Saints 2020: Letztes Halali für Drew Brees

Die New Orleans Saints gehörten in den letzten drei Jahren jeweils zu den engsten Titelanwärtern in der NFL – nur um jedes Mal knapp in den Playoffs zu scheitern. Jetzt geht ein Zyklus schön langsam zu Ende.

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Lesezeit: 8 Minuten

Eine der großen Geschichten der nun auch schon seit Anfang 2006 währenden Ära von Head Coach Sean Payton und QB Drew Brees in New Orleans war stets, dass die Titelhoffnungen der Saints mit ihren großartigen Offenses von richtig miesen Defenses torpediert wurden.

In den letzten drei Jahren hat GM Mickey Loomis Brees dann doch noch einmal eine vernünftige Defense hingestellt – und siehe da: Dreimal gehörten die Saints zu den engsten Titelfavoriten. Freilich scheiterte man auch dreimal unglücklich: 2017/18 war es das „Minnesota Miracle“ im Viertelfinale, 2018/19 eine nicht gepfiffene Pass-Interference im Halbfinale und letztes Jahr scheiterte man überraschend schon in der ersten Playoffrunde nach Verlängerung gegen Minnesota.

Jetzt folgt wohl das letzte Halali für Brees.

Offense

Offense ist in New Orleans seit vielen Jahren beständig top. Letztes Jahr beendeten die Saints die Saison als #4 nach EPA/Play, obwohl Brees gleich fünfeinhalb Spiele mit Daumenverletzung verpasste. Offense-Guru Payton weiß einfach, wie man das Maximum aus seinen Spielern herausholt.

Quarterback

Brees ist ein sicherer Hall-of-Fame-Quarterback und scheint den potenziellen Sprengstoff für die Teamchemie nach seinen Trump-Aussagen im Juni zur Zufriedenheit entschärft zu haben. Doch mit seinen 41 Jahren ist er gerade in den letzten eineinhalb Jahren langsam auf dem absteigenden Ast. Das merkt man weniger an seinen noch immer exzellenten Statistiken, dafür mehr an der Spielweise der Saints-Offense.

Brees wirft mit die kürzesten Pässe in der NFL (durchschnittlich geht sein Pass nur mehr 6.9 Yards weit) und gerade gegen Saisonende war es zuletzt zweimal nicht mehr vermessen, von „Nudelarm“ zu sprechen. Der Verdacht liegt nahe, dass der Zahn der Zeit schon langsam an Brees zu nagen beginnt.

Dass seine Passing-Offense trotzdem noch immer zu den Besten gehört, ist auch seiner Spielintelligenz und dem Offense-Design zu verdanken. Brees ist der Star der NFL, wenn man „Präzision“ misst; im Charting ist er dort seit vielen Jahren fast immer in den Top-3. Er ist nicht mehr der Mann für die großen Highlight-Würfe, aber dafür ist er über die Jahre immer besser geworden im Vermeiden von Fehlern, und er kassiert mit seinen schnellen Würfen fast keine Sacks.

2020 wird fast sicher Brees‘ letzte Saison. Sollte es wieder Verletzungsprobleme oder eben den großen Bruch bei Brees geben, sind die Saints mit guten Backup-Optionen ausgestattet. Der athletische Taysom Hill ist der Mann, der viele Schlagzeilen als „kommender Franchise-QB“ abstaubt, aber es gibt da noch eine wesentlich plausiblere Option: Ex-Buccaneers-QB Jameis Winston, der für einen Spottpreis von 1.1 Mio. für ein Jahr unterschrieb.

Winston wäre als Boom-or-Bust-QB der krasse Gegenentwurf zu Brees. Er ist als einziges Mitglied des „30 and 30“-Clubs ein extrem risikofreudiger Quarterback, der viele Touchdowns, aber auch viele Interceptions wirft. Für Winston gäbe es genug Einsatzgebiete, z.B. als Garbage-Time Quarterback zum Aufholen von großen Rückständen, zur Verwaltung von sehr großen Vorsprüngen oder einfach nur um Brees‘ Arm zu schonen. Mit einem Winston in der Hinterhand ist dir auf Quarterback nicht bange.

Offensive Line

Schon seit Jahren ist die Offensive Line ein Fokus in New Orleans. Weil Brees zu den kleineren QBs gehört und entsprechendes Sichtfeld braucht, investierte man in den letzten Jahren zahlreiche hohe Draftpicks in die Line. Als entsprechend stark gilt sie.

2019 war zwar nach ESPNs Pass-Blocking-Win-Rate eher ein schwaches Jahr (nur #24), doch das liegt auch an der Messung dieser Metrik: Die Saints werfen ganz einfach viele Bälle sehr schnell und haben ein exzellentes Screen-Game. Das sind alles Plays, die von ESPN herausgefiltert werden. Nach PFFs Pass-Blocking Metrik waren die Saints die #2.

Das Tackle-Pärchen LT Terron Armstead und RT Ryan Ramczyk gilt als das Beste in der NFL. Auf Center und Guard hat man in der Offseason ein wenig herumgedoktert: Der letztes Jahr so starke Rookie-Center Erik McCoy wird wohl auf Right Guard geschoben, damit man den 1st-Round-Draftpick Cesar Ruiz einbauen kann; der bisherige Guard Larry Warford wurde gefeuert. Auf Left Guard spielt Andrus Peat. Der war zuletzt verletzungsgeplagt und galt als Schwachpunkt, bekam aber eine fette Vertragsverlängerung.

Skill-Player

Die Skill-Player der Saints waren zuletzt um drei Pfeiler gebaut:

  • WR Michael Thomas, der in den letzten drei Jahren zwischen 140 und 180 Targets bekam und 2019 mit 149 Catches für 1725 Yards nicht bloß einen neuen Catch-Rekord aufstellte, sondern auch den Preis als Offensivspieler des Jahres gewann. Thomas ist der Meister der Slant-Route (aber man sollte ihn nicht darauf reduzieren!). Er ist kein exzellenter Deep-Threat und gilt daher in manchen Kreisen nicht als ernstzunehmender Elite-Receiver, doch in seinem Einsatzgebiet ist er total dominant.
  • RB Alvin Kamara, einer der besten Ballfänger aus dem Backfield, der in seinen drei Profijahren jedes Jahr exakt 81 Catches hatte und 95, 96 bzw. 98 Targets sah. Was war nochmal das Synonym für „Beständigkeit“? „Alvin Kamara“? Letztes Jahr war Kamara zwar ineffizient mit seinen Ballberührungen, doch er spielte auch sichtlich „unfit“. Jetzt soll er wieder bei 100% sein. Er hat einen Fixplatz in der Offense, wenn er sich wie es momentan aussieht mit den Saints auf einen Vertrag einigen kann. (Entscheidung ob Vertragsverlängerung oder Verkauf wohl innerhalb dieser Woche)
  • TE Jared Cook, erst seit einem Jahr in New Orleans. Er war in der zweiten Hälfte der letzten Saison eine ganz wichtige Entlastung in der Spielfeldmitte.

Doch die Saints wurden von zwei Dingen gehandicapt. Sie waren zu abhängig von Thomas und ihnen ging ein Deep-Threat ab. Brees wirft zwar nur noch selten tief, doch unfähig ist er darin nicht; es gab schlicht niemanden mehr zum Anspielen. Unter diesem Gesichtspunkt war die Offseason-Verpflichtung von WR Emmanuel Sanders aus San Francisco ein extrem guter Move: Sanders gilt als fantastischer Route-Runner. Er ist zwar schon 33, wirkte zuletzt aber noch spritzig genug, um Räume zu öffnen und eine valide Ergänzung zu obigem Quartett zu geben.

Dazu gibt es die Role-Player im Hintergrund. Die spannendsten sind neben Taysom Hill der Rookie-TE Adam Trautman, für den man im Draft gleich vier Picks verkaufte, TE/H-Back Josh Hill und Ty Montgomery, einer der vielseitigsten Offensivspieler der NFL. In Green Bay war Montgomery Receiver und Runningback zugleich. Gut möglich, dass Payton nicht nur Packages für die beiden Hills kreiert, sondern auch für Montgomery.

Coaching

Sean Payton ist über die meisten Zweifel erhaben. Seine Symbiose mit Brees war eine der erfolgreichsten der letzten 15 Jahre, und wären die Saints nicht von abenteuerlichen Defenses und abstrusem Playoff-Pech behindert worden, es hätte fast sicher mehr als der eine Superbowl-Titel herausgeschaut.

Payton hat die Fähigkeit, seine Offense immer wieder im Kleinen an die jeweiligen Stärken der Offense anzupassen. Früher warf Brees die Bälle im Schnitt einen bis eineinhalb Yards tiefer. In den letzten Jahren ist New Orleans eine der letzten wirklich permanent funktionellen reinen Kurzpass-Offenses in der NFL geworden. Nur noch 7.5% der Pässe flogen weiter als 20 Yards; trotzdem hatten nur neun Teams mehr explosive Plays (20 oder mehr Yards Raumgewinn) als die Saints.

Es besteht kaum ein Zweifel, dass Payton problemlos über Nacht sein Play-Design bei einer Einwechslung eines Jameis Winston (der mit die meisten tiefen Bälle der Liga wirft) umstellen könnte. Auch seine Trick-Play-Offense mit Taysom Hill spricht sowohl für Kreativität, Spielwitz als auch Erfindergeist. Ich war selbst baff als ich gesehen habe, dass die Saints satte 21% ihrer Snaps mit zwei Quarterbacks (eben mit Taysom Hill) gespielt haben!

Oftmals unterschätzt bei Payton: Er gehört seit vielen Jahren (wenn auch nicht unbedingt in den letzten 2-3) zu den aggressiveren Coaches in 4th Downs und ist einer der Pass-First-Gurus in Early Downs (1st und 2nd Down). Die Saints waren dort in der Ära Brees/Payton in jedem Jahr deutlich überdurchschnittlich passlastig. Selbst in den letzten Jahren, in denen Payton Brees etwas mehr mit Laufspiel zu entlasten versuchte, ließ Payton noch sehr häufig werfen. 2019 hatte man die drittmeisten Pässe in Early-Downs in neutralen Spielsituationen:

Early-Down-Passing der Saints in der Brees/Payton-Ära. Quelle: rbsdm.com

Defense

Die Saints-Defense ist nicht mehr der Prügelknabe früherer Tage. EPA/Play ist eine Statistik, die man wegen der Offensivlast der gegenwärtigen NFL mit ein bisschen Vorsicht genießen muss, aber nachdem die Saints von 2012-2016 mit einer Ausnahme jeweils unter den vier schlechtesten Mannschaften gerankt waren, hat man sich in den letzten Jahren deutlich verbessert:

  • 2017: #16
  • 2018: #16
  • 2019: #10

Trotzdem schien die Defense gemessen am Spielermaterial zuletzt leicht unter den Erwartungen zu performen. Jetzt haben einige Leistungsträger wie LB A.J. Klein, S Vonn Bell oder CB Eli Apple das Team verlassen.

Front Seven

Die Saints-Front ist extrem gut gegen den Lauf und hat sich im Pass-Rush in den letzten Jahren auch ganz gut entwickelt. Obwohl man in ESPNs Pass-Rush-Win-Rate nur die #24 war, registrierte die Defense viele Pressures – es ist einfach ein Vorteil, wenn hinten die Coverage die eine Zehntelsekunde länger durchhält!

Der Star ist EDGE Cameron Jordan, der für einen ehemaligen 1st-Rounder erstaunlich wenig Hype bekommt. Jordan holt seit Jahren 80 und mehr QB-Pressures. Sein Counterpart Marcus Davenport hat 2019 auch einen mächtigen Sprung gemacht, muss sich aber weiter entwickeln, will er seinem monströsen Draft-Status gerecht werden.

Auf Tackle ist man sehr breit besetzt. DT Sheldon Rankins wurde zuletzt nur durch viele Verletzungen am ganz großen Durchbruch gehindert. Hinter ihm bilden DT David Onyemata, Malcolm Brown oder Neuzugang Margus Hunt gute Tiefe zur Entlastung.

Auf Linebacker galt in den letzten Jahren Demario Davis als Senkrechtstarter. Davis hat nach vielen Jahren in der Anonymität zuletzt zwei formidable Jahre und ein All-Pro-würdiges 2019 hingelegt – aber kann er seinen Level halten?

Secondary

Das Defensive Backfield ist sowas wie das Prunkstück dieser Defense. Um die sensationellen CB Marshon Lattimore und S Marcus Williams herum hat man in den letzten Jahren eine starke Deckungs-Unit gebaut.

Hinter Lattimore gibt es in CB Janoris Jenkins und CB P.J. Williams ganz brauchbare Tiefe. Dazu hat man in Safety/Nickelback Ceedy Duce (formerly Chauncey Gardner-Johnson) eine äußerst coole Matchup-Waffe um auf verschiedene Offense-Formationen reagieren zu können.

Problem: Immer mal wieder leistet man sich einen Lapsus wie zuletzt in den Playoffs gegen die Vikings, als man irgendwann einfach merkte, dass der Defense die Luft ausging. Dass das ohne die abgewanderten Apple und Bell besser wird, ist eher zweifelhaft. Ob der von Verletzung genesene D.J. Swearinger und der aus Philadelphia „heimgeholte“ Malcolm Jenkins Abhilfe leisten können?

Coaching

Defensive Coordinator Dennis Allen bekommt recht wenig „Credit“ für die Konsolidierung der Saints-Defense. Das fühlt sich auch nicht falsch an, denn obwohl das Spielermaterial nun schon zum wiederholten Male als eines der ligaweit besten angepriesen wurde, landete die Defense „nur“ im Mittelfeld. Das reicht natürlich, solange die Offense brilliert.

Personell fällt auf, dass Allen mit nur noch 16% Base-Defense die viertwenigsten Snaps mit sieben Defensive Linern und Linebackern spielen lässt. Satte 84% der Spielzüge haben mindestens fünf Defensive Backs auf dem Feld.

Ausblick

Es ist nicht vermessen, den Saints-Kader als besten, komplettesten in der ganzen NFL zu sehen. Gepaart mit Sean Paytons Coaching wären die Saints dann auch automatisch der Topfavorit auf den Titel.

Doch es gibt auch ein paar Gründe skeptisch zu sein. Zum einen spielen die Saints einen schwierigen Schedule. Sie waren die #2 nach Turnover-Margin (+15 Turnovers) und gingen 6-1 in engen Spielen. Hier droht etwas Regression – in einer Zeit, in der nur noch der #1 Seed das Freilos bekommt, ist das gefährlich!

Gefährlich ist auch die ganze Struktur der Offense. Sie hat nicht viel Raum für Fehler, wenn Payton/Brees weiterhin in ihrem gewohnten Klein/Klein operieren. Das verstärkt sich umso mehr, wenn der 33-jährige Sanders nicht genug Räume freiläuft und die Saints-Offense damit zu abhängig von Thomas bleibt.

In Summe bleiben die Saints aber auch mit einem Brees im Herbst seiner Karriere ein Team mit einem hohen „Floor“, und ein Superbowl-Triumph als letzte Krönung für Brees ist nicht ausgeschlossen. Doch einfach wird das Unterfangen in der hautengen NFC nicht.

4 KOMMENTARE

  1. Ein wirklich sehr guter Artikel über die Saints.
    Ich finde auch, dass NO nochmal stärker aufgestellt ist als letztes Jahr. Ich bin wirklich sehr gespannt zu sehen wie es diese Woche mit Kamara weitergeht.

    Ich hoffe nur das NO ihre “PS” auf den Rasen bekommen und nicht wie so viele vorher gehypte Teams die Erwartungen nicht erfüllen können.

    Bei Brees sehe ich auch jetzt schon starke Abnutzungserscheinungen die er, bzw. das Playcalling geschickt zu kaschieren versuchen. Ich hoffe einfach er hält die lange Saison durch, bzw. er kann vom Playcalling weiterhin stark profitieren, so dass wir auf QB Hill und Winston des öfteren auf dem Feld sehen um ihn so zu entlasten.

    Beim evtl. besten, oder ausgeglichensten Kader gehe ich voll mit.

    Ihre Division sollten sie eigentlich gewinnen, ob es am Ende wirklich so deutlich wird wie einige prognostizieren weiß ich nicht. Ich denke aber das über 10,11 Siege realistisch sein sollten. Und was dann in den PO passiert, siehe die letzten Jahre, ist komplett offen.
    Ein tiefer Run ist möglich, kann aber an den Schiris, einem alternden Brees, der Tagesform oder was weiß ich scheitern.

    Einem Hollywood Happy End wäre ich aber nicht abgeneigt, und danach direkt der Rücktritt, denn ich denke auch dass es so oder so die letzte Saison von Brees sein wird.

    Vielleicht wissen wir schon nach dem ersten Spiel gegen den anderen “alten Mann” mehr, wenn es denn stattfindet.

    • Danke! Ja, die Abnutzungserscheinungen waren vor allem gegen Saisonende in den letzten beiden Jahren bemerkbar. Ob der Zeitpunkt Zufall war oder es wirklich untrügliche Anzeichen für den körperlichen Verfall sind, wird die Zeit zeigen.

      Immerhin arbeiten die Saints sehr gut um diese mögliche Sollbruchstelle herum bzw. betreiben Prävention.

  2. Schön zu hören, dass S Williams inzwischen “sensationell” ist. Nach dem verpassten Tackle in Minnesota dachte ich, der spielt nie wieder ein Down in der NFL.
    QB macht mir ein bisschen mehr Sorgen. So wie Peyton Manning damals quasi über Nacht völlig abgestürzt ist, könnte es auch bei Drew flott gehen. Und weder “quasi-RB” Hill noch “Throw it up for grabs” Winston sind in meinen Augen superbowl-tauglich. Sean Payton ist ein Top-coach, aber Pässe wirft er (leider) nicht.
    Also drücke ich Drew die Daumen, dass er noch Saft im Arm hat. Ohne ihn dürfte die “MS New Orleans” schneller untergehen als Herr Steckers Praktikant Runningback-fotos zusammengesucht hat.

    • Williams nach PFF-Grade in seinen bisherigen drei Jahren unter allen Safetys mit genug Einsatzzeit:

      2017: #6
      2018: #39
      2019: #4

      Es war schon beim Minnesota-Miracle ganz einfach unglaubliches Pech, dass er genau im sichtbarsten Spielzug der ganzen Saison das falsche gemacht hat, denn er hatte eine starke Saison gespielt.

      Und hat in jeder seiner drei Spielzeiten über 1000 Defense-Snaps gespielt.

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