Goal. Auch die Browns haben sich komfortabel gegen die Colts durchgesetzt. Mal schauen, ob die beiden in dieser Woche dort anknüpfen können.

Abgeschossene Falken

Sommer: Atlanta Falcons @ Minnesota Vikings (Sonntag, 19 Uhr)

Die Falcons haben sich von HC Dan Quinn getrennt – geht nun ein Ruck durch die Mannschaft? Ich bezweifle es. Im ersten Spiel nachdem ein Coach geschasst wurde, performen Teams historisch gesehen nicht sonderlich gut. Darüber hinaus liegt hier eine andere Situation vor als beispielsweise zuletzt bei den Texans. Die Spieler haben Dan Quinn gemocht und sich stets positiv über ihn geäußert. Er war schlichtweg der falsche Mann für den Posten. Daher kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Truppe mit Interimstrainer Raheem Morris jetzt einen Motivationsschub erhält.

Auch das Matchup sieht nicht sonderlich gut aus für die Falcons. Sieht man mal von den ersten beiden Partien ab, hat sich die Vikings-Offense mit dem unerwarteten Aufstieg von Rookie-WR Justin Jefferson wirklich gemausert. Seit Woche drei stehen die Vikings auf Rang 14 in EPA/Dropback, Kirk Cousins bringt 7.3% Completions über der Erwartung an (CPOE), der fünftbeste Wert. Pro Football Focus rankt die WRs Adam Thielen und Jefferson in den Top-5 in puncto Receiving Grade. Dazu ist Dalvin Cook verletzt – sehr schade für den Spieler, aber die Vikings könnten dadurch etwas von ihrer unverschämt hohen Run Rate auf Early Downs abweichen. Das wäre für die Offense in diesem Matchup ein Segen. Kirk Cousins sollte ein hervorragendes Spiel haben und ich bezweifle, dass Matt Ryan und Co. da großartig mithalten können. Deren Offensive läuft einfach nicht rund. Klarer Heimsieg für die Wikinger.

Rodgers gegen Brady: Shootout galore!

Sommer: Green Bay Packers @ Tompa Bay Buccaneers (Sonntag, 22.25 Uhr)

Wir müssen wohl nicht viele Worte über die Packers-Offense verlieren. Mit Abstand die Nummer eins nach EPA/Dropback (0.48), Aaron Rodgers spielt absolut auf MVP-Niveau. Mit Davante Adams kommt diese Woche auch seine Lieblingswaffe nach überstandener Oberschenkelzerrung zurück. Wenn die Packers schematisch so weiter machen und Aaron Rodgers auf Early Downs cooken lassen, sollte sich nicht viel ändern. Die Bucs-Defense bekommt zwar wöchentlich aus allen Ecken Loorbeeren, doch der Schein trügt etwas. Todd Bowles ist ein hervorragender Defensive Coordinator, doch die Secondary ist personell nicht sonderlich gut bestückt. Mit Vita Vea musste nun der womöglich beste Spieler auf die IR. Es mangelt an Pass Rush von der Interior Line – Rodgers wird genug Zeit haben, um die Secondary zu sezieren.

Auf der anderen Seite werden wir ein ähnliches Spiel sehen. Tom Brady kommt medial etwas zu schlecht weg. Er musste mit einem dezimierten Receiving Corps die aggressive Bruce-Arians-Offense ausführen und kommt auf das fünftbeste Passing Grade von Pro Football Focus. Auch musste er sich bisher über zwölf Drops seiner Receiver ärgern. Diese Woche hat Brady endlich wieder Chris Godwin zur Verfügung und auch Mike Evans hatte zehn Tage Zeit, um sein gestauchtes Sprunggelenk zu heilen. Scotty Miller? Wieder fit. Brady hat sehr wahrscheinlich alle drei Top-WR beisammen und wird wenig Mühe haben, diese Packers Defense zu zerlegen. Es würde mich überhaupt nicht wundern, wenn beide Teams 30 oder mehr Punkte auflegen.

Die “Red Rifle” wird es richten

Sommer: Arizona Cardinals @ Dallas Cowboys (Dienstag, 2.25 Uhr)

Die Buchmacher haben die Cardinals zu Beginn der Woche als 2.5-Punkte-Favorit installiert – auswärts in Dallas. Eine krasse Überreaktion auf die Verletzung von Dak Prescott. Die Märkte haben reagiert und die Cowboys heruntergewettet. Wo kommt der Cardinals-Hype her? Arizona hat Siege gegen die 49ers, Washington und die Jets vorzuweisen. Die Offense steht auf Rang 20 in DVOA und Rang 10 in EPA/play. Einige Big Plays aber sehr inkonstant.

Beide Teams sind sehr ähnlich gebaut: Kaum Defense, fragwürdige Offensive Line, guter Receiving Corps und solides Play Calling. Wir können das Matchup also gut und gerne herunter brechen auf: Kyler Murray und DeAndre Hopkins, Larry Fitzgerald und Christian Kirk gegen Andy Dalton, Amari Cooper, CeeDee Lamb und Michael Gallup. Ich gebe den Cowboys hier einen leichten Vorteil. Murray ist ein hervorragender Runner, aber es gibt bislang wenig Evidenz, dass er hochgradig besser ist als Andy Dalton. Der Receiving Corps der Cowboys hat für mich auch leicht die Nase vorn.

Natürlich ist Dak Prescott ein herber Verlust. Aber Andy Dalton ist nach Jameis Winston der beste Backup der Liga. In seinen ersten fünf Jahren bei den Bengals hatte er mit AJ Green, Marvin Jones, Mo Sanu und Tyler Eifert hervorragende Waffen an der Hand. Die Bengals haben fünf Jahre in Folge die Playoffs erreicht. Die Offense hat funktioniert. Die Offense von Dallas wird auch funktionieren. Und ich sehe keinen Grund, warum sie schlechter sein soll als die der Cardinals. Die Red Rifle wird es am Montag allen zeigen.

Die Adler und die Raben: Nicht märchenhaft

Psaier: Philadelphia Eagles – Baltimore Ravens (Sonntag, 19.00 Uhr)

Im Gegenteil: Ist es übertrieben, bei diesem NFL-Ostküstenduell von einem „Krisengipfel“ zu sprechen? Die Eagles sind mit 1-3-1 Start sind große Enttäuschungen, aber auch die Ravens fühlen sich nicht so gut an wie ihr 4-1 Record impliziert. Zu wackelig war QB Lamar Jackson in den letzten Spielen. Ich rieche daher Upset-Potenzial in dieser Partie.

Philadelphias QB Carson Wentz scheint sich nach seinem katastrophalen Saisonstart gefangen zu haben. In den letzten beiden Spielen bei den 49ers und gegen Pittsburgh wirkte er entschlossener, präziser als noch in den ersten drei Spielen – und prompt sah das trotz zahlreicher Receiver-Ausfälle wieder wie eine passable NFL-Offense aus.

Gegen die schwer zu bespielende Ravens-Front mit ihren zahlreichen Blitzes wird Wentz natürlich vor eine mentale Prüfung gestellt. Doch die Offensive Line der Eagles ist, obwohl Dauerbaustelle mit vielen Verletzungen, als #7 in Pass-Block Win-Rate noch immer eine der besten in der Liga – und das wird ihm etwas Zeit und Raum verschaffen.

Ein „nur gutes“, nicht überragendes Spiel von Wentz könnte schon reichen, damit das Ding knapper wird, als man denkt. Denn die Ravens-Offense war in den letzten drei Wochen merklich unrund. Wenig ist zu sehen von der total dominanten Rushing-Offense, Jackson wirkte absolut nicht fit, um als Runner die alte Gefahr auszustrahlen, und dem Passspiel geht der Zunder ab.

WR Hollywood Brown ist noch immer kein verlässlicher #1-Receiver. Weil noch immer so viel von TE Mark Andrews abhängt, reichte den letzten Ravens-Gegner das Motto „Mitte dicht“ aus um das Passspiel in die Bredouille zu bringen. So mäßig die Eagles-Linebacker sein mögen: Mit Safety-Hilfe lässt sich auch ein Star-Tight End in der NFL durchaus ausschalten.

Oder waren die letzten Spiele reiner Bluff? Haben die Ravens gegen Washington und Cincinnati, wo sie eh nicht verlieren konnten, einfach nur mal „Pass First Offense“ geübt, quasi als Art verlängerte Trainingseinheit? Hält man es mit Baltimore, kann man nur hoffen, dass das stimmt. Denn morgen wird gegen die Eagles mehr kommen müssen.

NFL-Urzeitklassiker in der Neuauflage

Psaier: Pittsburgh Steelers – Cleveland Browns (Sonntag, 19.00 Uhr)

Eines der spannendsten Matchups am Sonntag! Steelers und Browns sind uralte NFL-Rivalen, die nur leider dank jahrzehntelanger Browns-Misere zu lange kein relevantes Matchup mehr gespielt haben. Doch jetzt sind Pittsburgh mit 4-0 und Cleveland mit 4-1 gestartet.

Beide Records stehen auf etwas wackeligen Füßen, denn es gibt genug Anhaltspunkte für leichte Regression. So sind die Steelers bis jetzt eine der Mannschaften, die offensiv mit am stärksten von hervorragender 3rd-Down-Offense abhängen. Warum? In 1st und 2nd Downs bringt die Steelers-Offense auffallend wenige Conversions zu neuen 1st Downs zustande:

So hängt vieles daran, ob Ben Roethlisberger in den „Money Downs“ die Receiver findet. In den ersten Wochen ist ihm das häufig gelungen: Die Steelers sind mit 0.44 EPA/Play die viert-effizienteste Offense in 3rd Downs.

Cleveland auf der anderen Seite lebte nach dem Debakel zum Auftakt in Baltimore von einer hervorragenden Red-Zone-Offense: 74% der Trips wurden zum Touchdown verwertet. Das ist in der NFL für gewöhnlich keine lange haltbare Zahl.

Stärke gegen Stärke

Doch kümmern wir uns um das am Ende entscheidende Matchup: Offensive Line der Browns gegen Defensive Line der Steelers. Es ist Stärke gegen Stärke. Clevelands massives Investment in die O-Line scheint gefruchtet zu haben, denn die Browns haben bis jetzt eine Top-3 Line in dieser Saison (z.B. #2 in Pass-Block Win-Rate) – und die wird auch notwendig sein, wenn man QB Baker Mayfield gegen die aggressive Steelers-Front mit ihren zahlreichen Blitzes den Rücken freihalten will!

Die Steelers blitzen über 40% der Snaps und spielen damit eine ähnliche Marke Football wie die Ravens – und die haben Mayfield und den Browns in Woche 1 komplett aus dem Konzept gebracht. Ein Mayfield ohne Druck war in dieser Saison ein guter Mayfield. Aber ein Mayfield in einer schwer unter Beschuss stehenden Pocket ist noch immer zu häufig das aufgescheuchte Huhn, das links und rechts aus seiner Pocket hinausläuft, um vor den Hits davonzulaufen.

Es gibt also einiges Regressionspotenzial für beide Teams und das Spiel kann sich in viele erdenkliche Richtungen entwickeln. Aber letztlich wird für die Browns mal wieder der eine Punkt entscheidend sein: Bleibt Mayfield gegen den Blitz ruhig, wird das Spiel knapp. Beginnt er aber dann schon im ersten Viertel aus der Pocket zu laufen, kannst du einen deutlichen Steelers-Sieg einplanen.

Goff allein auf weiter Flur

Psaier: San Francisco 49ers – Los Angeles Rams (Sonntag/Montag 2.20 Uhr)

Kyle Shanahan, Sean McVay und ihre Mannschaften: Die letzten beiden Superbowl-Verlierer im direkten Duell! Jetzt kommen beide mit völlig unterschiedlicher Ausgangslage ins Sunday Night Game: Die Rams reiten mit 4-1 Start auf einer Welle des Erfolgs, während sich die Niners mit 2-3 Start fragen, was sie denn nun wirklich sind: Ein gutes Team, das einfach noch zu viele Verletzte hat, um mit der NFL-Spitze mitzuhalten? Oder ein mittelmäßiges Team, das an guten Tagen noch immer alle schlagen kann, aber an schlechten von Miami abgeschossen wird?

Die Wetten in dieser Partie stehen deutlich für Letzteres. Die Rams-Offense hat zur aktuellen Saison ihren Groove wieder gefunden, und der lautet:

  • Höchste Play-Action Rate der NFL (48.5%)
  • Zweithöchste Snap-Motion Rate der NFL (an die 30%)
  • Quickes Kurzpassspiel mit wenigen tiefen Pässen (viertwenigste tiefe Bälle, zweitniedrigste Air-Yards/Wurf)
  • Sehr gute Offensive Line (#8 nach Pass-Rush Win-Rate)

Wie gut QB Jared Goff eigentlich ist, ist schwierig einzuschätzen, weil er in einer so Quarterback-freundlichen Offense mit exzellenten Receivern spielt. Aber prinzipiell hat es in dieser Saison nur eine Schwäche. Es ist eine altbekannte Schwäche: Er ist schwach gegen den Druck. Doch dafür verbrennt er aus sauberer Pocket jede Defense.

Das Dumme für San Francisco: Wo man vor einer Saison noch mit brillantem Passrush punkten konnte, fehlen heuer so gut wie alle Stars nach Abgängen oder mit Verletzungen. Es gibt ohne Nick Bosa, ohne Dee Ford, und ohne DeForest Buckner keine Individualisten, die Goff einheizen können, und geblitzt wird in San Francisco nicht viel. Auch die 49ers-Secondary geht ohne CB Richard Sherman auf dem Zahnfleisch.

So sehe ich nicht, wie diese angeschlagene 49ers-Defense Goff genug entgegenwerfen kann. Da muss QB Jimmy Garoppolo schon 30 Punkte auflegen, dass das gegen diese Rams was wird.

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Fabian Sommer
Sportwetten. Analytics. Podcaster. Die Quote steht über allem.
Thomas Psaier
Football-Blogger seit 2010. Allesfresser in NFL und College Football.

3 KOMMENTARE

  1. Auch ich würde tippen, dass die Eagles gegen die Ravens eher kein Land sehen. Ravens mögen noch nicht ihren Rhythmus gefunden haben, sind aber selbst in schwacher Form noch Playoffkandidaten. Eagles waren die ersten Spiele unterirdisch und niemand wusste, warum Wentz so mies spielt.
    Bzgl. Murray-Dalton: Murray ist 1st overall Pick, jung, spektakulär, ceiling ohne Ende, fester Starter. Die “Red Rocket” (Versprecher des Jahres) ist vor knapp einem Jahrzehnt gedraftet worden und hat seitdem in Cincy trotz AJ Green nur Mittelmaß abgeliefert. Dalton springt kurzfristig für Dak ein und dürfte nicht viel Zeit mit der ersten Offense gehabt haben die letzten Monate.
    Ich bin ein grottiger Wahrsager, aber ich kann nachvollziehen, dass die Bookies da Arizona vorn sehen.

    • Wentz hat sich allerdings in den letzten beiden Spielen sichtlich gefangen. Nicht herausragend, aber weit weit von dem komplett verlorenen QB der ersten Spiele. Die Erklärung für das extreme Leistungstief könnte also auch eine ganz simple sein: “Varianz”.

      Dalton mag kein weltbewegender QB sein, aber in Cincinnati hatte er zumindest eine Super-Saison, als sein Receiving-Corps Ligaspitze war. Man kann argumentieren, dass der WR-Corps in Dallas jetzt nochmal eine Stufe über Bengals 2015 anzusiedeln ist.

  2. Mir fehlt leider der Glaube, dass Schwartz irgendwas unternehmen wird um Mark Andrews zusätzlich zu decken. Da rechne ich eher mit 3 als 0 Touchdowns.

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