Rams 2020: Übergangsjahr mit Überraschungspotenzial

Nicht nur wegen des völlig verunglückten neuen Logos erinnert nicht mehr viel erinnert daran, dass die Los Angeles Rams erst vor eineinhalb Jahren im Super Bowl standen. Die anämische Offensiv-Leistung damals gegen die Patriots hängt gefühlt noch immer nach.

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Letzte Saison schien den Rams von Head Coach Sean McVay sowas wie der „Superbowl-Hangover“ nachzuhängen, als sie über viele Wochen mit Offensiv-Problemen zu kämpfen hatten. Erst gegen Mitte der Saison schaffte McVay um die krassen Offensive-Line-Probleme herumzudoktern und das Schiff wieder auf Kurs zu bringen. Aber da war es schon zu spät. Mit 9-7 Bilanz verpasste man die Playoffs.

In Puncto Kaderplanung spüren die Rams dieser Tage schon die ersten Auswirkungen der eingeschlagenen „Win-Now“-Strategie von GM Les Snead. In der Offseason musste Snead unter anderem RB Todd Gurley, WR Brandin Cooks, LB Corey Littleton, EDGE Dante Fowler sowie CB Nickell Robey-Coleman ziehen lassen; FS Eric Weddle trat zurück. Richtig ersetzen konnten die Rams diese Spieler nicht.

Offense

Hauptfokus jeder McVay-Mannschaft: Die Offense. Sie war der Treiber hinter den beiden sehr starken Jahren mit Playoff- und sogar Superbowl-Football in Los Angeles. Sogar letztes Jahr, als man sich so krass enttäuscht fühlte, legte die Offense die elftbesten Zahlen nach EPA/Play auf.

Quarterback

Man möchte meinen, dass QB Jared Goff als #1 Overall Draftpick von 2016 mit bereits zwei statistisch starken Spielzeiten und ausgestattet mit einem teuren Langzeitvertrag zu den Superstars der NFL zählt. Doch die Vibes, die Goff dieser Tage umwehen, sind eher negativer Natur.

Goff gilt als sehr guter Quarterback, wenn die Situation um ihn herum ideal ist – so wie 2017 oder 2018. Damals hatten die Rams exzellente Offensive Line und sehr gute Receiver. Das McVay-System fühlte sich relativ neu an und Goff nutzte die hohen Play-Action Raten und das sehr effiziente Play-Calling für teilweise fantastische Vorstellungen. Seine Schwächen wurden extrem gut kaschiert.

Doch letztes Jahr war dann mit einem Mal vorbei mit dem Hype. Als die Pass-Protection kollabierte, traten Goffs große Probleme gegen QB-Pressure zutage; er ist einer der wenigen Quarterbacks, die wirklich permanent schwach unter Druck sind.

Goff bekam mit 33% noch immer eine der höchsten Play-Action-Raten der NFL und 56% Würfe auf offene Receiver waren mit die höchste Quote an vermeintlich „einfachen“ Würfen. Und dennoch hatte Goff eine hohe Rate an kritischen Fehlern. Sein CPOE (Completion Percentage over Expectation) war eher ein CPUE (Completion Percentage under Expectation): 3.6% schwächer als der Durchschnitt.

Weil Goff schließlich auch aus sauberer Pocket wackelte, beendete er die Saison mit nur 22 Touchdowns, dafür aber 16 Interceptions und nur 6.9 NY/A (Net-Yards per Attempt) irgendwo im statistischen Mittelfeld der NFL. Zum Vergleich: In der Monstersaison 2018 hatte Goff noch mehr als ein halbes Yard pro Passversuch draufgelegt.

Offensive Line

Die meisten Probleme der Rams-Offense konnte man an der Offensive Line festmachen. Diese war nach zwei bockstarken Jahren 2019 völlig überraschend komplett eingebrochen. Sie rangierte nur auf #31 nach PFF Pass-Blocking Grade und nur noch im Mittelfeld nach Adjusted Line-Yards. Viel geändert hat man personell nicht – eher im Gegenteil.

LT Andrew Withworth wird mit bald 39 Jahren nicht jünger. Es gleicht eh einem Wunder, dass der Mann in diesem Methusalem-Alter noch in akzeptabler Form aufläuft. Doch Withworth war schon zuletzt der einzige Lichtblick.

Auf Center und Guard ist man NFL-unterklassig besetzt. Die einzige Hoffnung ist, dass der RT Rob Havenstein ein Bounceback-Jahr hat. Dem sagte man zuletzt ein gemessen an seinen Verhältnissen katastrophales Jahr nach. War Havenstein nur verletzt und findet jetzt wieder zu sich? Dann ist die Line zumindest an beiden Flanken nominell okay besetzt. Wenn nicht, wird es auf allen fünf Positionen bitter.

Skill-Players

Traditionell prominent im System McVay: Die Runningbacks. Der am Ende zum Maskottchen degradierte Gurley wurde bekanntlich gecuttet und zum Synonym für die Sinnlosigkeit fetter Runningback-Verträge erklärt. Als Nachfolger drafteten die Rams in der zweiten Runde Cam Akers – ein umstrittener Pick. Akers hat immerhin von Florida State Erfahrung mit unverlässlichen Vorblockern. Er soll wohl die meisten Carries bekommen, weil man dem vor einem Jahr gedrafteten Darrell Henderson die Lead-Rolle nicht zutraut.

Doch viel wichtiger für den Erfolg der Rams-Offense ist der Receiving-Corps. Mit Cooks hat man den mutmaßlich besten deep threat aus Cap-Gründen verkauft, doch die Hinterbliebenen können sich noch immer sehen lassen:

  • Robert Woods gilt als einer der unterschätztesten Receiver in der NFL.
  • Cooper Kupp hat sich schnell zu einem der besten Slot-Receiver entwickelt. Als er in den letzten Jahren verletzt fehlte, strauchelte die Offense merklich.
  • Josh Reynolds war eine okayer #3. Aber nicht viel mehr. Er könnte durch Rookie Van Jefferson ersetzt werden. Jefferson ist ein unspektakulärer Athlet, gilt aber als recht guter Route-Runner und ist eventuell als dritter Mann in diesem Offensiv-System sehr gut gebräuchlich.

Richtig niedlich sind die beiden Tight Ends Tyler Higbee und Gerald Everett. Beide entwickelten sich über die letzten beiden Jahre zu verlässlichen Anspielstationen mit vielen Yards nach dem Catch. Sie sollten tendenziell noch stärker in die Game-Plans eingebunden werden, auch weil Rookie-TE Brycen Hopkins eher eine Art verkappter Slot-Receiver ist als ein richtiger In-Line Tight End.

Coaching

Und natürlich auch, weil McVay letzte Saison auch den Schritt in Richtung mehr Diversifizierung seines Offensiv-Personals gewagt hat. Operierte seine Offense 2017 und 2018 noch in über 90% der Snaps aus 11-Personnel (3 Wide Receiver, 1 Runningback, 1 Tight End), so sah das letztens schon etwas anders aus: Nur noch 73% aus 11-Personnel, dafür 21% aus 12-Personnel und ein bissl was aus verschiedenen anderen Formationen. In der zweiten Saisonhälfte war das Verhältnis sogar schon nahe bei 60/40.

Personaleinsatz kann aber auch von Verletzungen diktiert sein, und die Rams hatten zuletzt Ausfälle auf Receiver. Doch auch schematisch soll McVay ein paar Anpassungen an seinem „Wide-Zone-System“ mit extrem viel Outside-Zone Rushing vorgenommen haben. So hat Goff den Ball viel schneller als früher geworfen. Im Schnitt warf er fast eine halbe Sekunde schneller als noch 2018 – in der NFL ist das eine Welt!

Grundsätzlich ist es eines der attraktivsten Systeme in der NFL: Fast alle Spieler stellen sich in der Spielfeldmitte um die Line herum auf, doch die Routen sind dann in alle Himmelsrichtungen designt. Häufig gehen sie tief, und dann bombt der Quarterback nach Play-Action dorthin.

Was aber bislang total abging: Ein Quick-Game. Es gab kaum kurze Pass-Routen. Gerade mit der problematischen Offensive Line und den Schwierigkeiten von Jared Goff gegen Druck im Hinterkopf wäre die Implementierung von mehr kurzen Routen der nächste logische Schritt.

Defense

Wie die Offense kämpfte auch die Defense mit Problemen und landete im unteren Mittelfeld nach EPA/Play. Nach der Saison wurde der 72-jährige Defensive Coordinator Wade Phillips zurückgetreten. Mit Brandon Staley übernimmt ein Jungspund.

Front Seven

Superstar ist DT Aaron Donald, der mehrfache Gewinner des Defensive-Player-of-the-Year Preises. Donald verpasste den „threepeat“ 2019 knapp, doch mit 80 Pressures und 12.5 Sacks war er noch immer der produktivste Interior-Rusher in der NFL. Er spricht eher für als gegen Donald, dass man diese Zahlen mittlerweile fast schon als enttäuschend wahrnimmt, wenn man sich die astronomischen Statistiken der Jahre zuvor vor Augen führt:

  • 2017: 102 Pressures, 11 Sacks
  • 2018: 113 Pressures, 20.5 Sacks

Donald ist ein Juwel, doch Interior-Pressure hat keinen so dramatischen Einfluss auf gegnerische Offenses wie Druck von den Flanken, und dort sind die Rams mehr als suspekt besetzt. Der abgewanderte Dante Fowler wird durch EDGE Leonard Floyd ersetzt. Floyd war als ehemaliger Top-10 Draftpick eine glatte Enttäuschung bei den Bears. Er ist einer von vielen in der mittlerweile langen Liste dieser hoch aufgeschossenen, schlanken Pass-Rusher. Dass er nun urplötzlich den Durchbruch schafft, ist eher unwahrscheinlich; einige sehen sogar eine Umschulung zum Linebacker.

Die Optionen neben Floyd sind eher mau. Samson Ebukam ist bestenfalls Mittelmaß, Ogbonnia Okoronkwo hat in wenigen Einsätzen zumindest Potenzial angedeutet, und Terrell Lewis ist Rookie.

Auf Linebacker gibt es nach Littletons Abgang ein riesiges schwarzes Loch. Immerhin sollte man mit den beiden Defensive-Tackle-Bolzen Michael Brockers und A’Shawn Robinson das Laufspiel halbwegs im Griff haben. Doch auch dort wackelte die Defense in den letzten Jahren des Öfteren.

Secondary

Dafür hat die Secondary durchaus Sex-Appeal. CB Jalen Ramsey ist einer der besten Cornerbacks in der NFL und kommt dem, was vom Ideal des „Shutdown Corners“ noch übrig geblieben ist, schon relativ nahe. Er kann mit jedem #1-Receiver mitgehen. Troy Hill ist eine valide Nummer 2, und wenn sich aus dem jungen Cornerback-Trio David Long, Darious Williams und Dont’e Daeyon auch nur einer als brauchbar erweist, hat man zumindest die gegnerischen Receiver einigermaßen im Griff.

Wie man aber den Slot verteidigt, ist noch nicht ganz klar. Ramsey ist dafür zu schade, und weder Hill noch der groß gewachsene Long gelten als wendig genug. Vielleicht trifft es ja einen der ambitionierten jungen Safetys, die auf die Namen John Johnson, Taylor Rapp und Terrell Burgess (Rookie) hören. Wenn der neue Defensive Coordinator sein Scheme entsprechend anpasst, könnte da etwas gehen.

Coaching

Brandon Staley ist eine Unbekannte. Man kann es nicht anders sagen. Er tritt in große Fußstapfen, denn Wade Phillips galt über Jahrzehnte als einer der besten Defense-Coaches aller Zeiten. Er hat fast jede Defense schnell extrem verbessern können – so auch jene der Rams.

Staley wird in der Defense nicht ganz allein sein, denn McVay selbst will mit Hand anlegen. Wenn ein offensiver Head Coach in der Defense mitreden will, klingt das erstmal nach einer sehr gefährlichen Kombination. Doch langfristig könnte der lernwillige McVay davon tatsächlich profitieren. Nicht vergessen: Der Mann ist selbst erst 34 Jahre alt. Mit dem Alter coachen die meisten Kollegen noch Positionsgruppen.

Ausblick

Langfristig stecken die Rams in der Klemme, weil Sneads kurzsichtige Kaderplanung den Roster verbluten lässt. Ihren nächsten 1st Round Draftpick haben sie Stand heute im Jahr 2022. Der letzte war Goff 2016. Wenn Goff, Donald und Ramsey nicht nahe Leistungs-Optimum performen und die zahlreichen Jungspunde nicht über sich hinauswachsen, könnten dürre Jahre folgen.

2020 fühlt sich in diesem Ambiente wie eine Art Übergangsjahr an – aber eben mit unklarem langfristigen Ziel. Viele Beobachter gehen davon aus, dass die Rams den letzten Platz in der Division belegen werden, doch ich bin optimistischer.

Die Offense hat genug Potenzial um die Basis für acht, neun Siege zu legen. Nicht vergessen: Die Rams waren 2019 kein „glückliches“ 9-7 Team. Die Bilanz fühlte sich primär deshalb so hohl an, weil der Offense-Motor ungewohnt stotterte. Doch die Rams hatten das Punktverhältnis eines 9-7 Teams, und sie hatten weder besonderes Glück mit Turnovers als auch mit engen Spielen.

Mehr noch: McVay hat Adaptivität bewiesen. Selbst wenn die O-Line nicht mehr auf den dominanten Level vergangener Zeiten zurückkehrt, so ist davon auszugehen, dass allein die offensive Punktemaschine Konkurrenzfähigkeit herstellt.

Fraglicher ist die Defense. Sie lebt davon, dass Donald dem Edge-Rush Räume bietet und Ramsey die Nummer 1 aus dem Spiel nimmt. Aber die Fragezeichen auf Linebacker und im Slot sowie bei eben jenen Edge-Rushern sind einfach dick.

Die Rams haben gar keine so schlechte Chance auf die Playoffs wie allgemein angenommen, aber Seahawks und 49ers beide zusammen im Divisionsrennen anzugreifen, ist dann wohl doch etwas viel verlangt.

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