Am runden Tisch: Unsere Experten blicken auf die Big 12

Die Big 12 Conference ist die große Redneck-Conference im US College Football. Mit ihren Flaggschiff-Universitäten Oklahoma und Texas wirkt sie mächtig. Doch innerlich ist sie ziemlich zerstritten, weswegen sie auch seit Jahren nur noch zu zehnt antritt.

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Jan Weckwerth und Thomas Psaier beantworten die drängendsten Fragen im Vorfeld der Big 12 Saison 2020/21.

#1 Wir müssen mit der „echten“ Big Ten beginnen: Am Mittwoch schneite die Meldung rein, dass die Big Ten nun doch schon Ende Oktober in die Footballsaison einsteigen wird. Deine Meinung zu dem ganzen Hick-Hack?

Jan Weckwerth: Die Big Ten ist zwar meine favorisierte Conference, aber ich stehe dem Ganzen doch bemerkenswert indifferent gegenüber. Das hängt sicherlich auch mit den politischen Konnotationen zusammen, die da eingeflossen sind. Andererseits kann ich natürlich die Spieler verstehen, die auf Gleichberechtigung drängen. Vielleicht kommt die große Vorfreude ja noch.

Thomas Psaier: Ich bin in erster Linie überrascht. Ob der plötzliche Richtungswechsel der Conference politischen, wirtschaftlichen oder wissenschaftlichen Interessen und Erkenntnissen geschuldet war oder ob man tatsächlich auch auf den Druck der Spieler reagiert hat, werden wir so schnell nicht herausfinden.

Punkt ist: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Big Ten eine Saison halbwegs geregelt durchgepeitscht bekommt, ist höher als im August, als es noch wesentlich größere Unklarheit ob der verfügbaren Schnelltests gab. Aber man muss weiter mit Infektionen rechnen, und diesbezüglich wirken alle College-Football-Ligen noch recht unvorbereitet.

#2 Zur Big 12 (minus 2): Ist ein Conference-Meister Texas denkbar, und wie tief ist Oklahomas „Floor“ mit dem Freshman-QB Spencer Rattler?

Jan Weckwerth: Die Big 12 geht auch dieses Jahr nur über Oklahoma. Rattler ist ein unfassbar talentierter Quarterback, und HC Lincoln Riley wird mit seinen genialen Schemes schon dafür sorgen, dass der Floor sehr hoch ausfallen wird. Texas muss erst einmal seine enormen Fragezeichen in der Defense beheben. Ob das dem neuen DC Chris Ash gleich im ersten Jahr gelingt, bleibt abzuwarten.

Thomas Psaier: Texas ist denkbar – und das liegt in erster Linie am Modus der Big 12. Dort qualifizieren sich die Teams mit den beiden besten Records fürs Endspiel. Und Texas ist gerüstet, zumindest die #2 zu werden. In einem einzigen Endspiel ist dann alles möglich. Auch gegen Oklahoma.

#3 Texas-QB Sam Ehlinger: Overrated oder echter Heisman-Kandidat 2020?

Jan Weckwerth: Weder noch. Ehlinger ist ein starker College-Quarterback, selbst wenn er nicht als absoluter Top-Prospect für die NFL gilt. Dafür sind Arm, Pocket Movement und Decision Making eventuell zu defizitär. Ehlinger ist das Herz und die Seele der Longhorns und wird auch in der neuen Offense gute Zahlen auflegen. Eventuell wird man ihn allerdings im Laufspiel etwas mehr schonen.

An eine echte Heisman-Chance glaube ich aktuell noch nicht, da sehe ich einige andere Quarterbacks in einer besseren Position.

Thomas Psaier: Ich bin da optimistischer. Für mich ist Ehlinger ein gefährliches Dark-Horse auf die Heisman-Trophy. Er spielt bei einem großen Programm, das Chancen auf eine Breakout-Saison hat, ist der absolute Fokus der Offense, und war zuletzt als reiner Passer gar nicht so schwach, wie man meinen würde. Sein Passing-Game in „echten“ Dropbacks (also ohne Play-Action, ohne Rollouts, ohne RPOs und ohne Screens) war eines der am besten bewerteten bei PFF.

#4 Oder ist Iowa States Brock Purdy der beste Quarterback der Big 12?

Jan Weckwerth: Die peinliche Pleite gegen Louisiana lässt nicht unbedingt darauf schließen. Dennoch sollte man Purdy noch nicht abschreiben. Er ist ein Quarterback mit echten Gamer-Qualitäten, der leider nicht immer die Unterstützung seiner Offense (ob O-Line oder Receiver) erhalten hat. Ich würde Purdy bei gleichem Supporting Cast in der Tat vor Ehlinger einordnen (wenngleich das unterschiedliche Typen sind). Allerdings vermute ich, dass wir am Ende der Saison von Rattler reden werden, wenn es um die Frage des besten Quarterbacks der Big 12 geht.

#5 Überhaupt Matt Campbells Iowa State. 2019 wohl das beste 7-6 Team seit langem, mit gleich drei Niederlagen innerhalb von maximal zwei Punkten. Wie groß ist diesmal die Chance für eine Überraschung für dieses so famos gecoachte kleine Programm?

Jan Weckwerth: Meine Wertschätzung für Campbell ändert sich nicht durch eine Saisonbilanz oder jetzt eine Niederlage gegen einen Mid-Major-Team. Was er aus dem jahrzehntelangen Bottom Feeder der Big Eight bzw. Big 12 gemacht hat, verdient allerhöchsten Respekt. Zieht man die richtigen Schlüsse aus der Auftaktniederlage, ist durchaus was drin: Man hat mit Top-QB Purdy, RB Breece Hall und TE Charlie Kolar wichtige Stützen in der Offense. Allerdings müsste sich bei den Receivern mindestens einer ins Rampenlicht spielen.

Von der Defense der Cyclones (hier meine ausführliche Beschreibung des Schemes) erwarte ich erneut viel. Von daher würde ich immer noch nicht ausschließen, dass Iowa State im Kampf um das Big 12-Championship Game ein Außenseiter-Wörtchen mitreden kann.

Thomas Psaier: Ja, da gehe ich mit. Iowa State mag nur 7-6 gegangen sein, doch nach SP+ war die Mannschaft Top-25. Die vielen Personalwechsel in der Offensive Line und der Defensive Front-Seven tun weh. Aber Campbells Coaching gehört zum Feinsten im College Football, und so ist eine Überraschung zumindest vorstellbar.

#6 Ist Oklahoma State mit seinen gigantischen Skill-Playern vielleicht das große Dark-Horse? Oder ist QB Spencer Sanders zu inkonstant für eine Top-5 Offense landesweit?

Thomas Psaier: Sanders‘ Potenzial nach oben ist schier unbegrenzt, aber letztes Jahr als Freshman hatte er bei all den spektakulären Big-Plays doch häufiger als dir lieb ist diese „bitte, bitte wirf den nicht in die Deckung rein, der wird abgefangen… eben: Interception“-Plays. Prinzipiell ist ein Entwicklungssprung natürlich denkbar, aber wie bei allen Mannschaften fehlte in der Offense die Trainingszeit.

Jan Weckwerth: Sanders ist auf jeden Fall das größte Fragezeichen im Angriff der Cowboys. In seiner Freshman-Saison zeigte er starke Ansätze als dual-threat Quarterback, allerdings auch einige Inkonstanzen im Passing. Mit einer unterschätzten O-Line, Star-RB Chuba Hubbard und einem tiefen Receiving-Corps um Top-WR Tylan Wallace hat die Offense ansonsten unglaublich hohes Potenzial.

Zudem erwarte ich eine – zumindest für Big 12- Verhältnisse – überdurchschnittliche Defense mit ein paar echten Playmakern (u.a. LB Amen Ogbongbemiga, S Kolby Harvell-Peel). Wenn Sanders richtig durchstartet, ist Oklahoma State ein Geheimfavorit auf das Championship Game. Allerdings haben Teams von HC Mike Gundy erfahrungsgemäß derartige Chancen nie nutzen können.

#7 Kommen wir zu Baylor. Die Bears verloren nach der sensationellen 11-3 Bilanz letztes Jahr ihren Headcoach Matt „building a culture“ Rhule an die NFL. Wie groß sind die Fußstapfen, in der der neue Chefcoach Dave Aranda (ehemals LSU) tritt – und hat Aranda eine Chance auf ähnlichen Erfolg?

Jan Weckwerth: Die Fußstapfen sind auf dem Feld und außerhalb des Feldes riesig, aber das wird Aranda bei seiner Ankunft bewusst gewesen sein. Die Erwartungen werden sich trotz der großartigen 2019er Saison in Grenzen halten. Man darf nicht vergessen, dass auch Rhule vor dem großen Umschwung mit einer 1-11 Saison begann. Aranda muss zunächst einmal die aufgrund von Abgängen zerrupfte Defense nach seinen Vorstellungen ummodeln. In der Offense fehlen mit WR Denzel Mims und RB JaMycal Hasty die zwei wohl wichtigsten Skillplayer. Ich rechne daher mit einer Übergangssaison.

Thomas Psaier: Aranda ist ein Defense-Guru. Aber über Aranda als Manager ist nicht überaus viel bekannt. Der Fit als Nachfolger des extrem umtriebigen Rhule ist mir auch ein paar Monaten nach Bekanntgabe noch ziemlich rätselhaft. Ich hatte eher mit einem „Politiker“ als mit einem „Schemer“ als nächstem Baylor-Coach gerechnet, aber vielleicht hat Rhule auch schon genug aufgeräumt, dass das Pulverfass Baylor gar nicht mehr so explosiv ist.

#8 TCU war 2019 eine große Enttäuschung, aber Headcoach Gary Patterson würde nicht zum ersten Mal den großen Turnaround schaffen, wenn die Horned Frogs jetzt wieder voll mitmischen. Ist es dabei vielleicht sogar ein Vorteil, dass der indisponierte QB Max Duggan wegen eines im Zuge der Corona-Tests entdeckten Herzproblems aussetzen muss?

Jan Weckwerth: Ein ganz klares Nein! Duggan spielte in der Tat eine typische Freshman-Saison mit viel Inkonstanz und einigen haarsträubenden Fehlern. Dennoch habe ich in ihm irgendetwas gesehen, was nach künftigem Playmaker schreit. Ich mag mich da furchtbar irren, aber ich hatte mich auf sein zweites Jahr als Starter gefreut.

TCU hat sein Roster mit namhaften Transfers aufgeladen (u.a. Nebraskas Top-WR J.D. Spielman, LSUs ehemaliger 5-star LB Marcel Brooks) und sich im Recruiting nach langem Drama überraschend den divenhaften 5-star RB Zach Evans gesichert. Doch sehe ich die Offense insgesamt als zu zahnlos an, um eine prominentere Rolle in der Big 12 zu spielen. Die Defense sollte sich dagegen verbessern können und hat ein paar spannende Typen zu bieten (s.u.).

#9 Wie war Chris Kliemans Debütsaison bei Kansas State zu bewerten? Irgendeine Chance, dass die Wildcats nach dem verpatzten 2020-Auftakt noch einmal im oberen Big-12 Mittelfeld mitspielen kann?

Jan Weckwerth: Kliemans erste Saison bei den Wildcats muss auf jeden Fall als großer Erfolg abgebucht werden. Acht Siege in der regulären Saison – unter anderem die Sensation gegen Oklahoma – waren sicherlich nicht zu erwarten. Insgesamt hat die nicht übermäßig explosive Offense das Maximum rausgeholt, und die Defense hat etwas über ihren Verhältnissen gespielt. Daher erwarte ich nun eine leichte Regression.

#10 Zuletzt negative Bilanzen für die einstigen Offensive-Juggernauts Texas Tech und West Virginia, die 2019 beide mit Rookie-Headcoaches. Bekommen die beiden ihre Offenses wieder in Schwung?

Jan Weckwerth: Von West Virginia erwarte ich im zweiten Jahr von HC Neal Brown deutliche Verbesserungen. QB Jarret Doege könnte eine kleine Breakout-Saison in der Air Raid-Offense bevorstehen. Er hat ein enorm junges Receiving-Corps um den explosiven WR Sam James, für den ähnliches gelten könnte. Größtes Problem im vergangenen Jahr war, dass das gewohnte explosive Big Play-Laufspiel der Mountaineers überhaupt nicht in Fahrt kam. Grund hierfür war vor allem das desaströse Run Blocking der Line. Mit dem einen Jahr Erfahrung im System könnte diese Offense überraschen.

Texas Tech hatte 2019 nach Yards ja erneut eine Top-Passing Offense. Das ging aber unter, weil 1) daraus zu wenig Punkte resultierten und 2) der Rest des Teams deutlich abfiel. Mit QB Alan Bowman und einem starken Receiving-Corps um den riesigen WR T.J. Vasher, den physischen Erik Ezukanma und inside WR KeSean Carter rechne ich erneut mit exzellenten Zahlen im Passspiel. Das allein wird jedoch kaum reichen.

#11 Bitte um irgendetwas Spannendes zu den Kansas Jayhawks, das nicht die Worte „Les“ und „Miles“ beinhaltet!

Jan Weckwerth: Gilt Miles ohne „l“?

Ansonsten: Pooka! Pooka! Pooka! RB Pooka Williams ist ein spektakulärer Playmaker: klein, sehr schmächtig, enorm explosiv und vor allem mit genialen stop/start Moves im offenen Feld ausgestattet. Schaut euch ruhig mal ein paar Highlights von ihm an. Mit Andrew Parchment haben die Jayhawks zudem einen mehr als soliden Receiver. Nützt aber alles nichts, da man nach dem immerhin soliden Carter Stanley nun wieder mit einem Downgrade auf Quarterback rechnen muss. Dürfte eine lange Saison für L. M. werden.

#12 Tja – und dann der Rausschmeißer in der Conferences der Punktefestivals: Gibt es irgendwelche Defense-Prospects in der Big 12, die für die höheren Picks im NFL-Draft 2020 infrage kommen?

Jan Weckwerth: Gibt es, und zwar insbesondere bei den Safeties. Ich nenne mal ein paar:

  • Trevon Moehrig und Ar’Darius Washington, die beiden TCU-Safeties: Moehrig eher der Centerfielder mit guter Size, starker Range und exzellenten Ball Skills. Washington ist ein Mini-Safety, spielt oftmals eher im Slot oder als Overhang-Defender. Sehr quick und wendig, gute Man Coverage, starke Instinkte und ebenfalls gute Ball Skills.
  • Kolby Harvell-Peel (Oklahoma State): Großer physischer Safety, starker Hitter, Stärken nahe der Box, dazu überraschend gute Nase für den Ball.
  • Caden Sterns habe ich bereits im Texas-Preview vorgestellt. Bei einer guten Saison hat er vielleicht die größte Chance auf eine 1st round Selection. Eine Schwäche habe ich für Iowa States S Greg Eisworth, aber bin mir nicht sicher, ob die Scouts das ähnlich sehen.

In der Front ist meiner Ansicht nach etwas weniger Potenzial für die Draft vorhanden. Zu nennen wären hier auf jeden Fall DE Ronnie Perkins (Oklahoma) und insbesondere EDGE/OLB Joseph Ossai (Texas). Geheimtipps sind die Stills-Brüder Dante und Darius aus West Virginias D-Line.

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Thomas Psaier
Football-Blogger seit 2010. Allesfresser in NFL und College Football.
Jan Weckwerth
College Football- und Draft-Veteran. Podcaster. Sportromantiker. Running game still matters.

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